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Haustiersitter

Haustiersitter

Es war ein Tag im Hochsommer, der schon am Morgen versprach, oder eher damit drohte, brütend heiß zu werden.

Jack war in seinem Garten, der hinter einer schützenden Mauer an sein kleines Haus grenzte. Der Geruch von nasser, frisch bearbeiteter Erde lag in der Luft. Er hatte schon in aller Frühe etwas Gemüse und Obst geerntet, die übrigen Pflanzen, die noch ein paar Tage reifen mussten, gewässert und war nun innig damit beschäftigt, das umtriebige Unkraut zu zupfen, das sich zwischen seinen Pflanzen ein Heim geschaffen hatte.

Ein Platz wie dieser war durchaus alles andere als gewöhnlich in der Stadt Urban, die von Menschen überquoll, die sich Tag für Tag aus ihren düsteren, beengten Wohnungen nach draußen retteten, um die Straßen mit geschäftigem Treiben zu überfluten.

Jack entspannte sich gerne in dieser Oase der Ruhe und schüttelte alle Sorgen des Alltags ab. Die Arbeit, das Ernten, Wässern und das Jäten, hatte immer etwas Meditatives. Normalerweise war es so.

Doch heute konnte er seine Gedanken nicht von einer unausweichlichen Wahrheit lösen, die sein Leben überschattete.

Er war pleite.

Dank der Erträge seines Gartens würde er diesen Monat zwar nicht verhungern, aber was dann?

Es gab im Moment keine Arbeit für ungelernte Tagelöhner wie ihn. Zumindest nicht in den Werkstätten und Betrieben der Unteren Stadt. Dort lebte er.

Sicher, die Kunsthandwerker, Schneider und Goldschmiede der Mittleren Stadt suchten fast immer neue Aushilfen und wenn auch nur als Laufburschen.

Aber die Wachen ließen es sich einiges kosten, wenn man von den armen unteren Vierteln in die Mittlere Stadt gelangen wollte.

Er brauchte also einen Job in der Mittleren Stadt – an die Obere Stadt dachte er gar nicht erst –, um das Geld zu verdienen, um die Wachen zu bestechen, um in die Mittlere Stadt zu gelangen. Jack seufzte. Der Teufelskreis war geschlossen.

»Störe ich bei der Morgenandacht?«

Jack zuckte zusammen, obwohl er die melodische Stimme fast auf Anhieb erkannte, und sein Verdacht bestätigt wurde, als er sich umdrehte.

»Meister Barbaras«, stammelte Jack, als hätte man ihn gerade aus dem Tiefschlaf gerissen.

Barbaras lachte.

»Du schaust ja, als würdest du einen Geist sehen, Jack. Ich weiß, ich komme dich nur äußerst selten besuchen, aber trotzdem hatte ich gehofft, du hättest dich inzwischen an meine Auftritte gewöhnt«, stellte Barbaras mit gespielter Resignation fest.

Jack stand auf, streifte den Dreck von den Händen und senkte seinen Kopf. Barbaras war etwa so alt wie Jack, vielleicht sogar jünger, aber er war Aristokrat und obendrein noch ein Magier – was die Feststellung »Aristokrat« eigentlich hinfällig machte, denn nur Aristokraten durften Magier werden –, und dieser Umstand forderte von Jack ein Maß an Respekt, welches sich der Mann durch Taten nie verdient hatte.

»Was führt Euch aus der Oberen Stadt in mein bescheidenes Heim?«, fragte Jack mit gesenktem Blick.

»Bescheiden fürwahr«, sagte Barbaras und strich wie nach Staub suchend den Rahmen der Tür entlang, die in den Garten führte. »Sieh mich ruhig an. Ich hasse zu viele Förmlichkeiten. Also, was führt mich wohl hierher? Der ehrenwerte Xoldas hält heute ein Fest ab, das führt mich hierher.«

»Und Ihr seid gekommen, damit ich in ein Ballkleid steige, um Euch zu begleiten?«, fragte Jack, obwohl es ihm schon dämmerte, worauf der Besuch tatsächlich hinauslief.

»Ha! Gar keine schlechte Idee. Obwohl ich glaube, mir stünde das Kleid besser als dir!«

Jack konnte den Gedanken nicht abschütteln, den Magier, der prüfend seine Figur nachzeichnete, tatsächlich bald in einem Ballkleid zu sehen.

»Du weißt doch, wie Xoldas so ist«, fuhr Barbaras fort. »Er kann Haustiere einfach nicht ausstehen. Seit er damals fast von seinem Wolfsmenschen gefressen wurde.«

Jack schmunzelte. Natürlich erinnerte er sich daran. Er war ja selbst nicht unerheblich an diesem »Zwischenfall« beteiligt gewesen. Xoldas, der alte Bock, hatte nur bekommen, was er verdient hatte.

