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Der Detektiv – Band 32 – Der sprechende Kopf – Kapitel 5

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 32
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Der sprechende Kopf
Kapitel 5
Der Zettel

Ich lag auf dem einen Wandsofa und richtete mich nun schwerfällig auf.

Die große Lampe an der Decke brannte. Allmählich wurde ich wieder vollständig Herr meiner Sinne.

Ich schaute mich um. Ich war nicht gefesselt. Mir gegenüber auf dem anderen Sofa saß Harst, ebenfalls mit freien Gliedern.

Fünf Maskierte zählte ich, die rechts von uns an dem runden Tisch Platz genommen hatten. Vor ihnen lagen griffbereit Revolver. Die Leute trugen Leinenanzüge von europäischem Schnitt, aber ihre gelblich-schmutzigen Hände verrieten sie als Chinesen.

Einer von ihnen reichte mir etwas zu trinken. Ich wehrte ab. Der Kerl setzte sich wieder und begann:

»Master Harst, Ihr Freund ist nun bei Bewusstsein. Wollen Sie jetzt sprechen?«

»Ja – Sie wollten vorhin wissen, was wir hier in Rangun vorhaben. Ich denke, das wird Ihnen schon Kapitän Weber gesagt haben.«

»Hat er auch. Ich will es mir von Ihnen nur bestätigen lassen.«

»Das erübrigt sich. Ich rede nie unnötig.«

Der Kerl nahm seinen Revolver und zielte auf Harst.

»Wollen Sie nun oder wollen Sie nicht?! Ich zähle bis drei …«

»Zählen Sie nur. Weber hat nichts verraten, und Jürgensen und Ewald ebenso wenig. Was Sie aus denen nicht herausgepresst haben, gelingt Ihnen bei mir erst recht nicht.«

Der Mensch legte den Revolver auf den Tisch zurück und fluchte dabei leise. Ich beobachtete ihn scharf. Nun sah ich, dass nur dieser eine den Händen nach ein Europäer war.

Die Maskierten flüsterten untereinander. Dann versuchte der Sprecher, bei mir durch Bedrohungen etwas zu erreichen. Harst lachte auf; ich zuckte nur mit den Achseln.

Die Zeit verging. Die fünf Kerle holten sich aus der Küche allerlei Konserven und zwei Flaschen Kognak. Dann wollte der Sprecher Harst durch List aushorchen. Harst drehte den Spieß jedoch um: Er erfuhr, dass diese Maskierten annahmen, wir seien nur zu fünft auf der Yacht – Weber, Jürgensen, Ewald und wir beide. Die Kerle hatten von der Existenz des Matrosen Kersten also bisher keine Ahnung; er saß jetzt wahrscheinlich noch in dem Restaurant am Bahnhof.

Harst hatte mir unauffällig zugeblinzelt. Das hieß: Kersten ist jetzt unsere Hoffnung!

Dieser Kersten, ein geborener Berliner mit einem sehr vorlauten Mundwerk, war mir eigentlich am wenigsten sympathisch gewesen. Der Mensch prahlte stets damit, was er schon alles erlebt habe. Ob er uns helfen würde? Ob er bei seiner Rückkehr aus der Kneipe nicht blindlings diesen Kerlen in die Arme laufen würde?! Immerhin: Kersten blieb für uns ein Hoffnungsschimmer.

Die Wanduhr in der Kajüte zeigte Mitternacht. Ich konnte die Augen kaum mehr offen halten. Worauf warteten die Banditen eigentlich?

Es wurde halb eins. Da – draußen ein besonderer Pfiff! Einer der Leute eilte hinaus. Und dann trat Eugenie Malcapier ein – die grauhaarige Engländerin. Sie warf einen schnellen Blick auf uns, setzte sich und lehnte sich zurück.

