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Der Gefangene der Stadtvogtei – Kapitel 5

Der Gefangene der Stadtvogtei
Eine Berliner Kriminalgeschichte
von Jodocus Donatus Hubertus Temme
G. Behrend (Falkenbergische Verlagsbuchhandlung), Berlin, 1861

Kapitel 5

Ein Polizeirat

Gegen fünf Uhr morgens beabsichtigte der Ochsenhändler Joachim Nettelberg abzureisen. Der Hausknecht, obschon noch schläfrig, versah pünktlich seinen Dienst: Bereits um vier Uhr war er erwacht, hatte Stiefel und Kleider der Gäste gereinigt und schickte sich nun, fünf Minuten vor halb fünf, an, den Ochsenhändler zu wecken.

Er klopfte an die Tür. »Herr Nettelberg, es ist Zeit!«

Er erhielt keine Antwort. Er klopfte erneut und rief lauter, doch im Zimmer des Händlers regte sich nichts. Kopfschüttelnd versuchte er, die Klinke zu drücken, doch die Tür war von innen verschlossen. Gerade als er heftiger dagegen stoßen wollte, wurde es nebenan laut.

»Seid Ihr es, Hausknecht?«, rief eine Stimme.

»Ja, Herr Kalbermann.«

»Will der Nettelberg nicht wach werden?«

»Mit aller Gewalt nicht, Herr Kalbermann.«

»Ja, ja, er war noch spät in der Nacht auf, ich hörte ihn sprechen. Es muss jemand bei ihm gewesen sein. Ich rief ihm noch zu, mit wem er da rede, aber ich konnte seine Antwort nicht verstehen und bin wieder eingeschlafen.«

»Das ist doch kurios«, murmelte der Hausknecht.

Plötzlich fiel ihm wieder ein, was er selbst in der Nacht vernommen hatte: das Bellen und Wimmern des Hundes. Er eilte auf den Hof zur Hundehütte. Da sah er im dämmernden Licht, was ihm nachts entgangen war – der Hund lag tot am Boden.

Erschrocken wandte er sich zum Haus um und bemerkte das offene Fenster in der Stube des Ochsenhändlers. Sein Entsetzen wuchs, als er die zertrümmerte Scheibe und die herausgerissenen Eisenstangen entdeckte. Er spähte durch das Fenster ins Zimmer; sein Blick fiel direkt auf das gegenüberliegende Bett. Die Vorhänge waren zurückgeschlagen. Dort lag der Ochsenhändler, reglos, das Gesicht zur Wand gewandt, als schliefe er noch.

Doch auch bei dem Hund hatte der Hausknecht nachts geglaubt, er schliefe nur. Er sah genauer hin. Die weißen Betttücher wiesen merkwürdige, dunkle Streifen auf, und vor dem Bett glänzte eine rötliche Flüssigkeit auf den Dielen.

»Blut?«, stammelte er, und die Kälte schien ihm in die Adern zu kriechen. »Blut!«, schrie er nun lauter. »Mord! Ein Mord!«

Sein Rufen weckte das ganze Haus und die Nachbarschaft. Man stieg durch das offene Fenster in die Stube. Dort lag Joachim Nettelberg, ermordet in seinem Bett. Ein Messerstich hatte die Brust durchbohrt, ein zweiter die Kehle zerfetzt. Der erste Stich hatte direkt ins Herz getroffen; der Tod musste augenblicklich eingetreten sein.

Vom Geld des Ermordeten fehlte jede Spur. Er hatte erst tags zuvor zweitausend Taler in Gold für seine Ochsen eingenommen – einfache und doppelte Friedrich d’or.

Sein Landsmann Kalbermann wusste es genau, da sie das Geld vor dem Schlafengehen gemeinsam gezählt hatten. Nettelberg hatte es in einen großen Lederbeutel gefüllt und diesen unter sein Kopfkissen geschoben. Beutel und Gold waren verschwunden; an einem Raubmord bestand kein Zweifel.

Die Spur der Täter war bald gefunden, verfolgt unter der Leitung des Revierkommissarius der Chausseestraße. Die Berliner Revierkommissariate jener Tage galten nicht eben als Leuchten ihres Fachs, besonders nicht vor den Toren der Stadt.

In jener Zeit war die Ära der Demagogen zwar vorüber und die der Demokraten noch nicht angebrochen, doch der beschränkte Untertanenverstand begann bereits, die Maßnahmen von Regierung und Polizei kritisch zu hinterfragen.

Während dieser Geist des Widerspruchs vor allem im Stadtinneren gärte, blieb es draußen auf dem Lande ruhig. Entsprechend konzentrierte man die fähigsten Beamten im Zentrum; vor den Toren kam es auf Scharfsinn weniger an.

So verhielt es sich auch in Berlin. Oft halten sich die einfältigsten Menschen für die klügsten – in der Polizei betrachtete man dies gegenüber dem einfachen Bürger fast als Privileg.

Der Revierkommissarius der Chausseestraße war ein korpulenter, bequemer Mann namens Patzig. Er zeigte sich äußerst zuvorkommend gegenüber jenen Bewohnern, die ihm gefällig waren – namentlich den Fleischern, Bäckern und Gastwirten. Anderen gegenüber konnte er jedoch verzweifelt patzig werden.

»Hm, hm«, brummte er, als er erfuhr, dass Herr Kalbermann beim Geldzählen anwesend und nachts wach gewesen war. Er nahm den Wirt beiseite.

»Sagen Sie, Herr Böhneke, was, wenn wir den Mörder ganz in der Nähe suchen müssten?«

»Meinen Sie, Herr Kommissarius?«

»Dieser pommersche Ochsenhändler Kalbermann …«

»Für den stehe ich ein!«, unterbrach ihn der Wirt entschieden.

»So, so? Das freut mich – oder eigentlich bedauere ich es, denn dann müssen wir mühsam weitersuchen.«

»Warum sollte der Mann auch«, fuhr der Wirt fort, »das Fenster zertrümmern, Stangen zersägen und den Hund vergiften, wenn die Verbindungstür zwischen den Stuben offen stand?«

»Zum Schein, Herr Böhneke! Alles nur zum Schein. Indes, Sie mögen recht haben.«

Inzwischen hatte man Fußspuren entdeckt. Es mussten drei oder vier Täter gewesen sein, einer davon mit einem auffallend großen Fuß. Auf dem harten Boden des Hofes war jedoch kaum mehr zu erkennen. Die Spuren führten in den Garten zur Kirchhofsmauer, wo sie endeten.

»Sie sind über die Mauer gekommen«, schlussfolgerte man.

Doch wie? Es gab keine Leiter. Man holte eine herbei und stieg auf den Kirchhof hinüber, fand dort jedoch nichts.

»Leichtfüßige Burschen«, murmelte Patzig, »Seiltänzer, hm, hm!«

An der Mauer war der Boden weicher. Man sah deutlich die Abdrücke von vier Männern: Drei trugen Stiefel mit Absätzen, der vierte jedoch ungeheuer breite Filzschuhe.

Patzig frohlockte: »Habe ich es nicht gesagt? Die Kerle kommen aus der Nachbarschaft. Wer läuft in Filzschuhen schon weit? Ihr Herr Kalbermann war es nicht, das sehe ich ein, da es vier waren. Aber wir finden sie hier im Viertel. Nehmen wir zuerst das Protokoll auf – das ist die Hauptsache.«

Und das Protokoll dauerte. Als es fertiggestellt war, neigte sich der Vormittag dem Ende zu. Da alle Berliner Kommissariate mittags zur Konferenz im Polizeipräsidium erscheinen mussten, machte sich auch Patzig auf den Weg.

Das wird Aufsehen erregen, dachte er stolz. Sollen die Kriminalbeamten ruhig rennen, solange ich es nicht muss.

Am Oranienburger Tor begegnete ihm eine Droschke. Ein freundliches Gesicht grüßte heraus. Patzig lief braun vor Ärger an.

»Dieser verfluchte Mensch hat schon wieder Wind davon bekommen. Er weiß alles! Sicher wird er der Erste sein, der die Täter fasst. Wenn ich nur nicht zu dieser einfältigen Konferenz müsste!«

In der Sitzung teilte er seine Erkenntnisse mit.

Ein eifriger Kriminalinspektor, ein alter Freund, sprach ihn sofort an: »Hast du schon einen Verdacht?«

»Ich hatte noch keine Zeit …«

»Überlass mir die Sache. Was ich ermittle, haben wir gemeinschaftlich erforscht.«

»Gut. Aber der Polizeirat begegnete mir schon am Tor. Der Kerl steht mir überall im Wege. Wenn er diesmal nur nichts findet!«

»Er hat dein Protokoll nicht. Lass mich mal sehen … Das Steigen über die Mauer? Sie ist fünfzehn Fuß hoch – da muss ein Akrobat dabei gewesen sein.«

»Oder jemand mit sehr langen Beinen«, entgegnete der Inspektor nachdenklich. »Und die Filzschuhe deuten auf die Nachbarschaft.«

»Wer weiß? Ich kenne die Berliner Diebe. Da wäre der lange Wilhelm, aber der ist eigentlich zu jung. Ich werde schon jemanden finden.«

Währenddessen suchte ein anderer Beamter in der Chausseestraße nach Spuren – jener Polizeirat, auf den die anderen so eifersüchtig waren. Er war bekannt dafür, jedes Rätsel zu lösen. Mit seiner ruhigen, besonnenen Art hatte er sich alles zeigen lassen und dabei schärfer hingesehen als der dicke Patzig.

Er entdeckte nicht nur die plumpen Filzschuhspuren, sondern bemerkte auch den Abdruck eines fein gearbeiteten Stiefels, der zu einem schmalen, fast aristokratischen Fuß gehörte. An der Kirchhofsmauer fand er zudem feine Schnitte in einem Ziegelstein – die Spur einer Strickleiter. Diese Details sowie der vergiftete Hund und das mit Leim behandelte Tuch am Fenster überzeugten ihn: Hier waren erfahrene Profis am Werk gewesen.

