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Dark Empire

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Engel oder so …

Engel oder so …

Zwei Tage.

Er konnte es selbst nicht glauben, aber seit zwei endlosen Tagen wanderte er in diesem winzigem Raum nun schon auf und ab, ruhelos, die Nerven mittlerweile aufs Äußerste gespannt. Missmutig warf er einen Blick über die Schulter, fixierte die runde, speckig glänzende Halbglatze, welche über die Kante des zerschlissenen Polstersessels hinausragte und marschierte dann entschlossen auf die betreffende Person zu.

Wie er dort saß, in den ausgebleichten Jogginghosen, dem fleckigen T-Shirt, welches ihm eindeutig zu klein war und so den Blick auf einen, von dunklen Haaren gekrönten, mächtigen Bauch freigab.

 

Er, Walter, lehnte, tief in dem alten Sessel versunken, auf seinem rechten Arm, während er mit der linken Hand aus einer kleinen, bauchigen Flasche Tropfen für Tropfen einer giftgrünen Flüssigkeit in ein Glas fallen ließ. Es schien, als würden sich seine schmalen Lippen bewegen, als würde er die Tropfen sorgsam mitzählen.

Schließlich setzte er die Flasche ab, verschloss sie gewissenhaft und wählte einige geöffnete Medikamentenpäckchen, aus denen er sich wahllos eine Handvoll bunter Pillen auswählte, um diese letztendlich in das Glas zu werfen. In aller Seelenruhe kippte Walter noch einen großzügigen Schluck Bier darüber und verrührte die Brühe mit dem Zeigefinger, welchen er anschließend genüsslich ableckte.

Auf dem kleinen, von klebrigen Flecken übersäten Tisch verriet die Anzahl der leeren Schachteln und Bierdosen, dass er schon mehrere solcher Cocktails gemixt hatte.

 

Walters Gesichtsausdruck strahlte, neben der Tatsache, dass er sich seit mehreren Tagen nicht mehr rasiert und wohl, angesichts der Anhäufung von tiefschwarzen Augenringen, ebenso lange nicht mehr geschlafen hatte, eine seltsame, heitere Gelassenheit aus. Dümmlich grinsend starrte er mit glasigen Augen auf den Fernseher und nippte an seinem Mixgetränk.

 

Das reichte nun endgültig. Er konnte es nicht länger ertragen, diesem grausigen Kerl zuzusehen. Allein die Gewissheit, dass sich ebenjene Person seit den zwei Tagen seiner Anwesenheit nicht geduscht und das breite Gesäß nur für den Gang zur Toilette erhoben hatte, genügte, um in ihm ein abgrundtiefes Gefühl dauerhaften Ekels hervorzurufen.

Selbst die Fenster waren geschlossen, nur spärlich drang Licht durch die Ritzen der Jalousien herein und somit hielt sich auch der Gestank nach herben, männlichem Schweiß und Bier, gepaart mit einer dezenten Note von Urin, hartnäckig. Lediglich das fortwährende Flackern des Fernsehbildes erhellte zeitweise den schmuddeligen, kleinen Raum.

 

Irgendwie war er sogar froh, nicht alles in der ernüchternden Helligkeit einer 100-Watt-Glühbirne erkennen zu können. Manche Dinge sollten eben doch im verborgenen bleiben, dachte er sich.

Langsam trat er vor den Fernseher und sinnierte über eine entsprechende Pose nach, als ihm plötzlich ein anderer Gedanke kam: Konnte er es überhaupt verantworten, diesem Nichtsnutz zu erscheinen? Nun, aufgrund des momentanen Alkoholpegels würde sowieso niemand auch nur ein Wort aus dem Mund dieser Person glauben und selbst wenn, er würde lieber in kochendem Teer baden, als auch nur noch eine weitere Stunde hier verbringen zu müssen.

Ganz abgesehen davon: Wenn er hier endlich fertig wäre, dann würde der Kerl sowieso zu niemandem mehr etwas sagen.

 

Er entschloss sich für die »Sieh her und erstarre in Ehrfurcht«-Pose, allerdings ohne Heiligenschein und ebenso ohne Schwert, das erschien ihm dann doch etwas zu viel des Guten. Also richtete er sich breitbeinig zu seiner vollen, imposanten Größe auf, streckte die eine Faust gen Zimmerdecke, während er die andere in die Hüfte stemmte. Ein unsichtbarer Lufthauch umwehte sachte seine nackten Beine, ließ die schneeweiße Stola sanft flattern und die güldenen Sandalen funkelten sternengleich. Die gewaltigen Schwingen streckte er, sodass sie fast den ganzen Raum auszufüllen schienen.

