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Der Detektiv – Band 31 – Eine leere Streichholzschachtel – Teil 1

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 31
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Eine leere Streichholzschachtel – Teil 1

In die Zeit unseres Aufenthalts in der hinterindischen Hafenstadt Singapur fällt auch unser Abenteuer mit der leeren Streichholzschachtel. Ich möchte es an dieser Stelle einfügen, auch wenn es nur lose mit unserem Kampf gegen Eugenie Malcapier, unsere rotblonde Feindin, zusammenhängt. Immerhin beleuchtet es die verbrecherische Vielseitigkeit dieser schönen Frau noch stärker und gibt den Lese eine interessante Ergänzung des Charakterbildes dieser zweifellos hochintelligenten Frau.

Dass wir in Singapur im Raffles-Hotel abgestiegen waren, habe ich bereits im vorigen Abenteuer erwähnt. Nach der Verhaftung Eugenie Malcapiers im Park des Admirals Stevenpole saßen wir abends im Speisesaal des Hotels mit Detektivinspektor Jobster zusammen und feierten unseren Sieg über unsere schlaue Gegnerin ein wenig.

Harst hatte Sekt bestellt. Als der Kellner die eisgefüllten silbernen Kühler und den dazugehörigen Dreifuß brachte, reichte er Harst gleichzeitig eine Visitenkarte und erklärte: »Master Boorstetten lässt höflich anfragen, ob …«

Harst winkte schon ab.

»Sagen Sie Master Boorstetten, ich würde mich freuen, ihm helfen zu können.«

Der Kellner verbeugte sich stumm und verschwand.

Harst wandte sich an Jobster, der ihn etwas erstaunt ansah.

»Ich kenne diesen Boorstetten noch nicht persönlich und habe seinen Namen auch soeben zum ersten Mal gehört. Trotzdem weiß ich, dass es ein Mann in den Sechzigern mit leicht ergrautem Vollbart und schlanker Figur ist, etwas über Mittelgröße, und dass er ein leidenschaftlicher Zigarettenraucher ist – wie ich. Er lebt in sehr guten Verhältnissen, gibt viel auf tadellose Kleidung und hat etwas auf dem Herzen, das er mir vortragen möchte.«

Jobster nickte. »Mit dieser Beschreibung Boorstettens haben Sie recht. Ich möchte aber gern wissen …«

»… woher ich all diese Weisheit geschöpft habe«, vollendete Harst lächelnd. »Nun, sehr einfach. Boorstetten, der Holländer von Geburt sein dürfte, saß bis vor etwa drei Minuten noch an einem kleinen Tischchen drüben. Das konnten Sie, bester Jobster, und Freund Schraut von Ihren Plätzen aus jedoch nicht sehen. Er schaute so häufig hier zu mir hinüber, dass es wirklich nicht schwer war, in ihm einen Klienten zu wittern, der sich mit seinem Anliegen nicht so recht an mich herantraute. Er tat dies auf eine diskrete, aber auch versonnen-unbewusst-aufdringliche Art. Er rauchte sechzehn Zigaretten in nervöser Hast und trank sich ebenso hastig Mut zu. Dann erhob er sich schnell und folgte unserem Kellner. Es war daher wirklich nicht schwer, zu vermuten, dass er dem Kellner eine Visitenkarte oder einen Brief mitgeben würde. Die Karte kam mir daher keineswegs überraschend. Kennen Sie Boorstetten persönlich, lieber Jobster?«

»Nein, er lebt sehr zurückgezogen, besonders nach dem Tod seiner Frau, die er unendlich geliebt haben soll. Sein hiesiges Exportgeschäft hat er schon vor Jahren verkauft. Er soll vielfacher Millionär sein. Seine Besitzung auf der Blakang-Insel soll das reine Paradies sein, hat man mir erzählt.«

»Hat er einen Sohn?«, fragte Harst so überstürzt, dass ich erstaunt aufblickte.

»Nicht, dass ich wüsste«, erwiderte Jobster.

Mir fiel auf, dass Harst diese Frage so hastig stellte. Wie kam er gerade auf diese Frage? Hätte er sich nach Kindern erkundigt, wäre mir dies in keiner Weise aufgefallen. Aber was interessierte es ihn, ob Boorstetten einen Sohn hatte?

Ich konnte diesem Gedanken nun nicht weiter nachhängen, denn der Erwartete trat bereits an unseren Tisch heran.

