Das Geisterschiff – Kapitel 29
John C. Hutcheson
Das Geisterschiff
Kapitel 29
Endlich zu Hause!
Wer als Seemann oder Weltenbummler durch die Lande zieht, kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass die Welt weitaus kleiner ist, als Daheimgebliebene vermuten würden. Man kann kaum einen Schritt tun, ohne jemanden zu treffen, den man meilenweit entfernt oder hinter einem Ozean wähnte.
Ich war kaum in den Zug von Southampton nach London gestiegen – auf dem Weg nach Liverpool, nachdem ich erst am selben Morgen vom Postdampfer aus Colon gelandet war –, als mir in der gegenüberliegenden Ecke des Abteils ein Mann auffiel. Er war groß, hatte struppiges Haar und einen dichten braunen Bart. Ich hätte ihn nicht im Geringsten einordnen können, hätte er mich nicht einen Moment lang genau gemustert. Dann erhellte ein breites Grinsen sein Gesicht, und seine Augen funkelten so drollig, dass ich ihn sofort erkannte, noch bevor er seinen unverwechselbaren irischen Akzent hören ließ.
»Meiner Treu!«, rief der Herr aus und streckte mir beide Hände entgegen. »Entweder bist du Dick Haldane oder der Leibhaftige höchstpersönlich!«
Ich war über das Wiedersehen ebenso erfreut wie der herzliche Ire. Nachdem wir uns in freundschaftlicher Begrüßung fast die Hände zerquetscht hatten, platzte es aus mir heraus: »Und wie geht es euch allen an Bord der guten alten Bark? Ich will alles wissen!«
»Bei Gott, Dick, lass mich erst mal zu Atem kommen, Junge«, brummte er. Dann fuhr er mit einer für ihn ungewöhnlichen Schüchternheit fort: »Ich habe die Seefahrt an den Nagel gehängt und mich als Arzt an Land niedergelassen, auf eigene Rechnung, versteht sich.«
»Was?«, rief ich überrascht. »Wie kam es denn dazu?«
»Frag am besten deine Schwester.«
»Was! Meine Schwester Janet?«
»Ganz recht, das kleine Prachtstück. Dick, du Galgenstrick, lass mich noch mal deine Hand schütteln. Ich bin der glücklichste Mensch auf Erden!«
Ich pfiff durch die Zähne. Das war in der Tat eine Überraschung! Garry erzählte mir lang und breit, wie er vor einigen Monaten bei meiner Mutter nach mir gefragt und dabei Elsie getroffen hatte. Er hatte sie sofort als das kleine Mädchen vom Geisterschiff wiedererkannt, obwohl sie gewachsen und noch hübscher geworden war, als er sie von der SAINT PIERRE in Erinnerung hatte. Doch so schön Elsie auch war – für ihn kam sie nicht gegen meine Schwester Janet an, in die er sich offensichtlich auf den ersten Blick unsterblich verliebt hatte.
Als er ihr kurz darauf seine Liebe gestand – ungestüm wie eh und je –, hatte meine Mutter zur Bedingung gemacht, dass er die See aufgeben müsse. Schließlich hatte er einen Beruf gelernt, mit dem er eine Frau und sich selbst gut ernähren konnte.
»Ich habe sofort eine Praxis gekauft«, berichtete Garry weiter. »Ich hatte ein hübsches Sümmchen auf der Bank – meine Ersparnisse der letzten fünf Jahre und das Geld aus der Bergung des französischen Schiffes. Aber selbst dann war deine Mutter noch nicht zufrieden. Sie sagte, Janet und ich müssten mit der Hochzeit warten, bis du nach Hause kommst. Und selbst dann nur, wenn du nicht den Griesgram spielst und deinen Segen verweigerst. Das wirst du doch nicht tun, oder? Sonst muss ich dir erst alle Knochen brechen und dich danach eigenhändig wieder zusammenflicken!«
Um dieser schrecklichen Drohung zu entgehen, gab ich sofort meine begeisterte Zustimmung zu dem Plan, den die beiden mit meiner Mutter geschmiedet hatten. Dass ich nicht früher informiert worden war, lag allein an der Entfernung; die Nachricht von ihrer Verlobung war bereits per Post unterwegs, hatte mich in Venezuela aber nicht mehr erreicht.
