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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 13 – 6. Kapitel

Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 13
Das Spitzenkleid der Königin
6. Kapitel
Das verhängnisvolle Ballspiel

»Finden Sie nicht auch, Harald, dass heute ein herrlicher Tag ist? Und wäre es nicht schade, ihn zwischen den dumpfen Mauern von Dumbarton Castle zu vergeuden?«

Diese Frage richtete Cora Dessalines an dem Tag, der den soeben geschilderten Ereignissen folgte, an Lord Dumbarton, der ihr beim Lunch gegenübersaß.

»In der Tat, meine Teure«, antwortete der Lord ebenso zerstreut, wie er schon während der gesamten Mahlzeit gewesen war. »Die Sonne scheint heute ganz besonders hell, und ein Spaziergang im Park wäre vielleicht zu empfehlen.«

»Wer denkt denn an einen Spaziergang im Park?«, entgegnete Cora. »Ich plane ganz andere Dinge. Wollen Sie mir nicht ein wenig Gehör schenken? Oder sagen Sie mir, Harald: Wo sind Sie eigentlich mit Ihren Gedanken, wenn Sie mir gegenübersitzen? Wissen Sie eigentlich, dass Ihr beharrliches Schweigen etwas Beleidigendes für mich hat?«

»Ich wollte Sie ganz gewiss nicht beleidigen, Cora«, antwortete Harald. »Nichts liegt mir ferner als das.«

»Dann seien Sie so gut und reichen Sie mir eine Zigarette. Unser Lunch ist beendet und wir wollen rauchen. Lassen Sie sich neben mir auf diesem Diwan nieder – hier plaudert es sich gewiss sehr gut.«

In nachlässiger, koketter Haltung lehnte sich Cora auf dem Diwan zurück. Sie sah heute noch schöner und liebreizender aus als je zuvor, denn sie hatte eine besonders sorgfältige Toilette gemacht, und ihre frischen Wangen sowie ihre leuchtenden Augen verrieten nichts von ihrem nächtlichen Ausflug. Harald war ihr behilflich, die Zigarette anzuzünden. Dann jedoch rückte er sich einen Sessel heran und ließ sich ihr gegenüber nieder.

»Also nicht an meiner Seite?«, rief Cora lächelnd. »Harald, haben Sie etwa Furcht vor mir, dass Sie mich so beständig meiden? Vor mir, die Sie in wenigen Wochen zu Ihrer Gattin machen wollen?«

»Sie wissen, Cora, wie sehr ich Sie verehre.«

»Das scheint mir in Ihrem Mund nur eine Phrase zu sein«, antwortete die schöne Chansonette. »Ich habe mir vergebens den Kopf darüber zerbrochen, weshalb Sie mich eigentlich nach Dumbarton geholt haben. Sie müssen sich doch sagen, Harald, dass eine Frau wie ich vom Leben auch einige Freuden fordert.«

»Ich habe Ihnen meine Hand angeboten, Cora, und ich bin entschlossen, Sie zur Lady Dumbarton zu machen. Ich wähnte, dass ich Ihnen damit eine Freude gemacht hätte.«

»Ganz gewiss haben Sie das getan, lieber Harald. Aber ich bin nun einmal kein Vogel, der sich dauernd im Käfig halten lässt. Ich bin die Freiheit gewohnt! An einem Tag wie heute will ich hinaus ins Freie – ich will mich tummeln, am Meeresstrand, auf der grünen Wiese oder im blumigen Garten. Deshalb, Harald, wollte ich Sie bitten, einen kleinen Ausflug mit mir zu machen. Ich habe den Norden der Insel noch nicht gesehen. Man hat mir erzählt, dass es dort wildromantische Szenerien gibt: Hohe Felsen steigen empor, und mit weißem Gischt bricht sich die Brandung des Meeres an ihrem kreidebleichen Fuß.«

»Man hat Ihnen nicht zu viel erzählt. Der Norden der Isle of Wight besitzt in der Tat pittoreske Schönheiten.«

»Dann lassen Sie mich diese Schönheiten sehen! Begleiten Sie mich, Harald. Wir wollen heute Nachmittag Hand in Hand zu den Felsen wandern und uns zwischen ihnen einnisten wie zwei kleine Vögel, zärtlich aneinandergeschmiegt.«

Harald zuckte zusammen. Es war in der Tat, als befürchte er jede nähere Berührung mit der wunderschönen Frau. Wenigstens mied er sie beharrlich. Auch heute hatte er um keinen Preis allein mit Cora speisen wollen, doch Violet hatte sich trotzig in ihr Zimmer zurückgezogen und war unter einem wichtigen Vorwand nicht zum Lunch erschienen.