Wir standen auf. Nachdem die gegenseitige Vorstellung erledigt war und wir wieder Platz genommen hatten, begann der Holländer leicht verlegen: »Ich muss Sie zunächst um etwas Nachsicht bitten, Master Harst. Ich behellige Sie hier vielleicht mit etwas so Geringfügigem, dass Sie …«

Harst unterbrach ihn aufs Liebenswürdigste.

»Oh, da seien Sie ganz unbesorgt, Master Boorstetten. Ich helfe jedem gern. Wer wie ich aus Liebhaberei Detektiv ist, übernimmt jeden Fall. Außerdem kann man auf den ersten Blick nie sagen, ob etwas, das in mein Fachgebiet fällt, geringfügig ist. Darf ich Ihnen ein Glas Sekt einschenken? Ihre Nerven scheinen recht angegriffen zu sein, Master Boorstetten. Wenn ich mir einen wohlgemeinten Rat erlauben darf: Rauchen Sie weniger! Das nervöse Flattern Ihrer Augenlider und Hände hat bereits einen bedrohlichen Grad erreicht. Auch Ihre Gesichtsfarbe sollte Sie warnen.«

Der Holländer nickte. »Ja, ich bin mit den Nerven völlig am Ende. Doch daran sind nicht die Zigaretten schuld. Vor einem halben Jahr …« Seine Stimme vibrierte. »Vor einem halben Jahr starb meine Frau, mit der ich überaus glücklich lebte. Seitdem geht es mit mir bergab.«

Er seufzte und starrte vor sich hin. Ich bemerkte, dass selbst seine Wangenmuskeln zuckten.

Wir schwiegen. Boorstetten seufzte abermals, nahm seinen Sektkelch und stieß mit einer Verbeugung auf uns zu.

»Es handelt sich um meine Frau«, erklärte er dann, während er wieder auf das Tischtuch starrte. »Sie starb an Herzschwäche. Ich ließ sie in einem uralten, aber noch gut erhaltenen kleinen Hindu-Tempel im Park meiner Besitzung auf der Blakang-Insel bestatten. Der Sarg, aus einem nicht der Fäulnis ausgesetzten Holz gefertigt, hat im Deckel ein Glasfenster, gerade über dem Kopf der mir so teuren Toten. Ich bin so oft in jenem Tempel. Man kann das Gesicht durch die Glasscheibe ganz deutlich erkennen. Und dieses Gesicht …«, wieder zitterte seine Stimme vor innerer Bewegung, »ist noch völlig unverändert, obwohl doch hier in Indien, besonders auf einem vom Meer umspülten Inselchen, jede Leiche sehr schnell der Verwesung anheimfällt.«

Harst beugte sich etwas über den Tisch und fragte leise: »Sie glauben, Ihre Gattin sei nicht eines natürlichen Todes gestorben?«

Boorstetten erwiderte zögernd: »Wer sollte an ihrem Tod wohl ein Interesse gehabt haben? Sie war die Güte selbst. Unsere Dienerschaft hing mit rührender Treue an ihr. Sie hatte überall nur Liebe – überall.«

»Bitte, seien Sie ganz offen, Master Boorstetten«, meinte Harst eindringlich. »Sie hegen doch fraglos irgendeinen Verdacht.«

»Verdacht?! Das ist zu viel gesagt. Aber meine Frau war so gesund, sie war nie krank. Sie ist in den Tropen geboren. Sie war die einzige Tochter von Major Chartring von der indischen Kolonialarmee. Und dann ist da noch die Tatsache, dass sich die Leiche so unverändert hält. So etwas findet man in unserem Seeklima so selten.« Er schaute Harst nun frei an. »Wirklich – von Verdacht will ich nicht sprechen, obwohl …«

»Gut, ich verstehe Sie schon, Master Boorstetten«, sprach Harst freundlich. »Sie halten es trotz aller Unwahrscheinlichkeit für möglich, dass Ihre Gattin an einer Vergiftung gestorben ist und dass ausgerechnet dieses Gift den Leichnam konserviert hat.«

Der Holländer nickte schwach. »Ja, zuweilen kommen mir solche Gedanken.«

»Deren Berechtigung werde ich nachprüfen«, erklärte Harst nun weit lebhafter als bisher. »Deshalb habe ich einige Fragen, Master Boorstetten. Wollen Sie mir bitte angeben, welche Personen zu Ihrem Haushalt gehörten, als Ihre Gattin starb?«

