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Der Mann auf den Fotos

Der Mann auf den Fotos
Eine Mystery-Kurzgeschichte

Als Martin Richter das erste Mal auf den Mann aufmerksam wurde, suchte er eigentlich nach etwas völlig anderem.

Die Zeitung plante eine Sonderausgabe zum Stadtjubiläum. Hundert Jahre Geschichte auf sechzehn Seiten. Stadtfeste, Hochwasser, Brände, alte Geschäfte und verschwundene Gebäude. Nichts, worüber man sich große Gedanken machen musste.

Seit zwei Tagen saß Martin im Archiv des Verlags und kämpfte sich durch Kartons voller Fotografien. Staub lag auf den Umschlägen, und die Bilder rochen nach Keller und vergilbtem Papier.

Er hatte gerade einen Stapel Aufnahmen vom Hochwasser 1997 vor sich liegen, als ihm etwas auffiel.

Nicht sofort. Erst beim zweiten Blick.

Auf dem Foto standen Feuerwehrleute knietief im Wasser. Im Hintergrund beobachteten Anwohner die Rettungsarbeiten. Dazwischen befand sich ein Mann in einem dunklen Mantel mit hochgeschlagenem Kragen und den Händen in den Taschen.

Eigentlich war daran nichts Besonderes. Dennoch blieb Martins Blick an ihm hängen. Vielleicht lag es daran, dass der Fremde nicht zur Szene passte. Während alle anderen beschäftigt wirkten, stand er einfach nur da, als würde er auf etwas warten.

Martin legte das Bild beiseite und arbeitete weiter.

Eine Stunde später sichtete er Fotografien eines Wohnhausbrandes aus dem Jahr 2008. Er wollte gerade zum nächsten Umschlag greifen, als er innehielt.

Auf einem der Bilder war derselbe Mann zu sehen.

Wieder stand er im Hintergrund. Wieder trug er den Mantel. Wieder hatte er die Hände in den Taschen.

Martin runzelte die Stirn. Zufall, dachte er. Die Stadt war klein. Manche Menschen tauchten immer wieder auf Fotos auf. Rentner, Vereinsvorsitzende, Feuerwehrleute oder Journalisten.

Er legte beide Aufnahmen nebeneinander.

Irgendetwas störte ihn.

Es war nicht der Mantel. Es war das Gesicht.

Der Mann sah auf beiden Bildern gleich aus, obwohl elf Jahre zwischen den Aufnahmen lagen. Martin zog das erste Foto näher heran, dann das zweite. Ein unangenehmes Kribbeln breitete sich in seinem Nacken aus.

Der Fremde war älter als vierzig, vielleicht fünfzig. Im Schätzen von Gesichtern war Martin nie besonders gut gewesen. Trotzdem schien zwischen den beiden Aufnahmen kein einziger Tag vergangen zu sein.

Keine neuen Falten.

Keine grauen Haare.

Er lachte über sich selbst. Natürlich war das Unsinn. Alte Fotografien täuschten. Unschärfen täuschten. Das menschliche Gehirn liebte Muster.

Trotzdem dachte er am Abend noch immer an den Mann.

Am nächsten Morgen suchte er nicht mehr nach Material für die Sonderausgabe. Er suchte nach dem Fremden.

Zunächst fühlte er sich albern.

Doch je länger die Suche dauerte, desto mehr wich die Neugier einem Gefühl, das er nicht recht benennen konnte.

Auf einem Foto vom Stadtfest 1984 stand der Mann zwischen den Besuchern vor der Bühne. Auf einer Aufnahme eines Bahnunfalls aus dem Jahr 1972 tauchte er erneut auf. Selbst auf einem Bild der alten Brauerei, das kurz vor ihrem Abriss entstanden war, war er im Hintergrund zu erkennen.

Bald lagen Dutzende Fotografien vor ihm.

Zwanzig. Dreißig. Vierzig. Der Fremde war überall.

Nie stand er im Mittelpunkt. Nie suchte er die Kamera. Immer hielt er sich am Rand der Bilder auf, als wolle er nicht gesehen werden, und dennoch war er jedes Mal da.

Wie ein Zuschauer. Wie jemand, der auf etwas wartete.

Am dritten Tag suchte Martin nicht mehr nach dem Mann. Er begann, die Menschen auf den Fotos zu recherchieren.

Und damit begann das eigentliche Grauen.

Je länger er die Akten durchforstete, desto deutlicher wurde das Muster. Die Bilder stammten von Verkehrsunfällen, Bränden, Vermisstenfällen und anderen Tragödien der Stadtgeschichte.

