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Schwäbische Sagen 2

Schwäbische-Sagen

Die Nachtfräulein des Urschelbergs

1

Eine mündliche Überlieferung aus Pfullingen

In Pfullingen liegt eine ganze Häuserreihe, die heißt »Wiel« oder »auf Wiel«. Die Straße, welche daran vorbeiführt, ist die Fortsetzung der »Heergasse«, über welches das Mutesheer hinzieht, und führt weiter nach Genkiengen. In diese Häuser »auf Wiel«, besonders aber in das letzte Haus rechts, kamen des Winters oftmals drei weiße, kleine Fräulein, die man Nachtfräulein oder »Nonnen« nannte. Sie kamen vom Urschelberg her, über den Katzenbohl, durch die Weinberge, und zuletzt durch eine kleine steinerne Tür, die dem letzten Haus »auf Wiehl« gegenüber liegt. Sie besuchten hier die Spinnstube und spannen selbst, solange die Leute aufblieben, setzten sich aber nie ans Licht, sondern hinter die Tür, in einem Winkel oder auch wohl unter den Tisch. Einst schnitt ein Bursche dem einen Fräulein den Faden ab. Da gingen sie gleich fort und sind nie wieder gekommen. Andere sagen, sie hätten die vollen Spindeln immer unter die Bank gelegt. Ein Bursche aber habe sich einst dort versteckt gehabt und in ihr Garn gebissen. Deshalb seien sie weggeblieben. Dem Haus aber hat es keinen Segen gebracht.


2

Eine mündliche Überlieferung aus Pfullingen

Die Nachtfräulein kamen sehr regelmäßig im Winter zu dem Provisor Hans Marte in Pfullingen und spannen dort in der Lichtkarz. Da entstand teure Zeit und der Mann klagte einst über Kornmangel, worauf die Nachtfräulein sagten: »Wir wollen den Vi-Vater fragen.«

Als sie am folgenden Abend wiederkamen, sagten sie: »Der Vi-Vater wolle ihm Korn leihen. Er solle es nur da und da abholen. Allein nach der Ernte müsse er es zurückgeben. Nur dürfe er am Sonntag nichts mit dem Kornfeld vornehmen. Indes besah der Mann das Korn öfters am Sonntag. Deshalb wollten sie es später nicht nehmen. Es sei zu leicht, weil er es am Sonntag besehen habe, sagten sie, und seitdem sind sie weggeblieben.


3

Mündlich aus Reutlingen von einer alten Frau, deren »Guk-Ehne« diese Geschichte erlebt hatte

Im Urschelberg bei Pfullingen lebten vor langer Zeit drei »verwunschene Fräulein«, die kamen im Winter alle Abend in das Haus eines armen Mannes mit ihrer Spindel und spannen daselbst von sieben bis elf Uhr, redeten aber nicht ein einziges Wort. Für das Licht, welches sie gebrauchten, legten sie dem Mann jede Woche zwei Kreuzer stillschweigend hin und entfernten sich dann. So waren sie schon zwei Winter lang in das Haus gekommen. Der Mann versuchte es oft, ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen, klagte ihnen wohl seine Not, da er sehr arm war, erhielt aber niemals eine Antwort. Da geschah es an einem Abend, dass dem einen Fräulein der Faden brach.

Da sprach sie: »Pfitzede pfitz, der Faden ist broche!«

Darauf sagte die Zweite: »Pfitz’en wieder z’sämen, so ist er wieder pfaatz!« (ganz)

Die Dritte aber sagte: »Hat nicht der Vi-Vater g’sait, sollest nit fätze!« (Andere sagen, es heiße: »Wann der Vi-Vater kommt, sollest nit bätze!« d. i. schwätze.)

Am anderen Morgen stand vor dem Haus des armen Mannes ein Sack voll schöner Frucht und oben drauf lag auch noch Geld. Die drei Fräulein aber sind nicht wiedergekommen.