»Jetzt sitzen Sie schon wieder sinnend da! Ich bin überzeugt, Sie wissen gar nicht mehr, um was ich Sie gebeten habe, Harald.«

»O doch«, fuhr der Lord aus seinen Träumen empor. »Sie sprachen davon, Cora … Sie sagten, Sie wünschten, dass ich mit Ihnen zu den Felsen hinüberwandere.«

»Und … und Sie willigen ein?«

»Ich bitte, mich zu entschuldigen. Ich habe für den heutigen Nachmittag sehr wichtige Schreibarbeiten, die keinen Aufschub dulden. Es gilt die Verwaltung meiner Güter, die ziemlich umfangreich ist, und eine einzige Versäumnis könnte mir bedeutenden Schaden bringen.«

»Bah! Hat ein Lord Dumbarton es nötig, zu rechnen wie ein Krämer aus der Stadt?«

»Cora, ich habe von meinen Ahnen einen gewissen Besitz übernommen und stehe in der Verpflichtung, diesen zu wahren, um ihn einst ebenso ungeschmälert meinen Erben zu hinterlassen.«

»Also mit einem Wort: Sie schlagen mir meine Bitte ab?«

»Ich muss es tun, Cora.«

»Gut, dann sorgen Sie wenigstens dafür, dass ich eine Begleiterin habe.«

»Nehmen Sie Ihre Zofe mit.«

»Die Irländerin, die ich nicht ausstehen kann? Was muten Sie mir zu! Wollen Sie Ihre zukünftige Gemahlin zur Gesellschaft einer solchen Person verurteilen? Wissen Sie, Harald, dass das nicht einmal gentlemenlike gehandelt ist?«

»Ich bitte um Entschuldigung«, stammelte Lord Dumbarton, »aber ich glaubte …«

»Sorgen Sie wenigstens dafür, dass Violet mich begleitet! Dem lieben Kind würde es sehr guttun, ein wenig an die frische Meeresluft zu kommen. Ich finde, Violets Wangen sind ganz bleich. Ein vierzehnjähriges Mädchen wie sie müsste täglich zwischen den Felsen herumspringen, lustig sein und sich amüsieren. Es wäre ja auch kein Wunder, wenn Violet in diesem Schloss krank würde – denn die Langeweile gehört nach den neuesten Forschungen unserer modernen Ärzte schließlich auch zu den Krankheitserregern.«

Der Lord war froh, so wohlfeil davonzukommen. Er wusste zwar, dass es durchaus nicht Violets Wunsch entsprach, Cora begleiten zu müssen, doch zumindest war er von der drückenden Pflicht befreit, Coras Bitte um seine eigene Begleitung nachkommen zu müssen.

In der Seele dieses Mannes ging seit jener Stunde, in der Cora ihren Einzug auf Dumbarton gehalten hatte, etwas Seltsames vor – ein seelischer Prozess, wie ihn wohl wenige Menschen durchgemacht haben. Er fühlte sich keineswegs zu der schönen Französin hingezogen. Ihre Reize ließen ihn völlig kalt, denn er besaß Intelligenz und Bildung genug, um Cora zu durchschauen. Er wusste zumindest, dass sie seiner nicht würdig war. Ihr fehlte jener moralische Halt, den eine gute Erziehung und eine gewisse Bildung dem Menschen verleihen. Sie war eine durch und durch oberflächliche Natur, die alle Dinge nur flüchtig berührte, aber niemals deren Grund ergründete. Harald hingegen war das genaue Gegenteil: träumerisch veranlagt, zum Grübeln geneigt – ein Mensch, der nichts nach dem äußeren Schein beurteilte, sondern jedes Ding nach seinem innersten Wesen einschätzte.

Harald beeilte sich daher, Cora zu versichern, dass er durchaus nichts dagegen habe, wenn Violet sie begleite.