Auf jedem einzelnen war der Mann zu sehen.

Manchmal stand er in unmittelbarer Nähe des späteren Opfers. Manchmal einige Meter entfernt. Doch immer war er da.

Martin überprüfte die Daten mehrfach. Er wollte einen Fehler finden.

Doch er fand keinen.

Am Abend saß er allein im Archiv. Draußen war es längst dunkel geworden. Die Neonröhre an der Decke summte leise über ihm.

Vor ihm lag ein Foto aus dem Jahr 1956. Ein Schulausflug. Kinder standen vor einem Ausflugsschiff und lächelten in die Kamera. Zwei Wochen später war das Schiff auf dem Rhein gekentert. Drei Menschen waren ertrunken.

Am Rand des Bildes stand der Mann.

Martin nahm eine Lupe zur Hand und betrachtete das Gesicht des Fremden.

Plötzlich hatte er das Gefühl, dass der Mann ihn ansah.

Nicht die Kamera.

Nicht die Kinder.

Ihn.

Martin schlug die Akte zu.

Je länger er die Bilder betrachtete, desto vertrauter kam ihm das Gesicht vor. Zunächst glaubte er, sich zu täuschen. Die Aufnahmen stammten aus verschiedenen Jahrzehnten, waren unscharf, vergilbt oder von schlechter Qualität. Dennoch ließ ihn das Gefühl nicht los, diesen Mann bereits gesehen zu haben.

Er saß noch lange im Archiv und starrte auf die Fotografien, bis die Erinnerung schließlich aus einer Ecke seines Gedächtnisses auftauchte, die er seit Jahren nicht mehr betreten hatte.

Zu Hause zog er ein altes Fotoalbum aus dem Regal und blätterte durch die Seiten.

Vor sieben Jahren war sein Vater nach einem schweren Verkehrsunfall gestorben. Martin erinnerte sich an den kalten Wind auf dem Friedhof, an die gesenkten Köpfe der Trauergäste und an das dumpfe Geräusch der Erde, die auf den Sarg fiel. Damals hatte er geglaubt, keinen Blick für die Menschen um sich herum gehabt zu haben.

Doch auf einem der Fotos, die während der Beisetzung aufgenommen worden waren, stand am Rand zwischen den Grabsteinen ein Mann mit dunklem Mantel und hochgeschlagenem Kragen.

Derselbe Mann.

Martin betrachtete das Bild lange.

Plötzlich erinnerte er sich daran, ihn an diesem Tag tatsächlich gesehen zu haben. Für einen kurzen Augenblick hatte sich ihr Blick getroffen, doch damals hatte er dem keine Bedeutung beigemessen. Warum auch? Auf einem Friedhof standen viele Fremde.

Jetzt wusste er, dass er sich geirrt hatte.

In der folgenden Nacht träumte er von den Fotografien.

Er sah den Mann zwischen Menschenmengen stehen. Auf Bahnhöfen. Auf Friedhöfen. Vor Häusern.

Immer beobachtete er jemanden. Immer wartete er.

Als Martin aufwachte, war sein Kopfkissen nass geschwitzt.

Neben dem Bett lag sein Handy.

Eine neue Sprachnachricht.

Sie stammte von einem Kollegen bei der Polizei.

»Interessante Geschichte übrigens. Den Typen auf deinen Fotos konnten wir nicht identifizieren.«

Martin setzte sich ruckartig auf.

Für einen Moment glaubte er noch zu träumen.

Dann sprang er auf und trat auf den Balkon. Er brauchte frische Luft. Der Alptraum hing ihm noch immer in den Knochen.

Mit zitternden Fingern zündete er sich eine Zigarette an.

Die Straße lag still unter dem Licht der Laternen.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein Mann.

Dunkler Mantel. Hochgeschlagener Kragen.

Die Hände in den Taschen.

Reglos.

Martin starrte ihn an.

Der Mann starrte zurück.

Zum ersten Mal war er kein Schatten auf vergilbtem Papier. Zum ersten Mal war er wirklich da. Und Martin dachte an seinen Vater.

Er fragte sich, ob dieser den Fremden damals ebenfalls gesehen hatte. Ob er in diesem letzten Moment dieselbe Gewissheit gespürt hatte.

Dann wusste Martin mit einer Klarheit, die keinen Zweifel zuließ, dass dies seine letzte Zigarette war.

Langsam hob der Mann die Hand, als würde er jemanden begrüßen.

Oder verabschieden.

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