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Die Flusspiraten des Mississippi 20

die-flusspiraten-des-mississippiFriedrich Gerstäcker
Die Flusspiraten des Mississippi
Aus dem Waldleben Amerikas

20. Der Ire teilt Jonathan Smart seinen Verdacht mit. Tom Barnwells Zeugnis

Jonathan Smart wurde in seinen höchst erfreulichen Selbstbetrachtungen durch einen Besuch unterbrochen, der ihn nicht allein störte, sondern auch ohne weitere Umstände seine Aufmerksamkeit auf längere Zeit verlangte.

»Nun, O’Toole?«, fragte der Wirt, als er ihn erstaunt betrachtete. »Wo habt Ihr denn gestern und heute den ganzen Tag gesteckt? Ihr wart ja auf einmal ordentlich verschwunden! Donnerwetter, Mann, wie seht Ihr denn aus?«

»Verschwunden?«, wiederholte O’Toole, »nein, das wohl nicht, aber heimlich fortgegangen – ja. Doch hört, Smart, ich habe ein Wort mit Euch zu reden und machte das, aufrichtig gesagt, lieber mit Euch im Freien ab. Hier in dem Zimmer, denke ich immer, kann man nichts sagen, was der Nachbar, der an der anderen Seite der Wand steckt, nicht ebenfalls hören müsse. Da mir keineswegs damit gedient wäre, dass die ganze Stadt gleich von Haus aus erführe, was ich Euch mitzuteilen habe, so dächte ich, gingen wir ein bisschen, meinetwegen ans Flussufer hinunter, spazieren.«

»So? Also Geheimnisse?«, lachte Smart, »nun, da muss ich ja wohl mitgehen. Aber was betrifft’s?«
»Kommt erst hinaus, dort draußen spricht sich’s besser«, erwiderte der Ire. Ohne weiter eine an ihn gerichtete Frage zu beachten, verließ er rasch das Haus, und schritt dem Flussufer zu, wo ihn Smart bald einholte und stellte.

»Nun, zum Henker, was rennt Ihr denn so?«, rief er hier, als er den kleinen Mann hinten am Rockkragen fasste und festhielt. »Wir wollen doch wahrlich nicht zu Fuß zum Arkansas, dass Ihr dorthin Sieben-Meilen-Schritte macht.«

»Smart«, sagte O’Toole, indem er plötzlich stehen blieb und sich gegen den Wirt wandte. »Ihr erinnert Euch doch, dass neulich abends jenes Boot dort hinüberruderte …«

»Jawohl.«

»Gut… das Boot ist nicht bei Weathelhope gelandet.«

»Das ist erschrecklich«, meinte der Yankee lächelnd, »aber wo denn sonst?«
»Das weiß ich eben nicht«, rief der Ire ärgerlich und stampfte mit dem Fuß auf den Boden.

»Ihr habt mir in der Sache allerdings kein Stillschweigen auferlegt, Mr. O’Toole«, bemerkte Smart feierlich. »Ich versichere Euch aber nichts destoweniger, und zwar ganz aus freien Stücken, dass ich keiner sterblichen Seele dieses mir anvertraute Geheimnis je, selbst nicht unter peinlicher Tortur vertrauen oder gestehen werde.«

»Smart, die Sache ist ernsthafter, als Ihr glaubt«, rief O’Toole ärgerlich. »Allerdings weiß ich nichts Bestimmtes, ein Geheimnis liegt aber diesen Booten zugrunde. Jenes Fahrzeug ist nicht drüben gelandet, aber auch nicht, weder stromauf noch stromab am Ufer hingefahren. Ich bin eine ganze Strecke hinauf und hinunter gegangen, und überall haben mir die Leute versichert, es könne kein Ruderboot, außer mit umwickelten Rudern, zu jener Stunde an ihrem Ufer vorbeigefahren sein, ohne dass sie es gehört hätten. Weshalb sind nun die Burschen da hinübergefahren, wenn sie nicht landen wollten? Einfach deshalb, um uns hier glauben zu machen, sie gingen dort hinüber, während ihr Ziel ganz wo anders lag … und weit kann das Ziel auch nicht von hier sein. Sie hätten sich sonst nicht solche unnütze Mühe mit uns gegeben. Ich bin jetzt – und das ist eigentlich die Sache, die ich Euch mitteilen wollte – fest davon überzeugt, dass die Bootsleute irgendwo drüben im Sumpf – ja vielleicht sogar hier auf der Arkansasseite – einen Schlupfwinkel haben, wo sie, wenn sie nichts Schlimmeres tun, wenigstens ihre Spielhöllen halten und andere ehrliche Christenmenschen dadurch unglücklich zu machen suchen. Meinen armen Bruder haben sie in solcher Spielspelunke auch einmal bis aufs Hemd ausgezogen und nachher halb nackt vor die Tür geworfen. Es wäre ein Werk der Barmherzigkeit, ein solches Nest zu zerstören und überhaupt eine Bande hier aus der Gegend zu vertreiben, die nichts Gutes, aber unendlich viel Elend über ihre Nachbarn bringen kann. Hier oben das Haus, der graue Bär, wie sie es nennen, ist auch ein solcher Platz, dem ich von Herzen wünsche, dass ihn der Mississippi einmal bei nächster Gelegenheit mit fortspült.«
»Hm – ja«, sagte Smart endlich nach ziemlich langer Pause, während er sich das Kinn strich und gar ernsthaft vor sich niedersah. Das, was ihm Tom Barnwell an diesem Morgen erzählt hatte, fiel ihm fast unwillkürlich wieder ein, und er blickte sinnend zu dem Strom hinaus, den aus Sümpfen kommende leichte Nebelschleier umzogen und über die noch immer hier und da in der Sonne blitzende Flut einen dünnen beweglichen Schleier woben. »Und Ihr wisst ganz sicher, dass sie nicht drüben gelandet sind?«, fragte er endlich. »Nicht etwa bei Millers unten? Denn von da an führt auch noch ein Weg durch den Sumpf.«