»Nun sind Sie mein, Harald Harst!«, sagte sie langsam. »Heute rettet Sie beide nichts vor dem Tod. Ich habe Sie im Restaurant Buffalo Bill erst erkannt, als der blondbärtige Seemann am Nebentisch mich an Singapur erinnerte. Der Mensch ist auffallend hübsch. Ich hatte ihn in Singapur einmal gesehen; wir Frauen behalten solche Gesichter im Gedächtnis. Und – an Singapur erinnert – sah ich zwei Inder dicht daneben sitzen, sah sie mit bereits von Argwohn geschärften Augen. Nachher saß der blonde Seemann aus Singapur noch immer dort im Kaffeehaus. Man schlich ihm nach, und dann hatten wir Sie beide endlich! Sie wollen also nicht verraten, was Sie nach Rangun geführt hat?«

»Nein.«

»Nun, ich lege auch keinen besonderen Wert darauf. Ich brauche Ihr Spürtalent nicht mehr zu fürchten. Tote denken und handeln nicht mehr.«

Sie wandte sich an den maskierten Europäer und flüsterte mit ihm. Zwei der Kerle gingen hinaus und kamen mit Stricken wieder.

Im Nu stürzten sich drei von ihnen auf Harst. Zwei lagen auf mir und rissen mir die Arme auf den Rücken.

Man führte uns an Deck. Der fast volle Mond stand gerade über dem sumpfigen Flussarm. Der tropische Urwald, das Röhricht, die Wasserpflanzen, der schillernde, silberne Widerschein des Nachtgestirns auf den nicht verkrauteten Stellen, dazu die kleine Yacht, die Maskierten, das verkleidete junge, schöne Weib und wir als die Opfer – all das ergab ein fantastisches Bild.

Man stellte uns auf das Dach der Heckkajüte, dicht an die Steuerbordseite. Dort gab es eine große, freie Stelle im Wasser, wo nur wenige Sumpfpflanzen schwammen. Einer der Kerle nahm einen langen Bootshaken und maß die Tiefe. Da erst wurde mir klar, wie wir sterben sollten: Man wollte uns ersäufen!

Ein gurgelnder, erstickter Schrei drang aus meiner Kehle. Harst wandte den Kopf zu mir. Ein traurig-zärtlicher, lieber Blick traf mich.

»Leb wohl, mein Alter. Diesmal ist es nun wirklich aus mit uns«, sagte er leise.

Neben uns erklang das harte Auflachen unserer Feindin.

Harst wandte sich ihr zu.

»Was gedenken Sie mit unseren drei Gefährten zu tun?«, fragte er. »Wenn Sie mir fest versprechen, ihnen das Leben zu schenken, will ich Ihnen mitteilen, weshalb ich nach Rangun gekommen bin.«

Die Malcapier schaute Harst eine Weile fest an. »Schade um Sie«, sagte sie dann. »Sie sind ein so hochanständiger Charakter. Gut denn, die drei sollen geschont werden.«

»Ich fand vor der einen Blockhütte der Andrew-Insel das Medizinfläschchen«, erklärte Harst einfach.

»Ah – also deshalb! Sie haben die Bedeutung der Eidechsen erkannt. Wirklich – sehr schade um Sie! Die Welt wird keinen Detektiv mehr besitzen wie Sie!«

Ich beobachtete diese beiden Menschen, die Todfeinde waren und doch hier im höflichsten Ton miteinander verkehrten. Dabei bemerkte ich, wie sich Harsts Augen für einen Moment weiteten. Auch ich hatte vom nahen Ufer her das Quaken eines Frosches gehört und an Fritz Kersten gedacht – den Berliner, der sich vor uns oft als Tierstimmenimitator produziert hatte.

Mein Blick schweifte zum Ufer hin. Da – Harst hatte mir auf den Fuß getreten! Das konnte nur »Vorsicht!« heißen.

Die Malcapier ging hinüber und lehnte sich an den Mast der Yacht. Zwei der Maskierten kamen und banden jedem von uns mehrere schwere, eiserne Schraubenschlüssel um die Füße.