»Seitdem sind in seinem Haus Haustiere streng verboten, selbst auf seinen Festen.«

»Dann soll ich mich noch einmal um Funkenflug, Euren Phönix kümmern? Bitte Meister, meine Augenbrauen sind gerade erst wieder nachgewachsen!«, jammerte Jack. Er hoffte, damit ein etwas höheres Honorar herauszuschinden.

Sein Gejammer war allerdings nicht ganz gelogen. Jedes Mal, wenn er sich über den kahl geschorenen Kopf strich, trauerte er innerlich um die zahlreichen Stellen, die seit damals nie wieder nachgewachsen waren.

»Aber nein«, gestikulierte Barbaras beschwichtigend. »Funkenflug habe ich schon längst nicht mehr. Nachdem er sich selbst zu Asche verbrannt hatte, habe ich ihn nicht mehr wieder gefunden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich ein Phönix selbst verbrennt, nur nachdem sich seine Asche in alle Winde zerstreut hat, weiß man nie, wo er wieder zum Leben erwacht. Ich habe vor Kurzem ein neues Schätzchen für mich gefunden.«

Barbaras‘ Augen strahlten, als er das Ende einer Leine aus dem Ärmel seiner Robe zog.

Jack aber erstarrte, als sich die Leine bis weit über den Kopf des Magiers hinaus spannte. Mit offenem Mund starrte er den Giganten an, der hinter dem Magier aus dünner Luft Form angenommen hatte.

Alle Magier waren exzentrisch. Ja, es war bestimmt, neben einer adligen Abstammung, sogar Bedingung dafür, Magier zu werden. Und Barbaras, das verriet schon seine grellbunte Robe und der klischeehafte, kegelförmige Hut mit glitzernden Sternen darauf, war ganz bestimmt der exzentrischste unter den exzentrischen Magiern. Aber dies überstieg jedes Maß an Exzentrik und durchbrach mühelos die Grenze zum Wahnsinn.

»Er ist wunderschön, nicht wahr?«, jubilierte Barbaras. »Das ist Gor, mein kleines Schätzchen.«

Wunderschön? Kleines Schätzchen? Gor war ein fast drei Meter großer, aufgequollener und zu allem Überfluss auch noch zweiköpfiger Oger!

Niemals!, dachte Jack. Lieber hüte ich einen ausgewachsenen, Feuer speienden Drachen. Die Chancen standen gar nicht schlecht, dass er das eines Tages würde tun müssen. So ein Drache hat wenigstens ein Fünkchen Verstand in seinem Kopf und denkt nicht immer nur ans Fressen – am liebsten von Menschen.

»Ich bitte dich, Jack«, säuselte Barbaras, der Jacks Zögern fühlte, und wedelte verführerisch mit seinem prall gefüllten Geldbeutel. »Ich bin wirklich verzweifelt. Die Feier beginnt in wenigen Stunden und alle anderen Haustiersitter sind schon ausgebucht deswegen. Es wird auch nicht lange dauern. Heute Abend, aber spätestens heute Nacht bin ich wieder da und hole ihn ab.«

Nein!, brüllte Jacks innere Stimme.

»In Ordnung, ich mach’s«, sagte sein Mund.

Idiot!, konterte seine innere Stimme, während Barbaras freudig in die Hände klatschte.

»Danke, danke, Jack! Gor wird dir bestimmt auch keinen Ärger machen. Seit ich ihn auf einem Markt in Norden gekauft habe, hat er nie Probleme gemacht. Er ist auch ganz harmlos, solange …«

Jack hörte nicht mehr hin – was er noch bereuen sollte. Eine weitere Sache, die man über Magier wissen muss, ist, sie hören sich gerne reden. Sie halten stundenlange Monologe und suhlen sich in ihrem Stolz auf die gerade geschaffenen Satzkonstruktionen.

Jacks Gedanken kreisten gerade nur um zwei Fragen:

Wie konnte es soweit kommen? Und was mache ich mit dem Geld?

Zum Ersteren kamen er und seine innere Stimme überein, dass Not nicht nur erfinderisch macht, sondern auch ausgesprochen kompromissbereit.

Der Oger wirkte aber wirklich nicht so gefährlich, wie im ersten Moment befürchtet. Er stand fast reglos, regelrecht schüchtern da und nestelte an seinem Lendenschurz herum. Einer der Köpfe, der rechte, hing schlaff herunter. Um dessen Hals war das Halsband geschnürt. Der Linke wagte es kaum, Jack anzuschauen, und wenn er es tat, grinste er ihn nur etwas dümmlich an. Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass bei zweiköpfigen Ogern alle Intelligenz in einem Kopf steckt, rief sich Jack in Erinnerung. Vermutlich nur ein sehr dummes, zurückgebliebenes Exemplar. Leicht verdientes Geld also!

