Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 5 – Die verzauberte Insel – 4. Teil
Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 5
Die verzauberte Insel
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901
Kapitel 4
Das Leitseil
Um diese Arbeit an einem einzigen Tag fertigzustellen, hatten sie sich tüchtig daran halten müssen und keine Ruhepause machen dürfen. Ermüdet sanken sie daher am Abend auf ihre Betten und schliefen sofort ein.
Als Paul bei Morgengrauen erwachte, hörte er seine beiden Kameraden bereits über die heute vorzunehmende Arbeit sprechen. Gähnend reckte er sich auf dem Heulager.
»Das war endlich einmal eine durch nichts gestörte Nacht«, sagte er zufrieden. »Nun haben wir hoffentlich für immer Ruhe vor den Ratten.«
Sie standen gemächlich auf, um sich zu waschen, doch da stießen sie plötzlich Rufe des Zornes und des Staunens aus.
Die vermauerte Felsspalte war wieder aufgebrochen, und zwar auf eine Weise, die nicht das Werk von Ratten sein konnte. Aber auch ein Mensch wäre anders vorgegangen, hätte er die Mauer wieder einreißen wollen. Es war eben diese Eigentümlichkeit der Arbeitsweise, die unsere Freunde bei näherer Untersuchung in solche Bestürzung oder vielmehr geheime Furcht versetzte, dass sie sich scheu umblickten.
An der Stelle, an der die Spalte am Ende der Höhle begann, war sie etwa zwei Hände hoch. Die jungen Maurer hatten die Steine kunstgerecht übereinander gesetzt und sie bei Bedarf mit dem Steinhammer behauen, sodass möglichst wenige Zwischenräume entstanden, die mit Mörtel verschmiert werden mussten.
Aber ebenso kunstgerecht waren die Steine auch wieder abgetragen worden, einer nach dem anderen, sowohl der größte mit den regelrechten Kanten als auch das kleinste Steinchen, das in eine Fuge gepasst worden war. Alle diese Steine waren flach nebeneinander auf den Boden gelegt worden, genauso, wie sie vorher vertikal gestanden hatten. Daneben war der trockene, abgekochte Mörtel als feines Pulver ausgestreut worden, sodass es aussah, als wäre darüber geharkt worden.
»Das geht nicht mit rechten Dingen zu«, flüsterte Richard zuerst. »Wir sind auf einer einsamen Insel, das müssen wir bedenken. Wisst ihr, wie das fast aussieht? Als hätten Kinderhände im Spiel die Mauer fein säuberlich wieder abgetragen.«
»Am Ende hausen hier gar Heinzelmännchen«, meinte Paul zaghaft, ohne ausgelacht zu werden.
»Es kann auch eine Art von unbekannten Tieren sein, die zu solch einer Arbeit befähigte Pfoten haben«, sagte Oskar nachdenklich. »Und dann ist da noch das Pflaumenbäumchen! Wie hängt das mit diesen Höhlentieren zusammen? Da möchte man wirklich, wie Paul sagt, an Heinzelmännchen glauben. Aber was ist denn das?«
Oskar war zum Ausgang der Höhle gegangen. Bei den letzten Worten bückte er sich und hob einen Schuh Pauls auf, an dem eine Schnur befestigt war. Für die Robinsons bedeutete dies trotzdem ein geheimnisvolles und sogar unheimliches Rätsel. Schon bei der Schnur standen sie vor einem unlösbaren Rätsel. Denn wenn diese Schnur auch einige Ähnlichkeit mit Bindfaden hatte, so erklärte Oskar doch, dass sie weder aus Hanf noch aus Flachs bestünde. Sie war also nicht von ihrer Hand entstanden. Wer hatte sie hierher gebracht? Wer hatte den Schuh daran gebunden, und zwar mit einem ganz eigentümlichen, höchst kunstvollen Knoten? Und wozu all dies?
Und noch eins! Die Schnur führte am Boden aus der Höhle hinaus und verschwand um die Ecke. Doch auch dort hatte sie kein Ende, sondern lief die Terrasse hinab und verlor sich zwischen den Büschen. Wie man sie auch verfolgte, man konnte ihr Ende nicht entdecken.