4

Überliefert durch Herrn Pfarrer Meyer in Pfullingen

Bei zwei Frauen in Pfullingen, (im Keßler’schen Haus »auf Wiel« und bei dem sogenannten »Wiel-Weber«) fanden sich regelmäßig an jedem stillen Winterabend zwei Nachtfräulein ein. Die waren klein, zierlich und wunderschön gebaut, hatten glänzende Gesichter und schneeweiße, funkelnde Kleider. Sie setzten sich an die Kunkeln der Weiber und spannen flink die feinsten Fäden; waren aber schweigsam gegenüber den Menschen. Nur unter sich wechselten sie zuweilen einige Worte in kindischer Aussprache. Sobald der Morgen anbrach, gingen sie davon, und man konnte ihr Laternchen bis in die Gegend des Nachtfräuleinloches sehen. Dann war auf einmal alles verschwunden. Der Flachs indes war jedes Mal abgesponnen, wie groß die Kunkeln auch gewesen waren.

Plötzlich aber blieben sie aus. Als Grund davon erzählt man sich Folgendes: Der Wiel-Weber hatte einst Fruchtmangel und klagte diese Not seinem Weibe, als eben die Nachtfräulein da waren. Da bot ihm das eine Fräulein Frucht an, soviel er begehre, jedoch unter der Bedingung, dass er nach der Ernte alles zurückgebe. Nur dürfe das Korn nicht am Sonntag gedroschen sein. Abends standen zwei Säcke voll herrlicher Frucht an der Treppe, und es wusste niemand, wie sie hergekommen waren. Als der Wiel-Weber nun nach der Ernte das entlehnte Korn in denselben Säcken wieder an die Treppe stellte, da blieb es Tage und Wochen lang unberührt stehen.

Endlich kam eine von den beiden Nachtfräulein und sprach, indem sie bitterlich weinte: »Die Frucht sei am Sonntag gedroschen. Sie könne jetzt nimmer zu den Menschen kommen, da man sie betrogen hatte.« Darauf verschwand sie, und seitdem hat man nichts mehr von den beiden Nachtfräulein gesehen. Mit ihnen war aber auch der Segen aus dem Haus gewichen. Der Wiel-Weber hatte wirklich die Frucht am Sonntag gedroschen, und um zu sehen, was darauf erfolgen möge, hatte er damit bis nachts nach 12 Uhr fortgemacht.


Die Urschel und die Bergfräulein

Eine mündliche Überlieferung aus Reutlingen

Auf dem Urschelberg bei Pfullingen stand ehedem ein Schloss, das jetzt versunken ist. Darin lebt aber noch immer die alte Urschel mit mehreren »Bergfräulein«. Sie trägt eine altertümliche Haube auf dem Kopf und hat um den Leib herum eine goldene Kette, an der ein Schlüsselbund hängt.

Sie besuchte früher mit ihren Bergfräulein oftmals die benachbarten Dörfer, besonders Pfullingen, und ging in die »Karz«, d. i. in die Spinnstube und unterhielt sich hier mit den Leuten, spann auch wohl selbst zuweilen. Erlaubte sich aber jemand etwas Unanständiges oder schnitt ein Bursche ihr oder einem der Fräulein den Faden ab, so ging sie sogleich mit ihren Begleiterinnen fort und kam in ein solches Haus nie wieder, was man für ein großes Unglück hielt, denn ihr Besuch brachte Segen.

Auch nach Reutlingen kamen diese Bergfräulein zuweilen auf einem unterirdischen Gang und stiegen gewöhnlich mitten auf dem Markt aus der Erde hervor, ohne dass man die geringste Spur am Boden erblicken konnte. Sie gingen dann ebenfalls in die Spinnstuben, spannen und unterhielten sich.


Die Urschel schießt Korn vor

Eine mündliche Überlieferung aus Reutlingen

Ein armer Mann aus Reutlingen, bei welchem die Urschel eines Abends spann, klagte ihr seine Not, dass er kein Korn mehr habe. Darauf sagte sie ihm, er solle am anderen Tag an den Eingang ihrer Höhle auf den Berg kommen. Dort solle er Korn erhalten; allein sie leihe es ihm nur, und sobald er geerntet hatte, müsse er es zurückgeben. Da fuhr der Mann am folgenden Tag auf den Urschelberg, fand das versprochene Korn an der bezeichneten Stelle und nahm es mit heim und verbrauchte es.

Als nun die Ernte nahe war, besah der Mann eines Sonntags sein Feld, fand das Korn reif, ließ es schneiden und dreschen und brachte alsbald auch auf den Urschelberg den entlehnten Sack voll Korn. Einige Tage später kam er wieder auf den Berg und sah, dass das Korn noch auf demselben Platze stand, wo er es abgeladen hatte.