Nachdem ich Garrys zahlreiche Fragen über meine Zeit in Südamerika beantwortet und vom Tod des armen Colonels berichtet hatte, erkundigte ich mich nach unseren alten Schiffskameraden.
»Dem Käpt’n geht es prächtig«, erzählte er, »und die alte Bark ist so stabil wie eh und je. Erinnerst du dich an Stokes?«
»Natürlich. Ist er immer noch Chefingenieur?«
»Nein, er ist vor über einem Jahr in den Ruhestand gegangen. Die Company hat ihm eine gute Pension für seine langen Dienste gewährt. Und der kleine Grummet – weißt du noch? – er wurde auf Stokes’ Posten befördert. Der alte Stokes ist aber noch munter, wenn auch so asthmatisch wie eh und je!«
Ich fragte nach Mr. Fosset.
»Der ist jetzt ein gemachter Mann«, sagte Garry. »Er hat sein eigenes Kommando, genau wie Captain Applegarth. Er führt die FAIRY QUENN. Und erinnerst du dich an den alten Bootsmann von der STAR OF THE NORTH?«
»Du meinst Masters! Und ob ich mich erinnere.«
»Ein guter Seemann durch und durch, auch wenn ich ihn immer ein wenig geneckt habe. Er ist jetzt mit Captain Fosset auf der FAIRY QUENN. Aber nach deinem alten Freund Spokeshave hast du noch gar nicht gefragt!«
»Was ist aus dem giftigen kleinen Kerl geworden?«, fragte ich amüsiert.
»Du wirst lachen: Er hat eine Frau geheiratet, die so groß ist wie einer der Grenadiere, die wir mal nach Bermuda gebracht haben! Sie ist fast zwei Meter groß und entsprechend kräftig gebaut. Ein hübsches Paar, sag ich dir! Man hört, sie hält ihn ordentlich auf Trab. Weißt du noch, wie er an Bord immer herumgestritten hat? Jetzt ist er lammfromm – er traut sich kaum zu atmen, wenn sie im Zimmer ist!«
Wir sprachen auch über Accra Prout, den Mulatten, der nicht mit nach Venezuela kommen wollte, weil er sich nicht mit den dortigen Arbeitern gemein machen wollte – er war sehr stolz auf seine Abstammung aus den alten Plantagen von Louisiana. Trotz seiner Dünkelhaftigkeit hatte er ein mutigeres Herz als manch ein Weißer, der ihn verachtet hätte.
So verkürzten wir uns die lange Bahnfahrt nach Liverpool mit Gesprächen über alte Zeiten. Das Wiedersehen mit meiner Mutter, meiner Schwester und vor allem mit Elsie übertraf alle meine Erwartungen. Elsie war so schön und anmutig geworden, dass ich sie kaum wiedererkannte. Kein Bericht meiner Mutter hätte mich auf diesen Anblick vorbereiten können.
Um es kurz zu machen: An einem herrlichen Sommertag im letzten Jahr, als die Bäume grünten und die Vögel sangen, wurden Elsie und ich getraut. Am selben Tag gaben sich auch Garry O’Neil und meine Schwester das Jawort.
Die beiden Bräute wurden von Captain Applegarth und dem alten Mr. Stokes zum Altar geführt. Der Kapitän hatte es geschafft, die STAR OF THE NORTH rechtzeitig in den Heimathafen zu bringen, und Stokes wohnte mittlerweile ganz in der Nähe unseres Hauses in unserem malerischen alten Dorf.
Die Doppelhochzeit fand in der vertrauten, alten Dorfkirche statt, in der unsere verwitwete Mutter uns schon als Kinder das Beten gelehrt hatte und in deren Schatten unser Vater begraben liegt. Die Trauung wurde von Pfarrer Goldwire vollzogen, unterstützt vom ehrwürdigen Küster Matthew Jacon. Ohne diese beiden hätten weder Janet noch ich geglaubt, dass die Ehe rechtmäßig geschlossen worden wäre – so sehr waren wir seit unserer Kindheit von der Ehrwürdigkeit dieses Paares überzeugt.
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