Während Barbaras, der Jacks gieriges Kopfnicken als Aufforderung deutete, seinen Monolog fortzusetzen, weiter über sein »Schätzchen« plauderte, dachte Jack darüber nach, was er mit dem Geld alles anstellen könnte.

Wenn er auch nur einen Bruchteil des Geldes aus Barbaras’ Beutel als Lohn erhielte …

Er könnte endlich mal wieder Fleisch essen! Richtiges Fleisch! Frisch und nicht bloß aus Abfällen zusammengeklaubt.

Er könnte das Dach richten lassen, noch bevor der Herbst mit seinen Stürmen und Wolkenbrüchen kam.

Sein Geschirr hatte auch schon bessere Zeiten gesehen. Ein Topf war sogar schon durchgerostet und damit unbrauchbar.

Er brauchte auch neue Gartengeräte, zumindest Schaufel und Hacke.

Und selbst wenn er das alles bezahlt hatte, blieb wohlmöglich noch genug übrig, um den ganzen Winter durchheizen zu können!

Jack sah schon, wie sich die Tür ins Schlaraffenland für ihn öffnete.

»Ähem«, räusperte sich Barbaras, der langsam Jacks fehlender Aufmerksamkeit gewahr wurde.

Jack richtete seinen Blick wieder auf den Magier und machte eine entschuldigende Geste. Barbaras antwortete mit einem enttäuschten Seufzer.

»Nun, meine Zeit ist auch nicht unbegrenzt. Obwohl ich noch stundenlang hätte weitererzählen können«, daran hatte Jack keinen Zweifel, »muss ich mich nun auf den Weg machen. Es dauert eine Ewigkeit, sich anständig auf solch ein bedeutendes Fest vorzubereiten. Ich denke, wir verstehen uns, was Gor angeht?«

»Ausreichend Futter und ein bisschen spielen, mehr braucht Gor nicht, um glücklich zu sein«, resümierte Jack. Dafür brauchte er nun wirklich keine stundenlange Einweisung.

»Dann kann ich dir mein Schätzchen ja unbesorgt anvertrauen«, sagte Barbaras. In seiner Stimme lag allerdings mehr Sarkasmus als Zuversicht. Trotzdem zögerte er nicht lange, bis er verschwand. Und er verschwand buchstäblich. Mit einem Lächeln und einem Abschiedskuss für sein Schätzchen löste sich sein Körper in Staub auf und schwebte, von einem unnatürlichen Wind getragen, davon.

»So«, setzte Jack an und wandte sich dem Giganten zu, der noch immer der davoneilenden Wolke nachschaute, die kurz zuvor noch sein Herr gewesen war. »Was mache ich nun mit dir?«

Gor legte den Kopf auf die Seite und sah Jack fragend an.

Jack konnte nicht erkennen, ob der Oger selbst keine Antwort wusste, oder ob er die Frage erst gar nicht verstanden hatte.

Jack kratzte sich am Hinterkopf. Noch nicht einmal die Gartenarbeit war fertig, und nun musste er noch einen Oger bespaßen.

»Warum eigentlich nicht? Du könntest mir doch etwas zur Hand gehen.«

Wieder sah Gor Jack mit diesem zweideutigen Blick an.

»Komm mit.« Jack zog kurz an der Leine und Gor kam folgsam hinterher getrottet.

»Ein Spiel!«, sagte Jack und zeigte auf seine Hand.

Gor folgte seinen Bewegungen, als Jack vorsichtig ein Büschel Unkraut zwischen den Kohlpflanzen herauszog und es in einen Eimer fallen ließ. »Ein Spiel«, wiederholte Jack.

Gor nickte, als habe er verstanden.

»Dann mal los«, gab Jack das Startsignal.

Gor klatschte freudig in die Hände und stürmte wild drauf los. Schon mit den ersten Schritten seiner elefantenähnlichen Stampfer zertrampelte er mehrere Pflanzen. Dann wühlte sich der Oger durch das Beet und rupfte Unkraut wie Kohl gleichermaßen aus.

»Nein, nein, nein!«, brüllte Jack.

Gor zuckte zusammen und gab ein tiefes Grummeln von sich. Seltsamerweise klang es weniger bedrohlich, sondern wie ein etwas entstelltes Schluchzen eines gescholtenen Kindes. Tatsächlich sanden Gor Tränen in den Augen, als er die zerpflückten Pflanzen entschuldigend vor Jacks Füße legte.

