Aus Armand’s Frontierleben – Band 1- Kapitel 7
Fredéric Armand Strubberg
Aus Armand’s Frontierleben
Band 1
Carl Rümpler, Hannover, 1868
Siebentes Kapitel
Bald darauf wurde der Wald lichter und ein freier Platz öffnete sich, um den herum wohl gegen zwanzig Häuser standen. Die meisten waren Blockhäuser, doch zwischen ihnen befanden sich auch einige Gebäude aus Dielen.
In mehreren davon war noch Licht, und vor den Türen standen und bewegten sich Leute hin und her.
Der Diener lenkte sein Pferd über den Platz auf die andere Seite, wo aus dem Eingang des größten Hauses ein helles Licht hervordrang. In dessen Schein wurden mehrere Männer sichtbar. Zugleich aber hörte Armand bei seiner Annäherung sehr laute Stimmen aus dem Haus, die er bald als heftige Schwüre und Flüche erkannte.
»Hier sind wir bei Mister Labadee, Massa«, sagte der Schwarze, sprang aus dem Sattel und ergriff den Zügel von Armands Pferd. Während er abstieg, steigerte sich der Lärm im Zimmer. Noch einige Männer traten aus der Tür und schauten mit den schon davorstehenden neugierig hinein.
Als Armand zwischen sie trat, sahen sie ihn verwundert an. Er war im Begriff, in das Zimmer zu schreiten, als einer der Männer ihn am Arm erfasste und erstaunt sagte: »Wahrhaftig, ich irre mich nicht, Sie sind Mister Doktor Armand von der Leone. Wir trafen uns im vergangenen Jahr am Alligatorenbach und lagerten eine Nacht zusammen. Mein Name ist Schaud.«
»Es freut mich, Sie zu sehen, Mister Schaud«, entgegnete Armand und drückte die zum Gruß gebotene Hand. »Was soll denn der Lärm in dem Zimmer?«
»Bleiben Sie lieber hier, Mister Doktor. Bob Kalleg hat es mit Mister Labadee zu tun. Wenn Bob etwas angetrunken ist, ist es besser, man bleibt von ihm weg«, sagte Schaud zu Armand.
»Ei was, Bob hin, Bob her, ich muss Mister Labadee dringend sprechen, um Medikamente für einen Kranken von ihm zu kaufen«, entgegnete Armand rasch.
Bei diesen Worten schob er Schauds Hand zur Seite und trat rasch in das Zimmer. Dort sah er am anderen Ende hinter dem Schenktisch Mister Labadee, einen älteren, hageren Mann, der den breitschultrigen Bob, der vor dem Tisch hin und her tobte, zur Ruhe zu bringen versuchte.
»Verdammt, ich will wissen, ob es in diesem verfluchten Nest einen besseren Mann gibt als Bob Kalleg. Die Schufte sind alle aus dem Zimmer gelaufen!« Dabei schlug er mit der Faust auf den Tisch, sodass die Gläser und Flaschen in den Gestellen an der Wand klirrten. Nochmals schlug er mit den Worten »Ein Glas Branntwein« donnernd auf die Tafel.
»Nicht mehr, Mister Kalleg«, sagte Labadee beruhigend.
»Den Schädel schlage ich Ihnen wie eine Melone auseinander, wenn Sie mir nicht sofort den Branntwein geben!«, rief Bob wütend und streckte die geballte Faust über den Tisch nach Labadee aus. In diesem Augenblick trat Armand neben ihn und sagte, ohne ihn anzusehen, zu dem Wirt: »Sie sind Mister Labadee, und ich bitte Sie, mir schnell mehrere Medikamente zu verabreichen. Mister Davis draußen am Hickory-Hügel ist sehr krank.«
»Branntwein, sage ich, bei Gott!«, schrie der wütende Bursche und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann stieß er mit der Faust über den Tisch hinweg und traf Labadee an der Stirn. Dieser fiel zwischen die Gläsergerüste zurück und das Glaswerk rasselte klirrend über ihn hinweg auf den Boden.
Im nächsten Augenblick riss Bob ein schweres Messer aus seinem Gürtel und schwang es mit dem Fluch »Sei verdammt!« dicht vor Armands Gesicht vorbei.
Dieser fing jedoch wie ein Blitz Bobs Handgelenk mit seiner Rechten auf, drehte es mit solcher Kraft, dass das Messer der Hand entfiel, und warf den Burschen im nächsten Augenblick rückwärts aus der Tür, sodass er sich draußen im Staub überschlug. Ein jubelndes Gelächter erschallte unter den Männern vor dem Haus.
»Das ist ja ein miserabler Lump!«, sagte Armand, vor Zorn bebend. Er hob das Messer vom Fußboden auf und reichte es Labadee hin.
»Er ist ein gefährlicher Mensch«, versetzte der Wirt, schrie aber im nächsten Moment Armand zu: »Da ist er wieder, nehmen Sie sich in Acht, Mister!«
In diesem Moment stürzte Bob Kalleg mit einer hochgeschwungenen Holzaxt in seiner Faust in das Zimmer und auf Armand ein. Doch dieser zog rasch einen Revolver aus seinem Gürtel und rief dem Heranstürmenden zu: »Keinen Schritt weiter, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist!«
Dabei hielt er die Waffe unbeweglich auf dessen Brust gerichtet und streckte die linke Hand abwehrend nach ihm aus.
Bob stutzte, trat einen Schritt zurück und ließ unter Flüchen die Axt sinken.
»Treten Sie mir nie wieder in solcher Weise entgegen, oder ich töte Sie unfehlbar«, sagte Armand mit eiserner Ruhe. »Gehen Sie jetzt nach Hause und schlafen Sie Ihren Rausch aus. Sonst rufe ich den Sheriff, um Sie zur Ruhe zu bringen.«
Dann wandte er sich an Mister Labadee, der das noch unbeschädigte Glaswerk aufsuchte, und bat ihn, ihm schnell die gewünschten Medikamente zu verabreichen.
Während Labadee ein Licht anzündete, traten sein Schenkbursche, der sich ebenfalls aus dem Zimmer geflüchtet hatte, sowie die draußen stehenden Männer herein. Armand folgte dem Wirt durch eine Nebentür in dessen Kaufladen.
Wenn Armands Zorn ihn auch bereits verlassen hatte, so war er doch noch so aufgewühlt, dass er sich zusammenreißen musste, um die nötigen Arzneien bezeichnen zu können.
Labadee ging ihm hilfreich zur Hand, wog, maß und packte das Gewählte. Bald hatte er alles in ein Papier zusammengebunden. Darauf bat Armand ihn, ihm etwas kaltes Fleisch, Brot und Wein zu reichen, das er hier im Laden verzehren wolle, um nicht wieder in die Schenkstube gehen zu müssen.
Labadee kam seinem Wunsch schnell nach. Armand hatte bald sein Abendbrot verzehrt, seine Rechnung bezahlt und kaum eine Stunde nach seiner Ankunft ließ er die Pferde vorführen, um sich auf den Rückweg zu begeben. Das Schenkzimmer war von allen Gästen verlassen und nirgends um den Platz herum war noch ein Licht zu sehen.
»Es tut mir leid, Mister Armand, dass Sie gleich bei Ihrem ersten Besuch im Settlement einen so unangenehmen Auftritt haben mussten«, meinte Labadee und reichte ihm zum Abschied die Hand. »Übrigens bin ich Ihnen sehr dankbar, dass Sie diesem wüsten Burschen eine Lehre gegeben haben. Wenn er nicht getrunken hat, ist er ein ganz leidlicher und tüchtiger Mensch, der sich durch seine Arbeit gut ernährt. Nun, auf baldiges Wiedersehen. Ich stehe Ihnen für alle Geschäfte gerne zur Verfügung. Empfehlen Sie mich der Familie Davis aufs Angenehmste. Es sind mir sehr liebe Kunden, besonders Fräulein Leonide – sie ist der Liebling der ganzen Gegend.«
Während dieser Rede hatte Armand den Sattel bestiegen, den Wirt höflich gegrüßt und war eilig davon geritten.
Als ob er eine schwere, drückende Last hinter sich zurückließe, eilte er aus der Ansiedlung fort. Mit einem Gefühl des Widerwillens warf er noch einen Blick auf das letzte Blockhaus, an dem er vorbeikam.
Der Vorfall in der Schenke, so unwichtig und folgenlos er an und für sich auch war, hatte Armand doch heftig ergriffen und seine alte Abneigung gegen ein Zusammenleben mit Menschen wieder vollends geweckt, sodass selbst Leonides Bild für den Augenblick weniger dominierend vor seinem inneren Auge erschien.
Er dachte an den Zustand ihres Vaters, dann wanderten seine Gedanken wieder zu seinen Kolonisten, seinem Feld und Garten. Immer wieder drängte sich der Vorfall bei Labadee mit einem Gefühl aufwallenden Zornes in seine Erinnerung.
Je näher er jedoch Davisens Wohnung kam, desto stärker wurde der Gedanke an Leonide. Ihr Bild erschien ihm wieder mit all den Vorzügen und Reizen, die ihn so mächtig zu ihr hingezogen hatten. Immer flüchtiger musste ihn der Sattel über Berg und Tal tragen.
Er hatte seinen Führer schon wiederholt gefragt, wie weit es noch sei, und da dessen letzte Antwort »eine halbe Meile« gewesen war, spähte Armand nun von jeder Höhe nach der Waldgruppe, in der sich Davisons Niederlassung befand.
»Ist das nicht der Hickory-Hügel?«, fragte er den Schwarzen, an dessen Seite er geritten war, und zeigte nach der nächsten Anhöhe.
»Ja, wohl, Massa. Gleich sind wir zu Hause«, entgegnete dieser und kaum war die Antwort über seine Lippen getreten, gab Armand dem Schecken die Sporen und sprengte im Galopp dem Ziel seines Verlangens zu.
Ein matter Lichtschimmer zeigte ihm zuerst, wo das Haus stand, das mit dem Dunkel der hinter ihm aufstrebenden Baumgruppen verschwamm.
Wie schnell schlug sein Herz, als er sich dem Garten näherte und seinen Blick nach der Veranda richtete, um das Dunkel der Nacht zu durchspähen.
Vor der Gartentür sprang er vom Pferd, doch musste er hier auf den zurückgebliebenen Dunkelhäutigen warten, um ihm die Zügel zu geben und das Paket mit den Medikamenten von ihm zu empfangen.
Alles war still um ihn herum, und auch im Haus schien man tief zu schlafen. Dennoch schaute Armand verlangend zur Veranda hinüber. Da bewegte sich etwas aus der Dunkelheit über der Treppe. Es kam herab und Leonide, die er so sehnlich erwartet hatte, glitt schwebenden Fußes schnell durch den Garten heran.
»Willkommen, willkommen, bester Mister Armand! Gott sei Dank, dass Sie schon wieder hier sind. Ich fürchtete, Sie würden noch lange ausbleiben«, sagte sie und hielt ihm ihre Hände entgegen.
»Hätten mich meine Wünsche tragen können, teuerste Leonide, so wäre ich viel früher wieder bei Ihnen gewesen, als Sie an mich gedacht hätten«, entgegnete Armand, hingerissen von der Wonne des Augenblicks, und nahm ihre Hände in die seinen.
»Und doch wären Ihre Wünsche nicht schnell genug gewesen, denn ich habe gar nicht aufgehört, an Sie zu denken. Mein Vater ist viel ruhiger geworden, und meine Mutter und ich haben uns mit glücklichem Herzen wieder ganz der Hoffnung hingegeben«, antwortete Leonide, drückte Armand innig die Hand und sagte: »Wie sollen wir es Ihnen nur danken?«
»Ihr freundliches Gefühl gegen mich, beste Leonide, hat es mir nicht nur schon tausendfach vergolten – es hat mich zu Ihrem Schuldner gemacht«, fuhr Armand, von seinem Glück berauscht, fort und behielt die Hand des Mädchens in der seinen.
»Kommen Sie herein. Die Mutter hat sich auf meine Bitte hin zur Ruhe gelegt. Ich konnte jedoch nicht schlafen. Ich musste Sie kommen hören«, sagte Leonide mit ihrer natürlichen Anmut.
»Noch einen Augenblick, Engel liebes Mädchen, muss ich hier verweilen. Ich bin dem Diener vorangejagt. Ich verlangte so sehr danach, Sie wiederzusehen. Und er hat die Medizin«, sagte Armand und drückte Leonides Hand.
Sie verstummte für einige Augenblicke und Armand sah trotz der Dunkelheit, dass sie die Augen niederschlug. Dann aber begann sie abermals mit ihrer lieblichen, klangvollen Stimme: »Sie wollen mich eitel machen, Mister Armand. Hören Sie, dort kommt der Neger schon.«
Und tatsächlich trabte der Schwarze gleich darauf vor den Garten. Er sprang vom Pferd, nahm den Zügel des Schecken und reichte Armand das Paket. Dieser schritt nun mit Leonide nach dem Haus.
»Ich hoffe, der Vater schläft noch«, sagte Leonide, während sie leise die Zimmertür öffnete. »Die Ruhe hat ihm so gut getan, denn in der vergangenen Nacht hat er gar nicht geschlafen.«
Das kleine Licht der Lampe verbreitete nur einen matten Schein im Zimmer, und der Kranke lag in ruhigem Schlaf.
Armand warf einen Blick auf ihn, dann winkte er Leonide zu sich an den Tisch am Fenster und bat sie, ihm eine Flasche und Wasser zu geben, um ein Mundwasser zubereiten zu können. Beides war schnell herbeigeschafft und während Armand das Mundwasser zubereitete, sagte er: »So leid es mir ist, Ihren Vater im Schlaf zu stören, so muss ich es doch tun, damit er das Wasser trinkt und ich ihm die Medizin verabreichen kann.«
Als Leonide ihn bald darauf weckte, schien er durch den Schlaf sehr gestärkt worden zu sein. Er sprach deutlicher und konnte die Medizin, die Armand ihm reichte, mit weniger Schwierigkeiten zu sich nehmen.
»Nun wollen wir ihn aber wieder der Ruhe überlassen«, begann Armand, sich an Leonide wendend, und schritt leise wieder zum Fenster.
»Und Sie selbst müssen sich jetzt ausruhen, Mister Armand«, flüsterte Leonide ihm zu, »Ihr Zimmer ist vorbereitet, ich werde Sie dorthin geleiten.«
»Nein, beste Leonide, an Ihnen ist es, sich zu erholen. Ich setze mich hier in den Armstuhl. Ich bitte Sie, tun Sie es mir zu Gefallen und schlafen Sie einige Stunden. Es ist erst eine Stunde vorüber«, antwortete Armand dringend.
»Das Niederlegen würde mir nichts helfen, denn schlafen könnte ich doch nicht mit dem Gedanken, dass Sie hier wach säßen.
Wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, so leiste ich Ihnen Gesellschaft. In einigen Stunden muss der Vater ja doch wieder Medizin nehmen«, entgegnete Leonide. Sie ergriff ein Feuerzeug vom Tisch und flüsterte Armand zu: »Wir wollen uns hinaus unter die Veranda vor das offene Fenster setzen, dann stören wir den Vater nicht mit unseren Gesprächen.«
Darauf schritt sie vor Armand her aus dem Zimmer, zündete schnell eine Lampe unter der Veranda an und schob zwei Armsessel dem offenen Fenster des Krankenzimmers gegenüber an das Geländer, an dem sich die mit Blüten bedeckten Rosenranken hinaufwanden.
»Sind Sie auch wirklich nicht zu müde und angegriffen, um sich meinetwegen den Schlaf zu versagen?«, begann Leonide, indem sie sich neben Armand niederließ.
»Habe ich mich so sehr nach Ihnen gesehnt, teuerste Leonide, um zu schlafen? Ich glaube gar nicht, dass es mir möglich wäre, in Ihrer lieben Nähe jemals die Augen zu schließen.«
Leonide ließ statt einer Antwort ihre wunderbar schönen Augen ernst und doch liebreich auf ihm ruhen. Ihr Blick war nicht ganz ohne liebevollen Vorwurf und nicht ganz ohne freudigen Dank. Dann sagte sie: »O, so bitte ich Sie, teilen Sie mir etwas über das schöne Land meiner Kindheit mit, über die purpurblauen, eisgekrönten Gebirge und die brausenden, klaren Gewässer – über meine ewig unvergessliche Leone! Wann waren Sie denn zuletzt dort?«
»Im vergangenen Winter habe ich eine Woche an ihren Quellen zugebracht«, antwortete Armand.
»Haben Sie dort niemals nahe am Ufer eine sehr geräumige Höhle angetroffen, aus deren Grund ein Ausgang nach oben auf die Felsenschicht über Ihnen führt?«
»Mir ist diese Höhle gut bekannt«, erwiderte Armand. »Ich suchte sie stets für mein Nachtlager auf und fand darin alte und neue Feuerplätze, auch außen davor.«
»Ach, diese Höhle war lange Zeit unsere Wohnung«, fuhr Leonide tief bewegt fort. »An sie knüpft sich meine glücklichste Zeit, aber auch mein schwerstes Leid. Dort sah ich meine geliebte, meine teure Mutter sterben!«
Bei diesen Worten senkte sie ihr schönes Haupt und verbarg die Tränen, die ihr entströmten, in ihren Händen.
»So war es ein Vorgefühl meines jetzigen Glücks. So war es Ihr Geist, teure Leonide, der mich immer nach jener Höhle hinzog. Denn oftmals bin ich noch spät in die Nacht hinein geritten, um sie zu erreichen«, sagte Armand, von der Wehmut des Mädchens ergriffen.
Nach einer kurzen Pause trocknete Leonide ihre Augen und fuhr mit weicher Stimme fort: »Dort, nahe vor der Höhle, liegt meine gute Mutter in der Erde. O, könnte ich noch einmal an ihrem Grab weinen und für ihre Seele Ruhe erflehen, die ihr vielleicht meinetwegen nicht zuteilwird!«
Wieder trat eine Pause ein und Leonide kämpfte gegen ihre Tränen. Doch Armand drang teilnehmend in sie und bat sie, ihrem Schmerz Worte zu geben.
Sie fasste sich, und erzählte ihm nun das traurige Ende ihrer Mutter. Oft hielt sie dabei inne, wie unter ihrem Leid ermattend, starrte vor sich hin und presste die Hände ineinander. Doch als sie den Tod ihrer Mutter berichtet hatte, hob sie ihren tränenschweren Blick nach oben und sagte mit verzweiflungsvoller, halb erstickter Stimme: »Arme Mutter, und ich bin dir untreu, bin Christin geworden!«
Dann sank sie, vom Schmerz erdrückt, zusammen und bedeckte ihr Antlitz wieder mit den Händen.
Armand saß wie erstarrt da, schaute auf das unglückliche, verzweifelte Mädchen und fand im Augenblick kein Wort der Beruhigung oder des Trostes.
So waren mehrere Minuten vergangen und Leonide hatte ihre Hände in ihren Schoß sinken lassen, als Armand ihre linke Hand leise ergriff und sagte: »Aber, beste Leonide!«
»Ach ja, ich weiß, wie töricht ich bin, Mister Armand. Und doch überkommt mich bei dem Gedanken an meine Mutter stets das Gefühl meiner Schuld«, nahm Leonide sich wieder fassend das Wort.
»Aber Sie waren damals ja ein Kind. Sie wurden von Ihrer Mutter im Indianer-Aberglauben erzogen und sie hat Ihnen ein Versprechen abgenommen, welches Sie jetzt nicht mehr als bindend ansehen können. Ihre Bildung hat Sie schließlich von den Irrtümern Ihrer guten Mutter überzeugt«, fuhr Armand beruhigend fort. »Bevor Sie das Bessere, das Wahre kennengelernt haben, musste Ihnen der letzte, von Aberglauben erzeugte Wunsch Ihrer Mutter heilig sein. Jetzt aber, da Sie wissen, dass sie dort ist, wohin wir alle gehen, und dass sie so glücklich ist, wie wir es auch zu werden hoffen, dürfen Sie sich nicht durch solche unbegründeten Bedenken Ihr Leben verbittern.
Der Verstand ist mit solchen Fragen und Bedenken ja immer sehr bald fertig, das Gefühl aber lässt sich nicht gleich durch dessen Lehrsätze beschwichtigen. Es kommt und herrscht, ohne sich um den Verstand zu kümmern. Ich sah in der vergangenen Nacht meine Mutter wieder im Traum vor mir stehen, mit flehender Gebärde und drohend erhobenem Finger, wie sie mir damals erschien, als ich Christin werden wollte. Ich weiß, dass es nur Traumbilder sind, Erzeugnisse meiner gereizten Fantasie, und doch bringen sie immer für längere Zeit ein Gefühl der Angst und Bangigkeit über mich, wogegen ich mich umsonst sträube. Dann kommt es mir vor, als ob mir kein Glück beschert sei, als ob ich kein Glück schaffen könne, als ob ich weder Indianerin noch Weiße sei, zwischen den Menschen allein und verlassen stünde und nicht zu ihnen gehörte.
»Aber, liebste Leonide, wie können Sie sich solchen gespenstischen Gedanken hingeben? Kommen Ihnen nicht alle, die Sie treffen, mit Liebe und Verehrung entgegen? Habe ich nicht im Settlement gehört, dass Sie der Liebling der ganzen Umgebung sind? Ist es möglich, dass jemand dem Zauber Ihrer Persönlichkeit widersteht?«, fiel Armand ihr leidenschaftlich ins Wort und senkte unwillkürlich seine Lippen auf ihre Hand.
Sie zuckte zusammen, zog die Hand aber nicht von ihm weg, schwieg und schlug die Augen nieder.
Armand fuhr noch bewegter fort: »O, sagen Sie es mir, beste Leonide. Komme ich Ihnen denn so fremd vor? Finden Sie in unserer Beziehung keinen Schein von Glück, wo ich doch alle geträumte Seligkeit in Ihnen verwirklicht sehe?«
Dabei hob er wieder ihre Hand an seine Lippen und sah flehend zu ihr auf.
Leonidens Hand bebte in seiner Rechten. Sie fand keine Worte, richtete aber ihre großen Augen auf seine, als wolle sie ihm die Antwort darin ablesen.
»O, sagen Sie es mir, himmlisches, angebetetes Mädchen. Sagen Sie mir, ob Sie mir gut sind. Darf ich auf die Seligkeit hoffen, die mir in Ihnen erschienen ist?«, sagte Armand heftig bewegt mit bebender Stimme und legte seine Hand auf ihre Schulter.
»O, Armand«, flüsterte Leonide, »könnte ich Ihnen Glück schaffen?«
»Ja, ja, Leonide, alles Glück, wie es je einem Sterblichen zuteilwurde«, fuhr Armand noch stürmischer fort. »Ich liebe Sie mit meinem ganzen Sinn und werde Sie lieben, solange mein Herz schlägt. O, seien Sie mein, und die ganze Welt soll unserem Glück keinen Abbruch tun können.«
Leonide schwieg, doch im nächsten Augenblick brannten ihre Lippen an Armands Mund. In einem innigen Kuss ersterbend, sank sie an seine Brust.
Die Nacht war so kühl, so still, das Licht der Ampel so mild, der Duft der Rosen so wonnig, das Funkeln der Sterne so hell und die Liebenden waren so glücklich, als seien sie der Erde entrückt und schwebten in einem Himmel voller Seligkeit.
Da hustete der Kranke im Zimmer, und Leonide fuhr aus ihrem Wonnerausch empor.
»Der Vater!«, sagte sie halb erschrocken, wand sich aus Armands Arm und eilte ihm voran zum Eingang. Dort blieb sie plötzlich stehen, breitete die Arme nach ihm aus und sank mit den Worten »Mein Armand!« nochmals an sein Herz.
Gleich darauf traten sie zusammen an Davis’ Lager. Er war erwacht und hielt Armand mit einem dankbar freundlichen Blick die Hand entgegen.
»Es geht mir besser«, sagte er mit deutlicher Stimme. »Die Schmerzen in meinem Mund haben nachgelassen und ich fühle mich gut.«
Armand untersuchte seinen Puls und fand ihn kräftiger und langsamer.
»Ich will Ihnen die Medizin wiedergeben, Mister Davis. Sie hat Ihnen gut getan«, sagte er zu ihm, schritt zum Tisch und füllte das Glas schnell. Dann ergriff er die Lampe und wandte sich dem Kranken zu.
Da kniete Leonide bei ihrem Vater und hielt ihre Lippen auf seine Hand gesenkt – ein Bild der Liebe und innigsten Ergebung.
Als Armand herantrat, erhob sie sich und sah ihn mit einem Ausdruck an, als wolle sie ihn mit ihrer ganzen Seele umfangen. Ihre großen Augen glänzten wie die hellsten Sterne am dunklen Himmel, auf ihren granatroten Lippen schwebte ein Wort höchster Seligkeit, ihre atlasweiße Haut war mit Carmin überhaucht und unter ihren langen schwarzen Wimpern zitterten Tränen der Freude.
Wie ein Engel des Glücks und des Friedens stand sie da, und Armand vergaß in ihrem Anblick die Medizin, die er trug. Doch Leonide nahm ihm mit einem herzinnigen, wonnigen Lächeln die Lampe aus der Hand und sagte, während sie sich zu dem Kranken neigte, der die Augen wieder geschlossen hatte: »Lieber Vater, willst du jetzt die Medizin nehmen?« Davis schaute zu den beiden auf, ermunterte sich und sagte: »Ach, bester Mister Armand, Sie sind so freundlich. Es ist gewiss schon recht spät.« Armand reichte ihm schnell die Arznei, ließ ihn das Mundwasser gebrauchen und schob ihm die Büffelhaut unter dem Kopf zurecht. Dann sagte er mit glücklich bewegter Stimme: »So, lieber Mister Davis, nun ruhen Sie sich abermals. Es geht Ihnen Gott sei Dank recht gut.«
Zugleich sank Leonide neben ihrem Vater auf die Knie, nahm dessen Hand in ihre und bedeckte sie mit Küssen. Dann sah sie zu Armand hin. Er hatte das Glas und die Lampe auf den Tisch am Fenster gestellt und betrachtete sie nun mit allen guten und edlen Gefühlen seines Herzens. Leonide erbebte unter der Gewalt ihres unverhofften, nie gekannten Glücks. Sie streckte ihre gefalteten Hände nach Armand aus. Ein Wort überwältigender Seligkeit erstarb auf ihren Lippen. Mit seelenvoller Hingebung schmiegte sie sich im nächsten Augenblick in seinen Arm.
»O, Armand, wie soll ich es fassen, wie soll ich es tragen, dieses Glück, von dem meine Seele nie träumte? Ist es denn Wahrheit, ist es Wirklichkeit, dass es mir beschieden ward, mir, die ich mich einsam und verlassen fühlte und nie wagte, auf Glück zu hoffen?«, sprach sie mit leiser, bebender Stimme, während sie von Armand umschlungen aus der Tür zur Veranda zurückging. Dort warf sich Armand vor ihr nieder, presste seine Lippen auf ihre Hand und sagte, in die Zaubermacht ihrer Augen aufschauend: »Und wo finde ich Worte des Dankes für deine Liebe, Leonide? Du bist mir vom Himmel zugeführter Engel. Wo finde ich Ausdruck für das namenlose Glück, das du mir, dem mit der Welt Zerfallenen, gibst? O, zu deinen Füßen möchte ich ewig knien und dich um Erhaltung deiner Liebe anflehen.«
»Nein, nein, mein Armand, an meinem Herzen soll dir alles, alles Glück, jeder Schein von Glück zuteil werden, den deine Leonide dir zu schaffen vermag. Mein letzter Gedanke, mein letzter Atemzug sei dein eigen«, fiel sie, von den Wogen ihres stürmisch schlagenden Herzens hingerissen, ihm ins Wort und sank liebebebend an seine Brust. Während sich ihr wunderbar schöner Körper elastisch und geschmeidig in seinen Armen wand, umschlang ihre edle Seele mit der hochfliegenden Begeisterung der ersten Liebe seine und trug sie auf den Fittichen höchster Seligkeit in das Zauberreich eines irdischen Himmels.
Innig am Herzen gehalten, als wollten sie sich niemals wieder trennen, saßen die Glücklichen, von der lauen Nachtluft umhaucht, unter dem Gewinde der duftigen Rosen. Sie wiegten sich in ihren Glücksträumen und fühlten den Zauber der Tropennacht, deren Schleier sie umhüllte. Sie sahen jedoch nicht, wie die traute Freundin Abschied von ihnen nahm und der Himmel sich im Osten rötete. Sie hörten auch nicht, wie die Vögel sich in der zitternden Dämmerung den ersten Morgengruß zuflöteten.
Da weckte der Liebling Leonides, die Hirschkuh, sie aus ihrer seligen Versunkenheit und drängte ihren Kopf zwischen sie, als wolle sie daran mahnen, dass der Tag sich nahte.
»Meine Zephyrine!«, sagte Leonide überrascht zu dem schönen Tier und strich mit ihrer Hand liebkosend über dessen glänzend glattes Haar. »Bist du schon auf? Es ist doch noch lange nicht Tag.«
»O könnte ich ihn doch verscheuchen und die Nacht, die süße, traute Nacht, zurückrufen, meine Leonide, diese Nacht, die glücklichste meines Lebens!«, sprach Armand und berührte mit seiner brennenden Lippe die Wange des Mädchens, auf der sich das Morgenrot zu spiegeln schien.
»Die einzige glückliche Nacht meines Lebens, mein Armand!«, entgegnete Leonide mit allem Zauber ihrer Stimme, umschlang ihn wieder mit ihrem Arm und reichte ihm ihren frischen Mund zum Kuss.
»Sie soll der Anfang unseres dauernden Glücks sein. Lass uns auch den nahenden Tag durch unsere Liebe heiligen, meine Leonide, meine Seligkeit!«, meinte Armand, die Geliebte an sein Herz pressend. Dann, sich umschauend, fuhr er fort: »Es wird hell, süßes, himmlisches Mädchen. Bald wird deine Mutter erwachen. Sollen wir ihr unser Glück anvertrauen?«
»Ja, ja, mein Armand. Ihr erster Blick soll es sehen, mein erstes Wort soll es ihr zujauchzen. O, ich möchte es jubelnd durch Wald und Flur rufen, dass es kein seligeres Herz auf Erden gibt als das deiner Leonide«, antwortete diese, während sie sich Arm in Arm mit Armand erhob. Da rauschte es im Eingang, und Madame Davis trat unter die Veranda.
Überrascht sah sie einen Augenblick nach dem liebenden Paar hin. Doch Leonide gab ihr keine Zeit zum Bewundern. Mit einem Ausruf überwältigter Gefühle warf sie sich ihr an die Brust und verkündete ihr unter Freudentränen ihr hohes Glück.
Auch Armand war zu ihnen getreten und fügte Leonidens Bitte um ihren Segen auch seine eigene hinzu.
Madam Davis konnte sich lange Zeit nicht von ihrem Erstaunen befreien. Es war jedoch ein freudiges und wohltuendes Erstaunen, und mit herzlicher Innigkeit beteiligte sie sich an dem frohen Ereignis, das ihre geliebte Leonide betroffen hatte. Sie war eine noch junge, liebliche, fein gebildete Frau von sanftem, freundlichem Wesen und hatte sich seit ihrer Verheiratung mit Leonides Vater der Tochter wie eine eigene Mutter angenommen. Ihre Liebe zu dem reizenden Mädchen hatte sich dadurch gesteigert, dass sie selbst nicht mit Kindern gesegnet war, und in gleichem Maße war Leonides Herz in Dankbarkeit und Liebe ihr eigen geworden.
Mister Davis sollte augenblicklich noch nicht von der Begebenheit in Kenntnis gesetzt werden, da die, wenn auch zu erwarten stehende, freudige Aufregung bei seinem noch fieberhaften Zustand nachteilig auf ihn wirken könnte.
Die Liebenden überließen sich nun ganz ihrem Glück. Es gab nichts, das ihnen hätte störend in den Weg treten können, denn sie waren ja fern von den Menschen und die Natur ist die treuste Freundin der Liebe.
Der Tag verstrich, und sein letzter Abschiedsblick traf Leonide an der Seite ihres Armands, die beide von derselben Seligkeit wiegt, wie er die beiden mit seinem ersten Gruß am Morgen überrascht hatte. Sie saßen unter dem dichten, ewig grünen Laubdach einer mit weißen, duftigen Riesenblüten übersäten, himmelhohen Magnolie am steilen Ufer über dem rauschenden Bach und schauten der in ihr goldenes Bett sinkenden Sonne nach, die den ersten Tag ihres Glücks so freundlich und heiter beschienen hatte.
Mit noch viel wärmeren, dankbareren Herzen begrüßten sie die bald über die Erde ziehende Nacht mit ihren funkelnden Sternen, die sich blitzend in den Wellen zu ihren Füßen spiegelten. Denn die Nacht war die traute Zeugin der ersten Worte ihrer Liebe gewesen.
Schon frühzeitig trennten sie sich jedoch mit der Vereinbarung, sich am folgenden Morgen wiederzusehen, da Madam Davis darauf bestand, dass sie beide der Ruhe pflegen sollten, während sie selbst bei ihrem Gatten wachen wollte.
Am nächsten Tag ging es Davis so viel besser, dass er mit Armands Unterstützung hinaus unter die Veranda gehen konnte, wo auch sein Lager aus Decken und Büffelhäuten aufgestellt wurde. Es war eine Eigenart von ihm, dass er, wenn er sich unwohl fühlte, sich nie in ein Bett begab, sondern stets ein solches Lager auf dem Fußboden vorzog.
Heute aber erklärte er, nachdem er sein knapp bemessenes Mittagsmahl verzehrt hatte, dass er die folgende Nacht wieder sein Schlafgemach beziehen wolle.
Das Fieber hatte ihn vollständig verlassen, doch seine Kräfte waren sehr geschwunden und sein Mund war noch nicht verheilt.
Länger konnte Leonide ihr beseligendes Geheimnis nicht mehr vor ihrem Vater bewahren. Arm in Arm mit dem Geliebten ihres Herzens trat sie zu ihm und offenbarte ihm, was sie ihm aus Liebe verschwiegen hatten.
Davis war sehr überrascht, doch auch er gab dem liebenden Paar aus tiefstem Herzen seinen Segen.
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