Sagen und alte Geschichten der Mark Brandenburg 67

Das Wunderblut zu Wilsnack
In der Prignitz lebte im Jahre 1383 ein Edelmann namens Heinrich von Bülow; dieser brannte auf feindselige Weise elf Dörfer in der Prignitz nieder und zerstörte sie, darunter auch das damalige Dorf Wilsnack. In jenem Dorf brannte die Kirche mit allem Inhalt vollständig ab. Der Pfarrer von Wilsnack, Herr Johannes, hatte damals drei Hostien für die Krankenkommunion eigens in der Kirche aufbewahrt.
In der Nacht nach dem Brand, als er gerade schlief, hörte er plötzlich eine Stimme rufen: »Steh auf, Johannes, und bereite dich darauf vor, am Altar der abgebrannten Kirche die Messe zu lesen!«
Zuerst dachte er, ein ungezogener Junge wolle ihn verspotten, und blieb liegen. Doch als er die Stimme ein zweites und schließlich ein drittes Mal hörte, stand er auf und ging zur Kirchenruine. Und tatsächlich: Mitten in der Zerstörung stand der Altar völlig unversehrt da. Zu beiden Seiten brannten zwei helle Wachskerzen und in der Mitte lag ein weißes Leinentuch. Darin befanden sich die drei Hostien, die der Pfarrer dort verwahrt hatte. Sie waren unbeschädigt, aber auf wunderbare Weise über und über mit Blut bespritzt.
Dieses Wunder versetzte den frommen Mann und alle, denen er es zeigte, in Staunen. Die drei Hostien wurden sorgsam gehütet und bald hieß es, sie würden Wunder wirken. So wurde Wilsnack schnell zu einem berühmten Wallfahrtsort. Ganze Scharen von Kranken aus Schweden, Norwegen, Ungarn, Frankreich, England, Schottland und Dänemark reisten an und wurden geheilt. Diese Wunder hielten bis zum Jahr 1552 an. Damals verbrannte der Pfarrer von Wilsnack namens Ellefeld, der sich der Reformation (der neuen Lehre) angeschlossen hatte, die blutigen Hostien.
In der schönen Wilsnacker Pfarrkirche, die vom Bischof Wepelitz von Havelberg errichtet wurde, sieht man noch heute im Chor eine Reihe alter Bilder, welche die einzelnen Szenen der Legende darstellen. Dem armen Ellefeld ist aber seine mutige Tat teuer zu stehen gekommen. Er wurde mit dem Kaplan Lindenberg und dem Schulmeister Blockmann, welche bei der Verbrennung der Hostien mitgewirkt hatten, vom Domkapitel gefangen gesetzt. Dieses behauptete, Ellefeld habe nicht nur das heilige Blut, welches das Domkapitel nach Havelberg zu nehmen willens gewesen war, sondern auch die darüber gelegte konsekrierte Hostie verbrannt und dadurch ein unverzeihliches Sakrileg begangen. Alle kamen schließlich zwar wieder frei und die anderen wurden auch in ihre Ämter wieder eingesetzt; Ellefeld aber musste als der eigentliche Anstifter die Mark verlassen.
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