Der hinkende Teufel – Kapitel 4 – 1. Teil
Alain-René Lesage
Der hinkende Teufel
Pforzheim 1840
Viertes Kapitel – 1. Teil
Die Liebesgeschichte des Grafen von Belflor und Leonore von Cespedes
Der Graf von Belflor, einer der angesehensten Herren am Hof, war sterblich in die junge Leonore von Cespedes verliebt. Er hatte jedoch nicht die Absicht, sie zu heiraten, denn die Tochter eines einfachen Edelmanns schien ihm keine hinreichend glänzende Partie zu sein. Er wollte sie zu seiner Geliebten machen.
In diesem Verlangen folgte er ihr überall hin und verlor keine Gelegenheit, ihr durch seine Blicke seine Liebe auszudrücken. Doch er konnte weder mit ihr reden noch ihr schreiben, da sie fortwährend von einer strengen und wachsamen Duenna namens Marcella beaufsichtigt wurde. Darüber war er verzweifelt, und weil dieses Hindernis sein Verlangen nur noch glühender machte, dachte er unaufhörlich über Mittel nach, um den Argus, der seine Io bewachte, zu hintergehen.
Leonore, der die Aufmerksamkeit des Grafen nicht entgangen war, erwiderte seine Neigung und allmählich bemächtigte sich ihres Herzens eine immer feuriger werdende Leidenschaft. Und doch schürte ich diese nicht durch meine gewöhnlichen Mittel der Versuchung, denn der Zauberer, der mich damals gefangen hielt, hatte mir all meine Streiche verboten; der natürliche Lauf der Dinge genügte. Die Natur ist nicht weniger erfolgreich als ich. Der einzige Unterschied zwischen uns besteht darin, dass sie die Herzen allmählich verdirbt, während ich sie mit einem Mal verführe.
So standen die Dinge, als Leonore und ihre Gouvernante eines Morgens auf dem Weg in die Messe einer alten Frau begegneten, die einen der größten Rosenkränze, die je von Heuchelei fabriziert wurden, in der Hand trug. Mit sanfter und lächelnder Miene trat sie zu den Damen und wandte sich an die Gouvernante.
»Möge der Himmel Euch erhalten. Sein heiliger Frieden sei mit Euch. Erlaubt mir, Euch zu fragen, ob Ihr nicht die Dame Marcella seid, die keusche Witwe des verstorbenen Herrn Martino Rosetta?«
Die Gouvernante bejahte.
»Dann treffe ich Euch sehr glücklicherweise, um Euch mitzuteilen, dass ich in meiner Wohnung einen alten Verwandten beherberge, der danach verlangt, Euch zu sprechen«, fuhr das Weib fort. »Er ist vor wenigen Tagen aus Flandern angekommen. Er hat Euren Gatten sehr gut gekannt und hat Euch Dinge von größter Wichtigkeit mitzuteilen. Er würde zu Euch gegangen sein, um sie Euch zu sagen, wenn er nicht krank geworden wäre. Der arme Mensch liegt im Sterben. Ich wohne nur wenige Schritte von hier. Wenn es Euch recht ist, folgt mir bitte.«
Die Gouvernante, die scheu und vorsichtig war und einen falschen Schritt fürchtete, wusste nicht, wie sie sich entscheiden sollte.
Aber die Alte erriet den Grund ihres Zögerns und sagte: »Meine teure Dame Marcella, Ihr könnt mir in voller Ruhe vertrauen. Ich nenne mich Chichona, und der Lizentiat Marcos de Figuerna und der Bakkalaureus Mira de Mosqua werden für mich einstehen, wie für Ihre Großmutter. Wenn ich Sie einlade, mir zu meinem Haus zu folgen, so geschieht dies nur zu Ihrem Besten. Mein Verwandter will Euch eine gewisse Summe erstatten, die Euer Gatte ihm einst vorgestreckt hat.«
Bei diesem Wort erstatten hatte Marcella ihren Entschluss gefasst. »Gehen wir, meine Tochter«, sprach sie zu Leonore, »gehen wir, um den Verwandten dieser guten Dame zu sehen. Es ist ein Werk der Barmherzigkeit, Kranke zu besuchen.«
Bald gelangten sie in die Wohnung der Chichona, die sie in einen niederen Saal treten ließ, in dem sie einen Mann im Bett fanden, der einen weißen Bart hatte und, wenn er nicht sterbenskrank war, doch sehr danach aussah.
