Archiv

Einbrecher aus Leidenschaft – Das Schicksal der Faustina – Teil 2

E. W. Hornung
Einbrecher aus Leidenschaft
Das Schicksal der Faustina

Teil 2

Der Samstag brachte jedoch die Nachricht, dass der Graf an diesem Wochenende nicht kommen würde, da er geschäftlich in Rom sei und nicht rechtzeitig zurückkehren könne; für einen ganzen Sonntag war uns also Frieden versprochen, und entsprechend kühne Pläne schmiedeten wir. Es hatte keinen Wert mehr, diese Sache länger heimlich zu halten.

Wer sie gewinnt, der mag Faustine nehmen und behalten.

Ja, aber er sollte sie offen gewinnen oder sie verlieren und zur Hölle fahren! Am Sonntag wollte ich es also mit ihren Leuten ausfechten – und mit dem Grafen und Stefano, sobald sie ihre Nasen zeigten. Ich hatte keinerlei Anreiz, jemals wieder in ein heimliches Leben zurückzukehren, das nur eine Taxifahrt vom Gefängnis in Wormwood Scrubbs entfernt war. Faustina und die Bucht von Neapel waren gut genug für mich. Und der Urmensch in mir frohlockte regelrecht bei dem Gedanken, um das zu kämpfen, was ich begehrte.

Am Samstag konnten wir uns jedoch zum letzten Mal wie bisher treffen – noch ein einziges Mal im Geheimen – dort unten in der Höhle, so bald wie möglich nach Einbruch der Dunkelheit. Keinem von uns machte es etwas aus, wenn wir stundenlang aufgehalten wurden; jeder wusste schließlich, dass der andere kommen würde; und es lag ein ganz eigener Zauber darin, selbst mit diesem Wissen zu warten. Aber in jener Nacht verlor ich tatsächlich die Geduld: nicht in der Höhle, sondern oben, wo mich der Direttore erst unter dem einen und dann unter dem anderen Vorwand so lange auf Trab hielt, bis ich den Braten roch. Er war eigentlich nicht der Typ, der Überstunden verlangte, dieser Direttore, dessen einziger Fehler seine kriecherische Unterwürfigkeit gegenüber unserem gemeinsamen Chef war. Es schien daher ziemlich offensichtlich, dass er nach geheimen Anweisungen von Corbucci selbst handelte, und in dem Moment, als ich das vermutete, fragte ich ihn direkt ins Gesicht, ob dem nicht so sei. Und so war es; er gab es unter vielem Achselzucken zu, da er eine praktischerweise schwache Person war, bei der man sich fast schämte, ihn so in die Zange zu nehmen, wie es die Situation erforderte.

Tatsächlich hatte der Graf nach ihm geschickt, als er feststellte, dass er nach Rom reisen musste, und hatte gesagt, es tue ihm sehr leid, gerade jetzt wegzumüssen, da er unter anderem beabsichtige, mit mir über Faustina zu sprechen. Stefano hatte ihm alles über seinen Streit mit ihr erzählt und außerdem, dass es wegen mir gewesen sei – was Faustina mir zwar nie erzählt hatte, ich mir aber selbst schon gedacht hatte. Nun, der Graf war fest entschlossen, die Partei seines Schakals mit allem Gewicht zu ergreifen, was genau das war, was ich von ihm erwartet hatte. Er beabsichtigte, sich mich nach seiner Rückkehr vorzuknöpfen, aber in der Zwischenzeit sollte ich in seiner Abwesenheit kein leichtes Spiel haben, und so hatte dieses Werkzeug von einem Direttore den Befehl, mich Tag und Nacht auf Trab zu halten. Ich versprach, das arme Tier nicht zu verraten, sagte ihm aber gleichzeitig, dass ich nicht die leiseste Absicht hätte, in dieser Nacht auch nur noch einen einzigen Handgriff zu tun.

Es war sehr dunkel, und ich erinnere mich, wie ich mir den Kopf an den Orangenbäumen stieß, als ich die langen, flachen Stufen hinauflief, die den Weg zwischen dem Häuschen des Direttore und der Villa selbst abschlossen. Aber an der Rückseite der Villa lag der Garten, von dem ich gesprochen habe, und auch ein kahles Stück der Klippe, wo jene unterirdische Treppe hineingebohrt war. So sah ich die Sterne dicht über mir und die Fackeln der Fischer tief unten, die Lichter an der Küste und die purpurrote Hieroglyphe, die den Vesuv zeichnete, bevor ich mich in die Dunkelheit des Schachts stürzte. Und das war das letzte Mal, dass ich den einzigartigen und friedlichen Zauber dieses abgelegenen Ortes genoss.

