Ein Klondike-Claim – Kapitel 10
Nicholas Carter
Ein Klondike-Claim
Eine Detektivgeschichte
Street & Smith, New York, 1897
Kapitel 10
Gestohlene Papiere
Seit mehr als zwei Wochen war Haney Stokes so vollständig aus Circle City verschwunden, als hätten seine Bewohner ihn nie zu Gesicht bekommen.
Eine Zeit lang lief alles gut. Männer gruben und schwitzten für Gold, und Millionäre wurden innerhalb einer Woche gemacht. Bald begannen sich Firmen zu bilden. Eine davon war die Old Glory Mine Company, die in den Besitz eines weiteren reichen Claims gelangt war. Im Zusammenhang mit dieser Gesellschaft standen eines Morgens ein halbes Dutzend Männer vor einem Geschäftsgebäude in Circle City.
»Nun, Fowler«, sagte einer von ihnen, »wir sind bereit für das Geschäft. Lassen Sie uns anfangen.«
»Ich warte auf Murdock, Mr. Bellows«, lautete die Antwort. »Ohne ihn können wir kaum weitermachen.«
»Warum nicht?«
»Er hat die Papiere, die unser Eigentumsrecht an der Mine belegen.«
»Nun, Sie können sicher nicht erwarten, Ihr Eigentum ohne diese Papiere zu veräußern.«
»Natürlich nicht; Murdock wird sicher gleich hier sein.«
Die Männer blickten die Straße in beide Richtungen hinauf und hinunter. Der Mann, der als Bellows angesprochen worden war, war offensichtlich ungeduldig.
»Es erscheint seltsam«, sagte er, »dass Papiere von solcher Wichtigkeit der Obhut eines einzelnen Mannes anvertraut werden…«
»Sie müssen verstehen, Mr. Bellows«, unterbrach ihn Fowler, »dass in diesem Teil des Landes Tresoranlagen und Treuhandgesellschaften und all derlei Dinge nicht so zahlreich sind wie in New York.«
»Nun, aber es gibt so etwas wie Safes«, entgegnete Bellows, »denn ich habe sie hier selbst gesehen.«
»Ja, wir haben einen Safe, und der steht in unserem Hauptquartier auf der Insel Taska. Murdock kommt heute Morgen von dort, um die Papiere zu bringen.«
»Nun, ich wünschte, er würde sich beeilen«, brummte Bellows. »Ich möchte nicht länger in dieser höllisch kalten Region bleiben als unbedingt nötig. Ich bin vom Wert Ihres Eigentums überzeugt und bereit, es zu übernehmen, sobald die Papiere ausgestellt werden können.«
»Sobald wir uns über die Bedingungen einig sind«, fügte Fowler hinzu.
»Ja, ja«, pflichtete Bellows ungeduldig bei. »Sie kennen mein Angebot, und das sind die Bedingungen, zu denen das Eigentum übertragen wird, falls es überhaupt dazu kommt.«
»Darüber werden wir wohl noch diskutieren müssen«, bemerkte Fowler.
»Da kommt Murdock jetzt!«, rief einer der anderen aus der Gruppe. »Ich frage mich, was mit ihm los ist?«
Alle Augen richteten sich auf einen Mann, der im Laufschritt auf sie zukam. Sein Gesicht war rot vor Anstrengung, und es war offensichtlich, dass er schon lange geeilt war.
»Er versucht, die verlorene Zeit aufzuholen«, bemerkte Bellows streng, »was im Geschäft niemals gelingen kann.«
»Es ist noch Zeit genug, Mr. Bellows«, sagte Fowler. »Jetzt, wo Murdock hier ist, können wir direkt zur Sache kommen …«
In diesem Moment verfiel Murdock, der bis auf wenige Schritte an die Gruppe herangekommen war, vom Laufen in einen langsamen Gang.
»Nun, Murdy«, begann Fowler gut gelaunt, »es ist ein guter Plan, so zu tun, als ob man sich beeilt, wenn man zu spät ist, aber …«
Fowler hielt inne, weil Murdock ernst den Kopf schüttelte und die Gruppe mit einem alarmierten Blick musterte.
»Was ist los, Murdy?«, rief einer von ihnen.
»Verloren!«, keuchte er, »völlig weg – alle miteinander!«
»Weg?«
»Verloren!«
»Was ist weg?«, riefen die Männer durcheinander.
»Die Papiere«, antwortete Murdock.
»Wer war das?«
»Wann ist es passiert?«
»Wie haben Sie das herausgefunden?«
Diese und viele andere Fragen wurden aufgeregt gestellt, während Murdock keuchend dastand und kaum in der Lage war, seine Stimme zu gebrauchen. Ihre Aufregung veranlasste eine Reihe von Passanten, sich um die Gruppe zu sammeln.
»Hören Sie mal, meine Herren«, sagte Bellows, »die freie Straße ist kein Ort für diese Art von Gespräch.«
»Das stimmt«, stimmte Fowler zu. »Lassen Sie uns hineingehen.«
Sie drehten sich dementsprechend um und betraten das Gebäude, wo sie sich in einen Raum im hinteren Teil des Erdgeschosses begaben. Es handelte sich um ein leerstehendes Büro.
