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Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer Band 1 – Teil 19

Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer
Nach seinen Tagebüchern bearbeitet von Robert Kraft
Band 1
Kapitel 3, Teil 4

Allzeit voran! – das war das Losungswort schon des Knaben gewesen, den eine gütige Natur ver­schwenderisch mit allen Gaben gesegnet hatte, die sie nur einem Menschen verleihen kann, mit Kraft und Geist, mit Gesundheit und Schönheit. Aber sol­che Gaben können auch gefährlich werden.

Paul – dieser Vorname möge genügen – war der späte Sprössling eines hohen Geistlichen, nicht nur eines Pastors, und wenn der alte Vater stolz auf seinen so aufgeweckten Jungen war, so blickte der erfahrene Mann doch auch mit bangen Augen in die Zukunft des sich körperlich und geistig gar zu schnell entwickelnden Knaben, welcher, während seine gleichaltrigen Kameraden verächtlich von den Mädchen sprachen und deswegen nicht mit ihnen spielen wollten, schon ganz toll hinter diesen her war.

Die trüben Ahnungen sollten denn auch in Erfül­lung gehen, sie erfüllten sich ja überhaupt schon täglich, bis die Sorgen des Vaters einen Abschluss für immer fanden. Der zehnjährige Paul hatte wie­der einmal einen Streich gemacht, gerade keinen schlechten, aber doch einen genügend dummen, und er entzog sich der Strafe durch Flucht aus dem väterlichen Hause, um dort niemals wieder gese­hen zu werden.

An Bord eines amerikanischen Seglers auf hoher See tauchte Paul aus einem Fasse wieder auf. Man glaubte dem langaufgeschossenen Jungen, dass er schon 14 Jahre alt sei, man glaubte ihm seine ande­ren Flunkereien, wie er wegen schlechter Behand­lung einem Waisenhause entlaufen wäre usw., und da in Amerika Papiere nicht nötig sind, wurde Paul als Schiffsjunge angenommen. Die weite Welt war immer seine Sehnsucht gewesen.

Gleich bei dieser ersten Reise erhielt er den Spitz­namen, den er für immer behalten sollte.

Paul blieb auch an Bord der unverbesserliche Taugenichts, der nichts weiter als dumme Streiche im Kopfe hatte, dabei stahl er wie ein Rabe, aber nicht für sich, sondern für die Matrosen, welche er aus der Proviantkammer des Kapitäns mit Würs­ten, Schinken, Eiern und Schnaps versah. Das kam oft genug ans Licht der Sonne, aber merkwürdig, der amerikanische Kapitän, sonst ein roher Patron erster Güte, dem es nicht darauf ankam, nach den Beinen der auf der Raa stehenden Matrosen, wenn sie ihm nicht schnell genug arbeiteten, mit der Schrotflinte zu schießen, war in den Jungen ganz vernarrt, ließ ihm alles durchgehen, wobei freilich auch das in Betracht kommen mochte, dass der halbwüchsige Junge in der Seemannschaft der Tüchtigsten einer war.

»So ein Flederwisch!«, schmunzelte der Kapitän dann jedes Mal – und da war der Flederwisch eben fertig gewesen.

Unter featherbroom versteht der Engländer einen kecken, übermütigen, leichtsinnigen Gesellen, und das liegt wohl auch in dem deutschen Worte Flederwisch ausgedrückt.

Aber dieser Name allein genügte noch nicht. Der Junge wollte immer gern kommandieren, und es war wirklich ganz merkwürdig, wie sich selbst die ältesten Matrosen dem zehnjährigen Bengel immer fügten. Zuerst merkte das der Kapitän, und als dieser eines Tages sagte »Wo ist denn der Kapitän Flederwisch?«, da war aus dem zehnjährigen Paul eben schon ein Kapitän gemacht worden.