Die Treppe verlief in zwei langen Absätzen, mit ein oder zwei Luftlöchern am oberen Ende des oberen Teils, aber keinem weiteren Nadelstich an Licht, bis man zum eisernen Tor am Fuß des unteren Teils gelangte. Wie man über einen unendlich helleren Ort in einem besseren belletristischen Werk lesen kann, als du es je schreiben wirst, Bunny, war es düster am Mittag, dunkel wie Mitternacht in der Dämmerung und schwarz wie die neunte ägyptische Plage um Mitternacht. Ich will nicht für mein Zitat bürgen, wohl aber für diese Stufen. Sie waren in jener Nacht so schwarz wie das Innere des sichersten Tresors im stärksten Tresorraum des Chancery Lane Deposit. Dennoch war ich mit meinen nackten Füßen noch nicht weit hinuntergekommen, als ich hörte, wie jemand anderes in Stiefeln heraufkam. Du kannst dir vorstellen, was für einen Schreck mir das verpasste! Es konnte nicht Faustina sein, die drei von vier Jahreszeiten barfuß ging, und doch wartete Faustina unten auf mich. Was für eine Angst musste sie ausgestanden haben! Und auf einmal fror mir das Blut in den Adern. Denn der Mann pfiff wie ein Teekessel, während er sich Stufe um Stufe heraufquälte. Es war, es musste der kurzatmige Graf selbst sein, von dem wir alle glaubten, er sei in Rom!

Höher kam er und näher, näher, langsam und doch hastig, blieb bald stehen, um zu husten und nach Luft zu schnappen, und tat dann wieder ein paar Schritte in einem elefantenhaften Ansturm. Ich hätte die Situation genossen, wäre da nicht die arme Faustina in der Höhle gewesen; so aber war ich von namenlosen Ängsten erfüllt. Aber ich konnte nicht widerstehen, diesem Walfisch von einem Corbucci einen schlechten Moment auf Vorschuss zu verpassen. Ein wackeliges Geländer verlief an der einen Wand, also drückte ich mich vorsichtig ganz flach gegen die andere, und er ging keine sechs Zoll an mir vorbei, schnaufend und keuchend wie eine Blaskapelle. Ich ließ ihn ein paar Stufen höher steigen, und dann ließ ich es ihn aus vollen Lungen spüren.

›Buona sera, eccellenza, signorì!‹ (Guten Abend, Euer Exzellenz, mein Herr!), brüllte ich ihm hinterher. Und ein Schrei kam als Antwort herab – was für ein Schrei! Ein Dutzend verschiedener Schrecken lagen darin; und das Keuchen hatte aufgehört, zusammen mit dem Herzen des alten Halunken.

›Chi sta là?‹ (Wer ist da?), quiekte er schließlich, schnatternd und wimmernd wie ein geprügelter Affe, sodass ich es nicht ertragen konnte, sein Gesicht zu verpassen, und ein Streichholz ganz bereit hielt, um es anzuzünden.

›Arturo, signorì.‹

»Er wiederholte meinen Namen nicht, und er verfluchte mich auch nicht in Bauschen und Bogen. Er tat eine gute Minute lang nichts als keuchen, und als er sprach, geschah es mit einschmeichelnder Höflichkeit, in seinem besten Englisch.

›Komm näher, Arturo. Du bist in den unteren Regionen dort unten. Ich möchte mit dir sprechen.‹

›Nein, danke. Ich habe es eilig‹, sagte ich und ließ das Streichholz wieder in meine Tasche fallen. Er mochte bewaffnet sein, und ich war es nicht.