»Hier, Vetter«, sagte die Alte und stellte ihm die Gouvernante vor, »hier ist die kluge Dame Marcella, mit der Ihr zu reden wünscht. Sie ist die Witwe des verstorbenen Herrn Rosetta, Eures Freundes.«
Bei diesen Worten erhob der Greis seinen Kopf ein wenig, grüßte die Gouvernante, machte ihr ein Zeichen, näher zu treten, und sprach, als sie neben seinem Bett war, mit schwacher Stimme zu ihr: »Meine teure Señora Marcella, ich danke dem Himmel, dass er mich bis zu diesem Augenblick leben ließ. Es war das Einzige, was ich noch von ihm erflehte. Ich fürchtete zu sterben, bevor mir die Genugtuung zuteilwürde, Sie zu sehen und Ihnen hundert Dukaten in die eigenen Hände zurückgeben zu können, die Ihr seliger Gatte, mein innigster Freund, mir lieh, um mich aus einer Ehrensache, die ich einst in Brügge hatte, loszulösen. Hat er Euch niemals von dieser Angelegenheit erzählt?«
»Ach nein«, antwortete Marcella, »er hat mir keine Silbe davon gesagt. Bei Gott sei seine Seele. Er war so großmütig, dass er die Dienste, die er seinen Freunden leistete, vergaß. Im Gegensatz zu jenen Prahlhänsen, die sich guter Handlungen rühmen, die sie nie begangen haben, hat er mir nie gesagt, dass er irgendjemandem etwas zurückgeben musste.«
»Sicherlich, er war eine edle Seele«, antwortete der Greis. »Ich habe mehr Grund als irgendjemand, davon überzeugt zu sein. Um es Euch darzulegen, muss ich Euch die üble Lage erzählen, der ich durch seinen Beistand glücklich entgangen bin. Da ich jedoch Dinge von äußerster Wichtigkeit für das Angedenken an den Verstorbenen mitzuteilen habe, würde es mir lieb sein, wenn ich sie nur seiner verschwiegenen Witwe anvertrauen könnte.«
»Nun wohl«, sagte darauf die Chichona, »Ihr könnt Ihr diese Erzählung unter vier Augen machen – während dieser Zeit werden wir, diese junge Dame und ich, in mein Kabinett treten.«
Mit diesen Worten ließ sie die Duenna bei dem Kranken zurück und zog Leonore in ein anderes Zimmer. Dort sagte sie ohne Umschweife: »Schöne Leonore, die Augenblicke sind zu kostbar, um sie unnütz zu verschwenden. Ihr kennt den Grafen von Belflor. Seit langer Zeit liebt er Euch und stirbt vor Begierde, es Euch zu sagen. Aber die Strenge und Wachsamkeit Eurer Gouvernante haben ihm dieses Glück bisher nicht gestattet. In seiner Verzweiflung hat er Zuflucht bei meiner Anschlagigkeit gesucht, und ich habe all meine Kraft für ihn aufgewendet. Der Greis, den ihr eben sahet, ist ein junger Kammerdiener des Grafen, und alles, was ich gesagt habe, ist eine List, die wir erdacht haben, um Eure Gouvernante zu täuschen und Euch hierherzulocken.«
Als sie diese Worte beendet hatte, trat der junge Graf hervor, der sich hinter einem Vorhang verborgen gehalten hatte, und warf sich zu Leonores Füßen.
