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Der Kurier und der Detektiv – Kapitel 25

Allan Pinkerton
Der Kurier und der Detektiv
Originaltitel: The Expressman and the Detective
Chicago: W. B. Keen, Cooke & Co., 113 and 115 State Street. 1875

Kapitel 25

Die beiden Frauen ließen Barclay fassungslos zurück und begaben sich in den Garten. Mrs. Maroney kündigte an, am nächsten Morgen nach New York zu reisen, um ihren Mann zu besuchen, und bat Madam Imbert, sie zu begleiten. Diese willigte bereitwillig ein, da sie ohnehin einige Einkäufe zu erledigen hatte. Ihr Plan stand fest: Sie wollten für den Morgen Stemples Gespann mieten, nach Philadelphia fahren, die Pferde dort in einem Mietstall unterstellen und mit dem Zug nach New York weiterreisen. Nach dem Besuch bei Maroney sollte es auf demselben Weg zurückgehen, sodass sie am Abend wieder zu Hause wären.

Der Tag in New York verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle. Green, der von ihren Plänen wusste, beschattete sie auf Schritt und Tritt, konnte jedoch nichts Außergewöhnliches berichten. Dennoch war seine Beobachtung wertvoll; in der Detektivarbeit ist die Gewissheit, dass nichts geschieht, oft ebenso entscheidend wie das Notieren von Ereignissen, da es den Fall von Unklarheiten befreit. Der Schatten erstattete gewohnt wahrheitsgetreu Bericht.

In New York angekommen, steuerten die Frauen direkt das Gefängnis in der Eldridge Street an. Mrs. Maroney stellte Madam Imbert ihrem Gatten vor, bevor sie sich mit ihm zu einem längeren Privatgespräch zurückzog. Als sie später wieder zu Madam Imbert stießen, entwickelte sich eine beinahe gesellige Unterhaltung. Maroney gab sich als vollkommener Gentleman; trotz der tiefen Besorgnis, die in seinem Gesicht geschrieben stand, sprach er heiter und voller Zuversicht. Er drückte die Hoffnung aus, Madam Imbert bald in Jenkintown wiederzusehen, und versicherte ihr, dass seine Freiheit kurz bevorstehe – und mit ihr die Rache an seinen Feinden.

Er spann Pläne von einer Zukunft in Texas, wo er eine Ranch kaufen wollte. Die Gegend am Rio Grande habe es ihm angetan, und er verlor sich in Schilderungen über die Schönheit der Landschaft und das milde Klima.

Nach einigen Stunden trennten sich ihre Wege. Während Mrs. Maroney einen Freund in der 31. Straße aufsuchte, ging Madam Imbert ihren Besorgungen nach. Man verabredete sich für vier Uhr an der Jersey City Fähre. Green blieb Mrs. Maroney dicht auf den Fersen, doch auch hier gab es keine Überraschungen: Pünktlich zur vereinbarten Zeit trafen die Frauen am Fähranleger wieder zusammen.

Auf der Rückfahrt nach Philadelphia sprach Mrs. Maroney ausgiebig über ihren Mann. Er sei sehr angetan von der Madam, hielte sie für intelligent, attraktiv und für die perfekte Verbündete. Er verfolge bereits einen Plan, der unfehlbar sei: Sobald White auf Kaution frei käme, würde dieser alles Notwendige in die Wege leiten. Bis dahin solle sie sich ruhig verhalten; seine Rückkehr stünde kurz bevor.

Zurück in Philadelphia holten sie das Gespann ab und fuhren in der Dunkelheit hinaus nach Jenkintown. Zur selben Zeit trat im Gefängnis White an Maroney heran.

»Gratulier mir, alter Junge!«, rief er begeistert. »Shanks hat mir gerade Post von meinen Anwälten gebracht. Alles läuft nach Plan. Meine Aussichten haben sich schlagartig verbessert, und nach dieser elend langen Haft komme ich gegen Kaution frei. In zwei, spätestens drei Tagen bin ich ein freier Mann.«

»Das freut mich aufrichtig für dich«, entgegnete Maroney herzlich. »Aber vergiss mich nicht, wenn du erst draußen bist. Sobald deine eigenen Dinge geregelt sind, musst du dich um meine kümmern. Ich brenne darauf, Chase endlich die Falle zu stellen. Stell dir den Witz vor: McGibony schnappt ihn und findet das Geld bei ihm! Ha! Was wird die Adams Express dann wohl sagen? Die werden sich über ihren Goldjungen grün und blau ärgern.«

Ein diabolisches Lächeln huschte über Maroneys Gesicht, während er sich in der Vorstellung seines Triumphs wiegte.

