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Die Gespenster – Vierter Teil – 47. Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Vierter Teil

Siebenundvierzigste Erzählung
Die Hand des verstorbenen Generals von W. kommt aus der Gruft hervor und ergreift den Fuß eines Frauenzimmers

Der vor ungefähr sechzehn Jahren verstorbene königlich-preußische Generalleutnant von W. zu H. hatte neben vielen militärischen Tugenden auch große Fehler. Der ärgste von diesen war sein gewissenloser Leichtsinn, mit dem er im Krieg oft Ungerechtigkeiten guthieß, die unter seinen Befehlen und in seinem Namen verübt wurden und ihn in der gesamten Provinz furchtbar machten. Sein Tod verursachte daher durchgehend mehr Freude als Traurigkeit. Der Verlust dieses gefürchteten Mannes war aus eben diesem Grund für die Gegend seines Wohnorts ein derart bemerkenswertes Ereignis, dass alle Begleitumstände unweigerlich großes Aufsehen erregen mussten.

Ein oder zwei Nächte vor der Beerdigung waren Tapezierer im Saal, in dem der General bereits im offenen Paradesarg aufgebahrt lag, damit beschäftigt, die Wände mit schwarzem Tuch auszuschlagen. Plötzlich entstand zwischen zwölf und ein Uhr nachts im Sarg ein hohles Getöse; die erschrockenen Arbeiter nahmen wahr, wie sich die Leiche bewegte und ihre Arme zu beiden Seiten ausbreitete. Halbtot vor Schrecken verkündeten die Augenzeugen dem ganzen Haus das Wiederaufleben des Generals. Anfangs traute sich niemand, sich dem Saal zu nähern. Schließlich aber entdeckten beherztere Personen die Ursache dieses Vorfalls, der sich schnell im ganzen Ort herumsprach.

Die vielen Medikamente, die der General auf seinem Krankenlager eingenommen hatte, hatten nach seinem Tod zu gären begonnen. Der dadurch stark aufgeblähte Leib war durch seine Rundung der Grund dafür gewesen, dass die darauf ruhenden Arme abgerutscht und herabgefallen waren. Letztlich suchte sich die Arznei sogar durch Nase und Mund ihren Ausweg; bei näherer Betrachtung stellte man fest, dass der Leichnam geradezu in Medizin schwamm.

Doch auch damit sollte das Publikum noch nicht aufhören, sich vor dem verstorbenen von W. zu ängstigen. In der Kirche des Dorfes M., das eine halbe Stunde von H. entfernt liegt und wo der General begraben ist, wurde sein Bildnis aufgehängt. Zudem wurde sechs Wochen lang auf seinem Grabstein in der Kirche während der Gottesdienste ein mit schwarzem Tuch behängter, sogenannter Rast (ein Katafalk) aufgestellt. Die Einwohner des Sterbeortes pilgerten fleißig zu der Gruft. Eines Sonntags war die Versammlung besonders groß, als plötzlich eine nahe am Rast stehende Frau von einer unsichtbaren Hand am Fuß ergriffen wurde.

Der allgemeine Schrecken, den diese Person verursachte, als sie ohnmächtig zusammensank, war unbeschreiblich. Fast die gesamte Gesellschaft ergriff die Flucht. Zum Glück blieben einige wenige Beherztere zurück, um der Ohnmächtigen Hilfe zu leisten. Diesen um die Mitmenschlichkeit verdienten Personen hat die Nachwelt die Entdeckung des scheinbar unerklärbaren Zusammenhangs dieses zweiten Vorfalls wahrscheinlich allein zu verdanken. Nachdem sie die mit einem kurzen Angstschrei zusammengesunkene Frau wieder zu Bewusstsein gebracht und erfahren hatten, dass unter dem Rast hervor eine unsichtbare Hand ihren Fuß fest umklammert habe, hoben sie mit der nötigen Entschlossenheit und Geistesgegenwart das Gestell an. Darunter fanden sie den lustigen Totengräber des Dorfes, der sich den Spaß erlauben wollte, den verstorbenen General unentdeckt spuken zu lassen. Glücklicherweise misslang dieser Versuch, was den Erfinder, wie man sich leicht denken kann, teuer zu stehen kam.

Nach dieser Begebenheit ergab sich keine ähnliche Gelegenheit mehr – oder vielmehr fand sich kein Liebhaber mehr, der das Andenken an den Verstorbenen auf eine derartige Weise auffrischen wollte.

*

Da der Totengräber aufgrund des unglücklichen Ausgangs seines sündhaften Scherzes auf der Stelle eine ernste behördliche Rüge erahnen konnte und diese wegen der Ohnmacht der am Fuß ergriffenen Frau – auf deren schadlosen Ausgang er nicht mehr hoffen konnte – sogar mit völliger Gewissheit erwarten musste, ist nichts sicherer, als dass die wahre Ursache dieser spukhaften Begebenheit durch ihn selbst niemals freiwillig aufgeklärt worden wäre.

Was wäre aber geschehen, wenn keine entschlossenen Personen anwesend gewesen wären, die dem Betrüger sogleich auf frischer Tat auf die Spur kommen wollten, oder wenn sie dieses edle Ziel nicht so glücklich erreicht hätten? Und wie viele Mittel und Wege lassen sich nicht erdenken, durch die ein solch leichtsinniger, mit Gesundheit und Menschenleben spielender Betrüger für immer unentdeckt hätte bleiben können!

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