»Nicht so stürmisch«, sagte Jack so sanftmütig es ihm möglich war und tätschelte Gors Kopf. Jack wagte einen zweiten Versuch. Dieses Mal führte er die massige Hand des Ogers, mit der er problemlos einen Menschen hätte packen können, langsam an das Beet heran und ließ den Koloss mit zwei Fingern eine Unkrautpflanze greifen. Nach einem kurzen Ruck war sie aus der Erde gezogen.

»Siehst du, ganz vorsichtig«, sagte Jack.

Gor grinste zufrieden, als er die Pflanze in den Eimer fallen ließ.

Jack glaubte, aus dem gegurgelten Kichern das Wort »Spiel« herauszuhören, als Gor sich daran machte, alleine das Unkraut zu zupfen.

Es war schon seltsam, den gigantischen Oger zu sehen, wie er sich über die Gemüsebeete beugte, um geradezu filigran das Unkraut zwischen den Gemüsepflanzen herauszupicken.

Einmal aber wurde Gor von seiner Arbeit abgelenkt. Er entdeckte einen Schmetterling, der zwischen den Pflanzen umherflatterte, und versuchte ihn zu fangen. Natürlich gelang es dem etwas schwerfälligen Geschöpf nicht und Jack musste, um erneute Schäden an seinem Gemüse zu vermeiden, Gor noch einmal zeigen, dass er mit Geduld schneller ans Ziel kam.

Minutenlang wartete der Oger ungeduldig mit ausgestrecktem Finger, bis der Schmetterling endlich darauf landete. Gor kicherte vor Freude, zerdrückte allerdings das zarte Wesen beim erneuten Versuch, es zu fangen.

Die Zeit schritt unerbittlich voran. Der Stand der Sonne und das Grummeln in Gors Bauch zeigten, dass Mittag schon vergangen war.

Jack führte den Oger zu einem Baum, einem alten Apfelbaum, der wohl noch älter war als die Vorbesitzer des Hauses – die genauen Umstände, wie das Haus ins Jacks Besitz gekommen war, bleiben besser unerwähnt –, und der, wie es mit in die Jahre Gekommenen so ist – Bäume wie Menschen –, kaum noch Früchte trug. Der Baum schien Jack stark genug, die Urkräfte des Ogers bändigen zu können. Also band er ihn daran fest.

»Du passt nun mal nicht ins Haus. Es wird auch nicht lange dauern«, beschwichtigte Jack den traurig dreinblickenden Oger. Trotz seiner Größe – selbst sitzend war er noch größer als Jack – konnte man glauben, der Oger sei nur ein kleines Kind. Irgendwie erweckte er in Jack so was wie einen Vaterinstinkt. »Wenn du brav wartest, bekommst du auch eine kleine Belohnung.«

Gor schniefte, nickte aber zustimmend und setzte sich in den Schatten unter dem Baum.

Auch nachdem Jack schon lange im Haus verschwunden war, blieb er still dort sitzen. Erst ein anderer Schmetterling, der durch den Garten flog, weckte seine Aufmerksamkeit. Gor freute sich und streckte erwartungsvoll den Finger aus. Doch der Schmetterling setzte sich nicht darauf, sondern drehte vorher ab und landete auf einer Blume in der Nähe.

Gor rutschte an die Blume heran und bot dem Schmetterling wieder seinen Finger als Landeplatz an. Wieder suchte sich der Schmetterling aber lieber eine Blume. Eine, die noch ein Stück weiter weg war, und wieder rutschte Gor näher an ihn heran.

Dieses Spiel trieben sie noch eine ganze Weile, bis die Leine, die fest um den Baum geschlungen war, bis aufs Äußerste gespannt war. So sehr Gor sich auch streckte und daran zog, er kam nicht näher an den Schmetterling heran. Mit aller Kraft zog und zerrte er an der Leine, doch sie gab einfach nicht nach. Das Halsband aber hatte seinen kräftigen Händen nichts entgegenzusetzen. Es riss, und Gor verlor das Gleichgewicht.

Kopf voran prallte er auf die Mauer, die unter seinem Gewicht zusammenbrach.

 

Jack war gerade dabei, das geerntete Gemüse zu einem Kohleintopf zu verarbeiten – Barbaras würde es ihm wohl verzeihen, wenn er davon absah, einen seiner Nachbarn zu schlachten, um Gor sein Leibgericht, Menschenfleisch, vorzusetzen –, als er das Zusammenbrechen der Mauer hörte.

Etwas verwirrt stand Jack wenige Augenblicke später in seinem Garten und starrte auf das große Loch in seiner Mauer und den fehlenden Oger am Ende der Leine.

