Frank Allan Band 1.8
Frank Allan
Rächer der Enterbten
Band 1
Die Zuchthausrevolte
8. Kapitel
Die Zuchthausrevolte hatte die ganze Stadt in wilde Aufregung versetzt. Auf dem Polizeipräsidium herrschte ein wirres Durcheinander, es herrschte ein fortwährendes Kommen und Gehen.
Im Palast des reichen Mac Farlan tagte unterdessen die geheimnisvolle Versammlung. Man wartete in ängstlicher Spannung auf die Rückkehr des Hausherrn.
Ob die Rettung Lawlands geglückt war?
Manchem war nicht ganz wohl zumute und er hätte sich am liebsten heimlich fortgeschlichen.
Stunde um Stunde verging, doch keiner der Erwarteten trat ein.
Angst ließ die Gesichter der Wartenden erbleichen.
*
Von den Türmen der Stadt schlug es Mitternacht.
Ein Bote trat zum Polizeipräsidenten, der in höchster Erregung auf und ab schritt, und flüsterte ihm leise eine Botschaft zu.
»Jetzt? Ich bin für niemanden zu sprechen!«
»Der Herr sagte, es handle sich um die Zuchthausrevolte!«
»Dann lasst ihn eintreten!«
Der nächtliche Besucher verbeugte sich mit weltmännischer Eleganz vor dem Gestrengen. Erstaunt und befremdet blickte dieser dem Eintretenden entgegen.
»Wenn ich Sie anhören soll, so nehmen Sie die Maske vom Gesicht!«
»Es tut mir leid, Herr Präsident, ich kann Ihrem Verlangen nicht nachkommen!«
»So nennen Sie mir wenigstens Ihren Namen!«
Da griff jener in die Brusttasche seines Rocks und reichte dem Polizeigewaltigen ein kleines Kärtchen.
»Frank Allan? Wagen Sie es, mich zu dieser Stunde aufzusuchen? Sie wissen, dass ich selbst einen hohen Preis für Ihre Ergreifung ausgesetzt habe! Was sollte mich hindern, Sie verhaften zu lassen?«
»Ihre Klugheit, Herr Präsident! Sie wissen genau, dass ich kein gemeiner Verbrecher bin. Was ich reichen Schurken abnehme – allerdings auf ungesetzlichem Wege – fließt Armen und Kranken zu. Ich will mich für die Enterbten, die Ausgestoßenen und die in Not oder augenblicklicher Verblendung Gestrauchelten an ihren Verführern und Ausbeutern, den Vampiren der Menschheit, rächen!«
»Sind Sie bloß hierhergekommen, um mir Ihre Lebensmoral auseinanderzusetzen?«
»Nein, Herr Präsident. Die Zuchthausrevolte ist der Grund meines Besuches. Ich habe sie selbst miterlebt, nachdem ich mich als angebliche Nr. 27 hatte einsperren lassen. Ich wollte verhindern, dass die Rädelsführer entwischten. Mein Plan ist aufgegangen, sie befinden sich in sicherem Gewahrsam in meiner Wohnung!«
»Sie sprechen mit merkwürdiger Bestimmtheit, dass man Ihnen fast glauben möchte. Wie heißen die gefangenen Verbrecher?«
»Sam Lawland, mit dem Sträflingsnamen 63, und Mac Farlan!«
Entsetzt wich der Präsident einige Schritte zurück.
»Mac Farlan? Das ist unmöglich!«
Doch Frank Allan sprach ruhig weiter.
»Die Mitschuldigen dürften vollzählig in Mac Farlans Wohnung versammelt sein: Advokat Millfort, Dr. Truton, Staatsanwalt Battner …«
Da packte den Präsidenten der Zorn, denn er glaubte, einen Wahnsinnigen vor sich zu haben.
»Sind Sie von Sinnen? Wie können Sie es wagen, solch ungeheuerliche Beschuldigungen auszusprechen?«
Frank Allan begann ruhig zu erzählen: von Stettons Unterschlagung, Hozkins unverdienter Verurteilung und zuletzt von der belauschten Geheimsitzung im Hause Mac Farlans.