»Unser Heim liegt, wie ich schon erklärte, auf einer Insel, Master Harst. Außer einem kleinen Fischerdörfchen an der Südküste gibt es dort nur noch eine einzige Besitzung, die einem Europäer gehört. Der größte Teil der Insel ist mein Eigentum. Unsere Dienerschaft besteht aus zehn Indern. Diese sind seit vielen Jahren bei uns. Ich kann sie alle nur empfehlen. Im Übrigen waren meine Frau und ich allein. Kinder haben wir nie gehabt.«

Ich bemerkte nun, dass Harst den Holländer auffallend scharf, wenn auch ganz heimlich, beobachtete.

Der niederländische Volksstamm zeichnet sich ja durch ein gewisses Phlegma aus. Selten macht ein Holländer einen nervösen Eindruck. Eine behagliche Bedächtigkeit in allem, ganz verschieden von der kühlen Gemessenheit der Engländer, lässt die Niederländer zu Recht als angenehme Gesellschafter gelten.

Boorstetten dagegen wirkte auf jeden, der mit ihm zusammen war, aufregend. Sein fahriges Wesen, das nervöse Spiel seiner Hände, der unruhige Blick und das Gesichtszucken waren ansteckend. Unwillkürlich wurde man dadurch selbst nervös und musste sich gewaltsam dazu zwingen, nicht ebenfalls in dieselbe krankhafte Aufgeregtheit zu verfallen.

Ich konnte nur vermuten, dass Harst Grund zu haben glaubte, Boorstetten zu misstrauen. Dieser wurde daher auch von mir nun mit einer Aufmerksamkeit bedacht, die, wenn der Holländer sie gespürt hätte, ihn fraglos veranlasst haben würde, sich mehr zusammenzunehmen. Gerade durch dieses Belauern Boorstettens kam mir sehr bald der Gedanke, dass ein Mann durch die Trauer um den Verlust seiner Frau wohl in den seltensten Fällen so außerordentlich nervös werden dürfte. Nach einem solchen Verlust erwartet man doch eher eine tiefe Niedergeschlagenheit und müde Gleichgültigkeit. Sollte es etwa das Gewissen sein, das den Holländer derart beunruhigte? Sollte er gar selbst an dem Tod seiner Gattin die Schuld tragen? Mir erschien dies aus einem sehr einfachen Grund undenkbar: Boorstetten hätte niemals Harald Harst darauf aufmerksam gemacht, dass die Leiche merkwürdigerweise nicht verweste. Warum sollte er sich an Harald gewandt haben, wenn er wirklich dessen feines Spürtalent zu fürchten hatte? Das wäre ja widersinnig gewesen!

Anders hätte die Sache gelegen, wenn hier in Singapur etwa Gerüchte aufgetaucht wären, dass bei dem Tod der Frau Boorstetten nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Dann hätte Boorstetten vielleicht versucht, dieses Gerede zum Schweigen zu bringen, indem er Harst feststellen ließ, dass diese Gerüchte unbegründet sind. Dabei baute er fest darauf, dass Harst nichts Neues über diesen Todesfall ermitteln würde.

Da Inspektor Jobster jedoch fraglos Kenntnis von einem solchen Gerede gehabt hätte und er uns gegenüber nichts dergleichen angedeutet hatte, musste man diese Annahme fallen lassen.

Es blieb mithin die unerklärliche Tatsache bestehen. Ein Mann, dessen Benehmen sehr seltsam war und auf ein schuldbeladenes Gewissen hindeutete, rief Harst in derselben Angelegenheit um Hilfe, die allein dieses Mannes Schuldbewusstsein veranlasst haben konnte. All dies war mir blitzschnell durch den Kopf geschossen. Als Privatsekretär und Freund Harald Harsts hatte ich mir im Laufe unserer gemeinsamen Jahre eine gewisse Denkfertigkeit angeeignet. Es gibt schließlich auch ein Training des Gehirns, wie es ein Training des Körpers gibt.

Inzwischen hatte Harst dem Holländer die nächste Frage gestellt.