Da rief er der Urschel zu, er habe ihr das Korn zurückgebracht, ob es nicht richtig sei.

Sie antwortete: »Nein, sie könne es nicht nehmen, weil er es am Sonntag besehen habe.«

Deshalb, bemerkte die Erzählerin, vermeiden es noch jetzt manche Leute, an einem Sonntag nach den Kornfeldern zu sehen.


Die Hebamme in den Urschelberg geholt

1

Eine mündliche Überlieferung aus Pfullingen

Einst kam ein Mann nach Pfullingen gelaufen und holte eine Hebamme in das Schloss des Urschelbergs. Nach einer anderen Aussage holte er sie in einem Wagen ab, und der sei so schnell gefahren, als ob der Wind ihn durch die Luft getrieben habe. Nachdem die Hebamme sodann die Frau des Mannes entbunden, reichlich gegessen und getrunken hatte, sprach der Mann: »Geld hab ich nicht. Aber deinen Lohn hab ich dir da in die Schachtel gelegt!«

Mit diesen Worten überreichte er ihr eine Schachtel, die sie nahm und damit fortging. Weil die Schachtel aber so sehr leicht war, so war die Frau neugierig zu wissen, was sie enthalten möchte, öffnete sie und sah beim Licht ihrer Laterne – denn es war Nacht – dass drei Strohhalme darin lagen. Etwas ärgerlich machte sie die Schachtel wieder zu und ließ bei der Gelegescheit einen Strohhalm herausfallen. Als sie aber am anderen Morgen zu ihrem Mann sagte, »Jetzt guck auch nur einmal, was ich gestern verdient habe!« und die Schachtel aufmachte, da lagen zwei Stangen helles, schweres Gold darin. Jetzt hat sie auch den dritten Strohhalm noch gesucht, aber nicht mehr gefunden.


2

Eine mündliche Überlieferung aus Pfullingen von einer alten Frau

Einstmals kam ein kleiner »unterirdischer Mann« nach Pfullingen und bat eine Hebamme, dass sie doch mit ihm gehen und eine Frau im Urschelberg entbinden möchte. Die Hebamme war anfangs nicht geneigt dazu und ging erst zu ihrem Pfarrer und fragte den, ob sie es auch tun dürfe. Als der Pfarrer aber von dem kleinen hübschen Männlein, das mitgegangen war, erfuhr, dass die »Unterirdischen« nicht gebären könnten, wenn nicht ein »Oberirdischer« ihnen helfe, so sagte er, die Hebamme solle nur mitgehen, was sie denn auch sogleich tat. Wie sie nun eine Weile miteinander gegangen waren, so verband das Männlein der Hebamme die Augen und so wurde sie in den Berg geführt, was sie an der veränderten Luft merkte. Alsdann klopfte das Männlein an eine Tür. Die tat sich sogleich auf, und der Hebamme wurde die Binde von den Augen genommen, und man führte sie zu der kreisenden Frau, die sie mit leichter Mühe entband. Darauf wurde das neugeborene Kind auf der Stelle getauft, und zwar in einer unterirdischen Kirche. Die hatte einen Altar und war sehr schön ausgeschmückt. Auch ein besonderer Pfarrer war da, der die Taufe verrichtete.

Hierauf gab der unterirdische Mann der Hebamme drei Briefchen und sagte, es sei ihr Lohn darin, aber sie solle nicht eher danach sehen, bis sie in ihrer Wohnung sei. Dann verband er ihr die Augen und führte sie so über den Schützenhausbach bis zum Armenhaus, woselbst er ihr auf dem Hinweg die Augen verbunden hatte. Da verließ er sie und kehrte um. Die Hebamme aber war neugierig, was die drei Briefchen wohl enthalten möchten, denn sie waren ganz leicht, und konnte es endlich nicht lassen und öffnete einen. Da lag ein Strohhalm darin. Dasselbe enthielt der zweite Brief, weshalb sie alle beide verdrießlich fortwarf. Nur den dritten Brief ließ sie zu und nahm ihn mit, um ihn daheim zum Scherz vorzeigen zu können. Als sie aber in ihrem Haus ihn öffnete, lag ein doppelter Dukaten darin.