»Ich werde mich beeilen«, versprach White, »aber wie du weißt, bin ich im Moment knapp bei Kasse. Ich würde dir das nötige Geld liebend gern vorstrecken, doch mein gesamtes Barvermögen ist als Sicherheit für meine Bürgen gebunden. Aber verlass dich drauf: Ich halte dich für einen pfundigen Kerl und werde tun, was ich kann.«

»Ich erwarte gar nicht, dass du zahlst«, wiegelte Maroney ab. »Ich weiß, du würdest es tun, aber wir sitzen ja im selben Boot: Wir haben zwar Mittel, kommen aber gerade nicht ran. Ich werde das Geld schon irgendwie auftreiben. Wenn die Sache mit Chase klappt, bin ich rehabilitiert. Außerdem steht mein Prozess an, und mein Anwalt ist siegessicher. Ich werde als einziger Zeuge aussagen und schwören, dass ich nie auch nur einen Cent unrechtmäßig besessen habe – was technisch gesehen sogar stimmt. Ein Glück, dass sie nichts von meiner Beteiligung am Mietstall wussten, sonst hätten sie den auch noch einkassiert.«

Am nächsten Tag erschien Bangs in Verkleidung im Gefängnis und gab sich als Whites Rechtsbeistand aus. Er führte ein intensives Gespräch unter vier Augen und verließ das Gebäude schließlich mit der eiligen Entschlossenheit eines vielbeschäftigten Staranwalts. Doch während echte Anwälte Klienten verteidigen, verfolgte Bangs ein anderes Ziel: Er wollte so schnell wie möglich außer Sichtweite der anderen Insassen kommen, um nicht erkannt zu werden.

Kurz darauf trat White strahlend zu Maroney: »Die Sache ist geritzt. Morgen bin ich hier raus.«

»Tatsächlich?«, rief Maroney aus, doch seine Stimme verlor augenblicklich an Kraft. Der Zwiespalt war ihm anzusehen: Er brauchte White in Freiheit als seinen Arm in der Außenwelt, doch das Misstrauen saß tief. Er ging unruhig auf und ab, bevor er White erneut gratulierte.

»So bald schon?«, murmelte Maroney nachdenklich. »Nun, es ist besser so. Ich gönne niemandem dieses Loch. Mein eigener Prozess rückt näher, und nach einem Freispruch hier wird die Verhandlung in Montgomery nur noch eine Formsache sein. Ich werde meiner Frau schreiben. Es ist seltsam, White, aber ich habe einen Narren an dir gefressen. Du bist der richtige Mann für mich – der Einzige hier drin, dem ich blind vertrauen würde.«

In seiner Zelle verfasste er den Brief, suchte aber immer wieder das Gespräch mit White. Man merkte ihm an, dass ihm ein Geheimnis auf der Seele brannte, doch noch fehlte ihm der letzte Rest Mut. Er wich zurück, spielte Karten, vertrieb sich die Zeit. Als Shanks erschien, um Whites Gepäck abzuholen, und Maroney erfuhr, dass White bereits ein Zimmer in der Bleecker Street gemietet hatte, wurde ihm der Ernst des Abschieds schmerzlich bewusst.

Der folgende Tag sollte sich als der entscheidende Beweis für meine Theorie erweisen. Nach dem Frühstück nahm Maroney White beiseite. Sein nervöses Gebaren verriet seine Anspannung, während sie den Korridor auf und ab schritten. Schließlich zog er ihn in eine ruhige Nische, weit genug weg von den lärmenden Mitgefangenen.

»White«, begann Maroney mit gedämpfter Stimme, »ich werde dich in mein Geheimnis einweihen. Ich spüre, dass ich dir vertrauen kann; du bist treu wie Gold. Hör zu: Damit du meine Angelegenheiten draußen richtig regeln kannst, musst du die ganze Wahrheit kennen – Dinge, von denen bisher nur meine Frau und ich wissen. Ich verlange von dir ein feierliches Versprechen, dass alles unter uns bleibt.«

»Abgemacht«, sagte White kühl. »Aber hör zu: Ich habe selbst genug am Hals. Wenn du Zweifel hast, behalt dein Geheimnis lieber für dich.«

»Nein, nein! Ich vertraue dir!«, stieß Maroney hervor. »Also … White, was glaubst du, wer die fünfzigtausend Dollar gestohlen hat?«

»Keine Ahnung«, versetzte White trocken.

