Nick Carter – Band 20 – Ein Kindesraub – Kapitel 4
Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein Kindesraub
Ein Detektivroman
Kapitel 4
Die Entführung Klein-Dorrits
Die nächsten drei oder vier Stunden machte sich Nick Carter in dem hinter dem Haus sich streckenden Gehölz geschäftlich zu tun. Wieder und wieder stellte er den Dreifuß mit dem Beobachtungsglas auf, so den Anschein erweckend, als suchte er die Staatsgrenzen genau festzustellen. In Wirklichkeit aber war ihm nur daran gelegen, einen Blick auf Klein-Dorrit und deren Wärterin zu werfen. Schließlich erblickte er die beiden. Auf halber Höhe des Aussichtshügels, von welchem ihm Groble zuvor erzählt gehabt, erblickte er einen roten Flecken. Als er sein Fernglas nach jener Richtung richtete, da gewahrte er, dass es sich um ein rotes Umschlagetuch handelte, das von einer Frau getragen wurde, welche mit dem Rücken an die Felswand gelehnt, auf einer Bank saß. In ihrer Nähe spielte ein dunkelhaariges kleines Mädchen.
»Dorrit Groble und Annie Wilson«, ging es dem Detektiv durch den Sinn, während er das Antlitz der Frau aufmerksam durch sein Glas beobachtete. Er wagte es indessen nicht, lange in der gleichen Richtung auszuspähen, aus Furcht, dadurch Argwohn hervorzurufen. Er wusste nicht, wie viele Leute Groble um sich gesammelt hatte und leicht mochte es möglich sein, dass der Schurke einigen seiner Kumpane Auftrag erteilt hatte, die Bewegungen des vermeintlichen Vermessungsbeamten genau zu überwachen. So veränderte er seinen Standort wieder und bewegte sich langsam, immer wieder beobachtend und vermessend, zum Haus zurück. Inzwischen arbeitete sein Gehirn in fieberhafter Weise.
»Vor einem Monat war Groble in New Hamburg«, überdachte er. »Der Polizeichef von Port Jervis depeschierte mir, dass Groble häufig von der Farm hier abwesend ist. Wie er sich selbst brüstet, besitzt er nun viel Geld. Woher bekam er es?«
Die Antwort auf diese Frage erschien dem Detektiv leicht. Jedenfalls hatte sich der gesunkene Mann seine jetzigen Mittel nur durch Raub zu verschaffen vermocht.
Gleich, als Nick Carter den verkommenen Vater Klein Dorrits gesehen hatte, zweifelte er keinen Augenblick daran, dass dieser sich bei dem Bankraub in New Hamburg beteiligt und ihn jedenfalls auch ausgeheckt hatte.
»War Pete Oakey ein Spießgeselle des Verdächtigen?«
Diese Frage hoffte der Detektiv sich bald beantworten zu können.
Er kannte den Berufsverbrecher lange genug, um zu wissen, dass es ihm oder seinem ersten Gehilfen, seinem Cousin Chick, ohne Schwierigkeit gelingen würde, die Wahrheit aus dem Einbrecher heraus zu bekommen.
War Pete der Mitschuldige Grobles, so würde er es ebenso gestehen, als er auch schließlich, in die Enge getrieben, Farbe bekennen würde, ob er sich überhaupt an dem Bankraub beteiligt hatte oder nicht.
»Well, hier gibt es genug für mich zu tun«, brummte der Detektiv vor sich hin. »Zunächst muss ich so rasch und so unauffällig wie möglich Klein-Dorrit von hier fort bekommen. Dann muss ich diesen Groble mit der New-Hamburger Bankgeschichte in Verbindung bringen, wenn dies möglich ist.
Seine Burschen, soweit ich diese bis jetzt gesehen habe, schauen ganz so aus, als gehörten sie zu einer Rotte von Einbrechern und Gurgelabschneidern – wer weiß, ob die häufigen Einbrüche in der Umgegend nicht auf die Kerle zurückzuführen sind und deren Oberhaupt und Leiter wohl gar der ehrenwerte David Groble ist!«
Bald darauf ertönte die Mittagsglocke und der Detektiv begab sich ins Haus.