Acht Tage später holte der unterirdische Mann sie noch einmal zu der Wöchnerin und stellte sie zur Rede, dass sie seine Geschenke weggeworfen und überhaupt nicht getan, was er ihr gesagt habe. Dann beschenkte er sie beim Weggehn noch einmal mit etwas Unscheinbarem. Das hat sie aber behalten und sich wohl dabei befunden.


Die Meerfräulein auf dem Hammetweiler Hof

Eine mündliche Überlieferung aus Mittelstadt

Am linken Ufer des Neckars, Mittelstadt schräg gegenüber, liegt der Hof Hammetweil, wo früher ein altes Schloss gestanden hatte. In der Nähe dieses Hofes hielten sich ehedem zwei Meerfräulein auf, die waren klein wie Kinder und schneeweiß gekleidet. Sie kamen während des Sommers zuweilen an den Neckar und badeten sich darin und patschten recht lustig. Auch hörte man sie zuweilen singen. Des Nachts aber gingen sie in die Wohnungen der Menschen, zum Beispiel in Mittelstadt, und kneteten hier die Brodlaible zurecht, wenn man ihnen abends nur das Wehl dazu hingestellt oder den Teig angerührt hatte.

In Walddorf nannte man diese Meerfräulein »Hochzeiterinnen,« weil sie Kränze aufgehabt haben sollen wie Bräute. Auch nach Altenrieth sind sie gekommen und wurden »Erdweible« genannt. Sie taten des Nachts allerlei Arbeit für die Menschen, aber niemand durfte sie anreden, sonst blieben sie weg. Ihre Wohnung soll beim Wasserfall des Märzenbach gewesen sein.

Einst sah ein Mann eine von diesen beiden Meerfräulein auf dem alten Hammetweiler Schloss mit gefalteten Händen sitzen, als ob sie bete. Man hat einige Mal versucht, diese Fräulein zu fangen. Es ist aber nie gelungen. Endlich sollen zwei Männer in einem Wagen gekommen sein und sie erlöst haben.


Die Edelfrau

Eine mündliche Überlieferung aus Mittelstadt

In der Nähe von Mittelstadt, am jenseitigen Ufer des Neckars, wohnte in dem Keller eines zerstörten Schlosses eine Edelfrau, die war klein von Gestalt und ganz weiß von Ansehen. Sie kam zuweilen bis auf die Neckarbrücke und kehrte dann um. Oft winkte sie auch den Kindern und bot ihnen Sträuße an. Sobald die Kinder hinzutraten und sie nehmen wollten, so verschwand sie. Um Weihnachten hörte man sie beständig Windeln waschen, und zwar am Wasserfall des Märzenbach, der in den Neckar fließt.

Da war einst ein Kelterknecht namens Müller in Mittelstadt, der traf im Feld oftmals die Edelfrau. Sie unterhielt sich gern mit ihm und sagte ihm endlich, dass er der einzige Mann sei, der sie erlösen könne und der auch den Mut dazu habe. Er solle doch in ihre Wohnung in den Keller gehen. Dort stehe eine mit Geld gefüllte Truhe, auf der ein Pudel sitze und sie hüte. Diesen Pudel solle er fassen und wegheben und sich nur nicht fürchten, wenn er auch Feuer speie. Alsdann würden Nattern, Eidechsen, Blindschleichen und anderes Getier an ihm hinauflaufen und über seine Schultern und den Rücken wieder hinabkriechen. Allein er dürfe keine Angst haben, es geschehe ihm gewiss nichts, denn sie selbst sei es ja, die in diesen Tieren erscheinen müsse. Wenn er dies alles still aushalte, ohne ein Wort zu reden, so sei sie erlöst, und der Schatz in dem Keller gehöre dann sein.

So sprach die Edelfrau oftmals zu dem Kelterknecht, indem sie ihn stets bis an die Neckarbrücke begleitete. Er konnte sich aber nicht dazu entschließen, sie zu erlösen, und antwortete ihr jedes Mal: »Gott helfe dir! Ich kann nicht.«

Als sie endlich sah, dass all ihr Flehen umsonst war, so jammerte sie laut und sprach: »Jetzt muss ich noch dreihundert Jahre schweben, ehe mich wieder jemand erlösen kann.« Und während sie das sagte, entstand zugleich ein heftiger Sturm, der heulte entsetzlich.

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