»Das ist zu wenig«, sagte die Französin lächelnd, während sie die Asche ihrer Zigarette auf den Boden schnippte. »Violet ist ein eigentümliches Kind. Wenn Sie es ihr nicht ausdrücklich befehlen, wird sie meine Einladung nicht annehmen. Ich halte es aber für angezeigt, dass sie sich hin und wieder mit mir unterhält – nur so werden wir uns beide kennen und verstehen lernen.«

»Sie haben recht, Cora«, sagte der Lord. »Ich werde sogleich selbst Violet aufsuchen. Um wie viel Uhr wünschen Sie das Schloss zu verlassen?«

»Sobald die Sonne nicht mehr so heiß niederbrennt – sagen wir also gegen vier Uhr. Ich werde meine Zofe mitnehmen und, wenn Sie es gestatten, auch Ihren Kammerdiener. Da wir des Weges unkundig sind, er aber, wenn ich nicht irre, auf der Isle of Wight geboren ist, wird er uns ein ausgezeichneter Cicerone sein.«

»Alle Ihre Anordnungen werden aufs Strengste befolgt werden«, versicherte Harald.

Dann reichte er Cora – nicht ohne inneres Widerstreben – die Hand, führte sie flüchtig an seine Lippen und verließ das Zimmer.

»Ich bin fest davon überzeugt«, murmelte Cora vor sich hin, während sie sich beinahe lang auf dem Diwan ausstreckte, »dass es jetzt einen harten Kampf zwischen Vater und Tochter geben wird. Denn dieser verwöhnte Fratz hasst mich oder mag mich zumindest nicht leiden. Aber Harald wird sie zu seinem Willen zwingen, denn er vermeidet alles, worüber ich Verdruss empfinden könnte. Haha – das Spitzentuch der Königin tut seine Wirkung!«

Dass ein Kampf zwischen Vater und Tochter stattfinden würde, darin irrte Cora keineswegs. Doch dieser Kampf gestaltete sich ganz anders, als es sich die Chansonettensängerin, die an die Szenen der Vorstadttheater gewöhnt war, vorstellte.

Als Harald das Zimmer seiner Tochter betrat, fand er Violet vor einer Staffelei sitzend, auf der eine Leinwand bespannt war. In einer Hand hielt das liebliche, vierzehnjährige Mädchen mit den goldblonden Locken eine Farbenpalette, in der anderen einen Pinsel. Gewisse Konturen auf der Leinwand ließen bereits erkennen, dass sie im Begriff war, ein Porträt ihrer verstorbenen Mutter zu malen.

Violet erhob sich mit einem leichten Schrei, als sie ihren Vater erblickte. Schnell warf sie ein Tuch, das auf einem Sessel lag, über die Leinwand.

»Habe ich dich gestört, mein Kind?«, fragte der Lord. »Du malst?«

»Eine kleine Überraschung für dich, Papa. Ich bitte dich ganz herzlich: Hebe das Tuch nicht auf!«

»Ich werde dir die Freude an der Überraschung nicht rauben – und mir selbst ebenso wenig«, antwortete Harald und strich zärtlich über das blonde Haar seiner Tochter. »Ich komme, Violet, um dich …«

»Dass du überhaupt gekommen bist, Papa, danke ich dir von ganzem Herzen! Ich sehe dich zurzeit so wenig.«

»Ich bin so beschäftigt, mein Kind. Die Vorbereitungen zu meiner …«

Harald stockte. Er hatte eigentlich Hochzeit sagen wollen, doch er wusste, dass dieses Wort seine Tochter tief betrüben würde. Er selbst hatte Violet noch nichts von seinen Absichten gesagt – er hatte ihr noch nicht gestanden, dass er ihr in Cora eine zweite Mutter geben wollte. Doch Violet war vierzehn Jahre alt, und in diesem Alter besitzen Mädchen einen feinen Instinkt, sodass es kaum verwunderlich war, dass sie ahnte, was Coras Anwesenheit auf Schloss Dumbarton bedeutete.

Vorläufig hatte Lord Harald die Französin bei seiner Tochter lediglich als Gesellschafterin eingeführt. Er hatte sie ihr als eine liebe Freundin vorgestellt, der Violet sich innig anschließen möge. Doch das war leider nicht geschehen – im Gegenteil: Violet hatte sich in auffallender Weise von Cora ferngehalten, nachdem sie ein einziges Mal mit ihr zusammen gewesen war.

»Komm, setz dich neben mich, Papa«, sagte Violet und ergriff die Hand des Lords. »Ach, wenn du wüsstest, wie sehr ich dich liebe, du guter Papa!« Sie schlang ihre Arme um ihn und küsste ihn.