»Señora«, rief er aus, »verzeiht diese Kriegslist einem Liebenden, der das Leben nicht mehr ertrug, ohne zu Euch reden zu dürfen. Wenn diese gefällige Frau nicht ein Mittel gefunden hätte, mir ein solches Glück zu verschaffen, so hätte ich mich der Verzweiflung hingegeben.«
Diese Worte, gesprochen in flehentlichster Weise von einem Mann, der ihr nicht missfiel, verwirrten Leonore. Sie blieb eine Weile unschlüssig, welche Antwort sie geben sollte. Zuletzt erlangte sie ihre Fassung wieder, blickte den Grafen stolz an und sagte zu ihm: »Ihr glaubt vielleicht, eine große Verpflichtung gegenüber dieser hilfsbereiten Dame zu haben, die Euch so gut gedient hat. Aber lasst Euch das gesagt sein: Der Dienst, den sie Euch leistete, wird Euch wenig nützen!«
Während sie so sprach, machte sie einige Schritte, um in den Saal zurückzukehren. Der Graf hielt sie auf. »O bleibt, angebetete Leonore, nur einen Augenblick, würdigt mich Eures Gehörs! Meine Leidenschaft ist so rein, dass sie Euch nicht erschrecken darf. Ihr habt allen Grund, empört zu sein über die Intrige, deren ich mich bediente, um mit Euch sprechen zu können. Aber habe ich nicht bis heute vergeblich versucht, Euch nahezukommen? Seit sechs Monaten folge ich Euch zu den Kirchen, auf Spaziergängen und in die Theater. Umsonst suche ich überall die Gelegenheit, um Euch zu sagen, wie sehr Ihr mich bezaubert habt. Ihre grausame, unerbittliche Gouvernante hat mein Verlangen immer zu hintergehen gewusst. Ach, statt mir ein Verbrechen aus einer List zu machen, die ich gezwungen war anzuwenden, solltet Ihr mich beklagen, schöne Leonore, dass ich alle Qualen eines so langen Harrens erdulden musste; und die tödliche Pein, die mir dies verursachte, solltet Ihr nach der Größe eurer Reize bemessen.«
Belflor legte in diese Worte jenen Ton der Überredung, den junge Herren so erfolgreich anzuwenden wissen, und er ließ sogar einige Tränen rinnen. Leonore war gerührt. Wider ihren eigenen Willen begannen sich in ihrem Herzen Regungen der Zärtlichkeit und des Mitleids zu regen. Aber sie war weit davon entfernt, ihrer Schwäche nachzugeben. Je mehr sie sich gerührt fühlte, desto mehr Eifer zeigte sie, sich zurückzuziehen.
»Graf«, rief sie aus, »alle Eure Reden sind vergeblich. Ich will Euch nicht anhören. Haltet mich nicht länger auf. Lasset mich fort aus einem Haus, in dem ich mich fürchte. Oder ich werde durch meine Hilferufe die ganze Nachbarschaft hierherziehen und Eure Verwegenheit vor aller Welt offenbar machen.«
Sie sagte das mit so festem Ton, dass die Chichona, die dringende Gründe hatte, auf die Polizei Rücksicht zu nehmen, den Grafen anflehte, die Dinge nicht weiterzutreiben. Er hörte auf, Leonores Verlangen zu widerstehen. Sie befreite sich aus seinen Händen und verließ das Kabinett, wie sie es betreten hatte – etwas, das bis dahin noch keinem jungen Mädchen gelungen war.
Eilig kam sie zu ihrer Gouvernante zurück.
»Kommt, meine Gute«, sagte sie zu ihr, »brecht diese verlogene Unterredung ab. Man betrügt uns. Verlassen wir dieses abscheuliche Haus.«
»Was gibt es, meine Tochter?«, fragte Donna Marcella überrascht. »Welchen Grund habt Ihr, Euch so ungestüm davonmachen zu wollen?«
»Ich werde es Ihnen sagen«, antwortete Leonore. »Fliehen wir! Jeder Augenblick, den ich hier verweile, ist eine neue Qual für mich!«
Welche Begierde die Duenna nun auch hatte, die Ursache eines so raschen Fortgehens zu erfahren, sie konnte augenblicklich keine Aufklärung bekommen; sie musste tun, worauf Leonore bestand. Sie gingen beide in Eile davon und ließen die Chichona, den Grafen und seinen Kammerdiener betroffen zurück, wie Komödianten, die mit ihrem Stück vom Publikum ausgebuht wurden.