»Das dachte ich ebenfalls«, rief O’Toole, »und ließ mich deshalb die Mühe nicht verdrießen, hinabzulaufen, aber Gott bewahre! Millers Schwarzer, Jim, Ihr kennt ihn ja, hat von Dunkelwerden an das Ufer nicht verlassen und schwört Stein und Bein, es sei keine Katze in der Zeit vorbeigeschwommen, viel weniger an Land gestiegen. Und in den Rohrbruch, unten und oben, können sie doch wahrhaftig auch nicht ohne ganz besondere Gründe hineingekrochen sein. Beiläufig gesagt, war ich auch bei dem Deutschen dort unten, Brander heißt er, glaube ich, der neulich hier auf einmal krank gesagt wurde, und nach dem der Doktor in Nacht und Nebel fortsprengen musste. Aber kein Finger tut ihm weh, oder hat ihm in den letzten acht Wochen wehgetan. Ich will gerade nicht be…, aber da kommt einer von der Bande. Seid ruhig, wir bereden die Sache ein anderes Mal.«

Smart wandte sich schnell nach dem also Bezeichneten um, erkannte aber niemand anders, als unseren alten Freund Tom Barnwell, der nach seinem Boot gesehen hatte und nun am Ufer heraufschlenderte. Als er den Wirt bemerkte, ging er rasch auf ihn zu und rief ihn schon von Weitem an: »Nun Sir – wie ist’s? Habt Ihr Euch des armen Mädchens erbarmt? Wollt Ihr sie nicht wieder heraus auf die Straße stoßen?«

»Ei nun«, lächelte Jonathan, »ich hätte das schon gern getan, aber meine Frau will nicht. Sie besteht darauf, das arme Kind bei sich zu behalten und es zu pflegen, bis es wieder gesund ist. Nachher soll es aber erst recht da bleiben und ihr in der Wirtschaft helfen.«

»Das haben Sie durchgesetzt?«, rief der junge Mann freudig.

»Wer? Ich?«, sagte Mr. Smart. »Fragen Sie einmal meine Frau darüber. Aber Scherz beiseite, Sir, erzählen Sie uns doch noch einmal, uns beiden hier – Mr. O’Toole ist ein Freund von mir und ein braver Mann – wie und wo, aber besonders genau, wo Sie das Mädchen gefunden haben, und was es dort für Auskunft über sich gab.«

Tom willfahrte gern diesem Wunsch und gab über jenen Platz, wo er die Unglückliche auf so wunderbare Art angetroffen hatte, so ausführlichen Bericht, wie es ihm möglich war.

»Und konntet Ihr gar nichts weiter von dem armen Kind herausbekommen, wie es auf die Insel geraten sei? Ob es Schiffbruch gelitten, ob das Boot vielleicht einfach auf einen Snag gerannt oder vielleicht gar angefallen wäre?«, fragte Smart endlich, während der Ire mit der gespanntesten Aufmerksamkeit dem Bericht lauschte.

»Nein«, sagte Tom sinnend, »nichts Gewisses, denn in ihrem Zustand konnten ihre Reden kaum für zurechnungsfähig gelten, obgleich einzelne Worte, die ihr entschlüpften, auch wieder das Fürchterlichste ahnen ließen. Sie sprach von gespaltenen Köpfen und blutigen Leichen, von ihrem Gatten, der rein und weiß aus der Flut emporgetaucht wäre. Ich hoffe, ihr Zustand wird sich, bis ich zurückkehre, gebessert haben und sie selbst dann vielleicht Näheres über ihr Unglück anzugeben wissen. Ach Gott, es ist ja auch möglich, dass irgendein entsetzliches Los die Ihren betraf, und Schreck und Entsetzen ihre Sinne verwirrten. Es sollen sich, wie ich gehört habe, noch immer Indianer in der Nähe des Flusses aufhalten.«

»Sie sprach also gar nichts, was auf das Vorgefallene weiter Bezug haben konnte?«, fragte der Ire.

»Die ersten Worte, die ich hörte«, sagte der junge Mann nachdenkend, »klangen von einem Vogel, den sie in seinen goldenen Käfig zurückhaben wollte. Sie redete von ›durch die Büsche kriechen und ihn wieder fangen wollen.‹ Doch das war der Wahnsinn, sie saß auch wie ein Vogel auf dem Ast eines niedergebrochenen Baumes.«

»Nun, einen goldenen Käfig hätte sie wahrlich nicht gehabt, wenn sie auch gefangen gewesen wäre«, meinte der Yankee.

»Auf welcher Insel war das?«, fragte der Ire, »unten auf dreiundsechzig?«

»Ja, ich kenne die Zahlen nicht genau«, erwiderte Tom. »Es muss die Zweite oder Dritte von hier gewesen sein.«

»Es lagen zwei von ihnen nicht weit voneinander entfernt?«

»Ja, ich glaube – erst kam eine runde kleine Insel, dicht mit Baumwollholzschösslingen bedeckt. An der haben wir auch die Nacht mit dem Dampfboot gelegen.«

»Die hat keine Nummer und ist unbewohnbar«, sagte der Ire.
»Dann – ja wahrhaftig, dann muss die gekommen sein, wo ich Marie fand. Ich weiß mich wenigstens auf keine weiter zu erinnern, als noch ein Stück weiter unten zwei größere nebeneinander, zwischen denen ich hinfuhr.«

»Das ist zweiundsechzig und dreiundsechzig – also war das einundsechzig. Die hat aber ein Hurrikan durch und durch verwüstet. Ich wollte dort einmal an Land, es war jedoch nicht möglich einzudringen, die Bäume lagen wild und toll durcheinander.«
»Ja, ganz recht – an der Insel war’s, und Gott nur weiß, wie sie in das Zweig- und Astgewirr hineingeraten ist. Ein wahres Wunder muss sie gerettet haben.«

»Smart, Smart«, sagte der Ire kopfschüttelnd, »ob am Ende nicht doch jenes Boot mit der ganzen Geschichte zusammenhängt.«
»Das wäre kaum möglich«, meinte der Wirt, »am Mittwochabend sind die hier abgefahren, und Donnerstag – nun ja, es könnte schon sein, das glaub’ ich aber nicht.«

»Was für ein Boot?«, fragte Tom, aufmerksam werdend. »Am Mittwochabend?«

O’Toole erzählte ihm den Verdacht, den er habe, und wie ein Boot, das hier vom Land gestoßen und gerade über den Strom gerudert, doch von niemandem drüben gesehen worden sei.

