Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 10 – 5. Kapitel
Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 10
Der Mann mit den sieben Frauen
5. Kapitel
Unwillkommene Gäste
»He, was gibt’s? Was wünschen Sie, mein Herr? In diesem Schloss können Sie nicht absteigen. Fahren Sie zum Dorf Dunsinam hinunter! Dort gibt es ein Gasthaus.«
Ein grämlich aussehender alter Mann war es, der diese Worte ausrief, während er auf der Freitreppe eines schottischen Schlosses stand. Seine keineswegs freundliche Aufforderung war an zwei Herren gerichtet, die soeben in einem kleinen, leichten Wagen vorgefahren waren.
»He, bist du nicht aus Ashkirk?«, wandte sich der Alte, langsam näherkommend, an den Kutscher dieses Wagens. »Dann musst du doch wissen, dass Mylord keine Besuche empfängt.«
»Ich bitte Sie aber trotzdem, mich Lord Dungrave zu melden«, versetzte der Herr, der nun die Tür des offenen Wagens öffnete und der Kutsche langsam entstieg. »Überbringen Sie ihm meine Karte! Ich bin der Maler Daniel Vithney. Hier, nehmen Sie meine Karte! Dieser junge Mann da ist mein Famulus, mein Farbenreiber, mein Diener, wie Sie wollen.«
Der alte Kastellan des Schlosses, dessen riesige Gestalt durch die Bürde der Jahre schon ein wenig gedrückt erschien, fuhr sich verlegen mit der Hand durch die ergrauten Haare, die noch ziemlich voll auf seinem Kopf saßen.
Er drehte die Karten mit der anderen Hand um und wieder auf die Vorderseite zurück und sagte dann: »Ja, aber ich weiß nicht, Mr. Vithney – Lord Dungrave ist ein wenig leidend. Und dann, es ist nicht seine Art, Besuche zu empfangen.«
»Ich habe durchaus keine Absicht, Lord Dungrave in seiner Lebensweise im Geringsten zu stören. Aber ich komme auf Anfrage Ihrer Majestät, der Königin. Bitte richten Sie das aus.«
»Haben Sie die Güte, auf der Terrasse Platz zu nehmen – ich werde Mylord Ihre Karte überbringen.«
Langsam schritt der Maler Daniel Vithney die breite Treppe zur Terrasse empor.
Unter dem Wellblechdach, das offenbar erst neueren Datums war und nicht zu dem alten, malerisch gelegenen Schloss zu passen schien, ließ er sich in einem geflochtenen Korbsessel an einem Tisch nieder. Sein Farbenreiber, ein junger Mann von etwa 18 Jahren, begann derweil, die Reisetasche auszuladen und einen kleinen Koffer, der hinten am Wagen angebracht war, abzuschnallen.
Da öffnete sich die hohe Glastür, die in das Schloss führte, und Lord Dungrave trat heraus.
Der Mann sah genau so aus, wie er in dem Brief der unglücklichen Mary Halton geschildert worden war: groß, hager, mit einem nicht unhübschen Gesicht, das von rotblonden Bartkoteletten flankiert wurde.
Sorgsam war das Haupthaar gescheitelt, und auch die übrige Toilette des Lords war trotz der Einsamkeit, in der er hier inmitten der Berge lebte, durchaus weltstädtisch.
In diesem Moment trug er einen geschlossenen, schwarzen Gehrock, aus dem ein schmaler, weißer Kragen herausschaute, helle Hosen und Lackstiefel.
»Ich habe die Ehre, Mr. Daniel Vithney, den berühmten Maler, vor mir zu sehen?«, fragte der Lord und hielt dabei die Karte in der Hand, die der Künstler ihm soeben gesandt hatte.
»Daniel Vithney ist mein Name. Ich komme im Auftrag Ihrer Majestät, der Königin. Wollen Sie die Güte haben, Lord Dungrave – denn ich zweifle nicht, dass ich mit dem Besitzer dieses herrlichen Schlosses rede – dieses Kreditiv in Empfang zu nehmen, das mir vom Oberhofmeisteramt Ihrer Majestät übergeben wurde?«
Der Maler zog einen versiegelten Brief aus der Tasche und reichte ihn dem Lord. Dieser öffnete den Brief und schlug ihn auseinander.