Er blieb bei der Seefahrt, avancierte rasch. Als er 14 Jahre alt war, also in einem Alter, da sich andere Knaben erst zu einem Berufe entschließen, war er schon weitbefahrener Vollmatrose mit einer Monatsheuer von 30 Dollar. In New York hatte er sich gleich nach der ersten Reise ein Seemannsbuch auf den Namen Paul Flederwisch ausstellen lassen, und bei diesem Namen blieb es, er wurde in gewissen Kreisen sogar weltberühmt.

Der jugendliche Vollmatrose, auf dessen Ober­lippe aber schon ein Bärtchen sprosste, kam im Laufe von drei weiteren Jahren noch weit in der Welt herum, und immer machte er seinem an­genommenen Namen Ehre. Wie er an Land sein verdientes Geld durchbrachte, haben wir bereits vorhin gesehen, denn so hatte er es schon seit frühester Jugend gehalten, der schnöde Mammon musste eben fort, eher hatte er keine Ruhe, und von den tollen Streichen, die er nebenbei beging, werden wir später noch genug zu hören bekom­men. Es gab wenige große Hafenplätze in der Welt, von deren Polizei er nicht schon einmal ins Loch gesperrt worden wäre, nur dass Seeleute vor ande­ren sterblichen Menschen den Vorzug haben, dass sie bei Abgang ihres Schiffes sofort auf freien Fuß gesetzt werden müssen. Natürlich gilt das nur bei Polizeistrafen.

Nun mustern die gewöhnlichen Handelsschiffe die Mannschaft nach jeder Reise ab und neue wieder an, und wer schon einmal mit Kapitän Flederwisch gefahren war, der erzählte dann im Matrosenlogis von diesem Unikum und seinen losen Streichen, und die Seefahrt ist internatio­nal, die Matrosen aller Nationen haben in jedem Hafen der Welt ihre Kneipen, wo sie sich zu finden wissen, und wenn nun irgendwo in der Welt die baumlange, charakteristische Figur in den Straßen auftauchte, so johlte allemal alles »Hallo, Kapitän Flederwisch kommt, jetzt wird’s lustig!, so wie wir es vorhin gesehen haben, die Betreffenden brauchten ihn noch gar nicht persönlich gesehen zu haben, vom Hörensagen kannten sie den tollen Fle­derwisch alle.

In seinem siebzehnten Jahr erinnerte sich Paul, einst eine Heimat besessen zu haben. Er begab sich nach Deutschland, und es gelang ihm gerade noch zur rechten Zeit, alles wieder zu ordnen, ehe er die Heimatsberechtigung verlor. Unterdessen war sein Vater gestorben, und obgleich Paul noch lange nicht mündig war, wusste der geriebene Junge es durch allerhand Manipulationen zu ermöglichen, dass ihm sein beträchtliches Erbteil in bar ausgezahlt wurde.

Mit diesem Geld ging er nach Hamburg, bezog die Steuermannsschule, bestand schon nach drei Monaten sein Examen, obgleich eigentlich dazu ein Jahr fleißigen Studiums gehörte, und dabei brachte er es noch fertig, innerhalb dieser drei Monate sein ganzes Vermögen zu verprassen. Seine Lehrer begriffen nicht, wann dieser so überaus fleißige Mensch noch Zeit fand, einmal in die Kneipe zu gehen, und seine Kneipkumpane wussten nicht, wo dieser Saufbruder noch die Zeit zum Studieren her­nahm. Ja, das ist eben, das Genie, und wenn’s auch ein verlumptes ist!

Paul machte noch eine Reise als Steuermann, mel­dete sich dann zum Kapitänsexamen, bestand es wiederum glänzend und stellte sich hierauf in der deutschen Marine als Einjährig-Freiwilliger, wozu bekanntlich allein schon das Steuermannspatent berechtigt, von einer anderen Vorbildung wird in der Marine ganz abgesehen.