»Und das war am Mittwochabend?«

»Ja, spät.«

»Ein junger Farmer, Namens Bredschaw, den ich unterwegs sprach, erzählte mir, dass er an jenem Abend ein mit vielen Männern besetztes Boot angerufen habe«, sagte Tom.
»Bredschaw? Der wohnt ja gleich hier unten, keine sechs oder sieben Meilen von hier, und an dieser Seite des Flusses.«

»Ja, ganz recht. Er hat es mir noch gestern erzählt. Er behauptet auch, es gingen, besonders nachts, recht häufig Boote dort vorüber, und zwar ebenso oft stromauf wie stromab. Er meint, es müsse irgendwo, in Helena oder Montgomerys Point, eine Spielhölle sein, dass sich die Leute nächtlicherweise des Stromaufruderns unterzögen, um nur nicht entdeckt zu werden und in Strafe zu verfallen.«

»Sonderbar bleibt das«, sagte Smart. »Das Flussvolk – Ihr nehmt mir die Benennung nicht übel – ist doch sonst gerade nicht so entsetzlich furchtsam vor den Gesetzen, die sie wahrhaftig am allerwenigsten genieren.«

»Smart«, rief jetzt der Ire plötzlich, »ich habe mein Wort gegeben, dem Boot nachzuspüren, und ich will es halten. Vorerst lande ich einmal bei Bredschaw und lasse mir von dem sagen, was er weiß, und dann untersuche ich die Weideninsel und die darauf folgenden Nummern – eine nach der anderen. Finde ich verdächtige Spuren, so hole ich Hilfe, so spüre ich die Sümpfe ab. Bei St. Patrick, ich will doch sehen, ob ich so auf den Kopf gefallen bin, dass ich am hellerlichten Tag Gespenster sehe, wenn keine da sind.«

»Wann fahrt Ihr ab?«, fragte Tom.

»Gleich – das verschiebe ich keinen Augenblick länger«, lautete die Antwort. »Wollt Ihr mit?«

»Ich gehe allerdings auch stromab, aber jetzt noch nicht. Ich darf jenes unglückliche Mädchen wenigstens heute noch nicht aus den Augen lassen und kann morgen immer noch zeitig genug in Victoria eintreffen, ehe Edgeworth sein Boot ausgeladen hat, noch dazu, da er, Mr. Smarts Versicherung nach, auf mich warten will, bis ich ihm nachkomme. Ein solcher Fall wird sicherlich mein etwas längeres Zögern entschuldigen.«

»Gut, mir auch recht«, sagte O’Toole, »desto ungestörter und vielleicht auch unbemerkter, kann ich meine Nachforschungen beginnen, aber etwas von Provisionen sollte ich eigentlich mitnehmen.«

»Die mögt Ihr bei mir zu Hause einpacken. Geht zu meiner Frau, bittet sie darum und sagt nur, Ihr hättet …«

»Die gibt sie mir im Leben nicht«, rief O’Toole. »Acushla machree, Smartchen, kennt Ihr Eure Alte so wenig, dass Ihr noch glauben könnt, die gehorchte einem solchen Befehl? Sie hat mich ganz gern und weiß, dass ich ihr, wo ich nur kann, gefällig bin. Heute ist sie aber in so bitterböser Laune, dass ich ihr nicht gern wieder zu nahe kommen möchte. Ich sprach vorher einen Augenblick mit ihr.«

»… mich schon darum gebeten, ich aber habe Euch grob angefahren und Euch geheißen, zum Teufel zu gehen.«

»Hahahaha«, lachte O’Toole, »Smart spielt einmal wieder den Herrn im Hause. Nun meinetwegen, versuchen kann ich das. Auf jeden Fall ist es besser, als wenn ich sagte, Ihr schicktet mich deshalb. Good bye, Gentlemen, Good bye, die Zeit vergeht, und bei Gott, wir bekommen auch einen echten Mississippinebel. Nun wahrhaftig, wenn das nur nicht ärger wird, und ich habe noch dazu neulich meinen Kompass verloren. Da gehe ich lieber zum Richter und borge mir da einen, der führt ihn so immer in der Tasche. Der Henker mag das Rudern holen, wenn man nicht weiß, wo Nord und Süd sind.«

»Und soll ich jetzt mit zum Hausegehen?«, fragte Tom, als O’Toole des Richters Wohnung zuschritt, »ich hätte gern Gewissheit über ihr Schicksal, denn zu lange darf ich mein Boot nicht verlassen.«

»Nein, jetzt noch nicht«, sagte Smart. »Bleibt meiner Frau lieber noch ein bisschen unter den Augen weg. Sie ist herzensgut, will aber immer gern ihren eigenen Willen haben, und solange mir der nicht geradezu in die Quere läuft, lass ich ihr auch die Freude. Ihr habt übrigens keine Eile, das Flatboot erreicht heute Victoria nicht, ja liegt vielleicht jetzt schon irgendwo an einer Sykomore festgebunden, denn bei dem Nebel, der gerade den Fluss heraufkommt, also weiter unten schon ärger ist als hier, dürfte der beste Lotse nicht wagen, mit einem Flatboot unterwegs zu sein. Er würde auf irgendeine Sandbank laufen und das Steigen des Wassers abwarten müssen, oder gar, was noch viel schlimmer wäre, auf irgendeinen Snag rennen, und dann sänkeer so tief, dass ihm nicht einmal das Steigen etwas Weiteres helfe. Also geduldet Euch – die Nacht bleibt Ihr bei mir, und morgen früh wollen wir schon sehen, wie es weiter wird.«

Tom Barnwell, der wohl einsah, dass er dem Rat des gutmütigen Yankee folgen müsse, schlenderte langsam am Ufer hin, um zu sehen, ob er nicht auf einem der anderen Flatboote vielleicht einen Bekannten finde. Das war jedoch nicht der Fall, und er wollte eben in die Stadt zurückgehen, als er Pferdegetrappel hinter sich hörte. Gleich darauf sah er zwei Damen die Straße herabsprengen, die, aus dem Innern des Landes kommend, den Fluss gleich oberhalb Helena berührte und dicht an dessen Ufer etwa hundert Schritt hinführte, ehe sie wieder, nach Squire Daytons Wohnung zu, rechts abzweigte.

