Der Detektiv – Band 31 – Der Schatz der CHRISTINE – Teil 1
Walter Kabel
Der Detektiv
Band 31
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Der Schatz der CHRISTINE – Teil 1
Im Speisesaal des Raffles-Hotels in Singapur spielte die ungarische Kapelle gerade den Walzer »Wenn die Liebe stirbt«. Harald Harst summte die Melodie leise mit. Dann sagte er ganz unvermittelt zu mir: »Was meinst du zu einem Abstecher hinüber zur Insel Borneo? Es gibt dort die berüchtigten Dayaks, die Kopfjäger und manches andere Interessante. Eine Expedition ins Innere könnte mich reizen.«
Er wollte noch mehr hinzufügen, doch der Kellner brachte gerade den zweiten Gang des Dinners, und Harst machte auf dem Tisch etwas Platz für die Platte mit den gebratenen jungen Hühnchen. Dann sprach er weiter über Borneo.
»Ich möchte mich eben mal ausruhen, mein Alter. Unser letztes Abenteuer ist mir stark auf die Nerven gegangen. Der arme Boorstetten! Er hatte so fest an die Treue seiner Frau geglaubt! Und an alledem ist lediglich diese Eugenie Malcapier schuld, die man jetzt hier hoffentlich bald aufknüpfen wird. Sie verdient es reichlich. Dieses schöne Weib bedeutet, solange sie lebt, eine ständige Bedrohung für die —«
Er schwieg und rief dann leise: »Ah – mein Hühnchen hat tatsächlich eine seltsame Füllung. Schau – ein Glasröhrchen, darin – wirklich – ein zusammengerollter Zettel.«
Er breitete diesen auseinander, überflog die mit Bleistift geschriebenen Zeilen und reichte ihn mir hin. »Nette Überraschung! Adieu, Borneo!«, sagte er dazu. Ich las:
Harald Harst! Auch das Gefängnis in Singapur ist für mich nicht fest genug. Ich bin frei, und ich werde diese Freiheit dazu benutzen, zunächst meine Kasse etwas aufzufüllen, dann aber Sie zu bestrafen! Sie haben mir nicht nur den Bruder, sondern auch den Geliebten getötet. Sie sollen es büßen. In acht Tagen habe ich die jetzige ›Sache‹ erledigt, und es beginnt der Kampf gegen Sie! Hüten Sie sich! Eugenie Malcapier.
»Na?!«, meinte Harst, als ich den Zettel sinken ließ. »Der Inhalt ist reichlich unvorsichtig, nicht wahr?«
»Weil sie dir offen mit Rache droht?«
»Nein. Aus einem anderen Grund. Ich rate dir, auf diese Hühnchen zu verzichten. In dem meinen befand sich das Glasröhrchen, und deines kann auch vergiftet sein. Wer Gelegenheit hat, mir auf diese Weise erneut den Krieg zu erklären, der hätte ebenso leicht Gift in diese Brathühnchen mischen können. Sieh da, Jobster kommt auf uns zu. Er sieht total verstört aus. Die Flucht der schönen Eugenie muss ihm ja auch sehr unangenehm sein. Nun soll er sie als hiesiger Detektivinspektor wieder einfangen.«
Harst stand auf und reichte unserem alten Bekannten die Hand. »Tag, lieber Jobster. Wie hat die Malcapier denn eigentlich entwischen können?«
»Wie – Sie wissen es schon?«
Harst reichte ihm den Zettel.
»Welche Frechheit!«, platzte Jobster heraus. »Das Weib hat den Teufel im Leib!«
»Den Zettel hatte mein Brathühnchen im Leib, und das ist wichtiger. Gehen wir mal in den Vorraum, wo der Speisenaufzug steht. Vielleicht erfahren wir dort etwas, denn nur dort kann die Malcapier das Glasröhrchen mit diesem Briefchen in das Hühnchen getan haben.«
Im sogenannten Anrichteraum hatte Harst nach fünf Minuten durch Befragen des Personals festgestellt, dass ein junger europäischer Koch in weißer Schürze, den niemand bisher kannte, sich vorhin hier herumgedrückt hatte. Harst genügte das. Wir holten aus unseren Zimmern unsere Hüte sowie unser gewöhnliches Handwerkszeug und bestiegen dann Jobsters vor dem Hotel wartendes Dienstauto.
»Polizeilazarett«, befahl der Inspektor dem Chauffeur. Wir fuhren in schnellstem Tempo davon.
»Die Malcapier dürfte vor etwa drei Stunden, also gegen halb sieben, ausgekniffen sein«, begann Harst und zündete sich eine seiner Mirakulum-Zigaretten an.