Nun setzte er nur noch einen strengen Gesichtsausdruck auf, nur ein wenig, nicht zu viel, und beschloss schließlich, dass es an der Zeit wäre.

Gehüllt in ein strahlendes, warmes Licht stand er nun sichtbar vor ihm und starrte ihn aus seinen dunklen, schillernden Augen entgegen.

 

Das Glas glitt Walter aus den Fingern und fiel klirrend hinab, während sich die zähflüssige Masse darin über den schmutzigen Boden ergoss. Mit weit geöffnetem Mund starrte er auf die leuchtende Gestalt, blinzelte, blinzelte erneut und begann jäh hektisch zwischen seinen Beinen zu wühlen.

Die Gestalt hob kurz eine Augenbraue, behielt jedoch ihre Pose bei.

Ah, endlich, er hatte sie gefunden. Liebevoll lächelnd hob Walter die Fernbedienung in Richtung der Erscheinung und drückte mehrmals fest auf jeden einzelnen Knopf. Es tat sich natürlich nichts. Irritiert sah er nochmals auf die Fernbedienung, dann zu der Gestalt und wieder zurück. Man konnte förmlich sehen, wie es in seinen verbliebenen, watteverpackten Gehirnzellen zu arbeiten begann. Oder zumindest der Versuch einen Gedanken zu bilden stattfand.

Schließlich quiekte er fröhlich, strich zärtlich über das schmale Gerät, als würde er sie liebkosen und starrte dann fasziniert auf die Erscheinung, welche immer noch in derselben Pose verharrte.

»Boah!«, sagte Walter, beugte sich vor und grapschte mit den fettigen Fingern vor der Gestalt herum, ohne sie jedoch zu berühren. »Das muss 3D sein. Geil, wusste gar nicht, dass meine alte Kiste das auch kann.«

Erneut strich er liebkosend über die Fernbedienung, ehe er hastig nach der Fernsehzeitung angelte und aufgeregt darin blätterte.

»Hm … was ist das für ein Film?«, murmelte er vor sich hin.

»Sieht ja aus wie Superman, nur irgendwie mehr nach Tussi. PUSSYMAN!«, grölte er plötzlich und schlug sich vor Lachen auf die fette Wampe.

Er verdrehte angewidert die Augen und Zornesröte stieg ihm ins Gesicht. Er stampfte auf, verließ seine sorgfältig durchdachte Pose und mit dunkler, hallender Stimme rief er dröhnend: »Dümmlicher Narr! Weißt du nicht, wen du hier vor dir siehst? Ich bin ein Engel, Unwissender!«

Mit weit aufgerissenen Augen sah Walter ihn weiterhin treudoof an und hörte nicht auf, seine Fernbedienung zu streicheln.

»Ein Engel?«, fragte er blöde. Sein watteverpacktes Gehirn gaukelte ihm immer noch fröhliche, freundliche heile Welt vor.

Er presste die Hände so fest zu Fäusten zusammen, dass die ohnehin schon blassen Knöchel derart weiß wirkten, dass sie fast unsichtbar waren.

»Ja«, sagte er und hatte alle Mühe ruhig zu bleiben. Denk an Regel 7, dachte er sich, keinen Kandidaten selber umbringen.

»Boah«, wiederholte Walter stumpfsinnig. »Bist du mein Schutzengel?« Er grinste böse.

»Nein. Kein Schutzengel. Ich bin ein … unterstützender … Engel … sozusagen.«

Walter hatte die Fernbedienung inzwischen beiseitegelegt, etwas enttäuscht wirkte er. 3D-Fernsehen wäre ihm wohl deutlich lieber gewesen, andererseits schien er auch nicht besonders beeindruckt. Stattdessen seufzte er, als sein Blick auf das zerbrochene Glas am Boden fiel, beugte sich über den Tisch, grapschte nach einem neuen, ignorierte, falls er es überhaupt bemerkte, dessen eingetrocknete, tiefbraune Getränkereste am Boden und begann erneut, das Glas zu befüllen.

»So, so«, murmelte Walter und es klang richtig mechanisch, als wäre sein Verstand längst schon verpufft. »Unterstützend, hä?«

 

Jetzt reichte es ihm endgültig!