Zum Glück grenzt die Mauer nur an eine Seitengasse, dachte Jack, der sich sicher war, Gor wieder einfangen zu können, bevor der freilaufende Oger eine Panik verursachen konnte.

Eine Reihe panischer Schreie und das Geräusch trampelnder Füße machten seine Hoffnungen jedoch jäh zunichte.

Schwer war es nicht, Gor zu finden. Er war ja nicht zu übersehen, und Jack musste bloß in die andere Richtung laufen, als die Menschen, die panisch versuchten, sich in irgendein Haus zu retten.

»Komm her, Gor. Komm zu mir!«, trällerte Jack dem Giganten hinterher, der sich mit großen Schritten durch die Straße schob. Gor ignorierte ihn.

»Komm sofort her, Gor! Sonst kriegst du keine Belohnung«, rief Jack in scharfem Ton.

Der Oger hielt kurz inne, drehte seinen linken Kopf und sah Jack fast verzweifelt an. Seine Bewegungen stockten. Doch er ging langsam und schwerfällig weiter. Für Jack sah es fast so aus, als würde Gor gegen seinen Willen weiter vorangetrieben.

Dann wurden Jacks schlimmste Befürchtungen wahr.

Josephine, die Tochter eines Fleischers aus der Nachbarschaft, lief dem Oger beinahe direkt vor die Füße. Kreischend versuchte sie zu fliehen, doch Gor hatte sie schnell eingeholt und in die Enge getrieben.

Jack verzweifelte. Er musste etwas tun. Er sah sich um. Er suchte irgendetwas, was er als Waffe benutzen konnte. Ein Brett. Das Bruchstück einer Bank, die Gor auf seinem Weg zertrampelt hatte.

Jack nahm den Prügel und rannte Gor hinterher.

»Lass das Mädchen in Ruhe Go … Oger!«, korrigierte sich Jack. Man würde ihn aus dem Viertel jagen, erführe man, dass er die Schuld an dieser Misere trug.

Gor ignorierte ihn und jagte weiter das Mädchen, das sich in einem Pferdeverschlag verschanzt hatte und den gierigen Griffen des Ogers auszuweichen versuchte.

»Nun gut, ich habe dich gewarnt!«

Jack nahm Anlauf, sprang gegen eine Wand und stieß sich so kräftig von ihr ab, wie er nur konnte.

Tut mir leid, Großer, dachte er, als er im hohen Bogen auf dem Rücken des Ogers landete. Er schwang seinen Prügel und landete einen harten Treffer auf einen der Hinterköpfe. Aber er traf nicht hart genug. Zwar splitterte der Prügel und zerbrach, aber Gor ging nicht zu Boden.

Im Gegenteil. Er fuhr herum und sah Jack direkt an. Der linke Kopf sah Jack flehend an. Er hatte Tränen in den Augen und die Unterlippe bebte. Der rechte aber fletschte die Zähne, brüllte laut und sah Jack mit brennender Wut in den Augen an.

Ein einziger Hieb seines kräftigen Armes fegte Jack von den Beinen.

Eine kleine Ewigkeit flog Jack durch die Luft, bevor eine Wand ihn unsanft auffing. Er schlug hart auf, und bevor ihm für einige Minuten schwarz vor Augen wurde, sah er noch den davonstapfenden Gor, der, Josephine in der Hand haltend, durch eine Tür brach und in einem Haus verschwand.

Als Jack wieder zu sich kam, spürte er seinen ganzen Körper, konnte sich aber keinen Fingerzeig weit bewegen. Eine gute Gelegenheit, sich das Geschehen durch den Kopf gehen zu lassen, der im Übrigen auch nicht ganz unbeschadet davongekommen war.

Wie konnte das passieren? Wie konnte Gor, der die ganze Zeit so kindlich, fast unschuldig war, sich auf einmal wie … wie ein gewöhnlicher Oger benehmen? Und dieser Blick! Noch vor … wie vielen Minuten eigentlich … hätte Jack niemals geglaubt, dass ihn Gor jemals mit solch bösen Augen anfunkeln könnte. Augen? Vier Augen! Jack dämmerte etwas. Der Kopf, der bisher schlaff und leblos gewirkt hatte … Dieser Kopf war gerade eben hellwach und sehr wütend gewesen.

Warum war der Kopf auf einmal wach? Jack grübelte nach … Das Halsband! Vorher war das Halsband um den Hals des Kopfes gebunden gewesen. Verdammt! Er hätte Barbaras besser zuhören sollen!

Jack raffte sich auf. Er brauchte das Halsband. Nur so konnte er Gor wieder unter Kontrolle bringen.

Es brauchte einige Meter, aber langsam kehrte die Kraft in seine Beine zurück. So schnell er konnte, schleppte sich Jack nach Hause zurück und suchte das zerrissene Halsband.

Als er es fand, war da aber nichts. Es war nichts Besonderes daran. Ein gewöhnliches Lederband, wie man es jedem Hund anlegt.

Dann musste es die Leine gewesen sein. Und so war es. In die Leine waren überall magische Symbole hineingestickt. Jack dankte allen Göttern.

Jetzt musste er sich beeilen. Er musste Gor finden und wegschaffen, bevor sich ein wütender Mob zusammenbraute und vielleicht auch noch die Wachen beschlossen, dem Tumult auf den Grund zu gehen.

Jack folgte der gut sichtbaren Spur der Verwüstung, die Gor hinterlassen hatte. Sie endete genau dort, wo Jack sich dem Oger zuvor gestellt hatte. Jack war erleichtert. Offenbar hatte Gor seinen Weg der Zerstörung nicht fortgesetzt und sich in dem Haus eingenistet, das er gestürmt hatte.

Etwas schmälerte jedoch seine Erleichterung. Vor dem Loch in der Hauswand kauerten zwei übel aussehende Kerle und ein dritter lag reglos am Boden. Zeugen konnte Jack nicht gebrauchen.

Als Jack näher kam, zeigte sich jedoch, dass die üblen Gesellen gar nicht so übel waren. Sie hockten hinter dem Schutthaufen und zitterten wie verängstigte Kinder. Eine übel riechende Wolke aus Bier- und Uringestank umgab sie.

»Ein … ein Oger«, stammelte der eine, als Jack zu ihnen stieß.

»Ich weiß«, antwortete Jack nüchtern.

»Er hat den armen Joseb, den Schankwirt, auf dem Gewissen. Verdammtes Monster!«, sagte der andere und fuchtelte dabei mit einem langen Dolch in der Luft herum. Für Jack sah es eher danach aus, als habe den Schankwirt bei seiner wilden Flucht ein herunterfallender Stein am Kopf erwischt und ihn ungesund verformt.

»Ihr nehmt euren Kumpel und bringt ihn zur Hexe Mathild am Marktplatz (die Hexe war stadtbekannt, jeder wusste, wo sie genau wohnte). Die steht auf so was.« Jack deutete auf den zermatschten Schädel des Schankwirtes. »Wenn ihr schnell seid und etwas Glück habt, kann sie ihn noch einmal ins Leben zurückrufen. Ich kümmere mich um den Oger.« Die Zwei starrten Jack ungläubig an. Er verzog keine Miene, obwohl sein Herz bis zum Hals pochte. »Das Messer«, forderte Jack mit einer Härte, wie ein Gott, der das Erstgeborene eines Gläubigen als Opfer fordert.

Der Messerträger atmete erleichtert aus. Seine bebenden Hände ließen das Messer mehr fallen, als dass sie es übergaben.

Jack wartete noch, bis die beiden den toten Schankwirt weggeschleppt hatten, bevor er sich langsam und vorsichtig über den Schutthaufen in das Haus schob. Drinnen war es stickig, noch heißer als draußen, wenn das überhaupt möglich war, und ziemlich dunkel. Nur ein paar übrig gebliebene Öllampen, Kerzen und natürlich das Loch dort, wo vorher noch die Eingangstür gewesen war, spendeten Licht. Eine richtig üble Spelunke, dachte Jack, kein Wunder, dass sie mir bisher nie aufgefallen war.

Über umgeworfene Tische, durch die Reste zertrümmerter Stühle und zerschlagener Krüge und durch Lachen von verschüttetem Bier – er hoffte, dass es nur Bier war – tastete sich Jack langsam vor.

Ich kümmere mich um den Oger. Jack verzog sein Gesicht zu einem düsteren Schmunzeln.

Was hatte er sich nur dabei gedacht? Er hatte noch nicht mal einen Plan, wie er Gor überwinden konnte. K.o. schlagen? Das hatte ja vorher schon vortrefflich funktioniert, wie er noch immer dank des pochenden Schmerzes an seinem Steiß spürte. Konnte man einen wütenden Oger denn überhaupt überwinden, wenn man kein Sagenheld war und nicht mehr als ein Messer und eine magische Hundeleine hatte?

Jack schüttelte seinen Pessimismus ab. Oger waren nicht besonders klug. Ihm würde, ihm musste eine List einfallen, mit deren Hilfe er die Leine um den richtigen Hals des richtigen Kopfes schlingen konnte. Nicht zum letzten Mal sollte ihm sein Glück zur Hilfe kommen.

Tief im Inneren, vermutlich waren es nur einige Meter, aber Jack hatte das Gefühl, mindestens einen Kilometer durch die Dunkelheit geirrt zu sein, fand er Gor.

Jack hockte sich hinter einen umgeworfenen Tisch und beobachtete den Oger. Er saß in dem, was wohl einmal die Theke der Kneipe gewesen war. Gor hielt noch immer Josephine in der Hand und streichelte ihren Kopf, wie ein Kind, das seine Puppe streichelt. Jack befürchtete schon, ihr Genick könnte gebrochen sein, doch noch hörte er ihr leises, verzweifeltes Wimmern. Jack stutzte. Etwas war komisch an dieser Szene. Er bezweifelte, dass der wilde Gor das Mädchen wie eine Puppe behandeln würde. Er hätte sie eher gefressen. Jack sah genauer hin und konnte sein Glück kaum fassen. Der rechte Kopf ruhte sanft auf der Brust des Ogers. Nur hin und wieder drang ein Schnarchen aus seinem Maul.

Jack konnte nur spekulieren, aber er vermutete, dass er sich über die Bierfässer hinter der Theke hergemacht hatte und danach sturzbetrunken eingeschlafen war.

Jack wagte es, sein Versteck zu verlassen. Langsam näherte er sich Gor, stets bereit, in ein neues Versteck zu flüchten, sollte sich der rechte Kopf rühren.

Nach ein paar Schritten war Jack nah genug, dass der linke Kopf ihn sehen konnte. Gor grinste, als er ihn sah und grunzte ein tiefes, freudiges »Gor« zur Begrüßung.

»Gor!?«, sagte Jack halb als Frage.

Josephine wirbelte mit dem Kopf herum, als sie eine andere Stimme als die des Ogers hörte. Mit verweinten, flehenden Augen sah sie Jack an und brachte ein keuchendes »Hilfe« hervor.

»Gor! Lass das Mädchen los!« Jack schlug einen harten Ton an und wich sofort einen Schritt zurück. Er fürchtete, zu laut gewesen zu sein. Der rechte Kopf regte sich. Doch er grunzte nur kurz, schnappte nach Luft und sank dann wieder friedlich auf die Brust.

»Lass sie los Gor!«, wiederholte Jack noch etwas schärfer, aber leiser.

Gor schüttelte den Kopf und drückte Josephine fest an sich. Dabei zerquetschte er das Mädchen um ein Haar. Josephine trommelte mit ihren Füßen gegen Gors Bauch und rang keuchend nach Luft.

Verzweifelt suchte Jack nach einem Ausweg. Dann ertastete seine Hand etwas in seiner Hosentasche. Das hatte er ganz vergessen. Er hatte noch Gors Belohnung, die er mitgenommen hatte, als er dem Oger das erste Mal nachgelaufen war. Es war ein kleines Weckglas mit in Honig eingelegten Pfirsichen. Wie durch ein Wunder hatte es den Zusammenprall mit der Mauer überstanden.

»Bitte Gor, lass das Mädchen gehen. Hier, ich tausche sie gegen was Süßes«, bot Jack dem dickköpfigen Oger an.

Gor überlegte lange, bevor er Josephine direkt neben Jack absetzte.

»Danke! Das werde ich dir nie vergessen!«, keuchte Josephine und krallte sich an ihren Retter, als könne er verhindern, dass Gor sie sich zurückholte.

»Ganz ruhig, Kind«, sagte Jack und strich über ihr blondes Haar. »Geh besser. Lauf nach Hause. Ich kümmere mich um den Rest.« Jack ließ das Messer kurz aufblitzen. Josephine sah ihn an, wie wohl Mädchen sonst nur große Helden ansehen, und lief zum Ausgang.

Als er Josephines davoneilende Schritte nicht mehr hören konnte, strich Jack sanft über Gors große Hand. Der Oger wartete die ganze Zeit brav auf seine Belohnung. Jack schüttete den Inhalt des Gläschens in die geöffnete Hand.

Gor grinste zufrieden und klatschte wild vor Freude, nachdem er die Süßigkeit gierig verschlungen hatte.

Jack versuchte Gor zu beschwichtigen. Das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war, dass durch diese überschwängliche Freude der rechte Kopf doch noch aufwachte. Er zog die magische Leine unter seinem Hemd hervor und ging auf Gor zu.

»Ich muss dir das jetzt umbinden«, begann Jack. Gor wich leicht zurück. »Du willst doch auch nicht tun, was er will, oder?« Er, damit meinte Jack natürlich den wilden, rechten Kopf. Gor verstand und ließ ohne Widerstand zu, dass Jack die Leine um den rechten Hals band.