Kein Zweifel – wir sollten ertränkt werden! Mein Herz raste; mein Hirn hatte nur noch einen Gedanken: das Quaken des Frosches, das in kurzen Zwischenräumen immer wieder erklang.

Dann – ganz unversehens – erhielt Harst einen Stoß und schoss über Bord. Ich hörte noch das Platschen im Wasser. Dann flog auch ich vom Kajütendeck herab, versank und fühlte, wie die eisernen Schraubenschlüssel mich wie Anker festhielten und es mir in den Ohren zu sausen begann. Ich konnte den Mund nicht länger geschlossen halten, atmete, schluckte Wasser und verlor das Bewusstsein.

Wie aus endloser Ferne drang eine Stimme an mein Ohr. Ich begann das Gefühl zurückzuerlangen und spürte, wie meine Arme taktmäßig gehoben und gegen den Brustkorb gepresst wurden.

Harst sprach. Ich verstand jetzt jedes Wort: »Das Herz schlägt kräftiger. Die Gefahr ist beseitigt. Lassen Sie mich jetzt wieder pumpen, lieber Kersten …«

Ich schlug die Augen auf. Eine Stunde später war ich wieder vollkommen bei Besinnung und fühlte mich nach einem Schluck Kognak sogar recht frisch. Kersten war unser Retter gewesen! Er hatte vom Ufer aus alles beobachtet, hatte aber warten müssen, bis die Maskierten und die Malcapier wieder in die Kajüte gegangen waren. Dann war er mit dem offenen Messer in der Rechten ins Wasser gestiegen, getaucht, hatte erst Harst von dem Schraubenschlüssel-Anker losgeschnitten und ihn an Land geschafft. Anschließend holte er mich.

Wir befanden uns nun auf einer kleinen Lichtung im Urwald. Es war 3 Uhr morgens. Notdürftig brachten wir unsere Inder-Kostüme wieder in Ordnung und schritten dann der Stadt zu. Ein einheimischer Polizist wies uns den Weg zur Wohnung von Inspektor Chatarsan, die in der Nähe der Polizeidirektion lag. Nach einmaligem Läuten öffnete uns bereits ein birmanischer Diener. Harst befahl ihm, Master Bark in dringender Angelegenheit zu melden. Wir saßen in der Vorhalle und warteten.

Dann erschien der kleine Chatarsan – mit gespanntem Revolver in der Hand. Unsere falschen Bärte waren im Wasser abgefallen, doch unsere Kleidung und die dunkel gefärbte Haut ließen Chatarsan uns nicht sofort erkennen.

Harst erhob sich: »Master Chatarsan, mein Name ist Harald Harst. Das dort ist mein Freund Schraut und das unser Retter, der Matrose Kersten. Auf der Andrew-Insel verstanden Sie meinen Namen falsch – als Bark. Ich möchte Ihnen jetzt Eugenie Malcapier in die Hände spielen.«

Chatarsan machte kein sehr geistvolles Gesicht und wusste nicht recht, was er sagen sollte. Dann reichte er uns die Hand: »Ich freue mich sehr, meine Herren, nun mit Ihnen beiden zusammenarbeiten zu dürfen.«

»Bitte beherbergen Sie uns bis heute Abend«, erklärte Harst. »Dann werden wir uns den sprechenden Kopf ansehen. Aber Limpo Ma darf nichts davon wissen.«

Es war ein lang gestreckter, saalartiger Raum mit einer kleinen Bühne, in dem das Weltwunder gezeigt wurde. Ein aus Klavier, zwei Geigen, Cello und Bass bestehendes Orchester sorgte für die Belebung der Stimmung. Der Saal war wie immer bis auf den letzten Platz gefüllt. Wir saßen in der zweiten Reihe vor der Bühne. Auch Chatarsan war jetzt als Inder verkleidet; hinter uns hatte Zolldirektor Brookfield Platz genommen.

