Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 10 – 6. Kapitel
Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 10
Der Mann mit den sieben Frauen
6. Kapitel
Das Denkmal am See
»Sie sind jedenfalls zu beneiden, Mylord«, sprach Sherlock Holmes, »denn Ihr Besitz ist herrlich. Da begreift man es auch, dass Sie es vorziehen, in der Einsamkeit dieses schottischen Adelssitzes zu leben und nicht wie andere Ihresgleichen in London am Hofe der Königin und in der glänzendsten Gesellschaft, in den vornehmen Clubs, in denen es Zerstreuung genug gibt.«
»Ich liebe London nicht besonders«, gab Lord Dungrave zur Antwort, »und dann – das Land hat ja auch seine Freuden.«
»Gewiss«, versetzte Sherlock Holmes sarkastisch, »besonders – wenn man sie sich zu verschaffen weiß.«
In diesem Augenblick öffnete sich vor ihnen der Park, die alten Bäume traten zurück, und sie standen am Ufer eines jener wundervollen schottischen Seen, deren Farbe tiefschwarz ist und die oft so unergründlich sind, dass kein Senkblei bis auf ihren Grund hinabreicht.
Alte Weidenstämme erhoben sich am Ufer, und weit hinein ins Wasser reichte das Schilf, das in einer entzückenden Mischung aus Perlgrau und Saftgrün prangte.
»Lassen Sie uns hier links gehen«, sagte der Lord, »denn ich verweile nicht gern am Ufer dieses Sees.«
Doch schon hatte sich Sherlock Holmes nach rechts gewendet. Ohne auf den Lord zu achten, ging er etwa 20 Schritte in diese Richtung, denn seine Falkenaugen hatten einen großen weißen Marmorobelisk entdeckt, der sich hier direkt am Ufer des Sees erhob.
»Ein Denkmal«, rief Sherlock Holmes, wandte sich dem Lord zu und fügte hinzu: »Ah, das ist ja sehr interessant, wahrscheinlich eine alte Erinnerung an einen Unfall, der sich an diesem See ereignet hat?«
»Nicht so alt«, stieß Lord Dungrave, offenbar unangenehm berührt, dass Sherlock Holmes dieses Denkmal entdeckt hatte, mit rau klingender Stimme hervor.
»Dieses Denkmal mag Ihnen darüber Auskunft geben, warum ich die Einsamkeit vorziehe, denn das Schicksal war mir nicht besonders hold. Lesen Sie!«
Und Sherlock Holmes überblickte flüchtig die Inschrift, die unter einem Kreuz in den Marmorobelisk eingemeißelt war.
Hier verunglückte Lady Edith Dungrave auf einer Bootsfahrt.
Ihre Leiche ruht auf dem Grund des Sees. Sie ruhe in Frieden!«
»Meine Gemahlin«, presste Lord Dungrave mit dumpfer Stimme hervor. »Es war ein schreckliches Unglück, und ich habe mich von dem schweren Schicksalsschlag bisher noch nicht ganz erholt, daher mein zurückhaltendes Benehmen Fremden gegenüber.«
»Das ist in der Tat ein furchtbares Unglück, welches Sie da getroffen hat«, antwortete Sherlock Holmes. »Aber haben Sie es denn nicht versucht, die Leiche aus der Tiefe des Sees zu bergen, um Ihrer Gemahlin die letzte Ruhestätte in der Familiengruft zu sichern?«
»Nicht einmal diesen Trost konnte ich mir verschaffen«, gab der Schotte zur Antwort. »Dieser See ist so unergründlich tief, dass sich kein Taucher hinunterwagen kann. Auch versinkt jeder Körper, der in den See stürzt, sofort im Schlamm des Grundes, der zäh seine Beute hält.«
»Wie ich aus dem Denkmal entnehmen kann, ereignete sich dieser unglückliche Vorfall vor acht Jahren«, rief Sherlock Holmes. »Und Sie haben sich seither nicht zu einer zweiten Vermählung entschließen können, Mylord?«
»Nein«, entgegnete der Schotte mit fester Stimme. »Lady Edith war ein Engel an Schönheit und Liebenswürdigkeit. Wie hätte ich da daran denken können, mich noch einmal zu vermählen, Mr. Vithney? Die Erinnerung an sie peinigt mich.«
Der Lord wandte sich nun vom See ab und führte seinen Begleiter weiter in den Park hinein.
Aber sie waren noch nicht lange gegangen – kaum fünf Minuten – als plötzlich hinter den alten Bäumen eine Gestalt hervortrat, deren Erscheinen in diesem vornehmen, so sorgsam abgeschlossenen Park wahrlich überraschen musste.
Es war ein Vagabund, der sich durch ein Felleisen, das er auf dem Rücken trug, und einen Knotenstock, den er in der Hand hielt, das Aussehen eines reisenden Handwerksburschen geben wollte. Doch ein Blick in das verwitterte Trinkergesicht des grauhaarigen Mannes und auf seinen keineswegs sauber gehaltenen Anzug, der von Schmutz- und Flickflecken starrte, zeigte, dass es diesem Menschen nicht darum ging, ehrliche Arbeit zu finden, sondern dass er vielmehr zu jener großen Sekte von Landstreichern gehörte, die sich durch Betteln und gelegentlich auch durch Diebstahl weiterhalf.