Er packte die halb volle Flasche mit dem giftgrünen Inhalt, riss sie ihm aus der Hand und wedelte damit zornig vor Walters aufgedunsenem Gesicht herum. Offensichtlich fiel es Walter schwer, den schnellen Bewegungen zu folgen, seine Augen rollten irritiert in den Höhlen.

»Seit zwei Tagen stehe ich hier jetzt rum und was tust du? Trinkst DAS hier! DAS!«

Heftig schüttelte er die Flasche, sodass sich ein feiner, grünlicher Schaum bildete. Es sah aus wie die Perversion einer gefüllten Badewanne.

Walter sah ihn aus großen Augen an und immer noch lächelte er dümmlich vor sich hin, was die Wut des »Engels« natürlich noch steigerte.

Er stellte die Flasche mit einem lauten Knall zurück auf den Tisch und wanderte heftig gestikulierend auf und ab.

»Zwei Tage lang sehe ich dir schon zu, wie du dir deinen fetten Hintern kratzt, rülpst, furzt und sonstige Töne von dir gibst und ständig in die Glotze starrst. Dazu kippst du einen medizinischen Cocktail nach dem anderen und was passiert? Nichts!«

»Öh …«, sagte Walter und pulte einen Fussel aus seinem Bauchnabel. »Und?«

»Und?«, brüllte er. »UND!?! Bist du blöd, Mann? Was heißt hier UND?«

Er griff sich an die Brust und zwang sich tief ein- und auszuatmen. Ganz ruhig, sagte er sich, alles wird gut. Den kriegst du auch noch unter die Erde. Ganz ruhig. Mit einem aufgesetzten Lächeln blickte er erneut zu Walter, der sich keinen einzigen Millimeter bewegt hatte, geschweige denn von der Brüllerei in irgendeiner Art und Weise beeindruckt gewesen wäre. Im Gegenteil, Walter amüsierte sich ungemein. Er fand, dass der Stoff diesmal überaus angenehme Nebenwirkungen hatte. Seltsame, aber doch angenehm.

»Also, ich erkläre es dir einmal ganz, ganz langsam, mein lieber, lieber Walter«, sülzte er angewidert mit gefährlicher Freundlichkeit in der Stimme. »Ich bin ein unterstützender Engel. Ich unterstütze dich bei deinem Vorhaben, ja? Ich helfe dir. Verstehst du? H – e – l – f – e – n.«

Walter nickte.

Walter überlegte kurz.

Walter schüttelte den Kopf.

Der Engel seufzte und begann seine pochenden Schläfen zu massieren. Denk an Regel Nummer 3, dachte er, erzähl dem Mandanten, was immer nötig ist, damit er endlich einen Abgang macht.

Er hob den Kopf, legte die Fingerspitzen aneinander und sagte dann, sehr ruhig, sehr konzentriert und vor Sarkasmus triefend: »Hör zu, du versoffener Trottel. Du versuchst seit zwei Tagen dich umzubringen, weil deine Frau dich – oh Wunder – verlassen hat.« Er warf einen vielsagenden Blick in den Raum. »Und weil du …«

Er stockte kurz, ging zu Walter hinüber und hielt ihm erneut die Flasche vor das Gesicht, ehe er fortfuhr: »Weil du nichts anderes in dich reinschüttest als Hustensaft.« Er schüttelte die Flasche heftig. »Hustensaft!«

»Ja, aber die Pillen«, wagte Walter zu entgegnen.

»Pillen?« Er lachte böse. »Das sind keine Pillen, das sind derart niedrig dosierte Vitamin C Kapseln und von deinem Arzt, diesem Suffkopf, verschriebene Placebos, damit kannst du dich nur umbringen, wenn du vorhast, an zu viel Gesundheit sterben.«

Er seufzte.

»Sieh mal, Walter, so geht das nicht. Du bist fest entschlossen, du willst das durchziehen und dann süffelst du so ein Zeug? Das funktioniert so nicht. Nimm eine Waffe, ein Messer, eine Knarre, nimm meinetwegen Schlaftabletten, aber doch nicht so einen Mist. So kann das nichts werden.«

Seine Stimme klang eindringlich, belehrend und dabei außergewöhnlich liebenswürdig.

Walter dachte nach. Er dachte wirklich nach.

Ein kleiner Funken Hoffnung keimte in ihm auf. Vielleicht könnte er die Sache doch noch schnell über die Bühne bringen. Regel Nummer 5: Tu, was immer nötig ist und noch ein bisschen mehr. Er grinste.