Der Inhalt dieses Briefes schien Lord Dungrave offenbar nicht sehr zu erfreuen.
Ein paar Mal flog bei der Lektüre ein düsterer Schatten über sein Gesicht.
Dann aber zwang er sich zur Gleichgültigkeit und Ruhe und sagte: »Wie ich aus diesem Schreiben entnehme, beabsichtigt Ihre Majestät, durch Sie, mein Herr, eine Reihe von Gemälden anfertigen zu lassen, die berühmte, alte schottische Schlösser zum Gegenstand haben sollen.«
»So ist es in der Tat, mein Herr. Und da Schloss Dunsinam sich einer alten Berühmtheit erfreut und gewissermaßen seine eigene Geschichte hat, so ist es der Wunsch Ihrer Majestät, dass ich mit diesem Schloss beginne. Zu diesem Zweck werden Sie mich allerdings einige Tage auf Ihrer Besitzung dulden müssen.
Ich muss die Eigenart des Schlosses studieren, einige fotografische Aufnahmen machen und mir Skizzen anfertigen.
Ich weiß, dass es Ihnen nicht recht ist, in Ihrer gewohnten Ruhe gestört zu werden. Ich kann Ihnen aber die Versicherung geben, Mylord, dass ich auch dies absolut nicht zu tun beabsichtige.
Mein Famulus und ich sind mit irgendeinem kleinen Stübchen zufrieden, und wäre dasselbe auch ganz oben oder sogar unterhalb dieses wunderbaren gotischen Turmes gelegen. Wir werden uns bemühen, Ihnen so wenig wie möglich in den Weg zu kommen.«
Noch immer schien Lord Dungrave zu schwanken. Doch der Brief des Oberhofmeisteramtes in seiner Hand und der Gedanke, dass die Bitte des Malers gewissermaßen die Bitte der Königin sei, schienen ihn umzustimmen.
Mit einer Stimme, die jedoch wahrlich keine Freude verriet, antwortete er: »Ihr Besuch ist mir willkommen, Mr. Vithney! Samuel, dieser Herr, einer unserer berühmtesten englischen Maler, wird das grüne Zimmer bewohnen. Der anstoßende Raum kann sein Arbeitszimmer sein und nebenan im Kabinett bringst du seinen Begleiter unter.
Mein Herr, ich bitte um Verzeihung, aber ich habe noch in meiner Bibliothek zu tun. Zum Dinner hoffe ich, Sie wiederzusehen. Alle anderen Mahlzeiten nehmen Sie bitte in Ihrem Zimmer ein.«
Der Lord verbeugte sich.
Im nächsten Moment war er schon wieder hinter der Glastür verschwunden.
Der alte Samuel stand ganz betroffen da. So etwas war ihm schon lange nicht mehr passiert, dass sein Herr einem Besucher die Tür des Schlosses Dunsinam öffnete.
Auch schien ihm dieser Besuch, der da ins Haus hineingeschneit war, persönlich unangenehm zu sein.
Vielleicht fürchtete der Alte, dass ihm dieser unerwünschte Arbeit bringen würde.
»He, Kate! Kate!«, rief er ins Haus hinein.
Eine hässliche Alte, die ziemlich salopp gekleidet war, zeigte sich.
Sie knurrte etwas, das offenbar ein Willkommensgruß sein sollte, aber ebenso gut eine Verwünschung sein konnte.
Sie war dem Mann behilflich, die Tasche des Fremden ins Schloss hineinzutragen.
Wenige Minuten später befanden sich der Maler und sein Farbenreiber in einem großen, dreifenstrigen Salon, der mit antiken Möbeln eingerichtet war und in dem sich auch ein großes Bett unter einem Himmel befand.
»Dies ist Ihr Schlafzimmer, mein Herr«, sagte Samuel.
Dann öffnete er eine Tür und zeigte in einen womöglich noch größeren Raum, der mit geschnitzten Eichenmöbeln ausgestattet war.