Dieses war für das Treffen dieser Männer angemietet worden, und der Hausmeister des Gebäudes hatte darin ein Dutzend Holzstühle und einen kleinen, einfachen Tisch aufgestellt. Belichtet wurde der Raum durch zwei Fenster; durch eines blickte man auf den Hang an der Rückseite hinaus, durch das andere auf eine Gasse.
»Nun, meine Herren«, sprach Bellows plötzlich, als sie alle drinnen waren, »was hat das zu bedeuten?«
»Ja, Murdy, was bedeutet das?«, wiederholte Fowler.
Murdock holte tief Luft und antwortete: »Es bedeutet, dass wir ausgeraubt wurden!«
Die meisten Männer starrten Murdock an, als könnten sie nicht glauben, was sie da hörten; und Bellows schien zu glauben, dass Murdock lüge.
»Ausgeraubt?«, rief er verächtlich aus. »Warum sollte denn jemand einen Raub begehen, um –«
»Diese Eskimos sind ein Volk von Dieben«, unterbrach ihn Murdock.
»Aber würden sie Geschäftspapiere stehlen?«, hakte Bellows nach.
»Vielleicht, wenn sie dächten, dass sie etwas dafür bekommen könnten.«
Bellows brummte, setzte sich auf einen Stuhl und zündete sich eine Zigarre an, als wäre er angewidert vom Leben im Allgemeinen und von den Ereignissen in Alaska im Besonderen.
»Erzähl uns davon, Murdy«, forderte Fowler.
»Es gibt nicht viel zu erzählen«, lautete die Antwort. »Ich erhielt gestern Abend deine Nachricht, dass ein New Yorker Kapitalist hier sei, bereit, die Mine zu kaufen, und dass es nur noch nötig sei, dass ich die Papiere bringe. Da waren sie noch ganz sicher im Safe.«
»Woher wissen Sie das?«, wollte Bellows wissen.
»Weil ich nachgesehen habe.«
»Wann?«
»Als ich Fowlers Nachricht erhielt.«
Murdock hatte seinen Atem wiedergefunden und wurde nun offensichtlich zornig. Er blickte Bellows mürrisch an und rief: »Welches Recht haben Sie überhaupt, diese Fragen zu stellen?«
»Recht …«, begann Bellows, als einer der Männer in der Gruppe namens Payton ihn unterbrach.
»Jetzt mal ganz ruhig, meine Herren; es wird hier keinen Streit geben, bis wir wissen, worüber wir überhaupt streiten, verstanden?«
»Mr. Murdock, das hier ist Mr. Bellows aus New York, derjenige, der das Gold hat, um die Mine zu kaufen. Er ist der Kerl, auf den Fowler in seiner Nachricht an Sie angespielt hat.«
Murdock starrte Bellows an, ohne sich zu verbeugen, und Bellows blies den Rauch aus seinem Mund und sagte: »Guten Tag.«
»Mr. Bellows«, fuhr Payton fort, »das hier ist Murdock, besser bekannt als Murdy, einer unserer Partner. So, nun sind Sie einander so höflich vorgestellt worden, als wären Sie im Fifth Avenue Hotel.«
»Nun, Murdock, du bist am Zug. Leg die Karten ordentlich auf den Tisch und lass uns sehen, wie sie aussehen.«
»Nun, Jungs und Mr. Bellows«, erwiderte Murdock in gekränktem Ton, »wie ich schon sagte: Als ich Fowlers Nachricht erhielt, die mir von Cadloo, dem Eskimo, gebracht wurde, war ich so aufgeregt über die Aussicht, an Geld zu kommen, dass ich direkt zum Safe ging und die Papiere durchsah, um sicherzugehen, dass sie da und in Ordnung waren. Das waren sie, so wahr mir Gott helfe!«
»Was haben Sie dann getan?«, war die Frage von Bellows.
»Ich habe den Safe zugemacht und abgeschlossen«, lautete die Antwort.
»Und was haben Sie als Nächstes getan?«
»Nun, das Nächste war«, fuhr Murdock fort, »dass ich die Anweisungen für die heutige Arbeit gab und früh schlafen ging, denn um rechtzeitig hier zu sein, muss man lange vor Sonnenaufgang aufbrechen. Ich stand um vier Uhr morgens auf. Ich ging zum Safe und öffnete ihn – oder besser gesagt, ich fand ihn offen vor und von oben bis unten leergeräumt.«
»Sie fanden ihn offen?«
»Ja. Das Schloss war zertrümmert.«
»Wie wurde das gemacht?«
»Ich weiß es nicht.«
»Was glauben Sie?«
Murdock zögerte.
»Wahrscheinlich mit Pulver aufgesprengt«, sagte er schließlich.
Bellows blickte finster drein, und die anderen sahen schwer enttäuscht aus.