»Master Boorstetten, wird der zum Mausoleum umgewandelte Hindu-Tempel in Ihrem Park stets verschlossen gehalten?«

»Ich habe für den Tempel ein schmiedeeisernes Tor mit einem Kunstschloss anfertigen lassen. Dieses Tor ist nur mit dem Schlüssel zu öffnen, den ich in Verwahrung habe. Einen zweiten Zugang gibt es nicht. Der Tempel ist aus dicken Steinquadern errichtet, während eine vorspringende Felsenkanzel eines schroffen Abhangs, an den sich das kleine Heiligtum anlehnt, das Dach bildet. Das gesamte Bauwerk ist sehr eigenartig und wirkt äußerst stimmungsvoll.«

»Danke. Dann legen Sie bitte noch heute nach Ihrer Heimkehr den Schlüssel unter einen Stein direkt vor den Eingang des Tempels, Master Boorstetten. Ich habe nämlich die Absicht, entweder schon in dieser oder doch in der folgenden Nacht den Tempel zu besichtigen. Das könnte ich auch ganz offen in Ihrer Gegenwart tun. Aber bei einem noch so völlig ungeklärten Fall wie diesem, bei dem noch nicht einmal feststeht, ob es tatsächlich etwas zu untersuchen gibt, bin ich stets vorsichtig und arbeite lieber in aller Heimlichkeit. Deshalb wäre es auch gut, wenn Sie jedermann gegenüber verschweigen würden, was wir soeben vereinbart haben und noch vereinbaren werden. Zunächst eine weitere Frage. Kann man den Sarg Ihrer Gattin ohne Werkzeuge öffnen?«

»Ja, der Deckel wird nur durch kunstvolle Flügelschrauben festgehalten. Aber wollen Sie etwa die Leiche näher untersuchen, Master Harst?«

»Nur, wenn es unbedingt nötig ist.«

Boorstettens Hände flatterten nun vor Nervosität.

»Aber, aber, lässt sich das denn nicht vermeiden?«, stammelte er. »Der Gedanke, dass fremde Hände das Teuerste berühren, was ich auf Erden besaß, ist mir so unendlich peinvoll.«

Aha, dachte ich, er beginnt nun doch, Haralds Einmischung zu fürchten! Er hat sich den Verlauf dieser Hilfsaktion harmloser vorgestellt.

»Ich verspreche Ihnen, den Inhalt des Sarges nicht zu berühren«, hatte Harst bereits erwidert.

Der Holländer atmete erleichtert auf. Harald warf mir jedoch heimlich einen Blick zu und fuhr fort: »Sprechen wir jetzt von harmloseren Dingen. Sie rauchen nun schon die zwölfte Zigarette, Herr Boorstetten. Seien Sie doch verständig. Sie ruinieren sich auf diese Weise Ihre Nerven ja in Kürze gänzlich.«

Boorstetten zuckte die Achseln. »Was liegt daran?! Am leichtesten betäube ich mich durch den Rauch dieser leicht parfümierten Zigarettensorte – mich und meinen Schmerz um den Verlust Ellinors. Ach, Sie hatten keine Ellinor zur Frau, Master Harst! Wenn ein Mann von über fünfzig Jahren das große Glück hatte, ein so engelhaft schönes Wesen wie Ellinor Chartring heimführen zu dürfen, und dann …« Seine Stimme gehorchte ihm nicht mehr. Er schien wieder ganz in seine trüben Erinnerungen versunken zu sein und starrte erneut düster vor sich hin. Ich jedoch glaubte diese Trübsal nicht mehr. Dieser Mensch war ein abgefeimter Heuchler, nichts weiter!

Bereits eine Viertelstunde später verabschiedete sich Boorstetten. »Ich darf meinen Motorbootführer nicht länger warten lassen«, meinte er. »Der brave Hindu ist nicht daran gewöhnt, dass ich so unsolide bin. Es ist bereits zehn Uhr, und bevor ich daheim bin, vergeht noch eine Stunde. Wann sehe ich Sie wieder, Master Harst?«

»Das hängt von den Umständen ab. Gute Nacht. Glückliche Heimfahrt.«

Wir waren mit Inspektor Jobster allein am Tisch. Boorstettens schlanke Gestalt verschwand gerade hinter der Pendeltür des Speisesaals.

Jobster schaute Harst erwartungsvoll an.

»Was halten Sie von der Geschichte und von diesem untröstlichen Ehemann?«, fragte er mit ironischer Betonung des »untröstlichen«.