In seiner Hoffnung, dass er Annie Wilson an der Mittagstafel treffen würde, sah er sich allerdings enttäuscht.
Er erblickte die Frau und deren kleine Schutzbefohlene durch eine offen stehende Tür im angrenzenden Zimmer.
»Dort sitzt die Kleine, von der ich Ihnen erzählte«, rief Groble, der der Richtung seines Blickes gefolgt war.
»Ein hübsches, kleines Mädchen«, glaubte Nick sagen zu müssen.
»Ja, hübsch genug. Sie schlägt ihrer Mutter nach. Bis jetzt hat sie sich noch nicht an mich gewöhnt, deswegen lasse ich sie auch noch nicht am Tisch mitessen.«
»Traurig genug, dass man ein Kind dem leibhaftigen Vater so lange entwöhnt!«
»Da haben Sie recht!«, brummte Groble. »Doch nun soll der alte Bursche das Nachsehen haben! Mag er nur klagen! Ich nehme die Kleine bei der Hand und trete in den Parlor, dann befinde ich mich im Staat Pennsylvanien. Schickt er die Beamten aus diesem Staat, dann setze ich mich hierher ins Esszimmer und befinde mich im Staat New York. Nehmen Sie Platz und hauen Sie tüchtig ein!«, fügte er unter rauem Auflachen hinzu.
Der Detektiv nickte Cal und Aleck, welche sich mit am Tisch befanden, wie alten Bekannten zu und ließ sich nieder.
»Well, meiner Ansicht nach könnte jetzt ein Spürhund der Gerechtigkeit leicht genug in die Farm eindringen«, meinte Nick alsdann, mit dem Auslöffeln seiner Suppe beschäftigt.
»Es sollte ihm schlecht bekommen, denn der Torweg wird Tag und Nacht von zwei Männern bewacht und die beiden hier sind nur abgelöst worden«, warf der Pächter lachend ein.
»Well, dann sind Sie ausgezeichnet behütet und es kann Sie keiner stehlen!«
»Sollte mal einer kommen, der dürfte seinen Schaden besehen!«, vermaß sich Aleck.
»Will’s meinen«, fügte Groble hinzu. »Bei uns geht es wie in einem belagerten Fort zu. Die Wachen bleiben stetig ausgestellt und außerdem befindet sich immer einer in Port Jervis auf dem Posten, um die einlaufenden Bahnzüge zu beobachten.«
»Wirklich?«
»Sicher! Er sollte schleunigst hierher kommen und Nachricht geben, falls irgendjemand sich nach David Groble und seiner Farm erkundigen würde – ja, schauen Sie mich nur an, Mister!«, setzte der Hausherr lachend hinzu. »Auch von Ihrer Ankunft gestern Abend wurden wir pünktlich unterrichtet und er beschrieb uns Ihr Äußeres so genau, dass Sie heute Morgen auf den ersten Blick erkannt wurden.«
Nach beendetem Essen setzten sich Nick und sein Gastgeber eine halbe Stunde auf die Piazza, um bei einer Zigarre gemütlich miteinander zu plaudern.
David Groble war einer von jenen Menschen, welchen das Herz immer auf der Zunge liegt. Er glaubte immer imponieren zu müssen und schwatzte zu diesem Behuf unbedenklich aus der Schule.
»Mein Schwiegervater hat mich auf dem Strich gehabt, seitdem ich seine Tochter heiratete«, berichtete Groble vertraulich. »Ich habe heidenmäßig viel einstecken müssen, doch nun mache ich es ihm wett. Sehen Sie, an meiner Tochter selbst liegt mir nicht übermäßig viel. Wäre Dorrit ein Junge, dann wäre es vielleicht anders, doch was soll ich viel mit einem Mädchen anfangen. Ich halte die Kleine nur bei mir zurück, weil ich dadurch dem alten Narren ins Herz hineintreffe – und müsste ich mich dem Teufel darum verschreiben, so will ich mein Recht bis zum Letzten durchkämpfen!«
»Ich bin gern bereit, Ihnen dabei zu helfen!«, versicherte Nick nicht minder vertraulich.
»Sie?«, wunderte sich Groble. »Wie wollen Sie das anfangen, Cranford?«
»Well, da ich die nächste Zeit über hier in der Umgegend zu tun habe, so kann ich immer scharf Lugaus für Sie halten, und Sie rechtzeitig warnen, sollte ich irgendetwas gewahr werden, das so ausschaut, als wollte man die Kleine entführen.«
»All right, das soll ein Wort sein!«, stimmte Groble beifällig zu. »Weiß der Teufel, ich habe keine Ahnung, was ich mit dem kleinen Frauenzimmer anfangen soll. Sie ist noch nicht groß genug, um die Schule zu besuchen – und ich würde es auch nicht wagen, sie zur Schule zu schicken, denn unterwegs könnte Sherman sie aufgreifen lassen. Tatsache, lieber Freund, wenn das Mädel stürbe, so wäre es für alle Beteiligten am besten, doch der Fratz scheint mir gesund genug, um ein volles Jahrhundert zu leben.«
In ähnlicher Weise plauderte Groble fort, ohne indessen den Detektiv irgendwelchen wesentlichen Anhaltspunkt zu geben.
So viel war indessen sicher, Onkel Philipps Befürchtung, dass das Leben seiner Enkelin, solange dieses sich in der Gewalt ihres unnatürlichen Vaters befand, ernstlich gefährdet war, schien nur allzu gerechtfertigt zu sein!
Am Nachmittag sagte der Detektiv, dass er in einiger Entfernung vom Hause seine Vermessungen wieder aufnehmen wolle.
Er ließ sein Pferd wieder einschirren und fuhr die Farm sowie das zugehörige Gehölz in der Absicht auf und nieder, sich mit allen Zugangswegen möglichst vertraut zu machen. Als er etwa eine Stunde später wieder zum Stall zurückkehrte, erklärte ihm der Knecht, dass Groble sich nach einem anderen Teil der Farm begeben habe.
Nahe dem Stallgebäude erblickte der Detektiv Annie Wilson, welche mit ihrer kleinen Schutzbefohlenen lustwandelte.
»Eine hübsche Kleine, was?«, wandte er sich an den Stallknecht.
»Ein zutrauliches Ding«, entgegnete dieser. »Sehen Sie, da hat sie uns schon gewahrt – nun kommt sie auch schon her, um dem Onkel die Hand zu geben und einen Knicks zu machen. In ihren Augen sind wir nämlich lauter Onkels«, setzte er lachend hinzu.
»Well, kann nicht sagen, dass ich mir viel aus Kindern mache«, meinte der Detektiv, als die Kleine auf halbem Weg unschlüssig wieder stehen blieb und dann von der Wärterin zurückgerufen wurde. »Eher machte ich mich an die Wärterin heran.«
»Um Himmelswillen, die alte Schraube ist ein ganz verdrehtes Huhn!«, brummte der Stallknecht.
»Doch nicht verrückt, oder …?«
»Well, doch verdreht genug, um ein Dutzend ehrlicher Kerle um den Verstand zu bringen. Sie ist nur mächtig hinter dem Kind her und hat Angst, man könnte diesem etwas zu leide tun. Sie soll ein eigenes Kind verloren haben und seitdem nur noch von Kinderräubern träumen. Hätte ich ein Kind, ich vertraute es ihr nicht an!«
Der Detektiv nahm seine Vermessungsarbeit wieder auf, welche ihn in die Nähe des Baumes bringen sollte, in dessen Schatten Annie Wilson sich niedergelassen hatte.
»Heda, Mister«, rief der Stallknecht hinter ihm her. »Ich habe im Stall zu tun, sehen Sie doch dem Frauenzimmer etwas auf die Finger. Der Herr hat immer so eine Ahnung, als ob die verdrehte Schraube dem Kind einmal gefährlich werden könnte – mit Verrückten ist es immer so eine Sache!«
»Will’s besorgen!«
Nick Carter ließ sich nicht merken, dass die Worte des Burschen ihm zu einer neuen wichtigen Entdeckung verholfen hatten. Er glaubte nun tiefer in das schändliche Vorhaben des unnatürlichen Vaters blicken zu können.