Offenbar hatte der junge Mann nun vor, seinem ferneren Lebenslauf eine andere Richtung zu geben. Er führte sich tadellos, und was er be­zweckte, wurde klar, als er sich zum Kursus der Offiziers-Aspiranten anmeldete. Er wollte aktiver Offizier werden. Aber sein Gesuch wurde abge­schlagen, obgleich es dem tüchtigen Seemann, der sich in jeder Weise auszeichnete, nicht an Protektion fehlte. Seinem Begehren stand ein unbesiegliches Hindernis entgegen. Nicht, dass er nicht das Reifezeugnis von der Schule aus hatte – dieses Hindernis ist in der Marine durch einen kaiserlichen Erlass schon oft beseitigt worden – sondern sein Wunsch scheiterte an der kleinlichen Bestimmung, dass der Offiziers-Aspirant einen Bürgen stellen muss, welcher ihm während der Zeit seiner Einberufung oder für die ersten Jahre als aktiver Offizier einen gewissen Zuschuss zum standesgemäßen Leben garantiert. Vermögen besaß Paul nicht mehr, einen Bürgen konnte er nicht stel­len, hätte auch nichts geschenkt angenommen, und so wurde aus der ganzen Sache nichts.

Als Kapitän Flederwisch ging er wieder in die Welt hinaus. Aber Offizier wollte er noch immer werden. Er trat in chilenische Marinedienste, und schon nach einem Jahr hatte er es zum Offizier gebracht. Da eine Revolution, ein Präsidenten­wechsel, und wiederum war alles vorbei. Und solch eines Umsturzes aller bestehenden Verhältnisse muss man ja in jeder dieser südamerikanischen Republiken jeden Augenblick gewärtig sein. In europäischen Staaten aber stand Paul zur Offizierskarriere überall das leidige Geld im Wege, ebenso auch in den Vereinigten Staaten. Nur noch einen Staat gab es, wo er sich in der Marine zum Offizier aufschwingen konnte: Holland – nur musste er einen Umweg nehmen.

Er trat in die holländische Fremdenlegion ein, gleich als Leutnant, aber freilich bei der Infanterie, wurde in einem Feldzug gegen die Atschinesen zum Hauptmann befördert, und jetzt trat er als Kapitänleutnant zur Marine über. Da wegen einer Liebesaffäre ein Duell, in dem er seinen Vorgesetz­ten tötete, und wieder war alles aus.

Hatte der noch immer junge Mann eingesehen, dass er als ungehorsamer Sohn einen Fluch auf sich geladen hatte, dem er nicht mehr zu trotzen wagte? Oder gerade im Gegenteil, wollte er dem ihm feind­lich gesinnten Schicksal Hohn sprechen? Wir sehen den ehemaligen Offizier als einfachen Matrosen wieder. Er hätte doch mit Leichtigkeit sofort eine Stellung als Handelskapitän gefunden, oder doch wenigstens wieder als Steuermann, er besaß doch seine Patente, seine Zeugnisse waren glänzend – nein, Flederwisch fuhr wieder als gewöhnlicher Matrose, und dabei blieb er.

Seine ehemaligen Kameraden, mit denen er nun wieder zusammenkam, die fanden den Grund seiner freiwilligen Degradation bald heraus. Der gewöhnliche Matrose verdiente gar zu viel Geld, und mit seiner Anmusterung an Bord eines Schiffes war auch immer ein Geheimnis verknüpft.

Der ausrangierte Offizier hatte Bekanntschaft mit einer professionellen Schmugglerbande gemacht, war einer der ihren geworden, hatte sich ihr mit Leib und Seele verschrieben!

Auf welche Weise solch eine Schmugglerbande zur See, deren es genug gibt, operiert, kann hier nur mit kurzen Worten angedeutet werden.