»Woher wissen Sie denn das schon wieder?«, meinte Jobster. »Es stimmt nämlich ziemlich genau. Um Viertel vor sieben entfloh sie aus dem Polizeilazarett, wo sie wegen hochgradigen Fiebers am Nachmittag, etwa um halb sechs, eingeliefert worden war.«
Harst lachte auf. »Fieber? Na, das wird wohl nur ein künstliches Fieber gewesen sein.«
»Leider! Der Arzt hat sich täuschen lassen.«
»Sie entwich natürlich in der Tracht der Untersuchungsgefangenen. Sie erzählten ja vorgestern, dass man ihr absichtlich ihre Kleider weggenommen hätte, um ihre Flucht zu erschweren. Sie muss sich also zunächst irgendwo andere Kleidungsstücke verschafft haben. Dann aber muss sie, wahrscheinlich in Männerkleidung, mindestens seit Viertel nach acht in unserer Nähe im Speisesaal des Raffles-Hotels gesessen haben. Denn gegen Viertel nach acht stellte ich anhand der Speisekarte für Schraut und mich das Menü zusammen und befahl dem Kellner, um Viertel vor zehn mit dem Servieren zu beginnen. Sie muss gewusst haben, dass wir Hühnchen bestellten, saß also sicher an einem Nachbartisch.«
Jobster schaute zum Fenster hinaus. »Wir sind sofort am Polizeilazarett. Man hat mir das Entweichen der schönen Eugenie auch erst vor einer halben Stunde gemeldet. Ich hatte dienstlich im Hafenviertel zu tun. Wir sollten die Überführung einer sehr wertvollen Ladung an Bord eines Motorschoners überwachen. Anstatt mich nun sofort vom Hafen zurückzuholen, hat der leitende Arzt des Polizeilazaretts meinen jüngeren Kollegen Krellbram mit der Verfolgung betraut. Zu Krellbrams Revier gehört das Lazarett. Aber er ist, ganz unter uns gesagt, ein kompletter Idiot.«
»Donnerwetter, Jobster, so giftig sind Sie auf diesen Kollegen?«, scherzte Harst.
»Mit Recht. Der Mensch ist eitel, ehrgeizig und hat Protektion. Sonst hat er nichts, jedenfalls nichts von Geist oder Verstand. Weiß der Teufel, wo er jetzt steckt.«
Das Auto hielt. Jobster sprang heraus, wir folgten ebenso eilig. Der Chefarzt führte uns in eine winzige Krankenzelle, in der ein Bett, ein Tisch und ein paar andere Bambusmöbel standen. Das Bett war zerwühlt; es war von Eugenie Malcapier benutzt worden. Das große Milchglasfenster hatte außen ein starkes Eisengitter und innen ein festes Drahtgeflecht. Die rechte Scheibe war als Luftfenster eingerichtet. Dort fehlte das Drahtgeflecht. Aber diese viereckige Öffnung war zu eng, um einen erwachsenen Menschen, selbst eine schlanke Frau, hindurchzulassen. Außerdem schien auch das Eisengitter draußen unversehrt zu sein.
Harst kletterte auf das Fensterbrett, griff durch die Luftscheibe hindurch und rüttelte an dem Gitter. Dann hatte er plötzlich ein Stück eines der Eisenstäbe in den Händen. Es war vielleicht vierzig Zentimeter lang. Er reichte es mir, gleich darauf ein zweites Stück. Diese Stücke waren durch keilförmige Schnitte mit einer Stahlsäge so herausgeschnitten, dass sie, wieder eingefügt, nur nach der Seite herauszuschieben waren.
»Das Drahtgeflecht ist nach innen zurückgebogen gewesen«, meldete Harst weiter. »Man hat es dann wieder in die alte Lage gebracht. Die Malcapier vermochte das sehr gut. Dass sie tadellos trainiert und kräftig ist, wissen wir ja. Hier an dem einen Eisenstab hängt auch noch ein Fetzen Stoff des Gefangenenkleides. Die schöne Eugenie ist also auf diesem Weg entkommen.«
Er sprang vom Fensterbrett herab und sah sich in der Zelle um. Auf einem Stuhl neben dem Bett lagen mehrere Zeitungen. Harst blätterte die einzelnen Nummern durch und suchte die Zelle weiter ab.
»Sei so gut und hilf mir, das Bett ein wenig abzurücken«, sagte er dann zu mir. Diese Bitte war nur eine Finte. Er wollte mir lediglich zuraunen, dass ich die Zeitungen unbemerkt an mich nehmen solle. Zum Schein schaute er nun zwischen Bett und Wand, und wir brachten Ersteres wieder an die alte Stelle. Hierauf begann er, auch das Bett sehr genau zu besichtigen, warf die Kissen und die Decken auf die Erde, kippte die Matratze hoch und schob sie so herum, dass sie den Stuhl, auf dem die Zeitungen lagen, verdeckte. Er rief Jobster, der mit den anderen an der Tür stand, zu, diese zu schließen. »Es zieht hier«, meinte er. »Das ist nicht gerade angenehm.«
So verschaffte er mir die Gelegenheit, die Zeitungen unter den Rock zu schieben. Nach einer Weile erklärte Harst dann: »Ich möchte gern ein kleines Experiment machen. Ich bitte darum, das elektrische Licht hier für genau drei Minuten auszuschalten. Der Schalter befindet sich ja wohl im Flur. Die Oberaufseherin könnte dies tun.«
Die starkknochige Person entfernte sich, und die an der Zellendecke angebrachte Birne erlosch. Es war nun völlig dunkel in dem schmalen, länglichen Raum. Nur das Fenster zeichnete sich als graues Viereck ein wenig ab, nachdem die Augen sich an die Finsternis gewöhnt hatten. Ich lehnte an der Wand neben dem Bett. Harst hatte mehr zum Fenster hin gestanden. Ich vernahm ein polterndes Geräusch. Dann nichts mehr. Jetzt war es mir, als ob ein Schatten über das graue Viereck des Fensters hinweghuschte.
Das Licht flammte wieder auf. Harst befand sich nicht mehr in der Zelle.
»Ah – er hat denselben Weg wie die Malcapier genommen«, meinte Inspektor Jobster.
Die Oberaufseherin trat ein. »Es waren genau drei Minuten, Master Harst. Ich habe nach der Uhr gesehen«, sagte sie wichtig. Da bemerkte sie, dass Harst fehlte. Der Chefarzt deutete lächelnd auf die Luftscheibe. Man erkannte, dass das Drahtgeflecht vor der Luftscheibe weit zurückgebogen war.
Jobster schüttelte den Kopf. »Ich hätte nicht gedacht, dass ein Mann dort hindurchkommt. Das Experiment war also sehr lehrreich. Aber weshalb Harst gerade im Dunkeln hinaufklettern wollte, ist mir nicht ganz klar.«
Die letzten Worte galten mir. Ich konnte nur die Achseln zucken. Ich sah auch nicht recht ein, warum das Licht ausgeschaltet werden musste.
In demselben Moment erschien Harst in der Tür. Er blieb jedoch im Flur stehen und meinte: »So, ich wäre hier nun fertig, wir können gehen.«
Der Chefarzt begleitete uns bis zum Auto. Als Harst schon den Fuß auf dem Trittbrett hatte, wandte er sich nochmals an den Arzt, der inzwischen sehr weitschweifig berichtet hatte, wie man Eugenie Malcapiers Flucht schon bald entdeckt hätte.
»Sie haben doch Inspektor Krellbram telefonisch von dem Vorgefallenen verständigt«, sagte Harst beiläufig. »Krellbram hat sich dann wohl sofort die Zelle angesehen?«
»Nein – eben nicht!«, erklärte der Doktor eifrig. »Das war überhaupt eine merkwürdige Geschichte mit diesem Telefongespräch, Master Harst. Ich hatte Krellbram kaum erst zur Hälfte das Nötige mitgeteilt – und er zeigte sich auch außerordentlich interessiert, was seine Zwischenfragen bewiesen, als ich plötzlich gar keine Antwort mehr bekam. Er hatte offenbar aus irgendeinem Grund aufgelegt. Ich rief ihn noch dreimal an, aber ganz umsonst.«
»Hörten Sie vielleicht durch den Apparat von Krellbrams Wohnung her noch ein anderes Geräusch oder sonst etwas?«, fragte Harst ziemlich gleichgültig. »Vielleicht wurde er bei dem Gespräch mit Ihnen gestört.«
»Hm – jetzt besinne ich mich: Er stieß plötzlich einen Ruf aus, der offenbar nicht mir galt. Ja – ich möchte behaupten, es war ein Ausruf freudiger Überraschung. Dann blieb alles still.«
»Danke. Guten Abend.« Harst sprang vollends ins Auto. Jobster hatte dem Chauffeur die Polizeidirektion als Ziel angegeben. Kaum war der Kraftwagen ordentlich in Fahrt, als der Inspektor fragte: »Nun, bester Harst, wie denken Sie über diese Flucht? Was werden wir jetzt tun?«
»Über diese Flucht?! Genau wie Sie und Schraut denke ich darüber. Die Malcapier hat Verbündete gehabt, die ihr halfen. Woher zum Beispiel die Stahlsäge, mit der das Gitter durchschnitten war?! Sie wurde doch bei der Einlieferung ins Polizeilazarett genau durchsucht. Das hat der Chefarzt besonders betont.«
»Sehr richtig. Diese Helfershelfer müssen vorhanden sein«, meinte Jobster. »Darauf musste man zwangsläufig kommen.«
»Haben die Zeitungen denn eine solche Bedeutung?«, fragte Jobster gespannt.
»Das kann Ihnen Freund Schraut beantworten.«
»Allerdings. Ich musste sie heimlich stehlen«, frotzelte ich.
»Es sind die sechs letzten Morgenausgaben der SINGAPORE-POST«, sagte Harst mit besonderer Betonung. »Und darin steht dieselbe Annonce, die fraglos für unsere Eugenie bestimmt ist. Wir wollen lieber ins Raffles-Hotel fahren. Geben Sie dem Chauffeur Bescheid, Jobster.«
Eine weitere Aussprache zwischen uns fand nicht statt. Harst erklärte, wir könnten uns nachher in unserem Wohnsalon über den Fall unterhalten.
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