Harst lehnte sich in seinem Korbsessel weit zurück und rauchte die ersten Züge der Zigarette, die der Holländer ihm vorhin angeboten hatte, langsam.

»Dreierlei ist möglich«, meinte er. »Ich glaube, diese Möglichkeiten schweben auch Ihnen vor, bester Jobster.«

»Möglichkeiten?! Hm …! Nein, ich habe mich bereits auf eine ganz bestimmte Ansicht festgelegt.«

»So, so, etwas rasch! Und diese Ansicht wäre?«

»Boorstetten hat ein schwer belastetes Gewissen!«, platzte der Inspektor heraus.

»Bravo!«, rief ich leise. »Genau meine Meinung! Er heuchelt den Seelenschmerz nur. Er …«

Ich konnte nicht weitersprechen, denn Harst hatte mir den Rauch seiner Zigarette ins Gesicht geblasen. Ich musste husten. Der Hustenanfall wollte gar nicht nachlassen.

Harald entschuldigte sich bei mir. »Verzeih, mein Alter. Das war die eine Möglichkeit«, sagte er und dieser Nachsatz machte mich sofort aufmerksam.

»Ich stehe also mit meiner Ansicht jedenfalls allein da«, erklärte Harald weiter und rückte näher an den Tisch heran. »Es kann Folgendes vorliegen: Erstens: Boorstetten hat ein reines Gewissen, was den Tod seiner Frau anbetrifft, und …«

Er schwieg plötzlich, lehnte sich wieder zurück, streifte das Feuer von der erst halb aufgerauchten Zigarette und legte deren Rest unauffällig in sein Taschentuch. Dann wandte er sich an Jobster.

»Wissen Sie, ob es hier in der Stadt jemanden gibt, der Boorstetten näher kannte?«

Jobster dachte nach. »Hm, da wäre der Nachbar der Boorstettens, der frühere Hauptmann Plavarston. Doch nein, Plavarston wurde mit Boorstetten erst nach dem Tod seiner Frau intimer. Ja, dann bliebe nur der alte Rechtsanwalt Templetey übrig. Der mag mit …«

»Templetey?”, fiel Harst ihm ins Wort. »Ob man den jetzt daheim antrifft? Wo wohnt er denn?«

Jobster lachte, stand auf und überschaute den Saal, der sich schon etwas geleert hatte.

»Ah, richtig, dort sitzt er!«, meinte er nun. »Man findet ihn leicht heraus. Er hat stets einen Berg Zeitungen neben sich liegen und raucht nur aus einer malaiischen Tabakspfeife mit armlangem Rohr.«

Harst verließ uns nun ohne Weiteres. Wir sahen, dass er sich einem alten, grauköpfigen Herrn mit knallroter Nase vorstellte und dann an dessen Tisch Platz nahm. Jobster seufzte und setzte sich wieder.

»Aus Harst wird man schwer klug«, sagte er etwas ärgerlich. »Man muss sich an seine Art erst gewöhnen. Was sollte zum Beispiel vorhin seine Äußerung: Das war die eine Möglichkeit

»Keine Ahnung!«, erklärte ich. »Sie sind also offenbar meiner Ansicht, nicht wahr? Sie halten den Holländer für alles andere als ein Unschuldslamm.«

»Ich habe noch keinen Ehemann gesehen, dessen Betrübnis sich so äußert wie bei ihm!«

»Stimmt. Eine Frage: Gehen hier in der Stadt irgendwelche Gerüchte um, dass Boorstettens Frau vielleicht ein anderes Ende gefunden hätte, als die Öffentlichkeit erfuhr?«

»Hm – das wohl nicht. Man sprach nur darüber, dass die junge Frau in letzter Zeit vor ihrem Tod furchtbar elend ausgesehen hätte.«

»Junge Frau? Ich schätze Boorstetten auf etwa sechzig Jahre, genauso wie Harst. Da kann man doch nicht mehr von einer jungen Frau sprechen.«

»Doch, Boorstetten war 32 Jahre älter als sie, soweit ich weiß. Und eine verheiratete Frau Ende zwanzig ist jung.«

»Allerdings …« Ich sagte das sehr zerstreut. Meine Gedanken reihten diese neue Tatsache in das bisherige Material ein. Also 32 Jahre älter! Ob da nicht womöglich ein Eifersuchtsdrama vorlag?