»Halt«, sagte da auf einmal Richard, als sie sich etwa hundert Schritte von der Terrasse entfernt hatten. »Das ist kein Zufall. Diese Schnur wurde von einem vernünftig denkenden Wesen gelegt, demselben, das den Pflaumenbaum pflanzte und pflegt, die Mauer wieder aufbrach und – wie wir annehmen müssen – auch unsere Lederkleider entführte. Warum hat es das getan? Jedenfalls hat es den Schuh nur deshalb an die Schnur gebunden, damit wir das Leitseil bemerken sollen. Wohin will es uns führen? Oder will es uns nur aus der Höhle locken? Letzteres scheint mir wahrscheinlicher, denn ich kann mir nicht erklären, warum es die Lederkleider fortführte. Ich schlage vor, wir gehen erst einmal zurück in die Höhle. Dann bleibt einer dort und die beiden anderen rüsten sich ordentlich aus wie zu einer Expedition.
Sie handelten entsprechend, und Paul erbot sich, in der Höhle einstweilen Wache zu halten. Nun frühstückten sie erst, und darauf nahmen Richard und Oskar ihre Waffen und verfolgten wiederum die Schnur.
Es zeigte sich bald, wie recht Richard gehabt hatte, denn die Schnur wollte kein Ende nehmen. Obwohl sie ihr schon eine halbe Stunde nachgegangen waren, führte sie noch immer zwischen den Hügeln, über felsige Terrassen und durch Dickicht dahin. Wären sie ihr gleich vorhin, über dem Geheimnis alles andere vergessend, barfuß und ohne Frühstück gefolgt, so wäre es ihnen schlimm ergangen. Das war in der Tat eine richtige Expedition durch die Wildnis und oft genug mussten sie sich erst mit dem Steinbeil Bahn brechen.
Doch wer in aller Welt konnte diese endlose Schnur gelegt haben? Was war das für ein geheimnisvolles Wesen, das durch das dichteste Gestrüpp dringen konnte, ohne die geringste Spur zu hinterlassen? Sie kamen auf ein Terrain, das mit feinem Flugsand bedeckt war, und dennoch konnten sie keinen Abdruck darin entdecken. Vor allem aber fragten sie sich, zu welchem Zwecke das Leitseil gelegt worden war und wohin es sie führen würde.
Die Gegend wurde immer wilder und felsiger. Jetzt bog die Schnur um eine Ecke und verschwand in einer etwa einen Meter breiten und zwei Meter hohen Spalte, die wie eine Tür aussah. Vorsichtig und mit den Waffen für alle Fälle bereit drangen die beiden Freunde ein – und standen starr vor Staunen!
Die Spalte war nämlich nicht dunkel, sondern ziemlich hell, als empfinge sie das Licht von hinten. Sie führte etwa vier Meter tief in den felsigen Hügel und erweiterte sich plötzlich zu einer geräumigen Grotte. Diese erhielt Licht durch oben angebrachte Löcher und von ihr zweigten wieder andere Gänge ab, die in kleinen Kammern endeten.
Diese Grotte war zum Wohnen richtig eingerichtet. An den Wänden liefen unten Sitze und oben Simse hin. Alles schien einen natürlichen Ursprung zu haben; es musste vom Wasser ausgewaschen worden sein. Wer schon einmal Grotten besucht hatte, konnte an diesen Galeriebildungen mit den abzweigenden Gängen und Kammern nichts Außergewöhnliches finden.
Überraschend waren jedoch die drei sorgfältig hergerichteten Betten aus Heu und Moos, die genau wie die Betten der drei Robinsons in ihrer bisherigen Höhle aussahen, aber doch auch wieder anders waren. Und dann – sie begriffen es im ersten Augenblick nicht – lagen in der Mitte der großen Grotte, wo die Schnur endete, die vermissten Stücke ihrer Lederkleidungen, aber schon fix und fertig zusammengenäht!
Richard und Oskar sahen sich sprachlos an.