»Ich war es! Ich habe die Firma bestohlen und bin bisher damit durchgekommen. Und mit deiner Hilfe wird das so bleiben. Hättest du an meiner Stelle nicht auch zugegriffen?«

»Und ob!«, rief White aus. »Hältst du mich für einen Anfänger? Mit meinem eigenen Ding werde ich einen Haufen Kies scheffeln.«

Maroney grinste. »Dann werden wir gemeinsam dafür sorgen, dass andere für uns bluten.«

Ein kurzes Schweigen entstand. White wahrte die Fassade vollkommener Gleichgültigkeit, doch innerlich triumphierte er: Das Eis ist gebrochen.

Schließlich begann Maroney zu erzählen: »Es fing mit zehntausend Dollar an. Ein Paket aus Atlanta, das am Sonntag irrtümlich in mein Büro in Montgomery geliefert wurde. Es war falsch geleitet worden; eigentlich hätte ich es sofort neu verbuchen und weiterschicken müssen. Aber ich wusste, dass niemand von diesem Fehler ahnte. Das Paket stand auf keinem Frachtbrief, der Kurier wusste nichts davon. In dem Moment, als ich es dort liegen sah, wusste ich: Wenn ich es jetzt nehme, findet es keiner. Die Versuchung war stärker als ich. Ich ließ es hinter den Tresen gleiten. Der Kurier bemerkte nichts, und sobald er weg war, verschwand das Geld in meiner Rocktasche.

Ich hatte anfangs eine Heidenangst, White. Ich bereute es fast, aber das Geld besaß eine magische Anziehungskraft. Ich versteckte es zu Hause, sogar vor meiner Frau. Als die Nachforschungen begannen und die Telegramme einschlugen, blieb ich eiskalt. Ich meldete, nie etwas gesehen zu haben. Selbst als der Superintendent mit seinen Detektiven auftauchte, fanden sie nichts. Ich zuckte nicht mit der Wimper, und irgendwann gaben sie auf.

Wenig später reiste ich in den Norden. Ich merkte, dass mir ein Detektiv folgte, aber ich führte ihn an der Nase herum, bis ich ihn in Richmond abschüttelte. Er hatte keine Ahnung, wo ich abgeblieben war. Genauso habe ich es später bei den vierzigtausend gemacht – in Chattanooga war ich sie alle los.«

»Eins nach dem anderen«, unterbrach ihn White. »Bleib bei der Sache und bring die Details nicht durcheinander.«

»Schon gut. Also, nach Richmond ging ich nach Winnsboro, South Carolina. Ich gab mich als Baumwollaufkäufer aus. Es war schwierig, an Ware zu kommen, weil ein Makler namens Agnew den Markt kontrollierte. Schließlich kaufte ich ihm Baumwolle für siebentausendfünfhundert Dollar ab – bezahlt mit dem gestohlenen Geld der Firma.

Ich ließ die Ware nach Charleston verschiffen und dort verkaufen. Den Erlös ließ ich mir in zwei Wechseln nach Montgomery schicken. Obwohl ich bei dem Geschäft durch fallende Preise sogar draufzahlte, war ich zufrieden: Das gestohlene Geld war nun ‚gewaschen‘ und sauber dokumentiert. Von den restlichen zweitausendfünfhundert Dollar kaufte ich das Pferd Yankee Mary und kehrte als gemachter Mann zurück.

In Montgomery war alles ruhig, bis der Superintendent mir plötzlich nahelegte, zu kündigen. Sein Blick gefiel mir nicht; er schien etwas zu ahnen, konnte mir aber nichts nachweisen. Ich willigte ein, das Büro noch so lange zu führen, bis mein Nachfolger käme. In dieser Zeit beschloss ich den großen Coup. Ich wusste, dass ich in der Branche nie wieder Fuß fassen würde, also musste es sich lohnen. Ich studierte die Kuriere und suchte mir Chase aus. Er war tüchtig, aber schlampig – das perfekte Opfer. Bei den abgehenden Sendungen war es ein Kinderspiel: Während er die Pakete abhakte, rief ich sie auf und ließ sie einfach hinter den Tresen fallen, statt sie in den Sack zu packen. Er merkte gar nicht, dass sie fehlten.«

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