Tief gerührt drückte der Lord seine Tochter an sein Herz. »Wenn du mich liebst, meine Violet«, sagte er, »dann wirst du mir eine Bitte, die ich an dich richte, nicht abschlagen.«

»Gewiss nicht, Papa. Jede Bitte werde ich dir erfüllen.«

»Kann ich mich darauf verlassen?«

»Darauf kannst du dich verlassen.«

»Dann habe die Güte und schließe dich heute Fräulein Cora Dessalines bei einem Spaziergang zu den Needles an. Sie möchte gern den Norden der Insel kennenlernen und wünscht deine Gesellschaft. Du wirst blass, mein Kind? Deine Augen stehen voll Tränen?«

»Siehst du, Papa«, rief Violet, »man soll nie etwas versprechen, bevor man weiß, worum es sich handelt. Diese Bitte hätte ich dir abgeschlagen!«

»Aber weshalb denn, mein Kind? Fräulein Cora ist doch eine sehr liebenswürdige Dame?«

»Gewiss ist sie liebenswürdig – sehr liebenswürdig sogar. Ich möchte sagen, sie ist zu liebenswürdig, Papa. Ich habe immer das Gefühl, wenn sie spricht, als wählte sie gerade jene Worte, die geeignet sind, ihre wahren Gedanken zu verbergen. Mit einem Wort: Sie erscheint mir nicht … o Papa, ich will dich nicht betrüben, aber ich muss es dir sagen: Ich habe Furcht vor dieser Französin!«

»Furcht? Törichtes Kind! Sie will doch nichts anderes als deine Liebe und Freundschaft. Man darf keinem Menschen mit Vorurteilen begegnen, Violet – wie oft habe ich dir das schon gesagt? Und wenn deine teure Mutter heute noch lebte … ja, deine Mutter würde dir zurufen: Schließe dich Cora Dessalines an! Du kannst keine treuere Freundin finden als sie!«

»Ja, woher weißt du denn, Papa, dass meine liebe Mutter so sprechen würde?«, fragte Violet und blickte den Lord mit ihren Kinderaugen fragend an.

Lord Harald antwortete verwirrt: »Ich weiß es, weil ich … weil ich den Willen deiner Mutter kenne.«

»Du kennst ihn? Aber Mama ist doch niemals mit dieser Cora Dessalines zusammengetroffen?«

»Deine Mutter sieht alles. Glaubst du denn nicht, dass sie vom Himmel herabblickt?«

Violet schwieg. Der Lord aber schloss sie in seine Arme und bat sie noch einmal mit warmem, innigem Blick, ihm zuliebe diesen Spaziergang zu unternehmen.

»Wenn du wüsstest, Papa, was du tust … Sag also Fräulein Cora Dessalines, dass ich ihr zur Verfügung stehe.«

»Emmy, die Zofe, und mein alter Kammerdiener Carey werden euch begleiten. Und jetzt noch einen Kuss, mein Kind – und amüsiere dich gut!«

Lord Harald küsste innig die frischen Lippen seiner jungen Tochter. Als er sie wieder mit tränenvollen Augen anblickte, legte er seine Hände auf ihr blondes Haupt und sagte: »Glaube mir, mein Kind, deine Mutter war auch in diesem Augenblick, als wir miteinander sprachen, anwesend und hat jedes unserer Worte vernommen. Und deine gute Mutter weiß, wie sehr ich dich liebe und dass du mein ganzes Glück auf Erden bist. Sie weiß auch, dass der Schritt, den ich demnächst tun werde, vom Himmel bestimmt und gesegnet ist. Sie muss es wissen, denn sie hat es mir selbst gesagt. Still, mein Kind – keine Fragen! Es gibt Dinge, die ein junges Gemüt wie das deine auf Treu und Glauben hinnehmen muss. Leb wohl, meine Violet!«

Als der Lord seine Tochter verlassen hatte, nahm diese wieder vor der Leinwand Platz, zog das Tuch weg und betrachtete die Konturen, die das Antlitz ihrer Mutter umrahmten.

»Anwesend … bist du es wirklich, Mütterchen? Bist du bei mir? Stehst du unsichtbar an meiner Seite?«, flüsterte Violets jugendlicher Mund. »O dann, Mutter … dann bleib bei mir und schütze mich! Denn mir ist, als drohe mir ein großes Unheil. Mütterchen, schütze mich!«

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