Jobster erriet meinen neuen Verdacht, legte mir die Hand auf die Schulter und meinte: »Bester Master Schraut, das Motiv schalten Sie nur völlig aus! Diese Ehe war bis zur letzten Sekunde fraglos ein völlig ungetrübtes Glück. Das weiß ganz Singapur, das kann hier jeder beschwören.«

Harst war neben uns erschienen, setzte sich in seinen Sessel und rief lachend: »Dieser Advokat ist ein Original. Er hat mir anvertraut, dass auch er zu den unzähligen Menschen gehörte, die bis zum Wahnsinn in die engelsschöne Ellinor Boorstetten verliebt waren, ohne dass es auch nur einem von ihnen gelungen wäre, einen freundlicheren Blick aus ihren Engelsaugen zu erhaschen.«

Dann gähnte er hinter der vorgehaltenen Hand und fügte hinzu: »Der Sekt hat mich müde gemacht. Ich werde erst morgen Nacht Boorstettens Mausoleum besuchen.«

Jobster war feinfühlig genug, um nun sofort aufzubrechen. Harst bezahlte die Rechnung, und gemeinsam gingen wir bis in die Vorhalle. Dort sagten wir dem Inspektor gute Nacht und begaben uns auf unsere Zimmer.

In unserem Wohnsalon blieb Harst unter der elektrischen Krone stehen, kniff das linke Auge zu und fragte: »Nun …?!«

Das hieß: »Breite nun deine Weisheit über unser neues Problem gefälligst vor mir aus!«

Ich tat es mit kurzen Worten. Ich tat es aber sehr ungern. Ich hatte plötzlich das Gefühl, mit meiner Ansicht, Boorstetten leide unter Gewissensqualen, auf dem Holzweg zu sein.

Harst unterbrach mich nicht, zeigte keine Regung. Als ich fertig war, meinte er: »Ich habe eine halbe Stunde lang dasselbe geargwöhnt. Aber jetzt ist eins gewiss: Dieser Fall lässt sich vorläufig überhaupt nicht übersehen. Es spielen so viele Einzelheiten mit, die keinen Sinn ergeben, dass wir zuerst nachprüfen müssen, ob sich in dem Sarg eine tadellos gearbeitete Wachspuppe befindet, deren Gesichtszüge denen Ellinor Boorstettens völlig gleichen.«

Über diese Vermutung Haralds war ich nur einen Moment überrascht.

»Ah, daher bleibt das Gesicht der Leiche so unverändert«, flüsterte ich ganz begeistert über diesen Gedanken Harsts. »Daher also …! Du, das ist eine Idee! Das kann sehr gut zutreffen. Wenn es so ist, dann hat der Engel Ellinor einen Sündenfall hinter sich. Sie ist mit einem Liebhaber durchgebrannt, nachdem sie mit ihrem um 32 Jahre älteren Gatten eine Sterbekomödie mit bestem Erfolg inszeniert hatte.«

»Ja, wenn!«, sinnierte Harald gedankenvoll. »Wenn! Und wenn nun im Sarg eine echte Tote liegt?!«

»Dann kommen wir wieder auf den ersten Verdacht zurück: Boorstetten ist ein Wolf im Schafskleid!«

»Lass hier die Schafe aus dem Spiel!«, murmelte Harald. »Ganz aus dem Spiel, mein Alter! Ganz! Ich denke, du hast nach der Zigarette gerade genug gehustet, um … Doch nein, davon später! Machen wir uns für den nächsten Ausflug fertig. Ich will Gewissheit haben: Wachsfigur oder echte Tote?«

 

Im Süden von Singapur gibt es eine Unmenge felsiger Inseln. Die größten davon, Pulo Brani und Blakang Mati, wurden von den Engländern befestigt.

Trotz der tiefen Dunkelheit fand der Segelbootsbesitzer, dessen Fahrzeug wir am Hafen der Stadt für die Nacht gemietet hatten, das Felseneiland Blakang sehr sicher aus den benachbarten Inselchen heraus. Es war genau Mitternacht, als wir an der Nordküste von Blakang in einer winzigen Bucht landeten. Das Boot sollte hier bis vier Uhr morgens auf uns warten. Wenn wir bis dahin nicht wieder erschienen wären, konnte der Malaie, dem es gehörte, zur Stadt zurückkehren. So befahl Harst dem braunen Burschen, der sich während der einstündigen Fahrt die größte Mühe gegeben hatte, aus den weißen Sahibs herauszulocken, was sie eigentlich zu dieser späten Stunde auf dem Eiland wollten. Harst hatte ihm gut gelaunt eine Geschichte aufgetischt – von einer Wette und so weiter –, und ich hatte mir nur schwer das Lachen verkneifen können.