Gewöhnlich sind es schon ältere Seeleute, am meisten ehemalige Kapitäne und Steuerleute, die wegen irgendeines Vergehens ihr Patent verloren haben, etwas Geld besitzen und von der Seefahrt nicht lassen können oder wollen. Sie rüsten auf eigene, und zwar auf geteilte Kosten ein Schiff aus, nehmen als sogenannte Deckung irgendeine solide Fracht und dann natürlich noch Schmuggelwaren, was das Schiff fassen kann. Nach Amerika werden Spirituosen gebracht, nach England Spirituosen und Tabak, für Frankreich ist die beste Schmug­gelware Tabak und Streichhölzer, Streichhölzer desgleichen für die Türkei, für Nordafrika Salz, für Südamerika Oberhemden, Spitzenwäsche und Waffen, und so hat jedes Land sein Absatzgebiet für eine Ware, auf der ein besonders hoher Zoll steht.

Wie die zu schmuggelnde Fracht an Land ge­bracht wird, das ist ganz verschieden. Folgender Fall ist erst jüngst in Liverpool passiert.

Kommt da ein Dampfer von 4000 Tonnen an, dessen Solidität bekannt ist, er bringt aus Amerika ausschließlich Axtstiele mit, diese werden ausge­laden, da fällt es zwei Arbeitern ein, mit solchen Axtstielen Fechtübungen anzustellen, der eine zerbricht, es fallen aus dem hohlen Inneren lauter Zigarren heraus. Die Untersuchung ergab, dass sämtliche Axtstiele mit Zigarren gefüllt waren, zusammen 1000 Tonnen oder zwei Millionen Pfund Tabak, wodurch, wenn der Coup geglückt wäre, der englischen Regierung sechs Millionen Mark Zoll hinterzogen worden wären, denn auf dem Pfund Tabak ruhen ca. drei Mark Zoll.

So etwas kommt aber in England täglich vor! Wenn nicht mit einem Mal in solch großartigem Maßstab, dann täglich in kleineren Portionen. Wieviel nach England geschmuggelt wird, zeigt folgendes Beispiel: In London befindet sich ein großer Ofen, oder vielmehr ein ganzes Gebäude, als ein einziger Ofen eingerichtet, im Volksmund the Queens pipe genannt, das ist auf Deutsch die Tabakspfeife der Königin, und in diesem werden, damit sie den Markt nicht drücken, sämtliche mit Beschlag belegten Schmuggelwaren verbrannt, und dieser riesige Ofen brennt Tag und Nacht ununter­brochen.

In so kolossaler Weise betrieb die Gesellschaft, welcher Flederwisch angehörte, ihr Handwerk nun nicht, es war auch mit mehr Romantik ver­bunden. Sie näherten sich mit ihrem kleinen Scho­ner heimlich der betreffenden Küste und brachten die verbotene Fracht in finsterer, stürmischer Nacht an Land, wo ihre bestimmten Abnehmer sie schon erwarteten. Falls sie ja schon vorher von einem Zollboot angehalten wurden, mussten sie auch eine Deckfracht an Bord haben. Außer dem Kampf mit Klippen und Elementen bot diese Art des Schmuggelns keine besondere Gefahr. Gesetzt den Fall, sie waren einmal auf frischer Tat erwischt worden, so wurden natürlich Schiff und Ladung konfisziert, aber die Freiheitsstrafe wegen Schmug­gelns ist nur eine sehr geringe, wenigstens für die Matrosen und sonstigen Leute, welche dabei mit geholfen haben, denn diese haben nur dem Kapitän gehorcht. Dieser freilich wird sehr hart bestraft, und vielleicht am härtesten dadurch, dass man ihm das Kapitänspatent entzieht.

Und dies war der Grund, weshalb Flederwisch nur noch als gewöhnlicher Matrose fuhr. Allerdings war er, der mit seiner Erfahrung die Küsten kannte und die Zollbeamten wie kein Zweiter an der Nase herumzuführen wusste, immer die Seele des Gan­zen, er war der eigentliche Kapitän, der Führer, aber anmustern tat er stets nur als gemeiner Matrose. Er hielt noch etwas auf sich, wollte sein Kapitänspa­tent nicht verlieren.

So trieb er es nun schon seit sechs Jahren. Das war bekannt, den Zollbehörden fast sämtlicher Länder war Kapitän Flederwisch als ein professionsmäßiger Schmuggler bekannt, und manch anderer dazu. Aber hinterher kann das Schmuggeln nicht mehr bestraft werden.