›So, du hast es also eilig!‹, und er keuchte Belustigung. ›Und du dachtest zweifellos, ich sei noch in Rom; und das war ich auch bis heute Nachmittag, als ich im allerletzten Moment den Zug erwischte und dann einen weiteren Zug von Neapel nach Pozzuoli. Ich bin jetzt von einem Fischer aus Pozzuoli hierher gerudert worden. Ich hatte keine Zeit, irgendwo in Neapel anzuhalten, sondern nur, von Bahnhof zu Bahnhof zu fahren. Ich bin also ohne Stefano, Arturo, ich bin ohne Stefano.‹

Seine listige Stimme klang in der absoluten Dunkelheit übernatürlich listig, aber selbst durch diesen undurchdringlichen Schleier hindurch erkannte ich sie als Heuchelei. Ich hatte das Geländer ergriffen. Es zitterte heftig in meiner Hand; er hielt sich ebenfalls dort fest, wo er stand. Und dieses unterdrückte Zittern, oder vielmehr das Entdecken desselben auf diese Weise, jagte meinem Herzen einen seltsamen Schauer ein, gerade, als ich begann, wieder Mut zu fassen.

›Das ist ein Glück für Stefano‹, sagte ich, ernst wie der Tod.

›Ah, aber du darfst nicht zu streng mit ihm sein‹, wandte der Graf ein. ›Du hast ihm sein Mädchen gestohlen, er hat mit mir darüber gesprochen, und ich möchte mit dir sprechen. Es ist sehr kühn, Arturo, sehr kühn! Vielleicht gehst du sogar genau jetzt zu ihr, eh?‹

Ich sagte ihm klipp und klar, dass ich das tat.

›Dann hat es keine Eile, denn sie ist nicht dort.‹

›Sie haben sie nicht in der Höhle gesehen?‹, rief ich, zu erfreut über den Gedanken, um ihn für mich zu behalten.

›Ein solches Glück hatte ich nicht‹, sagte der alte Teufel.

›Sie ist trotzdem dort.‹

›Ich wünschte nur, ich hätte es gewusst.‹

›Und ich habe sie schon lang genug warten lassen!‹

Tatsächlich warf ich ihm dies über die Schulter zu, während ich mich umdrehte und hinunterlief.

›Ich hoffe, du wirst sie finden!‹, krächzte mir seine boshafte Stimme hinterher. ›Ich hoffe es für dich – ich hoffe es.‹

Und ich fand sie.«

Raffles war schon seit einiger Zeit auf den Beinen, unfähig, stillzusitzen oder ruhig zu stehen, und bewegte sich aufgeregt im Zimmer umher. Aber jetzt stand er ganz still, die Ellbogen auf dem gusseisernen Kaminsims, den Kopf zwischen den Händen.

»Tot?«, flüsterte ich.

Und er wies mit einem Nicken zur Wand.

»In der Höhle war kein Laut zu hören. Auf meine Stimme folgte keine Antwort. Dann ging ich hinein, und mein Fuß berührte den ihren, und sie war kälter als der Fels … Bunny, sie hatten ihr ein Messer ins Herz gestoßen. Sie hatte gegen sie gekämpft, und sie hatten ihr ein Messer ins Herz gestoßen!«

»Du sagst sie«, sagte ich sanft, während er in schwerem Schweigen dastand, den Rücken mir immer noch zugewandt. »Ich dachte, Stefano sei zurückgeblieben?«

Raffles fuhr blitzschnell herum, sein Gesicht weißglutheiß, in seinen Augen tanzte der Tod.

»Er war in der Höhle!«, schrie er. »Ich sah ihn – ich erspähte ihn –, nach diesen Stufen herrschte helles Dämmerlicht, und ich ging mit bloßen Händen auf ihn los. Keine Fäuste, Bunny; keine Fäuste für so eine Kreatur; ich wollte meine Finger in sein abscheuliches kleines Herz graben und es mit den Wurzeln herausreißen. Ich war vollkommen wahnsinnig. Aber er hatte den Revolver – ihren. Er feuerte ihn aus einer Armlänge Entfernung ab und verfehlte mich. Und das brachte mich zur Besinnung. Ich hatte seinen Musikantenknochen am Felsen zertrümmert, noch ehe er wieder feuern konnte; der Revolver fiel mit einem Klappern zu Boden, ohne jedoch loszugehen; im nächsten Augenblick hatte ich ihn fest im Griff, und das kleine Schwein war endlich meiner Gnade ausgeliefert.«

»Du hast ihm keine gezeigt?«

»Gnade? Mit Faustina tot zu meinen Füßen? Ich hätte im Jenseits keine verdient, wenn ich ihm in dieser Welt welche gezeigt hätte! Nein, ich stand einfach über ihm, den Revolver in beiden Händen, und fühlte mit dem Daumen die Kammern; und während ich da stand, stach er nach mir; aber diesem einen Stoß wich ich aus und streckte ihn mit einer Kugel in den Eingeweiden nieder.