»Walter«, sagte er und seine Stimme klang plötzlich sanft und schmuseweich. »Mein lieber Walter. Ich dachte, ich helfe dir etwas und bleibe zwei Tage lang bei dir, zwei Tage, seitdem mich dein Gedanke an Selbstmord erreicht hat, und passe darauf auf, dass auch alles glatt läuft und du brav über den Jordan schipperst, aber so langsam kommen mir Zweifel an deinem Vorhaben. Und du willst doch nicht, dass ich an dir zweifle oder?«

Walter sah ihn irritiert an, das Gespräch hatte eine Richtung genommen, die ihn irgendwie nicht glücklich machte, glaubte er. Außerdem hatte er kein einziges Wort verstanden, aber langsam drängte sich ihm der Verdacht auf, dass hier etwas ganz und gar nicht so lief, wie es üblicherweise in seinem Delirium ansonsten der Fall war. Nichtsdestotrotz grinste er weiterhin dümmlich vor sich hin. Irgendwo tief in seinem Kopf meldete sich eine Stimme, die ihm vehement riet, schnellstmöglich abzuhauen, aber durch die Tausende Lagen von alkoholgetränkter Watte, umhüllt von Hustensaft und mit Vitamin C Dämmung drang diese Stimme nur als leises Piepsen durch.

 

»Öh … nein? Öh … ja? Öh …?«, fragte Walter zaghaft.

Der Engel tätschelte seine Wange und lächelte freundlich.

»Ja, Walter. Die erste Antwort. So ist es gut. Das wird ja noch mit dir. So und nun …«

»Hab‘s mir anders überlegt.«

»Hä?«

»Hab‘s mir anders überlegt«, wiederholte Walter.

Herrje, hatte der plötzlich eine Erleuchtung?

»Was soll das heißen?«, knurrte er.

»Hab‘s mir anders überlegt«, nuschelte Walter erneut.

»Nein, nein … NEIN!« Das letzte Wort brüllte er wieder. Jetzt war es endgültig mit seiner Ruhe vorbei. Scheiß auf die Regeln, dachte er.

»So geht das nicht – du hast eine Entscheidung getroffen, also zieh das jetzt durch, du versoffener Sack! Kratz endlich ab!«

»Hab‘s mir anders überlegt.«

»Aaaaaargh!« Er hob die Hände, führte die gespreizten Finger in Richtung von Walters monströsem Hals. Es wäre so leicht, einfach zudrücken, nur zudrücken. „Los! Nimm ein Messer, eine Waffe, spring aus dem Fenster – aber beeil dich endlich!«

Nein, das war definitiv nicht so wie in seinen sonstigen Deliriumsfantasien. Etwas lief hier völlig falsch. Vielleicht lag es auch an dem Hustensaft, denn diesmal hatte er eine neue Geschmacksrichtung ausprobieren wollen.

»Hmmmm …«, machte Walter und schüttelte leicht den Kopf.

»Walter. Überleg doch mal, sieh dich doch mal um. Du haust in einem Drecksloch, alles ist widerwärtig – DU bist widerwärtig. Deine Frau ist weg und wird nie wiederkommen. Das ist doch kein Leben, Walter. Jetzt kannst du noch in Würde abtreten, aber in wenigen Wochen …«

Er machte eine dramatische Pause.

Etwas stimmte nicht, doch es war Walter unmöglich zu sagen, wo genau das Problem lag. Er wusste, dass es eines gab, aber diese Wattebäuschchenwelt, in der er sich befand, verwehrte ihm weiterführende Gedanken.

»Nun gut, Walter. Es ist ganz einfach, ich habe einen vollen Terminkalender und nicht mehr viel Zeit, außerdem ist Ende des Monats und ich habe meine Quote noch nicht erfüllt. Verstehst du, was das heißt?«

Walter blinzelte.

»Sieh mal, ich mache es dir leicht. In diesem Müllhaufen, den du Wohnung nennst, etwas zu finden, ist schier unmöglich, also zieh die Jalousien hoch und spring einfach aus dem Fenster. Kapiert?«

Walter schüttelte wie in Zeitlupe den Kopf.

»Spring!«

Walter schüttelte wieder den Kopf.

»Walter«, säuselte er. »Oh, Walter.«

Dieser saß immer noch im Sessel, warf dem Hustensaft begehrliche Blicke zu, die andere Männer einer enormen Pornosammlung zugeworfen hätten, und bemühte sich, inmitten seines Deliriums zu erkennen, was die kleine, intelligente Stimme der Moral ihm durch die Watteverpackung hindurch mitteilen wollte. Wie angegossen saß dieses kranke Lächeln in seinem Gesicht fest.

