Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 10 – 11. Kapitel
Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 10
Der Mann mit den sieben Frauen
11. Kapitel
Wiedergefunden
Sherlock Holmes eilte, sobald er das Schloss wieder betreten hatte, ins Turmzimmer hinauf.
Die bleiche Frau, die er aus den Klauen Dungraves gerettet hatte, kam ihm wankend entgegen. Er umfing die Unglückliche und brachte sie zuerst hinaus auf die Galerie, damit sie frische Luft atmen konnte – seit vier Jahren war ihr das nicht mehr gelungen.
Der Detektiv musste sie stützen und führen und gelangte so mit ihr in den Bodenraum.
Hier kam ihm Harry Taxon erregt entgegen.
Der Junge war ganz glücklich, Sherlock Holmes, um dessen Leben er gefürchtet hatte, unverletzt wiederzusehen.
»Es ist alles getan, Harry«, sagte Sherlock Holmes mit einer Stimme, die noch immer das Zittern und Kochen in seiner Brust verriet.
»Lord Dungrave hat seinen verdienten Lohn erhalten – und hier bringe ich, was ich noch retten konnte im Schloss Dunsinam: diese Unglückliche!«
Schluchzend sank die schöne, bleiche Frau ihrem Retter zu Füßen.
»Wie soll ich Ihnen danken, Sherlock Holmes, dass Sie mich aus dem entsetzlichen Kerker befreit haben? Ach, wüssten Sie, was ich gelitten habe! Doch alles, alles hätte ich ertragen, wenn man mir nur nicht mein Kind geraubt hätte, meinen Sohn …«
»Was zu viel ist, ist zu viel, Sherlock Holmes!«, erklang in diesem Moment eine Stimme aus dem Koffer. »Von London nach Schottland bin ich in dem Koffer gefahren und Sie haben mir versprochen, mich sofort nach meiner Ankunft aus meiner engen Wohnung zu befreien. Glauben Sie mir, ich habe furchtbaren Hunger, denn ich habe alles aufgegessen, was Sie mir auf den Weg mitgegeben haben!«
»Was ist denn das?«, stieß die schöne, bleiche Edith, die einzige, wahre Gemahlin Lord Dungraves, hervor. »Welche Stimme – barmherziger Gott, woran mahnt sie mich!«
Sherlock Holmes und Harry waren inzwischen auf den Koffer zugestürzt und hatten ihn geöffnet.
»Allahopp!«, rief der kleine Dandy und schwang sich, als ob nichts gewesen wäre, über den Rand des Koffers hinaus.
»Habe ich mir meinen Lohn verdient, Mr. Sherlock Holmes? Darf ich jetzt ein Jahr lang wenigstens bei Ihnen zu Mittag und zu Abend essen?«
Doch der Detektiv vermochte dem kleinen Straßenaraber nicht zu antworten.
Ein Schrei, der aus tiefster Seele kam, hallte jetzt durch den Raum.
Im nächsten Moment hielt Edith den kleinen Dandy umfangen, drückte ihn an sich und rief: »Mein Kind, mein geliebter Knabe, so sehe ich dich endlich wieder, ja, du bist es, ich habe dich an der Stimme erkannt.
Und jetzt erkenne ich dein geliebtes Gesicht, und hier … hier, hinter dem linken Ohr, das kleine Muttermal. Edwin, mein geliebter Edwin – jetzt, da ich dich wiedergefunden habe, ist alles gut!«
»Eine wundersame Wendung!«, sprach Sherlock Holmes aus. »Doch wahrlich nicht unnatürlich – das Leben schreibt die spannendsten Romane, die sich kein Schriftsteller ausdenken könnte.«
Der Sohn Lord Dungraves irrt heimatlos durch die Straßen Londons, während seine arme Mutter im Kerker schmachtet. Durch eine merkwürdige Fügung kehrt das Kind nun in die Arme seiner Mutter zurück. Dandy, ich wünsche dir Glück. Denn jetzt bist du durch den Tod deines Vaters der kleine Lord Dungrave. Hoffentlich wirst du das Erbe deiner Väter besser und würdiger verwalten.«
*
Das Nächste, was Sherlock Holmes tat, war, die alte Kate am nächsten Tag ins Gefängnis nach Ashkirk zu bringen.
Auch der würdige Nick Dower wanderte zu seinem größten Erstaunen, als er am nächsten Morgen aus seinem Rausch erwachte, ins Gefängnis. Zu diesen beiden Personen gesellte sich schließlich noch die Dirne Kitty Ross.
Sie alle wurden angeklagt, der Ermordung Mary Haltons Vorschub geleistet zu haben, und erhielten lange Zuchthausstrafen.
Sherlock Holmes kehrte mit seinem Famulus im stolzen Gefühl, wieder einmal einen Triumph gefeiert zu haben, nach Hause zurück.
In späteren Jahren war er oft als Gast auf Schloss Dunsinam zu Besuch und wurde immer als der teuerste und liebste Freund von dem jungen Lord Edwin Dungrave und seiner glücklichen Mutter begrüßt.
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