Der Vagabund zog die Mütze vom Kopf und wollte etwas sagen, doch der Lord stieß einen zornigen Laut aus und rief: »Wie kannst du es wagen, diesen Park zu betreten? Habt Ihr nicht die Tafel gelesen, die am Eingang dieser Besitzung aufgerichtet ist und deutlich genug sagt, dass das Betreten des Marktes verboten ist? Hinaus, oder ich lasse meine Hunde auf euch los!«
Doch der alte Vagabund ließ sich davon nicht beeindrucken. Im Gegenteil, er trat noch zwei Schritte auf den Lord zu, grinste ihm frech ins Gesicht und sagte: »Ihr seid gewiss der Herr dieser schönen Besitzung. Ich wollte Euch nur um eine kleine Gabe bitten, Mylord. Ich war ein ehrlicher Arbeiter, doch vor einigen Tagen wurde ich von der Verwaltung der Great Northern Railway ganz unschuldig wegen eines seltsamen Vorfalls entlassen.«
Der Lord taumelte zurück, als hätte ihm ein Unsichtbarer einen Peitschenhieb versetzt. Jeder Blutstropfen wich aus seinen Wangen, aschfahle Blässe bedeckte sein Gesicht.
»Great Northern Railway!« In dem Moment, in dem Sherlock Holmes diese Worte aus dem Mund des Vagabunden hörte, wusste er, dass dies nur ein Erkennungswort sein sollte.
Die Bestürzung, die den Lord ergriffen hatte, konnte übrigens ebenso wenig darüber täuschen, dass auch Lord Dungrave den Mann erkannt hatte und dass zwischen dem schottischen Edelmann und dem heruntergekommenen Landstreicher gewisse Beziehungen bestehen mussten.
Inzwischen hatte sich der Lord einigermaßen gefasst und sagte: »Seit Jahren ist es nicht vorgekommen, Mr. Vithney, dass sich ein Mensch in diesem Park aufgehalten hat, der nicht ausdrücklich von mir die Erlaubnis bekommen hat, ihn zu betreten.
Auch hat mich das Unglück, das ich erlitten habe, ein wenig nervös gemacht, aber im Übrigen bin ich nicht der Mann, der einen Unglücklichen, einen Bedürftigen ungetröstet gehen lässt – kommt her, guter Freund!«
»Ha, ha, ich wusste ja«, versetzte der Vagabund mit seiner Branntweinstimme, »dass Mylord mich nicht ohne Gabe wegschicken würde.«
»Gewiss nicht«, erwiderte Dungrave, »aber es ist mein Prinzip, nur Würdige zu unterstützen. Zeigen Sie mir deshalb einmal Ihre Papiere, aus denen ich dann ersehen kann, ob ich mich in Ihnen nicht täusche. Beantworten Sie mir anschließend einige Fragen.
Mr. Vithney«, wandte sich Lord Dungrave an Sherlock Holmes, »ich kann von Ihnen nicht verlangen, dass Sie sich um dieses Burschen willen in Ihrem Spaziergang unterbrechen lassen. Bitte setzen Sie Ihren Spaziergang fort, ich erledige nur noch schnell etwas mit diesem Mann und kehre dann ins Schloss zurück, da ich noch einen wichtigen Brief zu schreiben habe.«
»Es tut mir leid, Mylord«, sagte Sherlock Holmes treuherzig zu dem Besitzer des Schlosses Dunsinam, indem er ihm die Hand reichte. »Ich kann mich leider nicht noch weiter Ihrer Gesellschaft erfreuen, aber ich möchte diesen herrlichen Park in der Tat noch genauer kennenlernen. Auf Wiedersehen also!«
»Auf Wiedersehen – auf morgen früh«, antwortete der Lord. »Heute werden wir uns schwerlich noch einmal begegnen.«
Sherlock Holmes schritt zuerst langsam die Allee hinauf, bis er zu einer Biegung kam. Kaum hatte er diese erreicht und befand sich auf einem Seitenweg, wo er sicher sein konnte, durch das dichte Gebüsch nicht beobachtet zu werden, machte er plötzlich einen Sprung hinein. Dann schickte er sich an, den Weg, den er eben gegangen war, auf allen vieren zurückzugehen.
Kein Fuchs, kein Marder hätte mit größerer Lautlosigkeit dahinschlüpfen können als Sherlock Holmes.
Geräuschlos bewegten sich die Blätter, die er mit seinem Körper berührte, und so gelangte er wieder bis zu der Stelle zurück, an der der Lord und der Landstreicher noch immer standen.
Sobald er die flüsternden Stimmen der beiden Männer hörte, legte er sich flach auf den Bauch, streckte die Arme aus und blieb wie ein Toter liegen.