Tom blieb einen Augenblick stehen, um sie an sich vorüberzulassen, und sah zu ihnen empor. Die Sonnenbonnets aber, die beide trugen, verhinderten ihn, ihre Züge genau zu erkennen. Nur einmal, als die Jüngste ihre klaren Augen einen Moment fest auf ihn heftete, war es ihm fast, als ob er das Gesicht schon einmal gesehen habe, doch wurde ihm der Anblick zu schnell wieder entzogen, als dass er zu irgendeiner Gewissheit darüber hätte kommen können. Überdies gingen ihm jetzt viel andere, ernstere Dinge im Kopf herum, und er schritt schweigend, der unbekannten Reiterin nicht mehr gedenkend, in die Stadt.

 

*

 

Tom Barnwell findet eine Freundin Maries. Seine Unterredung mit dem Squire

Jene beiden Damen, welche der junge Bootsmann am Ufer des Flusses gesehen hatte, waren Adele und Mrs. Dayton gewesen, die von Lively’s zurückkehrten und nun in kurzem Galopp vor ihr Haus sprengten. Ihr Mulattenknabe empfing sie schon an der Tür und nahm ihnen rasch die Pferde ab, während Mrs. Dayton zuerst nach ihrem Gatten fragte.

»Squire Dayton ist diesen Nachmittag fortgeritten«, lautete des Knaben Antwort. »Mr. O’Toole hat ebenfalls nach ihm gefragt. Er muss aber schon wieder in Helena sein, denn vorhin brachte ein Matrose von dem Dampfschiff, was unten an der Landung liegt, sein Pferd, und sagte, Master würde bald nach Hause kommen.«

Die Frauen stiegen schweigend die Treppe hinauf, und Adele legte nur ihr Bonnet ab, warf sich die langen vollen Locken aus der Stirn und öffnete das Klavier. Langsam glitten ihre Finger zuerst über die Tasten hin. In leisen, kaum hörbaren Akkorden deutete sie mit leichtem Griff einzelne Melodien an. Immer fester aber wurde die wehmüthig ernste Weise, in die sie hineingeraten schien, immer weicher verschmolzen die sanften Töne ineinander, und erst da, als sie plötzlich schroff in einen Dur-Akkord überging und nun in rauschenden, wilden Harmonien die frühere Schwäche zu bannen, wenigstens zu betäuben versuchte, glänzten und blitzten ihre holden Augen wieder in dem alten gewohnten Feuer. Die kleinen zarten Finger berührten die Tasten mit so festem, sicherem Anschlag, dass dieser auch wieder in seiner Rückwirkung der Seele der Spielenden Festigkeit und Sicherheit zu geben schien.

Mrs. Dayton hatte indessen, von Nancy dabei unterstützt, ihre Reitkleider abgelegt, saß in ihren weich gepolsterten Stuhl zurückgelehnt, das reizende, aber etwas bleiche Antlitz in die Hand gestützt, sinnend da, und heftete nur manchmal den Blick fest und prüfend auf das halb von ihr abgewandte Köpfchen der jüngeren Freundin.

»Was fehlt dir, Adele?«, fragte sie endlich leise, während ein kaum merkliches Lächeln um ihre Lippen spielte. »Weshalb bist su so verdrießlich?«

»Wer? Ich? Verdrießlich? Was mir fehlt? Ein paar wunderliche Fragen, Hedwig. Es ist mir nie wohler und ich bin nie munterer gewesen, als eben jetzt – was soll mir fehlen? Ach, du meinst, weil ich das alberne days of absence einmal durchspielte? Hahaha, es kam mir nur gerade so unter die Finger. Nein, tanzen möchte ich jetzt … tanzen, bis ich ..bis ich mich einmal recht satt getanzt hätte. Apropos, Hedwig, der junge Mann, der gerade da, wo die ersten Flatboote lagen, am Ufer stand, kam mir recht bekannt vor. Ich bemerkte ihn nur eben erst, als wir vorbeisprengten, aus Helena ist er aber nicht. Ich muss das Gesicht schon früher einmal gesehen haben, wenn auch in anderer Tracht und anderer Umgebung.«

»Mir war er fremd!«, sagte Mrs. Dayton. »Seiner Kleidung nach schien er zu einem der Boote zu gehören. Doch wo nur Dayton wieder bleiben mag. Ach, wenn er doch das, was er vor kurzer Zeit zum ersten Mal erwähnte, wahrmachen und von hier fortziehen wollte. Ich weiß nicht, Arkansas will mir gar nicht mehr gefallen. Dieses rüde Leben und Treiben verletzt mich. Die Leute sind, mit wenigen Ausnahmen, so roh und teilnahmslos, und Dayton sieht sich so von allen Seiten in Anspruch genommen, dass er sein Leben ja gar nicht mehr genießen kann. Wie er mir sagte, will er nach New York ziehen.«

»Ich gehe mit euch«, sagte Adele, indem sie rasch vom Klavier aufstand, ans Fenster trat und mit den kleinen Fingern der rechten Hand langsam die Scheiben trommelte. »Mir gefällt es ebenfalls nicht mehr hier, ich will auch fort. Ich glaube, dies Arkansas ist ein recht ungesundes Land. Es wundert mich, dass ihr es so lange hier ausgehalten habt.«

»Allerdings ist das Klima hier in Helena gerade nicht besonders«, erwiderte mit leichtem Lächeln Mrs. Dayton, »aber etwas weiter im Lande drin – in und auf den Hügeln – soll die Luft doch …«

»Sieh, dort kommt der Fremde«, unterbrach sie schnell Adele, »er scheint sich die Stadt ein bisschen besehen zu wollen. Jetzt bin ich neugierig, wer das sein mag. Tom Barnwell bei allem, was da lebt – Tom Barnwell von Indiana. Den glaubte ich eher in Afrika oder Europa.«