Die Regel bleibt bestehen: Das Schmuggeln ist erlaubt, man darf sich dabei nur nicht erwischen lassen!

»Wieviel verdient er denn bei so einem Schmug­geltransport?«, fragte der fremde Matrose.

»Ach Gott, so happig ist das auch nicht. Das kommt auf seinen Einsatz an, den jeder einzahlen muss, das ist eine Aktiengesell­schaft, und dann bekommt Flederwisch noch etwas extra für seine besonderen Dienste. Jetzt ist er mit Tabak in Spanien gewesen, ich weiß es, er war ein Vierteljahr fort, und wenn er da 2000 Dollar ver­dient hat, so ist das schon sehr viel. Ich glaube es gar nicht. Er muss ja jedes Mal das geliehene Geld doppelt und dreifach zurückbezahlen.«

»Was für geliehenes Geld?«

»Na, was er eben beizusteuern hat. Das muss alles auf geteilte Gefahr gehen, dann kann es keinen Verräter geben. Und Kapitän Flederwisch spart sich natürlich nichts. Er zahlt das geborgte Geld mit Zinsen zurück, und was dann noch übrigbleibt, das wird gleich am ersten Tag bis zum letzten Pfennig verhauen. Dann geht er wieder hin und pumpt sich das nötige Kapital.«

»Von wem?«

»Da ist kein Geheimnis dabei, das sagt er selbst. Hartung heißt er, er hat bei Brooklyn eine Mühle. Der leiht ihm immer das Geld, gehört also eigent­lich auch mit zu der Schmugglerkompanie, wenigs­tens als stiller Teilhaber. Wieviel er ihm jedes Mal gibt? Das weiß ich nicht. Tausend, ein paar tausend Dollar. Ein großes Risiko ist vorhanden. Werden die Schmuggler einmal geklappt, dann hat natürlich auch Hartung sein Geld verloren. Aber was macht das? Der hat ja schon im ersten Jahre seinen Einsatz mindestens vierfach wieder heraus­bekommen, und, wie gesagt, Kapitän Flederwisch treibt es nun schon seit sechs Jahren, und Hartung ist gleich von Anfang an sein Bankier gewesen.«

Der fremde Matrose, welcher sich für alles dies so interessierte, fiel in ein tiefes Sinnen.

»Merkwürdig«, meinte er dann kopfschüttelnd, »solch ein Mann, aus guter Familie stammend, das Kapitänspatent in der Tasche, Offizier gewesen – um ein paar Dollar mehr zu verdienen, so ein dunk­les Handwerk zu betreiben, zu schmuggeln!«

»Halt, das sagt nicht!«, fiel aber der andere schnell ein. »Des Verdienstes wegen schmuggelt Kapitän Flederwisch nicht! Denn, ob er mit hundert Dollar wieder an Land kommt oder mit tausend Dollar, das ist ihm ja ganz gleichgültig, es wird doch am ersten Tag bis zum letzten roten Cent totgeschla­gen, gleich in den ersten Stunden. Ihr seht ja selbst, wie er es treibt. Nein, die Lust an verwegenen Abenteuern, die Gefahr, das Spiel um Tod und Leben – das ist es, was ihn immer wieder dazu treibt. Es muss wieder einmal ein großer Seekrieg losgehen, darauf wartet Kapitän Flederwisch auch nur – dann sollst du mal sehen, was der noch aus sich zu machen weiß! Das wird ein Blockadebrecher, wie es noch keinen gegeben hat. Der bringt sein Schiff in jeden Hafen hinein und wieder heraus. Hast du den Nobody gesehen, wie er sich im Atlantic-Garden immer verwandelte?«

Über das Gesicht des fremden Matrosen ging ein unmerkliches Zucken.