›Und ich habe noch zwei oder drei für dich übrig‹, sagte ich, denn mein armes Mädchen hatte keinen einzigen Schuss abfeuern können. ›Nimm den hier mit in die Hölle – und den – und den!‹

Dann begann ich zu husten und zu keuchen wie der Graf selbst, denn der Raum stand voller Qualm. Als er sich verzog, war mein Mann mausetot, und ich kippte ihn ins Meer, um lieber dieses zu besudeln als Faustinas Höhle. Und dann – und dann – waren wir zum letzten Mal allein, sie und ich, in unserem eigenen Lieblingsort; und ich konnte sie kaum sehen, doch ich wollte kein Streichholz anzünden, denn ich wusste, sie hätte nicht gewollt, dass ich sie so sah, wie sie war. Ich konnte mich auch ohne das von ihr verabschieden. Ich tat es; und ich verließ sie wie ein Mann und stieg die ersten Stufen unter freiem Himmel mit erhobenem Haupt hinauf, während die Sterne ganz scharf am Himmel standen; dann plötzlich verschwammen sie, und ich rannte wie ein Irrsinniger zurück, um zu sehen, ob sie wirklich tot war, um sie ins Leben zurückzuholen … Bunny, ich kann dir nicht mehr erzählen.«

»Nichts vom Grafen?«, murmelte ich schließlich.

»Nicht einmal vom Grafen«, sagte Raffles und drehte sich mit einem Seufzer um. »Ich ließ ihn in einem ziemlich jämmerlichen Zustand zurück; aber was nützte das? Ich hatte Blut mit Blut vergolten, und es war nicht Corbucci gewesen, der Faustina getötet hatte. Nein, der Plan stammte von ihm, aber das war nicht Teil des Plans gewesen. Sie hatten von unseren Treffen in der Höhle erfahren: Nichts war einfacher, als mich oben ununterbrochen schuften zu lassen und Faustina mit roher Gewalt im Boot zu entführen. Es war ihre einzige Chance, denn sie hatte Stefano mehr gesagt, als sie mir gegenüber zugegeben hatte – und mehr über mich, als ich hier wiederholen werde. Kein Zureden hätte sie dazu gebracht, jemals wieder auf ihn zu hören; also versuchten sie es mit Gewalt; und sie richtete Corbuccis Revolver auf sie, aber sie hatten sie überrumpelt, und Stefano erstach sie, noch ehe sie feuern konnte.«

»Aber woher weißt du das alles?«, fragte ich Raffles, denn seine Erzählung zerfaserte beim Berichten, und das tragische Ende der armen Faustina war für mich kein richtiger Abschluss.

»Oh«, sagte er, »ich habe es von Corbucci erfahren, während ich ihm die eigene Waffe vorhielt. Er wartete an seinem Fenster, und ich hätte ihn ganz bequem dort abknallen können, wo er gegen das Licht stand, angestrengt lauschend, aber ohne ein Ding zu sehen. Also fragte er, ob es Stefano sei, und ich flüsterte: ›Si, signore‹; und dann, ob er mit Arturo fertig sei, und ich brachte dieselbe Antwort noch einmal über die Lippen. Er hatte mich hineingelassen, noch bevor er wusste, wer erledigt war und wer nicht.«