»Aber wer ist Tom Barnwell?«

»Ein früherer guter Bekannter unserer Familie und ein damaliger, wie es hieß, sehr starker Anbeter von Marie Morris, der jetzigen Mrs. Hawes. Jene Liebe soll auch die Ursache gewesen sein, dass er zur See ging. Er ist aber rasch wieder zurückgekehrt.«

»Er kommt gerade auf das Haus zu.«

»Ei, ich rufe ihn an«, sagte Adele plötzlich. »Tom war stets ein wackerer Bursche und überall beliebt. Marie verstand ihn nur damals nicht, so wenigstens glaube ich, und als er sah, dass sie den andern Bewerber vorzog, räumte er freiwillig das Feld und verließ die Staaten. Ob er wohl weiß, dass sie so ganz hier in der Nähe ist? Aber er geht wahrhaftig vorüber, ohne heraufzusehen. Der muss in tiefen Gedanken sein, unser Haus fiele ihm doch sonst gewiss vor allen Übrigen auf. Höre, Nancy, geh einmal rasch hinunter und sage dem jungen Mann dort … siehst Du den, der da gerade um die Ecke biegen will … eine alte Bekannte ließe ihn bitten, einen Augenblick hierher zu kommen. Sie wünschte ihn zu sprechen.«

Die Mulattin folgte rasch dem Befehl, und Tom war nicht wenig erstaunt, auf solche Art und in einer ihm wildfremden Stadt angeredet zu werden, gehorchte aber ohne Weiteres der Einladung und stand bald darauf vor Adele, die ihm freundlich grüßend die Hand entgegenstreckte.

»Willkommen in Arkansas, Mr. Barnwell. Es ist hübsch von Ihnen, dass Sie des alten Onkel Sams Territorien nicht ganz vergessen haben. Mr. Barnwell, von Indiana, Mrs. Dayton, von Georgia.«

»Miss Dunmore!«, rief Tom erstaunt und erfasste wie mechanisch die ihm gebotene Rechte. »Miss Dunmore – träum ich denn oder wach ich? Sie hier in Helena? Und wissen Sie denn? … Nein, nein, wie könnten Sie es denn wissen … Marie …«

»Um Gottes willen!«, sagte Adele erschreckt, »was fehlt Ihnen, Sir, erst jetzt sehe ich. Sie sind leichenblass .Sie haben Marie gesehen?«

»Ja«, stöhnte der junge Mann und barg für einen Augenblick das Antlitz in den Händen, dann aber, sich rasch wieder sammelnd, sagte er leise: »Sie ist hier!«

»Ja, ich weiß es«, erwiderte Adele mitleidig. »Wenn auch nicht hier, so doch nicht weit entfernt, in Sinkville.«

»In Sinkville? Nein … hier … hier … in der Stadt.«

»Wer? Marie?«, rief Adele. »Und ihr Mann?«

»Oh, Miss Dunmore!«, bat Tom, ohne die letzte Frage zu beantworten, ja ohne sie vielleicht zu hören. »Sie waren stets Marie eine treue, liebende Freundin. Verlassen Sie jetzt nicht die Unglückliche in ihrer größten, fürchterlichsten Not …«

»Um aller Lebendigen willen, was ist geschehen?«, rief Adele und erfasste krampfhaft den Arm des Unglücksboten. Dieser aber erzählte der atemlos Zuhörenden die Erlebnisse des gestrigen Abends, und wie und wo er das arme Wesen getroffen hatte, teilte ihr seine Befürchtungen mit und bat sie nochmals, sich der Schutzlosen hier in der fremden Stadt anzunehmen.

Mrs. Dayton, die teilnehmend dem Bericht zugehört hatte, fiel hier, als sie das trostlose Entsetzen in Adeles Angesicht bemerkte, dem jungen Mann in die Rede und versicherte ihm, die Freundin ihrer Adele solle in ihrem eigenen Haus ein Asyl finden.

Das Mädchen fasste dankend ihre Hand.

»Wie aber teilen wir Hawes die Schreckensbotschaft mit?«, rief sie ängstlich, »und wie kommt Marie gestern Abend auf den Fluss, da er sie doch erst gegen Morgen auf seiner Plantage verlassen haben kann?«

»Wer … Hawes?«, fragte Tom erstaunt. »Eduard Hawes? Der muss mit auf dem Boot gewesen sein. Maries Fantasien kehren immer wieder zu ihrem Gatten zurück, den sie wie ihre Eltern totsagt.«

»Was ist das?«, rief Adele entsetzt. »Sie wahnsinnig … ihre Eltern tot … und Hawes hier … gesund und wohl? Großer Gott, wie kann das zusammenhängen … waren wenige Stunden imstande, solche fürchterliche Veränderungen hervorzubringen … oder … ich weiß nicht, mir schwindelt selbst der Kopf, wenn ich nur so Entsetzliches denken soll, es kann ja wahrhaftig nicht sein.«

»Fasse dich, liebes Kind«, beruhigte sie Mrs. Dayton. »Gewiss herrscht hier noch irgendwo ein Missverständnis vor. Marie Hawes, die Mr. Hawes erst gestern Morgen auf seiner Plantage verlassen hat …«

»Liegt jetzt krank, halb wahnsinnig in Mr. Smarts Hotel in Helena«, unterbrach sie Tom erschüttert. »Wollte Gott, ich hätte mich wirklich geirrt. Doch das alles ist nur zu wahr – zu fürchterlich wahr.«

»Ich muss hin, ich muss sie sehen«, rief Adele. »Komm, Hedwig, nicht wahr, du begleitest mich?«

»Gewiss, Adele, es wäre mir sogar lieb, wenn uns auch Georg dort aufsuchen wollte. Er ist Arzt wie Friedensrichter, und ich fürchte fast, das arme Wesen wird die Hilfe des einen wie des anderen gebrauchen.«

»Oh, so lass uns eilen«, bat Adele. »Jeder Augenblick Verzögerung könnte der Tod der Unglücklichen sein. Komm, Hedwig, komm.«

Rasch setzte sie das erst abgelegte Bonnet wieder auf, half Mrs. Dayton ein Tuch umhängen und schritt hastig voran zur Tür. Hedwig aber blieb hier noch einmal stehen und hinterließ bei Nancy, die ihnen öffnete, Mr. Dayton, sobald er nach Hause kommen sollte, zu sagen, sie seien in das Union-Hotel gegangen, eine Kranke zu besuchen, und ließen ihn bitten, doch auf jeden Fall dort, sobald ihm das nur irgend möglich wäre, vorzusprechen.

