Der Wolfdämon – 3. Kapitel
Albert W. Aiken
Der Wolfdämon
Oder: Die Königin von Kanawha
3. Kapitel
Ein Schuss zur rechten Zeit
Aus einem der größten Häuser der kleinen Grenzsiedlung Point Pleasant trat an diesem sonnigen Tag ein junges Mädchen. Virginia Treveling war etwa sechzehn Jahre alt und so reizend wie die Wildblumen, die in den felsigen Schluchten des Kanawha-Flusses blühten. Mit ihrem dunklen, welligen Haar, dem olivfarbenen Teint und ihrem leichten, graziösen Schritt war sie die unbestrittene Schönheit der Siedlung. Als Tochter von General Lemuel Treveling, dem wohlhabendsten Mann der Gegend, wurde sie von vielen bewundert, doch ihr Herz war noch frei – sie war ein Kind der Grenze, das sich mehr für die Arbeit ihrer eigenen Hände interessierte als für Modetorheiten.
An diesem Vormittag zog Virginia mit einem kleinen Blecheimer los, um in den felsigen Hängen hinter der Siedlung Brombeeren zu pflücken. Da die Indianer sich auf der anderen Seite des Ohio aufhielten und seit geraumer Zeit Frieden herrschte, fühlte sie sich sicher.
Während sie tief in einem Dickicht nach den dunkelvioletten Früchten suchte, drang plötzlich ein dumpfes Geräusch durch die Stille des Waldes: das Hufschlagen eines Pferdes. Ein Reisender näherte sich. Es war Harvey Winthrop, ein junger Mann in schlichter blauer Kleidung, dessen aufrichtiger Blick und entschlossener Mund von Stärke zeugten. Harvey war ein ehemaliger Student aus Boston, den das Schicksal nach dem Tod seines Vaters in den Westen geführt hatte, um dort sein Glück zu suchen. Als er sich in den Steigbügeln aufrichtete, um die Umgebung zu sondieren, zerriss ein gellender Schrei die Luft – der Schrei eines Mädchens in Todesangst.
Ohne zu zögern, sprang Harvey aus dem Sattel, riss sein Gewehr an sich und stürmte in die Schlucht, aus der der Ruf kam. Was er dort sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren: Virginia rannte um ihr Leben, dicht verfolgt von einem riesigen Schwarzbären. Sie war beim Beerenpflücken direkt in den Pfad der Bestie geraten.
»Laufen Sie weiter!«, rief Harvey ihr zu, während er sich dem Bären entgegenstellte. »Ich halte ihn auf!« »Er wird Sie töten!«, schrie Virginia entsetzt. »Dann retten Sie wenigstens Ihr Leben!«, entgegnete der junge Mann kühl. Doch Virginia dachte nicht an Flucht. »Ich gehe nicht!«, rief sie. »Geben Sie mir Pulver und eine Kugel. Wenn Sie ihn verfehlen, lade ich nach!«
Bewundert blickte Harvey auf die mutige junge Frau, doch die Zeit drängte. Der Bär kam brüllend näher. Harvey feuerte, doch die Kugel streifte nur den Knochen des Schädels, als wäre sie ein Kinderspielzeug. Der Bär schüttelte den Kopf, stieß ein wütendes Knurren aus und ging zum Angriff über. Winthrop reichte Virginia das Gewehr, zog sein Jagdmesser und bereitete sich auf den verzweifelten Nahkampf vor. Der Bär bäumte sich auf, sein Maul weit aufgerissen – Winthrop sah bereits den sicheren Tod vor Augen.
In diesem Moment peitschte ein einzelner, scharfer Schuss durch die Luft. Harvey spürte das Zischen einer Kugel, die haarscharf an seinem Ohr vorbeiflog. Mit einem erstickten Gurgeln sackte der Bär in sich zusammen. Die Kugel hatte das Herz des Tieres durchbohrt.
Fassungslos starrte Winthrop auf den toten Riesen. Es war ein Schuss wie von Geisterhand, auf nur wenige Zentimeter an ihm vorbei. Er und das Mädchen waren in letzter Sekunde gerettet worden. Er blickte sich suchend um, wer der Schütze sein mochte, und traute seinen Augen kaum: Aus dem Dickicht am Rande der Felsen trat keine schroffe Gestalt, sondern ein junges Mädchen – eine wahre Königin der Wildnis, das Gewehr fest in der Hand.
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