»Und hast du ihn erledigt?«

»Nein; das wäre zu gut für Corbucci gewesen. Aber ich habe ihn so fest geknebelt und gefesselt, wie ein Mensch nur je geknebelt oder gefesselt wurde, und ich ließ ihn in seinem Zimmer bei geschlossenen Läden und verriegeltem Haus zurück. Die Fensterläden dieses alten Kastens waren sechs Zoll dick und die Wände fast sechs Fuß; das war in der Samstagnacht, und der Graf wurde vor dem folgenden Samstag nicht auf dem Weinberg erwartet. In der Zwischenzeit glaubte man ihn in Rom. Doch die Toten würden zweifellos am nächsten Tag entdeckt werden, und ich fürchte, das würde zu seiner eigenen Entdeckung führen, solange noch Leben in ihm war. Ich glaube, damit rechnete er selbst, denn er saß da und drohte mir tapfer bis zum Schluss. Du hast noch nie so einen Anblick gesehen wie ihn, mit dem Kopf in zwei Hälften gespalten durch ein Lineal, das am Hinterkopf festgebunden war, und seinem riesigen Schnurrbart, der ihm bis in die quellenden Augen gedrückt war. Aber ich schloss ihn ohne einen Funken Reue in der Dunkelheit ein, und ich wünschte und wünsche ihm noch immer jede Qual der Verdammten.«

»Und dann?«

»Die Nacht war noch jung, und im Umkreis von zehn Meilen gab es den besten aller Häfen in der Not und hunderte von Laderäumen, aus denen ein bescheidener blinder Passagier wählen konnte. Aber ich wollte nicht weiter als bis Genua, denn zu diesem Zeitpunkt war mein Italienisch vorzeigbar; also wählte ich den alten Norddeutschen Lloyd und hatte eine ausgezeichnete Überfahrt in einem der Boote, die landeinwärts über der Brücke verzurrt waren. Das ist besser als jeder Laderaum, Bunny, und ich habe mich prächtig von den Orangen ernährt, die ich vom Weinberg mitgebracht hatte.«

»Und in Genua?«

»In Genua verließ ich mich wieder auf meinen Verstand und habe seither von nichts anderem gelebt. Aber dort musste ich wieder ganz von vorn anfangen, und zwar auf der alleruntersten Stufe der Leiter. Ich schlief auf der Straße. Ich bettelte. Ich tat alle möglichen schrecklichen Dinge, in der vagen Hoffnung auf ein schlimmes Ende, das aber nie eintrat. Dann sah ich eines Tages einen weißhaarigen alten Kerl, der mich durch ein Schaufenster ansah – ein Fenster, mit dem ich etwas im Schilde führte –, und als ich ihn anstarrte, starrte er mich an – und wir trugen dieselben Lumpen. So weit war ich also gekommen! Aber ein Gedanke zieht viele nach sich. Ich hatte mich selbst nicht erkannt; wer um alles in der Welt sollte mich da erkennen? London rief mich – und hier bin ich. Italien hatte mir das Herz gebrochen – und dorthin kehrt es nicht zurück.«

Im einen Moment flapsig wie ein Schuljunge, im nächsten spielerisch selbst in seiner Bitterkeit, und nun nicht länger den Gefühlen nachgebend, die den Höhepunkt seiner Erzählung überschattet hatten – man musste Raffles so kennen, wie ich allein ihn kannte, um diese letzten Worte richtig zu würdigen. Dass es keine bloßen Worte waren, weiß ich nur zu gut. Dass ihm dieses Leben – ohne die Tragödie seines italienischen Daseins – für Jahre, wenn nicht für immer genügt hätte, glaubte ich und glaube ich noch heute. Aber ich allein sehe ihn so, wie ich ihn damals sah: die Falten in seinem Gesicht und den Schmerz hinter diesen Falten. Wie sie verschwanden und was sie vertrieb, wirst du niemals erraten. Es war genau das Einzige, von dem man die gegenteilige Wirkung erwartet hätte – das Ding, das überhaupt erst sein Vertrauen erzwungen hatte: die Drehorgel und die Stimme, abermals direkt unter unseren Fenstern:

Margarita de Parete,
era a’ sarta d’ e’ signore;
se pugneva sempe e ddete
pe penzare a Salvatore!
Mar—ga—rì,
e perzo e Salvatore!
Mar—ga—rì,
Ma l’ommo è cacciatore!
Mar—ga—rì,
Nun ce aje corpa tu!
Chello ch’ è fatto, è fatto, un ne parlammo cchieù!

Ich starrte Raffles einfach an. Statt sich zu vertiefen, waren seine Falten wie weggeblasen. Er sah um Jahre jünger aus, verschmitzt, fröhlich und wachsam, wie ich ihn von früher in den atemberaubenden Momenten irgendeines tollkühnen Streiches in Erinnerung hatte. Er hob den Finger; er stahl sich zum Fenster; er spähte durch die Jalousie, als sei unsere Seitenstraße Scotland Yard höchstpersönlich; er stahl sich wieder zurück, ganz ausgelassen, voller Spannung und Vorfreude.