Unten im Hotel trafen sie weiter niemanden, als den Pagen, der ihnen auf ihre Frage mitteilte, Mrs. Smart sei oben bei der kranken jungen Frau, Mr. Smart aber abwesend. Ihm selber wäre befohlen worden, keine menschliche Seele, die hinauf wollte, passieren zu lassen, den Doktor ausgenommen.

»Schon gut, Scipio, schon gut«, sagte Adele und drückte ihm aus ihrer kleinen Börse einen halben Dollar in die raue schwielige Hand. »Wir müssen die junge Dame sprechen, hörst du?«

»Ja, Missus, wenn Sie müssen, da ist es was anderes«, meinte der Schwarze mit breitem Grinsen. »Meine Missus hat mir nur ausdrücklich gesagt, alle die abzuweisen, die hinauf wollten – selbst Massa. Aber wenn Sie müssen?« Er machte eine etwas ungeschickte Verbeugung, während die Damen an ihm vorüber die Treppe hinaufstiegen. Nur erst als Tom ihnen folgen wollte, fasste er dessen Arm und erklärte, er würde ihn unter keiner Bedingung hinauflassen. Tom aber, darauf wohl vorbereitet, flüsterte ihm, mit einem ähnlichen Geschenk, rasch zu: »Es ist meine Schwester, Bursche, und ich muss ebenfalls hinauf«, wonach er auch schon dadurch allen Bedenklichkeiten des Äthiopiers ein Ende machte, dass er diesen ohne Weiteres mit riesenstarker Faust zur Seite schob und den Damen in raschen Sätzen treppauf folgte. Scipio aber steckte die beiden halben Dollarstücke in die Tasche und murmelte, während er sich mit breitem, innig vergnügtem Lachen abwandte: »Es war doch ein Glück, dass Missus den Posten hierher gestellt hat. Hätte sonst das größte Unglück passieren können.«

Im nächsten Augenblick standen die beiden Damen mit Tom an der Tür der Kranken, und auf ihr leises Klopfen öffnete Mrs. Smart dieselbe, das heißt nur so weit, wie nötig war, die Außenstehenden zu erkennen, wobei sie schon mit scharfer Zunge, aber sehr gedämpfter Stimme eine grimmige Zornrede von innen heraus begann. Kaum erkannte sie jedoch Mrs. Dayton und die muntere Miss Adele Dunmore, ihren Liebling, als sich ihr eben noch so finsteres Angesicht auch aufklärte und sie zurücktretend die Frauen und ihren auf dem Fuß folgenden Begleiter eintreten ließ, Stillschweigen übrigens durch alle nur möglichen Zeichen und Gebärden als etwas unumgänglich Nötiges anempfahl und zur Pflicht machte.

Marie schlief, und noch immer trug sie das weiße, dornzerrissene Oberkleid. Die langen Locken hingen ihr wirr und unordentlich um die fast leichenbleichen Schläfen, die rechte Hand hielt sie fest auf das Herz gepresst, und die Linke stützte die blutleere Wange, gegen welche die langen dunklen geschlossenen Wimpern nur noch mehr abstachen und ihre Blässe hervorhoben. Ihre Brust hob sich ängstlich und die Lippen bewegten sich leise. Ihr zerrütteter Geist ließ ihr selbst im Schlaf keine Ruhe.

Adele blickte starr und entsetzt auf die Freundin hinüber, und die großen hellen Thränen liefen ihr an den Wangen herab.

»Marie, o du arme, unglückliche Marie!«, stöhnte sie.

Leise, fast unhörbar waren diese Worte gelispelt worden, dennoch hatten sie das Ohr der Schlummernden erreicht. Sie öffnete die großen blauen Augen, und ihre Blicke hafteten im ersten Moment erstaunt auf ihrer Umgebung. Dann richtete sie sich halb auf dem Lager empor, strich sich das wirre Haar aus der Stirn und streckte Adele lächelnd die Hand entgegen. Sie schien gar nichts Außerordentliches darin zu finden, die Freundin, die sie doch weit von da entfernt glauben musste, so plötzlich hier zu sehen.

»Marie!«, rief aber diese und warf sich schluchzend über sie. »Marie … armes … armes unglückliches Kind …wo bist du gewesen, was ist dir widerfahren?«

»Das ist schön von dir, dass du mich zu besuchen kommst«, sagte die Frau, schob ihr leise mit beiden Händen die Locken zurück und küsste ihre Stirn. »Auch Tom Barnwell ist da – armer Tom« Sie bot ihm mit mitleidigem Blick die eine kleine Hand, die er schweigend nahm und leise drückte.

»Marie, willst du mir eine Frage beantworten?«, flüsterte endlich Adele und versuchte sich so viel wie möglich zu sammeln. »Willst du mir über einiges, was uns beide angeht, Auskunft geben?«

»Ei, jawohl, recht gern«, antwortete die Kranke lächelnd. »Gewiss will ich das, warum nicht?« Sie war ganz ruhig und gefasst, nur der unstete, umherschweifende Blick verkündete noch die wilde Richtung, die ihr Geist genommen hatte.

»Gut«,sagte Adele und hielt gewaltsam die Tränen zurück, die ihr fortwährend die Stimme zu ersticken drohten. »Wann … wann hast du Sinkville verlassen?«

»Sinkville?«, wiederholte Marie erstaunt. »Sinkville? Den Namen habe ich nie gehört … in Indiana liegt doch kein Sinkville?«

»Ich meine deine Plantage drüben in Mississippi.«

»Plantage? In Mississippi?«, sagte Marie noch eben so verwundert und halb lächelnd. »Du träumst wohl, närrisches Kind. Wie sollte ich denn zu einer Plantage in Mississippi kommen? Ich kenne den Staat gar nicht und habe ihn nie betreten.«

»Hat sich denn nicht Eduard bei Sinkville angekauft?«, fragte Adele verwundert.