Der Vorhang ging hoch. Der lange Chinese, der sich auf den Plakaten Scheng-Pi nannte, begrüßte das Publikum, hielt eine Ansprache über das Wunder und zeigte dann einen Wachskopf, dessen Züge eine gewisse Ähnlichkeit mit denen der Malcapier hatten. Der Wachskopf lag mit dem Halsstumpf auf einer großen Metallschüssel.

Im Hintergrund der Bühne stand ein vierbeiniges Tischchen. Es schien frei dazustehen und vier Beine zu haben. Harst flüsterte mir zu: »Uralter Trick – die hinteren Beine sind gar nicht vorhanden, sondern nur das Spiegelbild der vorderen. Das Tischchen ist unten durch Spiegel verkleidet.« Ich besann mich, als Junge in einer Jahrmarktsbude Ähnliches gesehen zu haben.

Scheng-Pi stellte jetzt die Schüssel mit dem Wachskopf auf den Tisch, daneben zwei Räucherschalen, aus denen bald dicker Qualm hochstieg. Er murmelte allerlei Beschwörungen. Der Qualm, der den Kopf zeitweise ganz eingehüllt hatte, wurde schwächer.

Dann schlug der Kopf die Augen auf. Es war Eugenie Malcapier mit einer schwarzen, hochfrisierten Perücke.

Die Musik begann zu spielen – die Schaustellung musste schließlich künstlich in die Länge gezogen werden. Leute meldeten sich, die den Wunderkopf befragen wollten, wofür sie gehörig bezahlen mussten. Nun hörten wir den Kopf sprechen. Es war die Malcapier – eindeutig ihre Stimme!

Nach einer Stunde war die Vorstellung beendet. Gleich darauf sollte eine neue beginnen. Der Saal leerte sich, doch wir blieben – ebenso wie sechs Polizeibeamte, die als Birmanen verkleidet waren. Scheng-Pi stand an der Tür des Saales. Plötzlich wurde er gepackt; Handschellen schnappten zu und ein Knebel hinderte ihn am Schreien.

Harst, Chatarsan und ich stürmten auf die Bühne. Von Eugenie Malcapier gab es jedoch keine Spur. Nur auf dem Spiegeltischchen lag ein Zettel:

Habe Sie erkannt. Ihre Augen verrieten Sie. Auf Wiedersehen – E. M.

Chatarsan tobte vor Wut und Enttäuschung. Harst zuckte die Achseln: »Pech!«

Dann zeigte er in einem Zimmerchen hinter der Bühne auf ein offenes Fenster: »Diesen Weg nahm sie – vorläufig ist sie uns entschlüpft!«

Er bückte sich und hob einen Bastteppich hoch. In den Dielen sah man Schnitte: Man hatte hier eine Falltür hergestellt.

»Nun zum Hauptgeheimnis des sprechenden Kopfes«, meinte Harst und hob die Dielenstücke heraus. »Rufen Sie Ihre Leute, Master Chatarsan.«

Unter der Falltür führte ein frisch gegrabener Tunnel zum Keller des rechten Nebengebäudes. Und in diesem Tunnel arbeiteten Limpo Ma, ein Europäer und vier andere Chinesen. Sie wurden überrumpelt und ergaben sich.

»Nebenan befindet sich die Filiale der India-Bank«, erklärte Harst nun. »Dieser Tunnel war der Weg zur Stahlkammer der Bank. In der nächsten Woche ist die Bank wegen der buddhistischen Feiertage drei Tage lang geschlossen. Diese drei Tage hätten genügt, um die Stahlkammer aufzubrechen und auszuplündern. Das war der Zweck, der mit diesem Weltwunder verfolgt wurde. Als ich das Firmenschild der Bank von den Anlagen vor der Pagode aus sah, wusste ich Bescheid. Limpo Ma brauchte Geld – und die Malcapier auch. Es war ein sehr schlauer Streich, und er wäre wohl auch geglückt …«

Chatarsan vollendete den Satz: »… wenn Sie sich nicht eingemischt hätten, Master Harst. Ich danke Ihnen!«

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