Sobald Leonore auf der Straße war, begann sie, ihrer Gouvernante in großer Aufregung alles zu erzählen, was in dem Kabinett der Chichona vorgefallen war. Die Dame Marcella hörte ihr sehr gespannt zu. Als sie in ihrer Wohnung angekommen waren, sagte sie: »Ich gestehe Euch, meine Tochter, dass ich außerordentlich gedemütigt bin durch das, was Ihr mir da erzählt habt. Wie habe ich mich von dieser alten Frau hintergehen lassen können! Ich habe anfangs Anstand genommen, ihr zu folgen. Weshalb blieb ich nicht dabei? Ich hätte ihrer sanften und unterwürfigen Miene misstrauen sollen. Ich habe eine Dummheit begangen, die einer Person von meiner Erfahrung gar nicht zu verzeihen ist. Oh, warum habt Ihr mir diese List nicht schon in ihrem Haus aufgedeckt? Ich hätte ihr die Maske abgerissen und den Grafen von Belflor mit Schmähungen überschüttet. Diesem falschen Greis, der mich beschwindelt hat, hätte ich den Bart abgerissen. Aber ich werde sofort mit dem Geld, das ich als richtige Wiedererstattung annahm, zurückgehen. Wenn ich sie noch zusammen finde, sollen sie nichts dadurch verloren haben, dass sie einen Augenblick warten mussten.«
Nach diesen Worten griff sie zu ihrem Mantel, den sie eben abgelegt hatte, und eilte zurück zur Chichona.
Der Graf war noch dort und verzweifelte über den misslungenen Anschlag. Ein anderer an seiner Stelle hätte die Partie aufgegeben, doch er ließ sich nicht abschrecken. Bei tausend guten Eigenschaften hatte er eine wenig lobenswerte: Er gab sich rückhaltlos seinen Neigungen zu Liebeshändeln hin. Liebte er eine Dame, so war er zu leidenschaftlich bemüht, ihre Gunst zu erobern. Und obwohl er sonst ein Ehrenmann war, war er dann imstande, die heiligsten Rechte mit Füßen zu treten, um das zu erreichen, was er erstrebte. Er sagte sich, dass er seinen Willen nicht werde durchsetzen können, ohne den Beistand der Dame Marcella. Er entschloss sich, nichts zu sparen, um sie für sein Interesse zu gewinnen. Er nahm an, dass diese Duenna, so streng sie auch erschien, einem beträchtlichen Geschenk nicht widerstehen könne, und in dieser Voraussetzung betrog er sich nicht. Wenn es Gouvernanten gibt, die sich treu bewähren, dann sind die Galanteros eben nicht reich oder nicht freigebig genug!
Als die Dame Marcella eintrat und die drei Personen erblickte, gegen die sich ihr Zorn richtete, wurde sie von einer wahren Zungenwut erfasst. Sie schüttete eine Million Schmähungen über den Grafen und die Chichona aus, warf das zurückerstattete Geld dem Kammerdiener an den Kopf und verließ wutentbrannt den Raum. Der Graf ließ diesen Sturm geduldig über sich ergehen. Dann warf er sich vor der Duenna auf die Knie, um die Szene rührender zu machen. Er flehte sie an, die Börse, die sie fortgeworfen hatte, zurückzunehmen, und bot ihr tausend Pistolen als Zugabe. Er beschwor sie, Erbarmen mit ihm zu haben. Mit so gewichtigen Gründen war in ihrem Leben noch nie ihr Mitleid in Anspruch genommen worden. Sie blieb nicht unerbittlich, hörte sehr bald mit ihrem Schimpfen auf und verglich im Stillen die angebotene Summe mit der mageren Belohnung, die sie von Don Luis de Cespedes erwartete. Sie fand, dass es vorteilhafter sei, Leonore von ihrer Pflicht zu entfernen, als sie darin zu erhalten. Deshalb nahm sie nach einigem Zögern die Börse zurück, ließ sich das Angebot von tausend Pistolen gefallen, versprach, die Liebe des Grafen zu begünstigen, und ging, um auf der Stelle für die Erfüllung ihres Versprechens zu wirken.