»Ich dachte vorhin flüchtig, sie seien hinter mir her«, sagte ein. »Deshalb habe ich dich nachsehen lassen. Ich selbst traute mich nicht, richtig hinzusehen, aber was für ein Spaß, wenn sie es wären! Was für ein Spaß!«

»Meinst du die Polizei?«, fragte ich.

»Die Polizei! Bunny, kennst du sie und mich so wenig, dass du mir ins Gesicht sehen und so eine Frage stellen kannst? Mein Junge, für die bin ich tot – aus ihren Akten gestrichen –, ein gutes Stück toter, als nur über den Berg zu sein! Warum, wenn ich in dieser Sekunde zu Scotland Yard ginge, um mich zu stellen, würden sie mich als harmlosen Irren vor die Tür setzen. Nein, ich fürchte heutzutage einen Feind, und ich lebe in Angst vor dem einstigen Freund, aber in die liebe Polizei habe ich das allergrößte Vertrauen.«

»Wen meinst du dann?«

»Die Camorra!«

Ich wiederholte das Wort mit einem ganz anderen Tonfall. Nicht, dass ich noch nie von dieser mächtigsten und finstersten aller Geheimgesellschaften gehört hätte; aber ich begriff nicht, auf welcher Grundlage Raffles zu dem Schluss kam, dass diese ganz gewöhnlichen Drehorgelspieler dazugehören sollten.

»Es war eine von Corbuccis Drohungen«, sagte er. »Wenn ich ihn tötete, würde mich die Camorra mit Sicherheit umbringen; das hat er mir immer wieder vorgehalten; es passte zu seiner List, nicht zu erwähnen, dass er sie so oder so auf meine Fährte setzen würde.«

»Er ist wahrscheinlich selbst ein Mitglied!«

»Offensichtlich, nach dem zu urteilen, was er sagte.«

»Aber warum um alles in der Welt glaubst du, dass diese Kerle es sind?«, verlangte ich zu wissen, als jene blecherne Stimme kratzend eine zweite Strophe anstimmte.

»Ich glaube es nicht. Es war nur so ein Gedanke. Das Stück ist so durch und durch neapolitanisch, und ich habe es noch nie auf einer Londoner Orgel gehört. Und außerdem, was sollte sie hierher zurückführen?«

Ich spähte meinerseits durch die Jalousie; und tatsächlich, da war der Kerl mit dem blauen Kinn und den weißen Zähnen und beobachtete unsere Fenster, und nur die unseren, während er grölte.

»Und warum?«, rief Raffles, und seine Augen tanzten, als ich es ihm erzählte. »Warum sollten sie sich klammheimlich zu uns zurückschleichen? Sieht das nicht verdächtig aus, Bunny? Verspricht das nicht einen Heidenspaß?«

»Für mich nicht«, sagte ich und hatte für diesmal das Lächeln auf meiner Seite. »Wie viele Leute, glaubst du wohl, werfen ihnen fünf Schillinge für so ein paar Minuten ihres höllischen Krakeels hin? Du scheinst zu vergessen, dass du genau das vor einer Stunde getan hast!«

Raffles hatte es vergessen. Sein verdutztes Gesicht gestand die Tatsache ein. Dann brach er plötzlich in ein lautes Lachen über sich selbst aus.

»Bunny«, sagte er, »du hast überhaupt keine Fantasie, und ich wusste gar nicht, dass ich so viel davon besitze! Natürlich hast du recht. Ich wünschte nur, du hättest es nicht, denn es gäbe nichts, was ich mehr genießen würde, als es mit ein oder zwei weiteren Neapolitanern aufzunehmen. Weißt du, ich bin ihnen immer noch etwas schuldig! Ich habe nicht alles vollständig beglichen. Ich schulde ihnen mehr, als ich ihnen jemals auf dieser Seite des Styx zurückzahlen werde!«

Noch während er sprach, war er wieder hart geworden. Die Falten und die Jahre waren zurückgekehrt, und seine Augen waren wie Flint und Stahl, mit einem ehrlichen Kummer hinter all dem Glitzern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert