Lisanne Surborg – Nachtlügen
Sie leben unter uns! Nachtalben – Geschöpfe, deren Lebenselixier die Träume der Normalsterblichen sind. Doch zwischen den spitzohrigen Gesellen aus den Sagen und Legenden und den wahren Nachtalben bestehen fundamentale Unterschiede. Keine Koboldkrallen, die Halt im Rücken unbescholtener Schlafender finden, um ihnen das Grausen zu lehren; ebenso wenig wie feinstoffliche Wesen, die durch Türritzen oder Schlüssellöcher an die Ziele ihrer – Verzeihung – Träume gelangen.
Eigentlich sehen Nachtalben aus wie du und ich. Oder wie die junge Isra, die abends im Varieté kellnert (plumpe Anmachsprüche und Konsorten inklusive), um danach in die Wohnungen und Häuser von ihr ausgesuchter Individuen zu schleichen. Dort entwendet sie ihnen die Träume und tauscht sie gegen Albträume aus, deren Herzstücke aus den schlimmsten Ängsten und übelsten Befürchtungen der Leidtragenden bestehen. Sind die Nachtalben der Gegenwart also doch intrigante Sadisten? Mitnichten. Was für den Fisch das Wasser, ist für den Alb der Traum. Er selbst ist nicht fähig, selbige aus eigener Kraft zu erzeugen, benötigt sie aber, um nicht dem Wahnsinn zu erliegen. Traummanipulation bezeichnet es die weit gefächerte Gesellschaft der Nachtalben – und Isra war einst eine meisterhafte Künstlerin in besagter Disziplin.
Wieso war? Wegen eines fatalen Fehlers, der im Tode eines Träumers endete. Klar, dass Isras Artgenossen sie seitdem auf dem Kieker haben. Eine winzige Verfehlung und … tja, und dann ist der Super-GAU passiert. Schluderig raubt sie einen weiteren Traum, der sich als Klartraum erweist; als Traumkonstrukt eines Schöpfers, der weiß, dass er inmitten eines Traumes wandelt. Gift für Isra, für die Traum- und Echtwelt fusionieren – und das ausgerechnet kurz nachdem sie entdeckte, dass hinter dem toten Träumer womöglich weniger sie, dafür eine andere, fremde Macht steckt!
Vor wenigen Wochen stand Nachtlügen beim Phantastikpreis Seraph verdient in der Endrunde zum besten Buch. Dass Lisanne Surborgs Roman den Jurypreis doch nicht abräumte, ist bedauerlich, aber partiell nachvollziehbar. Wie bitte? Ja, da dürfte eine Erklärung vonnöten sein. Zunächst: Lisanne Surborg ist womöglich das größte Talent der aktuellen Phantastik. Ihre bisherigen Kurzgeschichten, Novellen und Romane überzeugten durch die Bank, ob Zombies oder Space-Western. Dass ein Kai Meyer sie als Co-Autorin für die Imperator-Trilogie auswählte, war ein zusätzlicher Ritterschlag.
Neben der – abermals Verzeihung – traumwandlerischen Sicherheit, mit der sie ihre Geschichten schreibt, haftet ihnen fast immer das Besondere an; eine frische Brise, eine unverbrauchte Perspektive, als lese man etwas bislang nie Dagewesenes. Hand aufs Herz: Euer letzter Roman mit Nachtalben? Erwischt. Ferner hat Lisanne Surborg eine Parallelwelt konzipiert, die bis aufs i-Tüpfelchen stimmig, vertraut und dennoch hochspannend ist; alles mit gehörigem Respekt vor der (Anti-)Heldin und ihren mitunter ungewollten Bekanntschaften und Begleitern. Die Autorin führt Isra an uns so bekannt-alltägliche Orte, die bei Nacht wiederum uneingeschränkt fremd, ja unerforscht wirken.
Was zum negativen Part des Buches führt, wenngleich dies Jammern auf hohem Niveau ist: So einlullend, einladend und becircend der Schreibstil von Anfang an ist, so schlittert insbesondere der Mittelteil durch mal etwas belanglose, mal etwas konfuse Passagen, die den zuvor köstlichen Lesegenuss leicht eintrüben. Nicht aber das Buch als Gesamtwerk und beeindruckende Leistung einer Autorin, die definitiv ihren Vorbildern folgen wird – auch weil sie gegenwärtige Trends der Phantastik bewusst nicht hofiert und bei ihr stets die Geschichte im Mittelpunkt steht. Merzt sie die überschaubaren Startschwierigkeiten aus – und das wird sie, davon bin ich überzeugt –, dann klappt’s auch mit dem Seraph. Und nicht nur mit dem!
Angaben zum Buch
Dark Fantasy, Paperback, Klappbroschur, Klett-Cotta, Stuttgart, 15.03.2025, 464 Seiten, 17,00 EUR, ISBN 9783608966473
(tsch)

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