Dieser wollte sein unschuldiges Kind kaltblütig ermorden, um das Erbe an sich zu reißen und die Schuld hierfür der unglücklichen Annie Wilson in die Schuhe schieben!
»Guten Morgen«, versetzte Nick freundlich, als er sich der Wärterin und Klein-Dorrit genähert hatte.
»Guten Morgen, Mister«, entgegnete Annie mechanisch.
»Aber es ist doch Nachmittag«, rief Klein-Dorrit lachend, welche unbefangen an Nick herangetreten war und diesem die Hand gab.
»Da hast du recht, Kleine«, versetzte der Detektiv. »Du bist aber ein hübsches Mädchen. Sage, hast du denn deine gute Bonne auch lieb?«
»Ja, ich habe Annie schrecklich lieb!«
»Nun, mit Ihnen dürfte es wohl dasselbe sein?«, redete Nick die Wärterin an.
»Will’s meinen«, gab diese zurück. »Ich habe Klein-Dorrit vom Tage ihrer Geburt an unter den Händen.«
»Nun, dann muss Sie der Gedanke doch traurig machen, dass die Kleine schon bald sterben soll«, sagte der Detektiv unvermittelt.
»Sterben soll?«, stammelte Annie schreckensbleich.
»Ja, sogar schon sehr bald sterben soll!«, wiederholte Nick Carter eindringlich.
»Was … was soll das heißen?«, stammelte Annie Wilson, schützend den Arm um das kleine Mädchen schlingend.
»Das soll heißen, Mrs. Wilson, dass Sie in abscheulicher Weise betrogen worden sind. Man hat Sie unter der Vorspiegelung hierher gelockt, dass Sie hier Ihren kleinen toten Knaben wieder finden würden, nicht wahr?«
Mit weit geöffneten Augen starrte die Unglückliche ihm an, doch vergeblich suchte sie zu sprechen.
»Groble«, fuhr Nick leise fort, »sandte Ihnen eine Haarlocke und versetzte Sie in den Glauben, dass diese Locke vom Haupt Ihres kleinen Knaben stammte.«
»Ja«, stammelte sie verwirrt. »Doch woher können Sie dies wissen, wer sind Sie?«
»Groble versprach Ihnen, falls Sie Dorrit zu ihm bringen würden, Ihnen den eigenen kleinen Knaben wieder zurückgeben, nicht wahr?«
»Das will und muss er!«, stammelte Annie leidenschaftlich. »Doch wer sind Sie? Sagen Sie es mir oder ich werde noch wahnsinnig!«
»Nein, Sie waren von Sinnen, als Sie dem Schurken Glauben schenkten. Wer ich bin, das will ich Ihnen sagen, und wenn Sie Lust dazu haben, so können Sie es Groble verraten. Ich bin hier im Auftrag des Großvaters von Klein-Dorrit und soll diese vom sicheren Tod retten.«
»Vom Tod?«, stöhnte Annie auf. »Barmherziger Gott, was soll das heißen?«
»Genau was ich sage, Mrs. Wilson«, erklärte Nick mit eindringlichem Ernst. »Wollen Sie herausbekommen, ob ich die Wahrheit sage oder nicht, so geben Sie nur Groble den Inhalt unserer Unterredung bekannt, dann wird er augenblicklich das Kind ermorden – und Sie dazu!«
»Nein, nein, das kann ich nicht glauben«, stöhnte die Unglückliche. »Er sagte mir, dass Mr. Sherman mir Klein-Dorrit abnehmen und mich fortschicken wollte und er versprach, mir meinen eigenen kleinen Sohn zurückzugeben. Er sandte mir eine Locke von seinem Haupt! Ich kannte diese Locke, sie hatte genau dieselbe Farbe. Mr. Groble sagt, dass in wenigen Tagen mein kleiner Knabe wieder bei mir würde!«
»Das alles ist nur Lug und Trug!«, erklärte Nick, »sagen Sie es ihm ruhig, wenn Sie es für richtig halten!«
»Nein, nein!«, hastete sie. »Das wage ich nicht! Beweisen Sie mir, dass er mich belogen hat, und ich werde unverzüglich Dorrit zu ihrem Großvater zurückbringen. Doch beweisen Sie es, Mister; beweisen Sie es!«
»Das will ich gerne tun, doch nicht im Augenblick!«, beschwichtigte sie der Detektiv.