Als er geendet hatte, trat der hohe Beamte auf ihn zu und streckte ihm freimütig die Hand entgegen: »Frank Allan! Sie sind ein seltsamer Mensch. Ich beginne, an Ihre Lebensmoral zu glauben. Sie sind wirklich ein Rächer der Enterbten!«
»Wollen Sie mich jetzt auch noch verhaften?«
»Zum ersten Mal in meinem Leben handle ich gegen meine Pflicht! Sie sind frei! Den Dienst, den Sie heute mir und der ganzen Menschheit geleistet haben, werde ich Ihnen nie vergessen. Ich möchte meinen Dank gern durch die Tat bezeugen.«
»Sehr leicht, Herr Präsident. Versprechen Sie mir, dass Sie die Opfer der Schurken sofort in Freiheit setzen. Sie sind für ihren Leichtsinn bereits genug bestraft. Helfen Sie den Ärmsten, mit dem Geld, das Sie dem Verbrecherbund abnehmen, ein neues Leben zu beginnen. Dann ist auch diesmal meine Mission erfüllt!«
»Ich verspreche es, Frank Allan!«
Dann ging der Rächer der Enterbten, glücklich lächelnd …
*
In Mac Farlans Wohnung aber harrten die Verschworenen noch immer auf die Rückkehr ihres Oberhauptes.
Schweigend hockten sie im glänzend erleuchteten Zimmer und verfolgten in bebender Angst den Zeiger der Uhr, der sich langsam, aber unaufhaltsam vorwärts bewegte.
Da tönten Schritte von draußen.
»Endlich!«
Aufatmend flüsterten es die blassen Lippen.
Dann wurde die Tür scharf aufgerissen.
»Mac Far …«
Das Wort blieb unausgesprochen. Ein anderer, ein Furchtbarer, trat langsam, mit glühendem Zorn und Verachtung in den Augen, mitten unter die Überraschten: der gefürchtete Polizeipräsident!
Hinter ihm blinkten die Uniformen der Beamten, die ihm gefolgt waren.
»Im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie als Mitschuldige der Verbrecher Mac Farlan und Sam Lawland.
Sie haben sich gegen die Gesetze vergangen, deren Hüter vor allem Sie hätten sein sollen.
Sie haben sich nicht gescheut zu stehlen und die Bestohlenen durch betrügerische Anklagen der grausamsten Strafe zu überliefern. Nur dem selbstlosen Eingreifen eines Mannes, dessen Herz besonders für die Entrechteten und Geknechteten schlägt, ist es zu verdanken, dass die Gerechtigkeit in dieser Stunde triumphieren kann.
Und nun folgen Sie mir.«
Da brach der letzte Widerstand zusammen.
Wortlos ließen sich die Fassungslosen abführen.
Die Opfer der herzlosen Schurken würden gerächt werden!
*
An einer anderen Stätte kehrte in der Zwischenzeit nächtlicher Besuch ein: in der Irrenanstalt des Dr. Truton.
In den ersten Tagen hatte Tom Stetton auf alle möglichen Arten von Flucht gesonnen, aber er musste bald einsehen, dass er sehr gut bewacht wurde. Man hatte ihm nichts gelassen, was ihm ermöglicht hätte, das schwere Eisengitter, mit dem das einzige Fenster seiner Zelle gut gesichert war, zu durchfeilen oder auf sonstige Weise zu zerstören. Als er in seiner Verzweiflung zu toben begann, brachte man ihn in eine fensterlose Gummizelle.
»Bis Sie wieder ruhiger geworden sind«, hatte Dr. Truton gehöhnt.
Nun harrte Stetton in verzweiflungsvoller Bangigkeit auf die nahende Rettung.
Sollte Frank Allan das Zeichen etwa nicht verstanden haben? Oder hatte die Wirtin etwa sein merkwürdiges Verhalten gar nicht erwähnt?
Das war doch undenkbar!
Aber wo blieb dann der Freund, der ihm Beistand zugesagt hatte?
Die Tage vergingen in grausamer Einsamkeit.
Langsam begann jede Hoffnung zu schwinden.
Da endlich schlug auch ihm die Stunde der Befreiung.
Frank Allan persönlich brachte dem schwer Geprüften die Freiheit wieder. Ein Schreiben des Polizeipräsidenten verschaffte ihm ungehinderten Zutritt.
Tom Stetton wollte dem Befreier in jubelndem Glück die Hand küssen, doch Frank Allan verwehrte es ihm.
Sein Werk war vollendet!
Ende
Als Band 2 erscheint:
Mit Flugzeug und Fallschirm
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