»Nun bleibt mir der Verstand stehen«, brachte Oskar endlich hervor. »Bin ich denn behext? Träume ich? Oder ist diese Insel verzaubert und treiben darauf Geister ihr Wesen, die uns ihre Dienste anbieten?«
»Sie bieten nicht nur ihre Dienste an, sie sind uns auch schon behilflich«, entgegnete Richard, »aber sie lassen sich nicht sehen und können nicht sprechen. Oder sie wollen überhaupt nicht mit uns verkehren.«
Sie gingen nun daran, die Wunder näher zu untersuchen, und entdeckten dabei noch mancherlei Überraschendes. So waren die Stücke aus Pflanzenfasern, mit denen sie genäht hatten, zum Beispiel wieder herausgezogen und durch jene Schnur ersetzt worden, mit der die unsichtbare Hand auch die oben erst angefangene Arbeit vollendet hatte. Es waren auch noch längst nicht alle Löcher gebohrt worden. Man konnte die alten von den neuen sofort unterscheiden, denn letztere waren viel kleiner und mit einem scharfen Instrument und nicht nur mit einem spitzen Stein gebohrt worden. Aber die Stahllöcher waren vorgebohrt, also konnte das unsichtbare Wesen kaum eine Nähnadel besitzen. Vielleicht hatte es sich auch der Fischgräten bedient. Das dabei verwendete Garn bestand zwar aus demselben Stoff wie die Schnur, war aber viel dünner und dabei ungemein fest. Je länger man es betrachtete, desto mehr musste man es bewundern. Bei einem wirklichen Sachverständigen, etwa einem Garnfabrikanten, wäre diese Verwunderung vielleicht sogar in Staunen übergegangen, denn es war eine überaus feine Arbeit, die aus lauter Seiden- oder Spinnenfäden zusammengedreht zu sein schien. Auffallend war auch, dass neben den Kleidern die alten, herausgezogenen Stricke, die verschwundenen Vorräte und sogar die abgebrochenen Fischnadeln lagen. Sah es nicht so aus, als wolle das geheimnisvolle Wesen jeden Verdacht eines Diebstahls zurückweisen? Bereitet man sich ein Lager aus Heu, wirft man dieses eben an den Boden, lockert es auf und säubert die Umgebung von Halmen. Ebnet man dann noch das Heubett, so kann man nicht mehr tun.
Hier aber waren die Heuhalme wie einzeln übereinandergeschichtet, alle in der gleichen Lage, mit peinlicher Genauigkeit.
Man musste sich nur vorstellen, dass hier einige Millionen Halme vorhanden waren und wie sie alle gleichmäßig nebeneinander und übereinander gelegt waren, um zu wissen, dass diese Arbeit keine menschlichen Hände hätten fertigbringen können. –
Die beiden Freunde gingen schließlich wieder der Schnur entlang den Weg zurück und teilten Paul, dem inzwischen nichts begegnet war, das Geschehene mit. Dieser wusste nichts zu sagen und war derselben Ansicht wie seine Kameraden, dass diese Höhle, die ihnen bisher als Unterkunft gedient hatte, von einem rätselhaften Etwas bewohnt wurde, das keine Nachbarn haben wollte. Deshalb hatte es ihnen durch die Leitschnur eine andere, weit bessere Höhle gezeigt, dort Betten für sie vorbereitet und sich zuvor ihrer angefangenen Arbeit bemächtigt. Es hatte die Arbeit in dreißig Stunden beendet, während die Robinsons drei Wochen dafür gebraucht hätten. Die Arbeit wurde dort niedergelegt.
All diese Hinweise waren zu deutlich, um missverstanden zu werden.
Von einer geheimen Scheu befangen, packten die Knaben nun ihr Hausgerät zusammen und siedelten in die Grotte über. Im Vergleich zu ihrer bisherigen Unterkunft war diese wie ein Palast, hatte aber den Nachteil, dass sich in der Nähe kein Wasser befand. Dieses musste erst von einem entfernt fließenden Bach herbeigeholt werden.
Schon am ersten Tag fühlten sie diesen Umstand empfindlich, doch im Laufe der nächsten Tage dachten Richard und Oskar über eine Erfindung nach, mit der sie das Wasser hierher leiten könnten. Paul schnitt bereits lange Bambusstiele und durchstach die Wände an den Knotenpunkten. Noch waren keine fünf Tage seit dem Umzug vergangen, als sie das Bachwasser durch eine sinnreiche Vorrichtung den ersten künstlich angelegten Absatz hinauf »gedämmt« hatten. Allerdings mussten noch viele solcher Stufen überwunden werden und es würden noch viele Wochen und Monate vergehen, ehe sie das Wasser in ihrer Nähe hatten. Schon die kleinste Störung würde diese Wasserleitung unterbrechen!
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