Plötzlich durchzuckte ihn eine Erinnerung. Er besaß ein besseres Gedächtnis als seine Kollegen – und in einer Großstadt ist das Gedächtnis die schärfste Waffe eines Beamten. »Der Hofrat!«, rief er aus. »Er muss seit zwei Wochen aus dem Zuchthaus entlassen sein.«

Vor zehn Jahren gab es einen ähnlichen Mord in der Wallstraße, ebenfalls mit Filzschuhen. Damals konnte man Carl Schütze, genannt der Hofrat, nichts beweisen. Hier schien er sein Manöver wiederholt zu haben.

»Ich muss ihn finden«, entschied der Polizeirat.

Ohne ein Protokoll zu verschwenden, stieg er in seine Droschke und eilte zum Einwohnermeldeamt. Doch der ehemalige Maler Schütze hatte sich dort natürlich nicht gemeldet. Der Polizeirat kombinierte weiter: Wo suchte ein Fuchs seinen alten Bau?

Er fuhr zu einem Viktualienkeller in einer schmalen Gasse, einem berüchtigten Diebestreffpunkt. Er wollte die Verdächtigen überraschen, doch beim Betreten schlug eine Glocke laut an. Das Gemurmel im Hinterzimmer verstummte augenblicklich; hastige Schritte entfernten sich. In der Stube fand er nur noch zwei Frauen vor: Die dicke Wirtin, Frau Liedtke, und eine junge, blasse Frau von großer Schönheit, die offenbar gerade erst in Berlin angekommen war.

»Wo ist Ihr Mann?«, fragte er die Wirtin und deutete auf die halb geleerten Gläser. »Ausgegangen, Herr Polizeirat. Gerade eben.«

Die junge Fremde, Josepha Wagner aus Posen, wirkte verängstigt. Sie war heute erst angekommen und wurde von einem Mädchen hierhergeführt.

Als der Polizeirat eine Seitentür öffnete, stieß er gegen jemanden: »Ida Spörrer! Die blonde Ida? Du hier?«

Die hübsche Blondine versuchte erst gar nicht, sich zu verstecken. »Darf ich nicht hier sein?«

»Nicht in diesem Kleid, mein Kind«, frohlockte der Polizeirat.

Er erkannte das Kleid sofort – es stammte aus einem Raub in der Auguststraße. Er setzte Ida in der Kammer fest und wandte sich wieder der Polin Josepha zu. Er spürte, dass sie ein Geheimnis hütete, aber kein Verbrechen begangen hatte. In ihrem Zustand – sie erwartete offensichtlich ein Kind – war sie nur ein Opfer der Umstände. Mitleidig gab er ihr ein Empfehlungsschreiben für einen ordentlichen Gasthof und bezahlte ihre Droschke.

Danach nahm er sich Ida vor. Er bot ihr ein Geschäft an: Ihr langer Wilhelm bliebe wegen des Kleiderdiebstahls unbehelligt, wenn sie ihm den Namen seines Komplizen nannte. Ida zögerte, doch der Druck wirkte.

»Der Hofrat ist der Diebe Kopf«, gestand sie schließlich.

Der Polizeirat triumphierte innerlich. Er hatte nicht nur den Kleiderdieb, sondern die Verbindung zum Raubmörder des Ochsenhändlers gefunden. Er gab Ida sein Ehrenwort, Wilhelm zu schonen – ein Versprechen, das er als einer der wenigen Beamten stets hielt.

Bevor er ging, fragte er beiläufig nach der Polin. Ida lachte erst, wurde dann aber ernst. »Sie sucht ihren Schatz, Herr Polizeirat.«

Dieser plötzliche Ernst verriet ihm, dass noch mehr dahintersteckte.

Zurück in seiner Wohnung instruierte er seine Gendarmen.

»Beobachtet den Hofrat und den langen Wilhelm. Ich will wissen, mit wem sie gestern Nacht zusammen waren. Aber verhaftet sie noch nicht – sie dürfen keinen Verdacht schöpfen.«

Während die Gendarmen ausschwärmten, suchte der Polizeirat Josepha im Gasthof auf. Er sah die Tränen in ihren Augen.

»Sie haben etwas Schweres auf dem Herzen«, sagte er sanft.

Doch Josepha schwieg aus Angst.

Zurück in seinem Büro brachte Ida das gestohlene Kleid und erhielt ein neues. Der Polizeirat bat sie, sich Josephas Vertrauen zu erschleichen, um mehr über deren Schatz zu erfahren.

Als Ida gegangen war, blieb der Polizeirat nachdenklich zurück. Da braute sich etwas zusammen, das die Fremde und die Diebe verband. Er durfte den Mord nicht aus den Augen verlieren, doch sein Instinkt sagte ihm, dass Josephas Geheimnis der Schlüssel zu weit mehr war.

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