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Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges 35

Max Klose
Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges
Mit zahlreichen Abbildungen aus dem Riesengebirge
Verlag von Brieger & Gilbers. Schweidnitz (Świdnica). 1887.
Überarbeitete Fassung

IX. Schmiedeberg und Umgegend

1.Der Stadtname

Die Stadt Schmiedeberg erhielt ihren Namen durch die Ansiedlung einer großen Anzahl von Schmieden rund um das Eisenbergwerk; eigentlich soll er Schmiede am Berg bedeuten.

Nach einer anderen Sage soll der Ort zuerst Smedewerge geheißen haben, weshalb er demnach eigentlich Schmiedewerke geschrieben werden müsste.

2. Die Entstehung der Stadt

Ehe die Stadt Schmiedeberg bestand, lag an ihrer Stelle das Dorf Habichtsgrund. Dieses war durch Bergleute entstanden, nachdem der Bergmeister Lorenz Angel dort im Jahre 1148 den Bergbau begründet hatte. In kurzer Zeit soll die Zahl der Schmiedefeuer um das Bergwerk herum 200 erreicht haben. Zudem siedelte sich eine Menge anderer Gewerbetreibender an, sodass das Dorf bald das Stadtrecht erhielt.

3. Die Jungfrau Anna

Im Jahre 1312 lebte in Schmiedeberg die schöne Jungfrau Anna. Ihr Vater war der reichste Schmied, aber auch der hartherzigste Mann des Ortes. Anna hatte einem armen Bergknappen ihr Herz geschenkt und wies alle reichen Freier ab, die der geizige Vater ihr zuführte. Darüber wurde der Schmied, der gern einen sehr reichen Schwiegersohn gehabt hätte, zornig und rief seiner Tochter zu: »Ich schwöre dir bei allen Heiligen, dass du deinen Bergknappen nur dann heiraten darfst, wenn sich sein Hammer in Gold verwandelt!«

Der Bergknappe wusste, dass dies unmöglich war. Anna jedoch hoffte auf Hilfe von ihrer heiligen Namenspatronin und betete inbrünstig zu ihr. Die Heilige erhörte das Flehen des unschuldigen Mädchens und erschien ihm im Traum. Sie nahm Anna bei der Hand und flüsterte ihr zu: »Geh hinaus, mein Kind, auf das freie Feld und suche dein Glück!«

Hoffnungsvoll machte sich das Mädchen auf und suchte die Flur um den Ort ab. Aber nirgends gewahrte es einen goldenen Hammer, weshalb es betrübt nach Hause kehrte. Umso eifriger und andächtiger betete es jedoch im stillen Kämmerlein zur heiligen Anna. Diese erschien ihm erneut im Traum und raunte ihm zu: »Geh mit deinem Liebsten hinaus auf das Feld. Wo der Hammer euren Händen entfällt, wird er zu Gold.«

Freudig brachte Anna ihrem Liebsten diese Nachricht, und das Pärchen machte sich auf die Suche nach dem Glücksort.

An einem einsamen Waldrand sah Anna ein morsches Wegekreuz stehen und kniete mit ihrem Liebsten dort zu einem stillen Gebet nieder. Da entfiel ihrer Hand der Hammer. Der Bergknappe sprang auf und ergriff begierig das Werkzeug. Enttäuscht warf er es jedoch mit Wucht wieder fort, denn es war nicht zu Gold geworden. Doch beim zweiten Aufprall horchte er auf: Ein Erzklang drang an sein Ohr, und aus der Wunde, die sein Hammer in die dürftige Grasnarbe geschlagen hatte, blitzte ein silberner Fleck hervor. Freudig umarmte er seine Braut und rief: »Gottlob, dass wir auf die heilige Anna vertraut haben! Dies ist Eisenerz. Ich gründe ein Bergwerk und halte um deine Hand an, sobald ich deinem Vater einen goldenen Hammer vorlegen kann.«

Dies dauerte nicht lange: Schon nach Jahresfrist war das Bergwerk in Betrieb, ein stattliches Wohnhaus errichtet und Annas Vater willigte in die Hochzeit ein.

Die junge Frau des Bergwerksbesitzers erbaute zu Ehren ihrer Schutzpatronin eine Kirche, die heute noch in Oberschmiedeberg steht und Bergkirche zur heiligen Anna heißt.

4. Das Kind im Bärenrachen

Vor vielen Jahrhunderten war eine Schmiedeberger Bürgersfrau mit ihrem einzigen Kind auf das Feld hinausgegangen. Bei der Arbeit bemerkte sie nicht, dass das Kind an den Waldsaum geraten war. Plötzlich hörte sie jedoch einen Hilfeschrei und erblickte ihr Knäblein im Rachen eines großen Bären, der auf den Wald zu trollte. Mit dem Mut der Verzweiflung eilte die junge Mutter herbei und riss dem grimmigen Raubtier seine Beute aus dem Maul. Der Bär trabte weiter, die Mutter aber brachte ihren Knaben unbeschädigt nach Hause. Zur Erinnerung daran, dass Gott sie so sichtbar beschützt hatte, ließ sie ein Steinbild am Turm der katholischen Kirche anbringen. Das Bild ist heute noch zu sehen: Es stellt eine weibliche Figur dar, die ihre Hände zum Gebet gefaltet hat, und darunter einen Bärenkopf, der ein Kind im geöffneten Rachen hält.

5. Der Türkenkopf zu Arnsdorf

In eine Mauer in Arnsdorf bei Schmiedeberg ist ein steinerner Mongolenkopf eingemauert. An ihn knüpft sich die Sage, dass die Tartaren im 13. Jahrhundert bis nach Arnsdorf vorgedrungen seien. Das tapfere Gebirgsvolk legte sich dort jedoch in den Hinterhalt und erschlug den Heerführer sowie eine große Menge der Feinde, sodass diese in wilder Flucht den Rückzug antreten mussten. Zum ewigen Gedächtnis an den heißen Kampf wurde das Haupt des Mongolen an der Stelle eingemauert, an der der Leichnam des Tartarenführers gefunden worden war.

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