Da sie Leonore als ein tugendhaftes Mädchen kannte, hütete sie sich wohl, ihr Anlass zu Argwohn zu geben, sie sei mit dem Grafen im Einverständnis, aus Furcht, Leonore könnte ihren Vater unterrichten. Wollte sie Leonore verführen, musste sie schlau sein. Bei ihrer Rückkehr sprach sie zu ihr: »Leonore, ich habe meinen Zorn kühlen können. Ich habe die drei Spitzbuben wiedergefunden. Sie waren alle noch niedergeschmettert von der mutigen Art, mit der Ihr Euch losgerissen habt. Ich habe der Chichona mit der Rache Eures Vaters und der Strafe der Gerechtigkeit gedroht. Ich habe dem Grafen Belflor alle Schmähungen an den Kopf geworfen, die mir der Zorn eingab. Ich hoffe, diesem großen Herrn wird die Lust vergangen sein, je wieder ähnliche Anschläge auszuführen, sodass ich in Zukunft nicht mehr wachsam gegen seine Galanterien sein muss. Ich danke dem Himmel, dass Sie durch deine Festigkeit der Schlinge entgangen bist, die er Ihnen gelegt hatte. Ich weine vor Freude darüber. Ich bin entzückt, dass er durch seine List nichts erreicht hat, denn die großen Herren machen sich ein Spiel daraus, junge Mädchen zu verführen. Die meisten von ihnen, selbst diejenigen, die das größte Wesen von ihrer Redlichkeit machen, haben dabei nicht den geringsten Gewissensskrupel, als ob es keine Abscheulichkeit wäre, Familien zu entehren. Damit will ich nicht sagen, dass der Graf zu dieser Gruppe gehört oder dass er beabsichtigt, Sie zu täuschen. Man darf von seinem Nächsten nicht immer schlecht urteilen. Vielleicht hat er ehrliche Absichten. Obwohl er zu denjenigen gehört, die Anspruch auf die ersten Partien in den Kreisen des Hofes machen können, kann ihn Eure Schönheit doch dazu bewogen haben, Euch zu heiraten. Ich erinnere mich sogar, dass er mir in den Antworten, die er auf meine Vorwürfe gab, so etwas ausdrücklich zu verstehen gab.«
»Was sagt Ihr, meine Gute?«, unterbrach Leonore sie. »Wenn er diese Absicht gehabt hätte, so hätte er um mich bei meinem Vater geworben, der mich einem Mann seines Ranges nicht verweigert hätte!«
»Was du sagst, ist richtig«, versetzte die Gouvernante. »Ich teile diese Meinung. Die Handlungsweise des Grafen macht ihn verdächtig. Seine Absichten können keine guten gewesen sein. Ich hätte fast Lust, mich noch einmal aufzumachen, um ihm neue Beleidigungen zu sagen.«
»Nun, meine Gute«, sagte Leonore, »es ist besser, das, was vorgefallen ist, zu vergessen und sich durch Verachtung zu rächen.«
»Es ist wahr«, konstatierte Marcella, »ich glaube, es ist das Beste, was man tun kann. Sie sind vernünftiger als ich. Aber um alle Möglichkeiten zu erwägen: Könnten wir nicht auch die Gesinnungen des Grafen falsch beurteilen? Was wissen wir, ob er nicht aus Zartgefühl so handelt? Bevor er die Einwilligung Eures Vaters einholt, will er Euch vielleicht mit langem Liebesdienst umwerben, sich Eure Neigung verdienen und sich Eures Herzens versichern, damit Eure Verbindung umso glücklicher wird. Wenn es so wäre, meine Tochter, wäre es dann ein so großes Verbrechen, ihm zuzuhören? Was denkt Ihr darüber? Ihr wisst, wie lieb ich Euch habe. Fühlen Sie eine Neigung für den Grafen? Oder widerstrebt Euch der Gedanke, ihn zu heiraten?«