»Ja, den habe ich gesehen.«

»Na, was dieser Nobody mit sich selbst macht, dass man ihn im nächsten Augenblick gar nicht wiedererkennt, das macht Kapitän Flederwisch mit dem ganzen Schiff. Er maskiert es. Aber wie! Wir hatten einen alten Schoner von 300 Tonnen, die englischen Zollbeamten hatten Wind von uns bekommen, wir waren signalisiert – ich ging vier Stunden zur Koje – nur vier Stunden! Als ich wie­der an Deck kam, rieb ich mir immer nur die Augen – weiß Gott, ich erkannte unser Schiff selbst nicht wieder! Aus dem kleinen Schoner war mit einem Mal ein großes Vollschiff geworden – freilich alles nur Bretter und Pappe – aber bei Gott, ich weiß heute noch nicht, wie dieser Kerl das fertig ge­bracht hat.«

»So so,« brummte Ernst wieder nachdenklich. »Da warst du also auch einmal dabei?«

Der Matrose blickte sich erst vorsichtig um, ob jemand von den Wirtsleuten im Zimmer sei, ehe er eine Antwort gab.

»Ja,« flüsterte er dann, »vor zwei Jahren. Aber nur eine einzige Fahrt habe ich mitgemacht. Denn ich sage dir: Ich habe die Nase vollbekommen! Wir paschten eine Ladung Portwein an die englische Westküste. Im Januar, dazu noch ein bitterkalter Winter. Na, ich sage dir! Ich bin doch auch nicht von Kuchen, aber … Ich habe einmal mitten im Südwinter Schiffbruch bei Kap Horn gehabt, wir sind vierzehn Tage im offenen Boot gewesen. Alles voll Eiszapfen. Aber Kinderspielerei gegen das, was ich damals in jener Nacht an der englischen Küste durchgemacht habe. Ein furchtbarer Schneesturm, die Brandung voller Eisschollen, und wir mussten die schweren Weinfässer durchseilen. Na, ich sage dir! Guck dir einmal dem Kapitän Flederwisch seine Fäuste an. Vor sechs Jahren hat der noch nicht sol­che Bärentatzen gehabt.«

»Da kommt es wohl auch manchmal mit den Zoll­beamten zum Kugelwechsel?«

»Nein, niemals! Das ist es eben, darauf hält Flederwisch. Der kann als ehrlicher Kerl jederzeit wieder als Steuermann oder Kapitän fahren. Dass er früher geschmuggelt hat, das hat dann nichts zu sagen. Er lässt sich eben dabei nicht erwischen. Aber einen Mord oder so etwas ladet er nicht auf sein Gewissen. Freilich, im Stich lässt der auch niemanden, und da ist schon manches passiert, was noch weniger als das Schmuggeln erlaubt ist. Mir ist es nämlich selber passiert. Eben bei jener Fahrt. Ich wurde von Zollbeamten festgenommen, mit noch einem anderen. Das heißt, der Portwein war schon in Sicherheit. Wir beide wurden noch hinterher gepackt, wir sollten sagen, was das in der Nacht für ein Schiff gewesen, wer der Kapitän usw. Natürlich sagten wir nichts, nannten nicht unsere Namen, und Papiere hatten wir nicht bei uns. Wir kamen ins Gefängnis. In Hamford war es, ein ganz ansehnliches Städtchen. Na, mir war es höllisch zu­mute. Die ließen uns unser ganzes Leben lang nicht wieder heraus, wenn wir nicht erzählten. Aber schon in der nächsten Nacht kam er und öffnete unsere Zellentüren. Wie ein schwarzer Engel. Wie er es so lautlos fertiggebracht hat – ich weiß es nicht. Wachtmeister und Konstabler, alles lag gebunden und geknebelt da. Ja, wenn so etwas in Südame­rika passierte oder in Spanien! Aber in England, mitten in einer Stadt! Wenn man’s erzählt, glauben sie’s einem nicht. So etwas bringt eben nur Kapitän Flederwisch fertig. Ein verwegener Satan!«

Fortsetzung folgt …

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