»Hier ist Ihr Salon, und das Kabinett nebenan ist für den jungen Herrn bestimmt.«
Der Maler trat sogleich an eines der großen Fenster.
»Nordlicht«, sagte er, »das ist gut. Ein wenig hoch liegen wir da. Die Zimmer befinden sich, wenn ich mich nicht irre, im dritten Stockwerk des Schlosses?«
»Man könnte sagen, im höchsten«, antwortete Samuel, »wenn nicht der Turm noch darüber läge.«
»Ah, gerade über diesem Zimmer?«
Samuel schielte den Fremden misstrauisch von der Seite an und antwortete dann: »Ja, genau darüber! Haben Sie sonst noch Anweisungen für mich, Mr. Vithney?«
»Ich habe überhaupt keine«, entgegnete der Maler liebenswürdig. »Ich werde mich bemühen, Sie so wenig wie möglich zu belästigen. Wann ist die Dinerstunde?«
»Um 17 Uhr, den Lunch sende ich Ihnen aufs Zimmer.«
Samuel, der eine ziemlich alte und schäbige Livree trug, verbeugte sich und zog sich zurück.
Der Maler schloss hinter ihm fest die Tür und legte dann den Finger an den Mund, als wollte er dem Farbenreiber andeuten, vorläufig nichts zu sagen.
Erst, als die Schritte des Alten längst auf der steinernen Treppe verklungen waren, und nachdem der Maler durch ein Schlüsselloch sichergestellt hatte, dass Samuel nicht zurückgekehrt war, um zu lauschen, rief er vergnügt aus: »Also, wir haben uns in dieses Schloss hineingeschmuggelt, Harry! Das war die Hauptsache, und ich glaube, zugleich der schwierigste Teil unseres Unternehmens.
Jetzt müssen wir so schnell wie möglich feststellen, ob der Koffer mit Dandy schon angekommen ist, denn ich muss den Jungen schnell befreien, damit er nicht allzu lange in seiner engen Wohnung hausen muss.«
»Ah, dem geht es ganz gut«, rief Harry lachend aus. »Ich bin fest davon überzeugt, er hat beide Brote, das Fleisch und alles, was wir ihm sonst noch mitgegeben haben, so ziemlich aufgezehrt und befindet sich jetzt im Zustand einer gesättigten Schlange.«
»Also gerade hier über uns liegt der Turm«, fuhr Sherlock Holmes – denn er war es wirklich, der sich unter der Maske des berühmten Malers Daniel Whitney bei Lord Dungrave eingeführt hatte – fort. »Jetzt ist keine Zeit für eine Erkundung. Die werden wir in der Nacht vornehmen.
Da die Fahrt mit dem Glasgow-Express nach Ashkirk ziemlich anstrengend war, werde ich jetzt schlafen. Geh hinein und tu desgleichen, Harry. Gute Nacht, mein Junge.«
Sherlock Holmes entkleidete sich und legte sich zu Bett.
Er erwachte erst, als Harry ihn weckte und ihm mitteilte, dass es nur noch eine halbe Stunde bis fünf Uhr sei und die Dinerstunde somit bald beginne.
Sherlock Holmes machte mit der größten Sorgfalt Toilette. Vor allem sorgte er dafür, dass die ausgezeichnet gearbeitete Perücke mit dem langen, gewellten, braunen Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel, fest am Kopf saß.
Dann klebte er sich wieder den falschen Schnurr- und Kinnbart an.
»Nicht zu erkennen«, sagte Sherlock Holmes zu sich selbst, als er sich im kleinen Handspiegel betrachtete. »Ich muss mich sehr in Acht nehmen. Die verdammten illustrierten Journale erschweren mir das Geschäft! Sie haben mein Bild so oft abgedruckt, dass jetzt schon jedes Kind in den Vereinigten Königreichen mich kennt.«
Langsam schritt Sherlock Holmes die steinerne Treppe hinunter, an deren Fuß er von Samuel empfangen wurde.
Der alte Diener des Lords hatte eine bessere Livree angelegt, wahrscheinlich zu Ehren des Gastes.