Wir kletterten das felsige Ufer hinauf und verschwanden sofort lautlos in einer Wildnis aus Felsbrocken und riesigen, stacheligen Sikandra-Sträuchern, deren blauschwarze Blüten sich nur nachts öffnen und einen ekelhaften, nach verwesenden Tierkadavern riechenden Duft verströmen.

Harald hatte sich im Hotel noch schnell eine Spezialkarte der Insel besorgt. Mithilfe des Kompasses und der Karte gelangten wir nach zehn Minuten zu einer hohen Steinmauer und nach weiteren fünf Minuten zu einem steilen Abhang. Von dort aus sahen wir undeutlich die Umrisse eines kleinen Tempels mit Säulenvorbau.

Wir standen nun auf einem sauber gepflegten, mit Muschelgrand bestreuten Parkweg, der direkt zum Tempel führte. Harst schaute zum Himmel empor. Das bisher gleichmäßige schwarze Gewölk zeigte einige lichtere Stellen. Es hatte sich etwas Wind erhoben und wir durften damit rechnen, dass der Mond sehr bald hervortreten würde.

Harald flüsterte mir zu: »Beeilen wir uns. Es ist besser, wenn wir drinnen sind, bevor der Mond uns beleuchtet. Man kann nie wissen, ob nicht …«

Da huschte er bereits wieder vorwärts. Ich blieb dicht hinter ihm. Zu dem Säulenvorbau führten vier Steinstufen empor. Nun erkannten wir auch die eiserne Flügeltür, die Boorstetten hatte anbringen lassen.

Harald bückte sich und tastete den Boden nach dem Stein ab, unter dem der Holländer den Schlüssel hatte verbergen sollen. Ich half ihm dabei.

Hier, so dicht vor dem Tempel, gab es nur nackten, unebenen Fels statt Muschelgras. Ein Stein war daher nur schwer zu sehen.

Plötzlich berührte meine Hand einen kleinen, kantigen Gegenstand. Ich hob ihn auf. Er war federleicht. Ich drückte etwas und befühlte das Ding. Es war eine kleine Schachtel, eine Streichholzschachtel. Ich schüttelte sie. Sie war leer. Schon wollte ich sie wegwerfen, als Harald mich fragte, was ich denn da in der Hand hätte.

»Nichts als eine leere Streichholzschachtel«, flüsterte ich.

»So …?! Her damit!«

Er steckte sie in die Tasche. Damit war das Schicksal des Schuldigen besiegelt.

Gleich darauf fand Harst auch den Schlüssel.

»So«, meinte er, »nun werden wir ja gleich feststellen können, ob es sich um eine Wachsfigur oder eine Leiche handelt. Boorstetten hat Wort gehalten. Ich fürchtete schon, er hätte mich falsch verstanden und den Schlüssel allzu gut versteckt.«

Obwohl ich vor allen indischen Tempeln – und nach unseren bisherigen Abenteuern mit Recht! – eine Scheu hatte, die mit Furcht nahe verwandt war, trat ich nun doch mit ein, nachdem Harst einen Flügel der Tür lautlos geöffnet hatte.

Harst schloss hinter uns wieder ab und ließ den Schlüssel stecken. Wir holten unsere Taschenlampen hervor und deren weiße Lichtkegel irrten nun langsam über eine Kuppelhalle hinweg, in deren Mitte auf einem Postament aus weißem Marmor ein mit frischen Kränzen geschmückter Sarg stand.

Im Übrigen war die quadratische Halle völlig leer. Sie hatte keine Fenster und keine Luftöffnungen. Ihre Wände waren mit buntem Steinmosaik bedeckt. Den Fußboden bildeten länglich-viereckige, rötliche Marmorplatten.

Harst verhielt sich regungslos. Nur seine rechte Hand mit der Taschenlampe bewegte sich.

»Riechst du es auch?«, fragte er dann leise.