»Wollen Sie bis morgen früh warten?«
»Gewiss, doch sollte er mir meinen kleinen Knaben früher bringen, so …«
»Dann werden Sie wissen, dass ich ein Lügner bin. Morgen früh werde ich Ihnen den Beweis liefern, und Sie sollen dann selbst entscheiden, wem Sie vertrauen sollen: mir oder diesem Groble.«
»Das will ich tun«, lobte Annie. »Doch Sie haben mir noch nicht gesagt, wer Sie sind, und woher Sie wissen, was in dem Brief gestanden hat. Ich habe ihn doch verbrannt, wie er mir anbefohlen hatte – und ich traf ihn im Zentralpark, genauso, wie er es mir vorschrieb. Ich kann nicht verstehen, wie ein Dritter von alledem etwas wissen kann!«
»Das tut nichts zur Sache! Haben Sie herausgefunden, dass Groble Sie angelogen hat, so sollen Sie alles von mir erfahren. Mein wirklicher Name lautet Carter. Hier bin ich unter dem Namen Cranford bekannt.«
Noch einige Minuten länger plauderte der Detektiv mit der unglücklichen Annie Wilson, um diese ihr seelisches Gleichgewicht wieder finden zu lassen.
Es war notwendig gewesen, Annie zuerst in Schrecken zu versetzen. Nun erschien es nicht minder wichtig, sie wieder zu beschwichtigen, damit ihr Verhalten nicht etwa Grobles Misstrauen hervorrief. Außerdem hatte der Detektiv ihr auch noch einige Verhaltungsmaßregeln zu geben und sie anzuweisen, an welchem Orte sie ihn am nächsten Morgen treffen konnte.
Als Groble am späten Nachmittag wieder im Haus eintraf, erklärte ihm Nick Carter, nach Port Jervis zurückkehren zu müssen.
Groble meinte zwar, dass Raum für ihn genug im Haus sei. Doch der Detektiv entgegnete, dass er wichtige Gegenstände im Hotel zurückgelassen habe, aber der freundlichen Einladung für die Folge entsprechen und am nächsten Vormittag wieder zur Farm zurückkehren wollte.
»All right, bringen Sie nur Ihren ganzen Plunder mit. Dann sollen Sie fette Forellen nicht nur zu fischen, sondern auch zu essen bekommen«, versetzte Groble. »Wann ungefähr werden Sie eintreffen?«
»Ich denke, so um neun Uhr vormittags.«
Kaum nach seinem Hotel zurückgekehrt, setzte sich Nick hin und schrieb seinem Gehilfen Chick einen Brief, in welchem er ihm mitteilte, dass er Klein-Dorrit gesund und munter angetroffen und beschlossen habe, sie am nächsten Nachmittag heimzunehmen.
Ferner verständigte er seinen Gehilfen von dem vor Monatsfrist in New-Hamburg stattgehabten Bankraub. Er ersuchte Chick, den damals verhafteten Pete Oakey, der mittlerweile nach dem Untersuchungsgefängnis in Poughkeepsie überführt worden war, aufzusuchen und unter allen Umständen aus ihm die volle Wahrheit herauszubekommen.
Nick wartete, bis ein nach New York bestimmter Zug die Station passierte, um seinen Brief persönlich aufzugeben.
Jedenfalls befand sich um diese Zeit auch Grobles Spion auf der Bahnstation.
Schon aus diesem Grund warf Nick Carter seinen Brief selbst in den Briefkasten des Bahnpostwagens, denn unter keinen Umständen sollte der Gewährsmann des unnatürlichen Vaters Gelegenheit finden, einen Blick auf die Adresse zu werfen.
Sehr früh am nächsten Morgen war Nick Carter wieder zur Groble’schen Farm unterwegs.
Diesmal hatte er sich zwei seine Kutschpferde vor einen breiten, aber leichten Wagen spannen lassen. Hinter dem Kutschbock befand sich ein mit wasserdichter Plane überspannter Laderaum.