»Walter!«, brüllte er. Verflucht, sein Chef würde ihn strafversetzen, wenn er weiter soviel Zeit vertrödelte.

Walter hob den Kopf und warf ihm einen verklärten Blick zu.

»Steh auf und komm her«, befahl er ihm, doch Walter sah ihn nur weiterhin treudoof aus seinen blutunterlaufenen Kulleraugen an.

»Komm her und spring raus. Da raus!«

Walter blinzelte kurz und wandte seinem Blick wieder dem Hustensaft zu.

 

Er verdrehte die Augen und seufzte. Nun gut, dann musste es eben anders gehen.

»Okay, Walter, wir machen es anders.«

Er ging auf ihn zu, griff ihm unter die Arme, bemühte sich den intensiven Schweißgeruch zu ignorieren und half ihm auf die Beine. Er war seltsam leicht, aber möglicherweise lag es auch nur an seinen Engelskräften. Er war ja so dankbar. Fast erleichtert knirschte der Sessel, als Walter sich aus ihm erhob. Etwas schwankend stand er nun da und ließ zuerst seinen gewaltigen Blähungen freien Lauf.

Unter seiner blassen Engelshaut wurde er eindeutig grün. Walter kicherte.

»So, Walter. Jetzt komm mit mir mit. Ein Schritt und noch ein Schritt. Schön langsam.« Er sprach wie mit einem Kleinkind.

Unglaublich, dass er alles selber erledigen musste. Irgendwie war ihm, als hätte er etwas vergessen, doch nun hatte er keine Zeit darüber nachzudenken. Vorsichtig bugsierte er den taumelnden Walter zum Fenster, lehnte ihn gegen die Wand und zog mit einer Hand die Jalousien nach oben. Gütiger, er war so froh, dass Walter sich nicht wehrte.

Die Stimme wurde nun deutlicher, lauter.

Geh weg, sagte sie.

Lauf, sagte sie.

»Walter«, säuselte er, während er das Fenster öffnete. »Walter, spürst du das? Die frische Luft? Hörst du das Säuseln der Autos unter uns? Ist das nicht wunderschön?«

Die Stimme sprach noch immer, aber nun war es schwer, sie zu verstehen. Der Engel übertönte sie. Walter wollte etwas tun, sagen, aber er grinste nur dümmlich. Wie eine Marionette ließ er sich von dem Engel führen. Ein Schritt, noch ein Schritt. Leise flüsternder Wind huschte an dem Fenster vorbei, die grellen Lichter der Straßenlampen brannten in seinen Augen und die kühle Luft ließ ihn frösteln. Es war ihm egal. Alles war so fluffig, so watteweich, freundlich und schmuserosarot.

Walter lächelte.

Er trat auf das schmale Sims hinaus, Walters Hand hielt er immer noch festgepackt.

»So, Walter«, rief er, um den Straßenlärm unter ihm zu übertönen. »Jetzt komm hier rauf, du kannst das, Walter. Einfach den Fuß hochstellen, auf die Heizung. Halte dich an mir fest, ja, so ist es gut. Zieh dich hoch.«

Er musste sich konzentrieren, um nicht den Halt zu verlieren.

»Perfekt, Walter.«

Endlich. Zwei Tage und nun war es fast geschafft. Walters massiger Körper hing nun halb aus dem Fenster, er kniete mit einem Bein auf dem Fensterbrett, das andere hing in der Luft, während er mit den Fußspitzen auf dem Sims stand und sich an Walters Schultern festhielt.

»Okay, Walter. Es ist soweit. Alles wird gut, du kannst das … noch ein Stück, noch ein kleines … UAAAAAAAH!«

Walter sah ihm nach, wie die weißen Flügel flatterten und den Körper knapp über dem Boden auffingen, wenn …

Tja, wenn der LKW nicht gewesen wäre …

 

Irgendwie war er nicht glücklich. Er vermisste seinen Saft. Aber es gab noch ein anderes, deutlicheres Problem: Sein Körper klemmte im Fenster fest.

Walter seufzte.

Er war müde.

Nun, er hatte ja Zeit.

Sein Kopf wurde schwer.

Und schwerer.

Und langsam nickte er ein.

Und immer noch lächelte er.

(sk)

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