Marie war bis jetzt vollkommen ruhig gewesen, augenscheinlich musste sie die letzten fürchterlichen Vorgänge ganz vergessen haben. Der fremde Ort, an dem sie sich befand, die Personen, von denen keine eine Erinnerung an das Geschehene zurückrief, die Erwähnung fremder, ihr unbekannter Namen lenkte sie mehr und mehr von den Erlebnissen jener Nacht ab, oder mochte ihr diese wenigstens, wenn sie in düsteren Bildern dennoch wieder vor ihrer Seele aufsteigen wollten, wie irgendeinen wilden, fürchterlichen Traum erscheinen lassen.

Eduards Name aber, ihr so plötzlich entgegengerufen, war das Zauberwort, das diesen glücklichen Schleier zerriss. Krampfhaft fuhr sie empor. Die Hände presste sie gegen die Stirn, und die stieren Blicke heftete sie wild auf die zurückbebende Freundin. Dann aber sprang sie rasch von ihrem Lager auf und rief, während sie mit ausgestrecktem Finger dem ihr Blick in glanzloser Leere folgte, nach dem Fenster deutete.

»Dort … dort steigt er hinauf! … Seine Locken sind nass … aber sein helles Lachen schallt über das Verdeck. Eduard! … Heiland der Welt … Eduard, schütze dein Weib! … Hahaha, Kinder … das ging vortrefflich … über Bord mit dem Aas … gebt ihnen nur die Steine mit … Eduard … schütze dein Weib … Eduard! … hahahahaha!« Mit krampfhaftem Lachen sank sie bewusstlos auf ihr Bett zurück.

Die Frauen hatten ihr schaudernd zugehört, und selbst Toms Herz erbebte, als er den Mark durchschneidenden Schmerzensschrei der einst, ach der noch Geliebten hörte. Mrs. Smart war die Erste, die sich wenigstens so weit sammelte, dem armen Kind alle nur mögliche äußerliche Hilfe zu leisten. Marie kam bald wieder zu sich, und die wilde Angst, die sie bis dahin erfasst hatte, schien jetzt einem sanfteren Schmerz Raum geben zu wollen. Sie weinte sich an Adeles Brust recht herzlich aus und horchte wenigstens ruhig den Trostworten der Freunde. Alles aber, was diese versuchten, Aufklärung über das entsetzliche Geheimnis von ihr zu bekommen, blieb fruchtlos, denn was sie darüber äußerte, verwirrte, da es mit Eduard Hawes’ Worten so gar nicht zusammen stimmte, nur immer noch mehr.

Dieser musste nun vor allen Dingen vom Zustand seiner Frau benachrichtigt werden. Adele beschloss, ihn brieflich in ihre eigene Wohnung zu bestellen, um ihn dort erst auf das Grässliche vorzubereiten. Ein Bote sollte zu diesem Zweck augenblicklich nach Lively’s Farm hinausgesandt werden. Während Adele die kurze Note schrieb, beriet sich Mrs. Dayton mit Mrs. Smart, wie und auf welche Weise Marie am besten in ihre eigene Wohnung geschafft werden könne.

Das wollte nun die gute Frau im Anfang allerdings gar nicht zugeben. Da sie aber doch wohl einsehen musste, die Unglückliche würde sich, von der Freundin gewartet und gepflegt, viel schneller erholen, als das dies bei ihr möglich sei, gab sie endlich nach, ja erbot sich sogar, die Kranke in ihrem eigenen Cabriolet hinüberzuschicken, damit sie nicht die Aufmerksamkeit des stets müßigen und gaffenden Volkes zu sehr errege.

Der Bote, der nach Lively’s Farm hinausritt, sollte zu gleicher Zeit vor Daytons Haus halten und Nancy davon benachrichtigen, das kleine Zimmer im oberen Stock herzurichten, damit sie, wenn sie dort ankämen, alles bereit fänden. Scipio, der zu diesem Dienst erwählt worden war, hatte denn auch eben Squire Daytons Wohnung verlassen und den breiten, nach Lively’s Farm hinausführenden Reitpfad eingeschlagen, als der Squire selbst zurückkehrte und von Nancy die hinterlassene Botschaft seiner Frau empfing.

»Eine kranke Freundin? Woher?«, fragte er diese erstaunt.

»Missus sagte nichts davon«, erwiderte das junge Mädchen, »aber Sip, der eben hier war und einen Brief nach Lively’s Farm hinausbringen soll, meinte, es wäre die Schwester eines Bootsmanns, der sie mit dem Dampfschiff von New Orleans gebracht hätte.«

Squire Dayton ging, ohne hierauf etwas weiter zu erwidern, in sein Zimmer hinauf, schloss in den dort stehenden Secretär ein ziemlich großes Paket Papiere, zog den Schlüssel wieder ab und schritt dann in tiefem Nachdenken und augenscheinlicher Unruhe rasch dem Union-Hotel zu.

Marie hatte sich indessen beinahe vollständig von ihrer ersten Aufregung erholt. Adele war nämlich eifrig bemüht gewesen, ihr das Ganze, was ihre Seele ängstigte und quälte, als einen fürchterlichen Traum zu schildern, der aber auch weiter nichts als eben ein Traum sei, denn ihr Eduard lebe, sei gesund und werde sie noch heute Abend in seine Arme schließen. Das aber, was sie da immer von hohen Palmen, einer wunderschönen stolzen Frau und wilden Gestalten phantasiere, die ihr Leben bedrohten, sei auch eben nur eine Fantasie, der sie sich nicht so macht- und willenlos hingeben, sondern die sie bekämpfen müsse.

Da wurden Schritte auf der Treppe gehört, und gleich darauf fragte, dicht vor ihrer Tür, Squire Daytons Stimme, in welchem Zimmer sich die Kranke befinde. Kaum aber hatte Marie diese Töne gehört, als sie, ein Bild starren Entsetzens, von ihrem Lager emporfuhr.