»Es ist mein bestes Gespann und ich wüsste kein Stück Pferdefleisch, das hier in der Gegend mit ihm die Wette jagen könnte«, hatte der Besitzer des Leihstalles noch vor der Abfahrt gemeint.
Der Detektiv fuhr nicht in gerader Wegrichtung nach Malepartus.
Im Gegenteil fuhr er in weitem Bogen über die Höhenzüge dahin, um die Farm von der entgegengesetzten Richtung aus zu erreichen.
Zuletzt kam er an einen Ort in den Waldungen, nicht weit entfernt von dem Hügel, wo er tags zuvor Annie Wilson und deren kleine Schutzbefohlene zuerst wahrgenommen hatte.
Hier hielt er an und verweilte eine Zeit lang an diesem Platz.
Hätte irgendjemand den Wagen wahrgenommen, und näher beobachtet, als Nick Carter nun wieder weiter voranfuhr, so würde er zu dem Resultat gekommen sein, dass sich auf dem bis dahin leichten Gefährt nun eine erhebliche Last befand.
Bisher hatte der Detektiv noch keinen von Grobles Spionen zu Gesicht bekommen, doch er war ziemlich gewiss, dass etwa eine Viertelmeile weiter, wo die Fahrwege sich kreuzten, einer der Burschen sich aufgestellt hatte.
Ein Blick auf seine Uhr belehrte Nick Carter, dass es dreiviertel neun vormittags war, als er sein Gefährt wieder in Bewegung setzte.
Um ein viertel nach neun sollte ein nach New York unterwegs befindlicher Personenzug die nächste Haltestelle, von Malepartus aus gerechnet, passieren.
Nick war fest entschlossen, seinen Plan auszuführen und mit diesem Zug die Rückfahrt anzutreten.
Um dies zu ermöglichen, bedurfte es einer harten Fahrt und so setzte er auch jetzt seine Pferde in scharfe Gangart.
Als er den Kreuzweg erreichte, da erblickte der Detektiv, wie er vorausgesetzt, einen stämmigen Burschen, welcher hinter einem Busch hervorsprang und sich mitten in der Fahrstraße aufpflanzte.
Doch als der Mann sah, wen er vor sich hatte, nickte er vertraulich und trat beiseite.
»Sie haben es heute Morgen ja sehr eilig«, bemerkte er.
»Allerdings«, entgegnete der Detektiv, sein Gespann zügelnd. »Haben Sie Mr. Groble gesehen?«
»Nicht mehr seit dem Frühstück. Warum fragen Sie?«
»Ich fürchte, der Teufel ist los. Schlagen Sie den Weg ein, welchem ich hergekommen bin, und sehen Sie zu, ob Sie von der Frau und dem kleinen Mädchen etwas wahrnehmen können.«
»Donnerwetter, Sie meinen doch nicht etwa, die Kleine ist entführt worden?«
»Ja, das fürchte ich gerade, darum beeilen Sie sich!«
Nick Carter überließ den feurigen Pferden wieder die Zügel; diese sprengten scharf dahin und über die Schulter zurückschauend, nahm er mit innigem Vergnügen wahr, wie der Bursche aus Leibeskräften in der bezeichneten Richtung dahinlief.
»Well, für die nächsten zwanzig Minuten wird die Fahrstraße unbeobachtet bleiben!« lachte der Detektiv vor sich hin. »Das dürfte aber für meine Absichten vollkommen genügen.«
Fünf Minuten später lenkte das Gefährt in den Hauptweg hinein, der durch das Parktor nach der Groble’schen Besitzung und an dessen Herrenhaus vorüberleitete.
Dort am Torgitter befanden sich Alec und Cal wieder auf Posten.
»Was ist los?« schrie der letztere, als Nick Carter vorüberfauste.
»Wo steckt Groble?« schrie der Detektiv, ohne darum anzuhalten.
»Im Hause. Doch warum?«
Da Nick Carter eben auf die Pferde einhieb, und diese dadurch nur noch flüchtiger voranstoben, so vermochte er Cals Frage nicht mehr zu hören.
Direkt nach dem Wohnhause galoppierte das flinke Gespann.