Ich hatte sofort beim Eintritt einen ähnlich scheußlichen Geruch wahrgenommen, wie ihn die Sikandra-Blüten nachts ausströmen.

»Ja, der Sarg kann nicht dicht sein und es muss auch eine Leiche darin liegen, denn …«

»Muss?!«, meinte Harst schnell. »Muss?! Dieser Geruch hier ist zu intensiv für einen lediglich undichten Sarg, der einen Toten oder eine Tote enthält.«

Er glitt vorwärts und stieg auf das Postament. Seine Taschenlampe senkte sich. Er beleuchtete das Glasfenster des Sarges.

Dann winkte er mir zu. Zögernd trat ich neben ihn. Und ich sah im Sarg – nichts als ein seidenes Kopfkissen unterhalb des Fensterchens – nichts weiter!

»Damit hatte ich allerdings nicht gerechnet!«, flüsterte Harst. »Dass die Leiche weggeschafft worden sein könnte, daran dachte ich erst, als ich hier in der Halle den Verwesungsgeruch spürte. Der konnte nur davon herrühren, dass man den Sarg vor Kurzem – eben in dieser Nacht – geöffnet und die Tote beseitigt hat.«

Er griff nach einer der Flügelschrauben.

»Ah, nicht einmal wieder zugeschraubt! Heben wir den Deckel ab.«

Wir taten es. Aber es war ein mühseliges Stück Arbeit. Der Deckel war fast zu schwer für unsere Kräfte.

Ja, der Sarg war leer. In den Seidenkissen waren noch die Abdrücke zu sehen, wo die Tote gelegen hatte.

Harst stieg von dem Postament herab.

»Lassen wir den Sarg offen«, meinte er. »Wenn ich nicht den Beweis bei mir trüge, dass Boorstetten hier als Leichendieb nicht in Betracht kommt, würde ich sagen: Nur er kann die Tote fortgeschafft haben, um es uns unmöglich zu machen, ihm ein Verbrechen nachzuweisen.«

Er wollte offenbar noch etwas hinzufügen. Doch plötzlich schnellte sein Kopf zur Tür herum.

Dann sah ich, wie er sich zum Sprung zusammenduckte.

Aber der Sprung selbst unterblieb.

Ein leises Klirren von der Tür her schien ihn an denselben Fleck zu bannen. Irgendetwas war dort auf die Marmorfliesen gefallen.

Irgendetwas? Die weißen Kegel unserer Taschenlampen vereinigten sich nun an derselben Stelle. Und dort, auf den Marmorfliesen, lag der Schlüssel des Kunstschlosses der eisernen Tempelpforte. Er war es gewesen, der das Klirren hervorgerufen hatte.

Harsts noch immer zusammengeduckter Körper entspannte sich nun. Er richtete sich wieder auf, wandte sich um und nickte mir zu.

»Also doch!«, flüsterte er. »Auch das ist eingetreten! Ich hatte mit etwas Ähnlichem gerechnet.«

In diesem Moment war er mir unverständlicher denn je! Weshalb lächelte er zu seinen Worten so befriedigt? Warum schenkte er der gewiss auffallenden Tatsache, dass der Schlüssel aus dem Schloss gestoßen worden war – denn von selbst hätte der Schlüssel niemals aus dem Schloss gleiten können – keinerlei Beachtung? Dachte er gar nicht daran, dass jemand nur von außen einen anderen Schlüssel ins Schloss zu zwängen brauchte, um uns hier einzuschließen?

»Harald«, stieß ich hervor, »vielleicht will man uns hier zu Gefangenen machen!«

»Will – will, mein Alter?! Sag ruhig: Man hat es getan! Probiere doch mal, ob der Schlüssel noch in das Schlüsselloch passt!«

Ich eilte hin, hob den langen Schlüssel mit dem doppelten, vielfach gezackten Bart auf und fand meinen Argwohn bestätigt: Der Schlüssel passte nicht mehr ins Schloss!

Ich bückte mich und leuchtete das Schlüsselloch ab. Tatsächlich war von draußen her eine gewöhnliche, große Eisenschraube als Hindernis ganz fest, aber auch ganz lautlos und schnell angebracht worden.

Und diese für den Zweck tadellos passende Schraube verriet, dass dieser Anschlag gegen uns keine Augenblicksache, sondern ausreichend vorbereitet war.

Fortsetzung folgt …

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