Bei dieser boshaften Frage schlug die allzu offenherzige Leonore errötend die Augen nieder und gestand, dass sie durchaus keinen Widerwillen gegen ihn habe. Da ihre Züchtigkeit sie jedoch abhielt, sich offener zu erklären, drängte die Duenna sie, ihr nichts zu verschweigen. Sie ließ sich schließlich von den zärtlichen Beteuerungen der Gouvernante verlocken und sprach: »Da ich Euch alles ganz offen sagen soll, so gestehe ich Euch, dass mir Belflor als meiner Liebe würdig erschien. Ich habe ihn so hübsch gefunden und so viel Vortreffliches von ihm gehört, dass es mir nicht möglich war, bei seinen Aufmerksamkeiten ungerührt zu bleiben. Die unermüdliche Wachsamkeit, die Sie hatten, um diese zu verhindern, hat mich oft sehr verdrossen. Ich bekenne Ihnen, dass ich ihn im Stillen oft beklagt und mich durch meine Seufzer für den Schmerz entschädigt habe, den Ihre Wachsamkeit ihm zufügte. Um Euch nichts zu verschweigen – selbst in diesem Augenblick, nach seinem verwegenen Unterfangen, entschuldigt mein Herz ihn wider Willen, statt ihn zu hassen, und wirft die Schuld auf Eure Strenge.«
»Meine Tochter«, antwortete die Gouvernante, »da Sie mir andeuten, dass seine Bewerbung Ihnen angenehm sein würde, so will ich Ihnen diesen Freier verschaffen.« »Ich bin Euch sehr dankbar für den Dienst, den Ihr mir leisten wollt«, fiel Leonore gerührt ein. »Wenn der Graf auch nicht den höchsten Hofkreisen angehörte und nur ein einfacher Edelmann wäre, würde ich ihn allen anderen Männern vorziehen. Aber seien wir ehrlich: Belflor ist ein großer Herr und bestimmt für eine der reichsten Erbinnen des Königreichs. Wir können nicht erwarten, dass er sich mit der Tochter des Don Luis begnügt, die ihm so wenig mitzubringen hat! Nein, nein«, fuhr sie fort, »er hat nicht solche Absichten mir gegenüber. Er sieht in mir nicht die Person, die würdig ist, seinen Namen zu tragen. Er sucht nichts, was mich beleidigt!«
»Aber«, sagte die Duenna, »woher wisst Ihr, dass er Euch nicht genug liebt, um Euch zu heiraten? Die Liebe vollbringt täglich größere Wunder! Wenn man Euch hört, sollte man meinen, der Himmel hätte zwischen Euch und ihm eine unüberbrückbare Kluft geschaffen. Seid gerechter zu Euch, Leonore. Er erniedrigt sich nicht, wenn er sein Schicksal an das Eure knüpft. Sie sind von altem Adel, und er braucht nicht über eine Verbindung mit Ihnen zu erröten. Weil Ihr eine Neigung für ihn habt«, fuhr sie fort, »will ich mit ihm reden. Ich will seine Absichten ergründen. Wenn sie so sind, wie sie sein sollten, will ich ihm einige Hoffnung durchblicken lassen.«
»O, tut das ja nicht«, rief Leonore aus. »Ich gebe meine Einwilligung nicht, dass Ihr ihn aufsucht. Er würde argwöhnen, ich hätte an diesem Schritt Anteil, und er würde dann aufhören, mich zu achten.«
»O, ich bin geschickter, als Ihr denkt«, versetzte die Dame Marcella. »Ich werde damit beginnen, ihm vorzuwerfen, dass er die Absicht gehabt habe, Euch zu verführen. Er wird dann nicht versäumen, sich zu rechtfertigen. Ich werde ihm zuhören und ihn aussprechen lassen. Lasst mich nur machen, meine Tochter. Ich werde Eure Ehre ebenso gut zu wahren wissen wie die meine.
Die Duenna verließ das Haus bei Einbruch der Nacht. Sie fand Belflor in der Nähe von Leonores Wohnung. Sie berichtete ihm von der Unterredung, die sie mit seiner Geliebten gehabt hatte, und unterließ nicht, hervorzuheben, mit welcher Geschicklichkeit sie das Geständnis, dass er geliebt werde, aus ihr herausgelockt hatte. Dem Grafen konnte diese Entdeckung nicht angenehmer sein. Er dankte der Dame Marcella in den lebhaftesten Ausdrücken, das heißt, er versprach ihr, ihr schon am folgenden Tag die tausend Pistolen auszuhändigen. Er sah den Erfolg seines Unterfangens schon als völlig verbürgt an, da er wohl wusste, dass ein Mädchen, dessen Gunst man erst gewonnen hat, schon halb verführt ist. Man trennte sich also überaus zufrieden und die Duenna kehrte nach Hause zurück.
Fortsetzung folgt …
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