Auf der Piazza befand sich Groble und war damit beschäftigt, Angelgeräte in Ordnung zu bringen. Nun von dem Hufgestampf beunruhigt, sprang er die Stufen hinunter und rief schon von weitem:
»Hallo, Cranford, warum in solcher Eile?«
»Aufsteigen! aufsteigen!« schrie Nick.
Damit wendete er auch schon den Buggy so scharf zur Seite, dass es aussah, als wollte der leichte Wagen umstürzen.
»Was ist los?« rief Groble, der unwillkürlich einen Revolver gezogen hatte.
»Ich glaube, die Frau ist mit dem Kinde durchgebrannt!« berichtete Nick.
»Tod und Verdammnis!«, brüllte Groble. »Hat die Hexe mich betrogen, so knalle ich sie und das Kind nieder!«
Damit kletterte er auch schon hastig auf den Kutschbock.
»Voran!«, schrie er.
»Verschwenden Sie keine Sekunde! Sprechen können Sie während der Weiterfahrt! Was ist also geschehen?«
»Well, ich schlug heute Morgen den Umweg um die Farm ein, um dort nach Grenzmarken mich umzuschauen, und –«
»Kümmert mich nicht, sagen Sie gleich, was los ist!«
»Well, dort sah ich die Frau – Mrs. Wilson, glaube ich, heißt sie.«
»Der Teufel soll sie holen! Wo war sie?«
»Ungefähr zwei Meilen von hier. Sie hatte die Kleine bei der Hand und ging gerade über ein Feld nach dem Walde zu.«
»Donnerwetter, warum hielten Sie das Weib nicht an?«
»Wie konnte ich denn! Das Feld wird doch durch eine Steinmauer von der Fahrstraße abgetrennt. Ich rief ihr zu, aber sie wollte mich nicht hören. Sie blickte nur zurück und als sie mich gewahrte, da begann sie aus Leibeskräften weiter zu rennen und schleifte die Kleine hinter sich her!«
»Ei, die verd… Hexe«, zischte der sich vor Wut nicht mehr kennende. »Mit kaltem Blute könnte ich sie erwürgen!«
In diesem Augenblick sauste der Wagen wieder durch den Torweg, wo Cal und Alec immer noch verblüfft standen und nicht wussten, was eigentlich sich begeben hatte.
»Das Frauenzimmer ist mit der Kleinen durchgegangen!«, schrie Groble ihnen zu. »Schießt beide nieder, sobald Ihr sie antrefft!«
Nick warf beiden Wächtern keinen Blick zu, sondern hieb unbarmherzig auf die Pferde ein, um sie noch schneller anzutreiben.
»Wo geschah es?«, erkundigte sich Groble schließlich wieder.
»Das will ich Euch zeigen, sobald wir an Ort und Stelle sind. Wir fahren ja auf Teufel komm raus, da kann es nicht lange dauern.«
»Dieses verd… Frauenzimmer!«, stieß Groble hervor, welchem die Wut auch die letzte Überlegung raubte. »Ich dachte, ich hätte sie kirre gemacht. Hatte ihr vorgeschwindelt, ich würde ihr den eigenen Knaben wieder verschaffen – das dumme Weib ist ja vollständig verrückt und lässt sich beschwindeln wie ein grüner Irländer!«
»Ihr Knabe ist aber tot, nicht wahr?«, warf Nick ein.
»Ob er tot ist«, rief Groble unter rohem Auflachen dazwischen. »Tot und begraben schon seit Jahren – doch das Frauenzimmer ist eben meschugge. Darum machte ich den Schwindel, denn ich sah sonst keine Möglichkeit, die Kleine Dorrit von ihrem Großvater fortzulotsen. Weil ich wusste, dass die alte Schraube an der Familie hängt, so schickte ich ihr eine blonde Haarlocke, um sie sicher zu machen, – ich hatte sie von einem Puppenkopf abgeschnitten, doch das verrückte Huhn glaubte natürlich, es handelte sich um eine Locke vom Haupte ihres Kindes. Hahaha!«
»Das haben Sie aber schlau gemacht, Mr. Groble«, stimmte Nick lachend bei.
