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Sagen der mittleren Werra 109

Vom Geldbirnbaum bei Unterrohn

Auf dem sogenannten Schlösschen am Haspelsgraben, wo sich zuweilen eine weiße Frau zeigen soll, stand noch vor wenigen Jahren ein riesiger Feldbirnbaum. In der Gegend nannte man ihn nur den Geldbirnbaum, weil unter ihm ein großer Schatz vergraben lag.

Einst spielten mehrere Kinder aus Unterrohn in seiner Nähe. Da erblickte ein Junge unter dem Baum einen alten Topf, der bis an den Rand mit blanken Talermünzen gefüllt war. Doch als er die anderen mit den Worten »Herrje, was ist das! Schnell, schnell!« herbeirief, versank der Topf ebenso rasch wieder vor seinen Augen im Boden.

Von den Wichtelmännchen am Haspelsgraben bei Unterrohn

»Sie wissen doch«, so erzählt die alte Tiefenorter Botenfrau, »dass sich zwischen Unterrohn und Tiefenort von den Werrawiesen aus ein kleines Tal bergauf zieht, das man Haspelsgraben nennt. Rechts auf der Ecke des Berges stand einmal ein altes Schloss, von dem heute nur noch der tiefe Graben, Kalk und Ziegelsteine übrig sind. Dort in der Gegend wohnen immer noch Wichtelmännchen. Wie ich von alten Leuten gehört habe, sollen sie mittlerweile allerdings mehr als zehn Fuß tief unter der Erde stecken.

Meine älteste Schwester – sie ist nun schon lange tot, war damals aber noch ein junges, frisches Mädchen – arbeitete einmal dort auf einem Acker bei der Ernte. Da sie ihr Kleines dabeihatte und das Kind eingeschlafen war, legte sie es nicht weit vom Haspelsgraben auf ihre Jacke und deckte es mit der Schürze zu. Als sie eine Weile Getreide aufgesammelt hatte, warnte sie einer der Schnitter: ›Pass gut auf dein Kind auf, damit die Wichtel es dir nicht vertauschen!‹ Meine Schwester erwiderte jedoch, das würden sie wohl schön bleiben lassen, sie sei ja schließlich in der Nähe.

Doch es kam anders: Bald hörte sie ein gottesjämmerliches Geschrei. Da rief der Schnitter erneut: ›Hörst du denn nicht, wie dein Kind schreit?‹ Meine Schwester und die anderen meinten jedoch, das sei nicht ihr Kind – dieses habe schließlich nicht so eine elende Schweinegurgel wie der Schreihals dort. Das Gekreisch wurde jedoch immer schlimmer. Schließlich bekam meine Schwester wegen der Wichtel doch solche Angst, dass sie zu ihrem Kind lief.

Sie können sich den Schrecken nicht vorstellen, den sie erlebte, als sie die Schürze wegnahm: Vor ihr lag ein abscheulicher Wechselbalg mit einem dicken Schädel und winzigen Augen! Sie machte großes Geschrei, doch was half es? Ihr Kind war verschwunden. Die anderen riefen nach ihr, und sie musste weiterarbeiten. Als das Feld schließlich abgeerntet war, der Erntekranz für die arme Frau geschmückt wurde und die Schnitter herumtraten – nachdem der Vorschnitter seinen Spruch aufgesagt und das Lied gesungen hatte –, hörte meine Schwester auf einmal ihr eigenes Kind wieder schreien. Wie der Wind lief sie zu ihm, und die Tränen flossen ihr über die Wangen, als sie ihr Kleines wieder fest an sich drückte.«

Von der Pfaffenwiese und dem Grenzgraben bei Oberrohn

Unter dem alten Steinköpfchen, nahe dem Bahnwärterhäuschen bei Oberrohn, liegt die sogenannte Pfaffenwiese. Auf diese wurde vor Zeiten der Geist eines gottlosen Pfaffen, der auf dem nahen Gut Oberrohn übel gewirtschaftet hatte, von einem Geisterbanner verbannt. Noch heute erschreckt er dort nächtliche Wanderer. Zudem zieht um Mitternacht ein Leichenzug im gemessenen Schritt durch den Grenzgraben, der sich zum Oberrohner Wald erstreckt. Wer diesem Zug begegnet, muss im Laufe des Jahres sterben.

Der Hautsee

Unweit des Dorfes Dönges, direkt an der Heerstraße von Vacha nach Eisenach, ruht der Haut- oder Huitsee. Sein Spiegel liegt in einem Kessel, der von waldigen Höhen und gepflegten Anlagen umgeben ist, und er ist vor allem für seine schwimmende Insel bekannt. Die Fläche des Sees soll knapp vier Morgen betragen, die der Insel etwa einen halben. Jahrelang scheint das rund vier Fuß tiefe, dicht mit Birken und Kiefern bewachsene Eiland wie von Dämonenkräften an einem Ufer festgehalten zu werden. Dann aber blähen sich die grünen Baumkronen wie Segel auf, und die Insel treibt langsam zum gegenüberliegenden Ufer hinüber. Kopfschüttelnd, teils seufzend, teils erfreut beobachten die Landleute dieses stille Treiben. Denn der Standort der Insel gilt als unvermeidliches Omen: Je nachdem, an welchem Ufer sie festmacht, kündigt sie Krieg und Teuerung oder Frieden und gute Zeiten an.

In den grundlosen Tiefen des Sees wohnen zudem noch zwei Nixen; die dritte ist tot. Vor Jahren kamen alle drei manchmal zum Tanz unter die Linde nach Dönges. Einer der Burschen verliebte sich jedoch in die schönste der Schwestern und hielt sie zurück, während die anderen beiden schnell zum See zurückeilten. Als der Zurückgebliebenen schließlich bang wurde, begleitete ihr Schatz sie bis zum Ufer. Da sprach sie zu ihm: »Herzliebster Schatz, ich bin zu lange bei dir geblieben, und das wird mir den Tod bringen. Du wirst es sehen, wenn mein Blut aus der Tiefe zu dir emporquillt.« Daraufhin schlug sie mit einer Gerte so ins Wasser, dass es nach links und rechts schäumte, winkte ihrem Liebsten noch einmal freundlich zu und stieg die tiefe Treppe hinab.

Kaum war das Wasser über ihr zusammengeschlagen und wieder glatt, sah der Bursche auch schon den roten Blutstrahl aufsteigen. Der arme Junge grämte sich daraufhin zu Tode. Von den anderen beiden Nixen hat man seit jener Zeit nie wieder etwas gesehen.

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