»Haben Sie nicht direkt über dem Raum geschlafen, in dem der Safe stand?«, fragte Payton.
»Ich habe im Zimmer daneben geschlafen«, antwortete Murdock.
»Haben Sie in der Nacht gar nichts gehört?«
»Kein Sterbenswörtchen.«
»Und der Safe war komplett leer?«
»Jedes verdammte Ding war weg, bis auf ein paar Briefe.«
»Und was haben Sie dann getan?«
»Ich habe das ganze Lager aus den Federn getrommelt, die Männer ordentlich zur Sau gemacht und versucht, etwas herauszufinden. Ich konnte nichts finden und dachte mir, das Beste wäre, so schnell wie möglich hierherzukommen. Also sind Cadloo und ich in unser Ruderboot gestiegen und hergekommen. Das ist alles.«
Murdocks Partner wussten nicht, was sie sagen sollten; sie starrten sich einen Moment lang an und wandten dann ihre Blicke Bellows zu.
»Oh, sehen Sie mich nicht so an«, rief dieser, »als könnte ich Ihnen sagen, wo Ihre Papiere abgeblieben sind. Ohne sie lässt sich kein Geschäft machen, und wenn Sie sie finden, lassen Sie es mich am besten wissen. Ich gehe zurück ins Hotel. Ich würde heute noch ein Boot zurücknehmen, wenn es eines gäbe, anstatt hier noch länger herumzualbern.«
Damit stampfte Bellows aus dem Raum. Die anderen ließen ihn ohne Protest ziehen.
»Eines muss man sagen«, bemerkte Payton mit einem Grinsen: »Dieser Mr. Bellows kann in den nächsten zwei oder drei Wochen nicht weg, denn vor der Zeit fährt kein Boot.«
»Das stimmt«, sagte Fowler hoffnungsvoll, »und in der Zwischenzeit gelingt es uns vielleicht, diese Papiere zu finden.«
Murdock schüttelte den Kopf.
»Glaub ich nicht«, sagte er.
»Das werden wir ja sehen«, bemerkte Payton. »Der Punkt ist doch: Wer könnte sie genommen haben?«
Murdock seufzte und ließ sich auf einen Stuhl fallen.
»Ich hab keine Ahnung«, antwortete er.
»Irgendein diebischer Eskimo könnte sie in der Hoffnung auf eine Belohnung mitgenommen haben«, sinnierte Payton.
»Vielleicht«, erwiderte Murdock.
Plötzlich schlug Fowler hart mit der Faust auf den Tisch.
»Verdammt noch mal!«, rief er. »Ich hab’s!«
»Was hast du?«, fragten die anderen.
»Ich habe den Ausweg aus diesem Schlamassel gefunden.«
»Na los, raus damit.«
»Ihr habt doch nicht vergessen, wie mir die Old Glory-Mine am Anfang weggenommen wurde und wie ich sie zurückbekommen habe?«
»Es ist wohl kaum wahrscheinlich, dass wir das vergessen«, antwortete Payton, »wo das Ganze doch erst ein paar Wochen her ist.«
»Nun«, fuhr Fowler fort, »ihr kennt doch den Mann, der die Sache geregelt hat?«
»Du meinst Haney Stokes?«
»Genau den.«
»Wir kennen ihn.«
»Nun, er ist wieder hier.«
»Ist das wahr?«
»Ja, und er ist der Kerl, den wir brauchen.«
»Er ist ein fähiger Bursche«, bemerkte Payton nachdenklich.
»Fähig ist gar kein Ausdruck dafür!«, rief Fowler. »Es ist nicht nur, dass er Nerven hat – denn die haben wir anderen auch, und wir haben vierzigmal mehr Erfahrung als er –, aber er hat das Zeug zum Detektiv. Und wenn es jemals einen Fall gab, der nach den Diensten eines Detektivs verlangt hat, dann dieser hier.«
»Was soll ein Detektiv schon gegen einen Haufen dieser diebischen Eskimos ausrichten?«, fragte Murdock.
»Was hat er denn gegen die schurkischen Engländer ausgerichtet«, entgegnete Fowler, »die versucht haben, sich die Old Glory-Mine unter den Nagel zu reißen?«
»Nun«, erwiderte Murdock unbehaglich, »ich glaube nicht, dass es gut ist, Stokes da mit reinzuziehen.«
»Es ist unsere einzige Hoffnung«, beharrte Fowler.
Nach einer weiteren kurzen Diskussion stimmten ihm die anderen zu. Das Ergebnis war, dass sich die Gruppe trennte und die Männer in verschiedene Richtungen ausschwärmten, um nach dem Detektiv zu suchen.
Haney Stokes war gerade an diesem Nachmittag von seinem Jagdausflug zurückgekehrt. Er wurde gegen Einbruch der Dunkelheit gefunden, und erst nach Einbruch der Nacht saß er mit allen Partnern in dem Büro zusammen, in dem sie eigentlich den Verkauf ihrer Mine mit Bellows hatten regeln wollen.
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