»Das glaube ich!«, entgegnete Groble selbstgefällig. »Die Alte fiel mit Haut und Haar auf den Zauber herein. Ich traf sie im Zentralpark und sie ging willig mit mir und nahm Klein-Dorrit natürlich mit sich.«
»Sie brachten sie hierher nach der Farm?«
»Beide, die Alte und meine Kleine. Hier wurde die alte Schraube nun so ungebärdig, wie ein Huhn, dem man die Küken fortgenommen hat. Sie schrie und tobte, wollte sich nicht beruhigen lassen und durchaus sofort ihren Jungen sehen. Kunststück! ich sage Ihnen, Cranford, unsereinem wird das Schwindeln ja nicht übermäßig schwer – doch so viel habe ich in meinem ganzen Leben nicht zusammenlügen müssen, wie der alten Schachtel gegenüber, nur, um sie immer wieder von einem Tag zum andern zu vertrösten!«
»Na, da dürfte die Frau schließlich doch hinter den Schwindeln kommen!«, gab der Detektiv zu bedenken.
»Möglich, doch was liegt mir daran! Ich soll nur die Alte und das kleine Ding wieder unter die Finger kriegen, dann sollen mir die beiden in diesem Leben keine unruhige Stunde mehr machen! Dann wollen wir einmal sehen, ob mir der alte Schuft von einem Sherman das Vermögen meiner Frau noch länger zurückhalten kann!«
»Nur Vorsicht, Mr. Groble«, mahnte der Detektiv. »Machen Sie sich nicht selbst unglücklich – doch dort ist das Feld, über welches die Frau mit dem Kinde dahingelaufen ist. Am besten ist es, Sie springen ab und eilen über das Feld nach dem Walde zu, während ich meine Schinder auf dem Fahrweg weitersausen lasse?«
»Groble, dem der Vorschlag einleuchtete, sprang von dem in voller Fahrt befindlichen Wagen und setzte schon im nächsten Moment über die Steinmauer.
»Fahren Sie auf Teufel komm raus!«, schrie er hinter dem Detektiv her. »Ich lasse mich tausend Dollars kosten, kriege ich die Hexe und den Balg wieder in meine Gewalt!«
Nick gehorchte, und seine niedersausende Peitsche zwang die Pferde dazu, ihr äußerstes herzugeben.
Am Tage zuvor hatte der Detektiv die Wegverbindungen genau studiert. Kaum war er jetzt Groble aus den Augen gekommen, als er auch schon in einen schmalen Holzweg einlenkte, der ihn rasch zu der Spur führte, wo der erste Spion auf der Lauer gelegen hatte.
Der Letztere war nicht zu erblicken und Nick Carter benutzte einen weiteren Holzpfad, der ihn nach ungefähr einer Meile auf die nach Port Jervis führende Hauptstraße brachte.
Erst, als er diesen Punkt erreicht hatte, lüftete er die wasserdichte Plane, welche den hinteren Teil des Wagens verdeckt hielt.
Annie Wilson und Klein-Dorrit kamen darunter zum Vorschein.
Sie fanden sich an dem von Nick Carter angegebenen Orte ein und nach einigem Zögern hatte die Wärterin eingewilligt, sich mit ihrer kleinen Schutzbefohlenen unter der Wagendecke zu verbergen.
Am liebsten wäre der Detektiv natürlich mit beiden sofort nach der Station gefahren.
Doch da dieses die immer noch nicht von Grobles zweideutigem Verhalten überzeugte Wärterin unter keinen Umständen zugegeben haben würde, so hatte sich Nick Carter gezwungen gesehen, die ebenso gefährliche wie zeitraubende Komödie aufzuführen und David Groble selbst auf seinen Kutschbock zu bringen, damit der nichtsahnende Schurke der unter der Wagendecke versteckten Annie mit eigenem Munde Aufschluss über seine schlechten und verbrecherischen Anschläge erteilte.
»Ach, Mr. Carter!«, schluchzte nun die Unglückliche, als der Detektiv sie und Klein-Dorrit neben sich auf dem Bock gesetzt hatte, »nun kenne ich die Wahrheit! Mein armes Kind ist tot und kehrt niemals wieder zu mir zurück. Doch meinen letzten Blutstropfen will ich dafür hergeben, Klein-Dorrit aus der Gewalt dieses Mörders zu bringen!«
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