»Um Gottes willen, was ist dir wieder, Marie?«, fragte Adele erschreckt.

»Hier? Gleich in dieser Tür?«, sagte noch einmal der Squire draußen, als ihm dieselbe wahrscheinlich von unten herauf bezeichnet worden war.

»Heiland der Welt … das ist er!«, schrie Marie entsetzt. »Das ist der Fürchterliche … schützt mich vor ihm … er will mich wieder haben.«

»Marie, beruhige dich doch nur«, bat sie Adele, »das ist ja Squire Dayton, hier dieser Dame Gatte, ein braver, wackerer Mann, der dich vor jedem Schaden bewahren wird.«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und der Squire trat ein. Marie heftete dabei fest und prüfend den Blick auf ihn und schien mit peinlich ängstlicher Spannung in seinem Inneren zu lesen. Als aber dieser, nach einigen flüchtig mit seiner Frau gewechselten Worten, auf sie zuging, ihre Hand erfasste und sie mit seiner gewinnenden Stimme, und zwar jetzt mit den sanftesten Tönen derselben, begrüßte, ließ die Furcht in ihrem ganzen Wesen nach. Sie sank auf ihr Lager zurück und wurde ruhig. Nur noch manchmal, wenn sie die Augen schloss und dann nur den Laut seiner Worte vernahm, fuhr sie wieder empor und sah sich scheu im Zimmer um, als ob sie sich überzeugen wolle, wo sie denn eigentlich war, und was ihre Umgebung sei.

Der Wagen fuhr indessen vor und die Frauen geleiteten Marie die Treppe hinab. Tom aber, der mit dem Squire noch zurückblieb, erzählte diesem jetzt umständlich, was es eigentlich für eine Bewandtnis mit dem armen Mädchen habe, wie er sie gefunden und wie sein Verdacht durch alles Gehörte immer mehr verstärkt würde, hier irgendeine planmäßige Büberei zu vermuten, wenn es auch jetzt noch nicht möglich sei, sie zu ergründen. Mr. Hawes’ Gegenwart müsse indessen viel dazu beitragen, Licht auf die Sache zu werfen.

»Und Sie glauben, dass Sie die Unglückliche an einer Insel gefunden haben?«, fragte ihn der Squire, der bis jetzt der Erzählung des jungen Mannes mit dem gespanntesten Interesse gefolgt war.

»Glauben?«, sagte dieser, »das weiß ich gewiss – es ist die Zweite von hier stromab und muss nach jenes Irländers Bericht Nr. einundsechzig sein.«

»Wessen Irländers – jenes, der im Union-Hotel aus und ein geht?«

»Das weiß ich nicht, doch sprach ich ihn allerdings mit Mr. Smart am Ufer, und er ist jetzt stromab, um jene Insel zu untersuchen.«

»Wer? Der Ire?«, fragte der Squire schnell.

»Nun ja, er will überhaupt allerlei Verdächtiges in letzter Zeit bemerkt haben und behauptete sogar, es müsse dort irgendeine Art von Spielhölle existieren, die das böse nichtsnutzige Gesindel so in Helenas Nähe halte. Er war seiner Sache ziemlich gewiss und ist jetzt den Strom hinunter, um sich vollkommen davon zu überzeugen. Ich selbst möchte nur noch abwarten, wie die Veränderung auf den Zustand jener unglücklichen Frau einwirkt, und dann nehme ich meine Jolle und fahre so rasch wie möglich nach Victoria, unser Flatboot zu überholen. Unterwegs will ich übrigens selbst dort landen, wo ich die Arme gefunden habe, und einem alten Jäger, wie ich bin, wird es nicht schwer werden, zu entdecken, was jener Ort verbirgt.«

»Sie fahren allein?«, fragte der Squire.

»Leider, ich muss Steuermann und Bootsknecht spielen, doch das kann nichts helfen, wenn sich nur der verwünschte Nebel ein klein wenig aufklären wollte.«

»Ja, ja«, sagte Dayton, »wie es jetzt ist, würde es Ihnen auch unmöglich werden, stromab zu gehen. Sobald Sie die Ruder eingelegt haben, wissen Sie nicht mehr wohin. Ich rate Ihnen auf jeden Fall, erst den Nebel abzuwarten, vielleicht finden Sie bis dahin auch eine Begleitung. Es sind fast stets Leute hier, die nach Victoria hinüber wollen.«

»Nun, statt mancher Begleitung führe ich lieber allein«, meinte Tom. »Wenn mich übrigens jemand, um seine Passage zu verdienen, hinabrudern wollte, hätte ich nichts dagegen. Das wird übrigens keiner tun, und ich habe auch keine Zeit, darauf zu warten. Kann ich in dem Nebel nicht rudern, ei nun, so lass ich das Boot eben treiben, und die Strömung muss es ja dann mit hinab nehmen. Jeder Snag, an dem ich vorbeikomme, sagt mir die Richtung der Flut, und überdies kann ich mich ja auch anfangs noch ein wenig in der Nähe des Ufers halten. Doch ich muss einmal nach meinem Boot sehen. Es ist nicht angeschlossen, und ich traue den Burschen hier nicht besonders viel Gutes zu.«

»So erwarten Sie mich wenigstens, ehe Sie abfahren, an Ihrem Boot«, sagte der Richter. »Ich will Ihnen ein paar Zeilen an den Friedensrichter in Sinkville mitgeben, damit Sie, im Fall Sie wirklich etwas Verdächtiges entdeckten, dort gleich Unterstützung fänden. Die junge Dame soll indes gut aufgehoben sein.«

»Ich fürchte das Schlimmste für die Unglückliche«, seufzte Tom und schritt langsam dem Flussufer zu, während der Richter stehen blieb und ihm lange und sinnend nachschaute.

Noch stand er so, als ein kleiner weißer Knabe auf ihn zutrat und ihm ein locker und unordentlich zusammengefaltetes, aber mit vielen Siegeln fest verklebtes Briefchen gab, das er las und zu sich steckte. Dann ging er langsam die Mainstreet hinab und verschwand in der nächsten, rechts abführenden Straße.

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