Langsam zog er den Oger hinter sich her und spähte vorsichtig nach draußen. Noch einmal hatte Jack Glück. Offenbar waren die Menschen noch so verstört und verängstigt, dass es niemand riskierte, auch nur einen kurzen Blick aus dem Fenster zu werfen, geschweige denn, sich auf die Straße zu wagen.

Niemals hätte Jack gedacht, dass es so einfach werden würde, den gigantischen Oger ungesehen durch die Straßen in die Sicherheit seines Gartens zu schleusen. Wieder daheim versteckte er Gor, so gut er es konnte, so gut man einen fast drei Meter großen, aufgequollenen, zweiköpfigen, aber trotzdem sehr liebenswerten Oger verstecken kann.

Den Rest des Tages verbrachten sie mit angespanntem Warten. Als die Leute sich wieder auf die Straßen wagten, musste Jack, unfreundlicher als es seine Art war, viele neugierige Besucher abwimmeln, die das Loch in der Mauer inspizierten oder den Mann sehen wollten, von dem man sich erzählte, er habe es mit dem Oger aufgenommen und überlebt.

Jack stieß ein Dankgebet aus, als Barbaras dann sogar früher auftauchte, als er versprochen hatte.

»Was für ein Fest!«, erklang die Stimme des Magiers genauso plötzlich wie am Morgen dieses anstrengenden Tages. Sein Gang war etwas wackelig und seine Wangen vom Weingenuss gerötet. »Davon wird man noch das ganze Jahr sprechen. Er wird es schwer haben, das noch einmal übertreffen zu können.« Barbaras torkelte direkt auf Gor zu, als er ihn sah, und tätschelte seinen Kopf. »Da ist ja mein kleines Schätzchen! Warst du auch ganz brav? Ganz sicher warst du das! Er hat dir doch keinen Ärger gemacht, oder Jack?«

»Aber nein, Meister Barbaras.« Jack hätte wohl alles erzählen können, aber er bezweifelte, dass sich der Magier für die Kleinigkeiten interessierte, die die Untere Stadt erschüttert hatten. »Nur Euer Halsband war von schlechter Qualität. Es ist zerrissen.«

»Ist das so?« Barbaras klang auf einmal wieder sehr nüchtern. »Das habe ich fast befürchtet. Ich hätte ihm von Anfang an ein stabileres Halsband umlegen sollen, vielleicht nehme ich das nächste Mal eines aus Eisen.«

»Das wäre wohl ratsam«, bestätigte Jack.

»Im Nachhinein ist man immer schlauer«, grinste Barbaras. »Aber wie ich sehe, hast du die Situation trotzdem gemeistert. Deinen Lohn hast du dir mehr als verdient.«

Jack erhielt eine fürstliche Belohnung für diesen Tag, mehr als er sich erhofft hatte. Als kleinen Bonus reparierte Barbaras noch das Loch in der Mauer. Eine kurze Handbewegung genügte und die Steine fügten sich ineinander, als sei niemals etwas gewesen. Als Abschiedsgeschenk gab Jack Barbaras noch ein Glas mit eingelegten Pfirsichen. »Die mag Gor besonders gerne«, murmelte er dabei und streichelte den sanftmütigen Riesen ein letztes Mal über die Wange.

 

Zu Jacks großer Erleichterung verflog der Aufruhr um seine Person fast genauso schnell, wie er gekommen war, und so konnte er bald wieder zu seinem unauffälligen Leben zurückkehren. Ein paar angenehmere Nachwirkungen blieben jedoch.

In der Kneipe, die sich neuerdings »Zur Ogerhöhle« nannte, hatte der Schankwirt immer ein Freibier für ihn. (Das zweite musste er natürlich wieder bezahlen.) Die Hexe hatte ihn tatsächlich wieder ins Leben zurückrufen können, auch wenn er ein paar üble Narben im Gesicht zurückbehalten hatte, dort, wo die Magie der Hexe nicht ausgereicht hatte, die Wunden zu schließen. Den Wirt scherte es wenig. Er war nie ein Schönling gewesen und jetzt konnte er jedem, der ihn danach fragte, die Geschichte erzählen, wie er mutig und unter Einsatz seines Lebens seine Kneipe gegen einen wilden Oger verteidigt hatte.

Und auch Josephine hatte immer ein liebliches Lächeln und ein freundliches Wort für Jack übrig, wenn sie einander begegneten. Zu mehr ließ er es aber nicht kommen. Er kannte da eine Frau, die ihn wortwörtlich in der Luft zerrissen hätte, wenn er ihr untreu geworden wäre.

(cz) Christian Ziemann 7. Oktober 2011

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