»Die Pest soll euch ins Gebein, Nick Dower! Was ist euch denn eingefallen, von London nach Schottland zu kommen? Und wie könnt ihr so frech sein, hier im Park vor mich hinzutreten?«
»Von Frechheit ist keine Rede«, antwortete der Bursche in einem so reinen, unverfälschten Whitechapel-Dialekt, dass Sherlock Holmes sofort wusste, dieser Mensch gehörte der großen Londoner Verbrechergilde an. »Frechheit ist, Mylord, wenn man bei Nacht Eisenstäbe durchfeilt, ein Fenster zertrümmert und …«
»Schweigt … oder …«
»Oh, mit Drohungen erreicht ihr nichts, Mylord«, versetzte der andere, »es war ein großes Glück, dass ich mir über eure Person Klarheit verschafft habe. Sonst hätte ich mich mit lumpigen 50 Pfund begnügen müssen, die ihr mir für die Geschichte in die Hand gedrückt habt – ein wahres Bettelgeld, wenn man bedenkt, was ich euch für das Geld habe leisten müssen. Na, und dann habe ich Pech gehabt. Ich bin mit eurem Geld in die Spielhölle von Jim Healy gegangen. Dort haben sie mich gründlich eingeseift. Sie haben mich besoffen gemacht und mir dann das Geld und den Rock abgenommen. Alles habe ich im Suff verspielt. Dann haben sie mich bei Jim Healy mit Fußtritten auf die Straße hinausgeworfen. Da lag ich!«
»Aber was tut das denn?«
»Am nächsten Morgen, als ich meinen Rausch ausgeschlafen hatte, sagte ich mir: Du hast ja einen guten Freund, Lord Dungrave. Der wird dich nicht in der Patsche sitzen lassen. Der wird sich freuen, wenn du ihn einmal auf seinem Adelssitz besuchst. Kitty Ross – ihr kennt ja die Dirne, Mylord – hat unsere Bekanntschaft doch vermittelt. Sie hat zu mir gesagt: ›Wenn du mit mir teilst, strecke ich dir das nötige Geld vor, das du brauchst, um bis nach Ashkirk zu kommen.‹ Weil sie einen goldenen Gimpel gefangen hat, hat sie mir drei Pfund geliehen – gerade genug, Mylord, um das Fahrgeld zu bezahlen.
Von Ashkirk bin ich zu Fuß hierher gewandert und habe im Park gelauert, bis ich Euch sprechen könnte.
Also, Mylord, bringt vor allen Dingen euren Freund standesgemäß in eurem Schloss unter. Ein Zimmer wird noch für mich vorhanden sein. Große Ansprüche mache ich in dieser Beziehung nicht. Ich lege mehr Wert auf eine gute Bewirtung.«
Mit halb geschlossenen Augen hatte der Lord der Rede des Strolches zugehört. Er schien seinen Entschluss gefasst zu haben.
»Vor allen Dingen werdet Ihr einsehen, Nick Dower«, antwortete er ihm, »dass ich mich in Eurer Gesellschaft nicht sehen lassen kann. Wir müssen sehr vorsichtig sein.
Was Ihre Ansprüche anbelangt, so werden Sie schon das Nötige erhalten. Die Hauptsache ist, dass wir uns gründlich miteinander aussprechen.
Geht jetzt so schnell wie möglich aus dem Park hinaus und schleicht euch verstohlen fort, denn ich wünsche nicht, dass euch jemand ins Schloss hineingehen sieht.
Bringt diesen Zettel meinem Kastellan, dem alten Samuel. Er wird euch den Raum zeigen, in dem ihr wohnen könnt. Es soll euch bei mir an nichts fehlen. Heute Nacht werde ich mit euch verhandeln, und morgen machen wir uns auf den Weg nach London.«
»Ah, ich sehe, Sie sind ein vernünftiger Herr«, rief Nick Dower, »aber wenn Sie mir den Zettel an den alten Samuel geben, so können Sie gleich darauf bemerken, dass ich leidenschaftlich Gin trinke – er soll mir ein paar Flaschen davon zur Verfügung stellen – in Schottland, sagt man, gibt es den besten Gin.«
»Er soll euch nicht fehlen«, versetzte der Lord, der sein Taschenbuch herausgerissen hatte und mit Bleistift einen Zettel beschrieb.
»So, da nehmt – macht, dass ihr nun fortkommt!«
Der Vagabund steckte den Zettel in die Tasche seiner zerrissenen Weste, grinste den Lord freundlich an und trollte den Weg vorwärts, der zum Schloss führte.
Lord Dungrave aber stampfte zornig auf und aus seinen dunklen Augen schlugen Flammen wahnsinniger Wut.
»Haben denn alle bösen Geister sich gegen mich verschworen?«, presste er hervor. »Zuerst musste dieser Maler in mein Haus kommen, und jetzt – dieser Hund von einem Verbrecher! Doch … mit dem …«
Der Lord vollendete seinen Gedanken nicht, sondern wandte sich hastig ab und schritt auf einem anderen Weg dem Schloss zu.
Als Sherlock Holmes sich aus dem Gebüsch schob und dem Lord durch das Gezweig der Blätter nachblickte, stieß er leise die Worte hervor: »Da wird ein neuer Mord geplant!«
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