Er führte ihn mit einer gewissen Feierlichkeit in den Dining-Room, eine große, eichengetäfelte Halle, in der ein Tisch für zwei Personen gedeckt war.
Lord Durave erwartete seinen Gast bereits. Der Lord verhielt sich jedoch ziemlich schweigsam. Die Konversation verlief sehr stockend und schwerfällig, und erst, als der Nachtisch aufgetragen wurde und man sich die Zigarren anzündete, wurde Dungrave ein wenig gesprächiger.
»Ich glaube, Sie werden auf meinem Schloss ein sehr dankbares Motiv finden«, begann er, »denn das Schloss ist angeblich von Robin dem Roten erbaut, dessen Namen ich übrigens auch trage.«
»Was ich bisher von Ihrem Schloss gesehen habe, Mylord«, entgegnete Sherlock Holmes, »lässt mich allerdings vermuten, dass es zu den ältesten schottischen Kastellen gehört.
Besonders interessant ist mir die Bauart des Turmes. Enthält dieser Turm in seinem Inneren Gemächer? Groß genug erscheint mir die Kuppel dazu.«
»Gewiss gibt es Turmgemächer in meinem Schloss«, versetzte der Lord gleichgültig und blies den Rauch seiner Zigarre aus.
»Dann werden Sie vielleicht die Güte haben, mir einmal zu gestatten, das Innere des Turmes zu sehen?«
»Ich bedaure, Ihnen diese Bitte abschlagen zu müssen, und zwar in Ihrem eigenen Interesse.«
»Ah – in meinem Interesse?«
»Eine alte Sage, die mit meinem Schloss verknüpft ist – wie es solche für die meisten schottischen Schlösser gibt – besagt nämlich: Wer das Turmgemach betritt, muss sogleich sterben.«
»O, ich bin nicht furchtsam«, versetzte Sherlock Holmes, »ich lasse es darauf ankommen.«
»Aber es ist eine alte Tradition, das Turmzimmer überhaupt nicht zu öffnen«, sprach Lord Dungrave abweisend. »Ich bedauere, von dieser Tradition nicht abweichen zu können.«
In diesem Augenblick trat Samuel ein. Er sah ziemlich verstört aus.
Er näherte sich dem Lord und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr.
»Zurück? Er schickt ihn zurück?«, rief der Lord aus.
»Man bringt ihn soeben. Die Annahme ist verweigert worden.«
»Dandy ist angekommen«, sagte Sherlock Holmes in diesem Augenblick zu sich selbst. »Und man spricht von seiner Wohnung, in der er die Reise von London nach Schottland gemacht hat.«
Der Detektiv spitzte die Ohren und verstand jedes Wort, das Herr und Diener miteinander flüsterten, während er angestrengt tat, als beschäftige er sich mit einem alten Becher, der neben vielem alten, wertvollen Silbergerät auf der Tafel stand.
»Wohin soll der Koffer gebracht werden?«
»In den Bodenraum, durch welchen man zum Turmzimmer gelangt«, lautete die Antwort des Lords.
»Umso besser«, dachte Sherlock Holmes, »so werde ich wissen, wo ich heute Nacht Dandy zu suchen habe.«
Samuel zog sich zurück, um den Befehl seines Herrn sogleich auszuführen.
»Entschuldigen Sie«, wandte sich der Lord an Sherlock Holmes, »eine lächerliche, gleichgültige Angelegenheit hat mich für einige Minuten Ihrer Gesellschaft entzogen.
Wovon sprachen wir? Ach ja, ganz richtig, von meinem Schloss. Möchten Sie vielleicht jetzt einen kleinen Spaziergang durch den Park machen, der sich an mein Schloss anschließt? Er ist umso prachtvoller, da er auf gebirgigem Terrain angelegt ist.«
»Bitte, ich stehe zu Diensten«, antwortete Sherlock Holmes.
Der Lord klingelte und befahl, die Hüte zu bringen. Bald darauf schritten die beiden Herren durch den Schlosspark, der aus uralten Bäumen bestand, unter denen Ahorn, Edelkastanie und Linde vorherrschten.
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