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Dem Seewolf trotzen – Kapitel 1

Dem Seewolf trotzen
Oder: Thad in der Klemme
Von einem alten Seebären geschrieben

Personen in dieser Geschichte

Thad, Oliver und Simple Simon: Die drei Jungen-Kameraden, die sich aufmachten, um Ruhm zu ernten und der Menschheit zu dienen, indem sie den berüchtigten Captain Kidd gefangen nehmen – den meistgefürchteten Schrecken der Meere zu jener Zeit, als New York noch eine kleine Stadt war. Thad war der anerkannte Anführer des tapferen Trios, und Simon erwies sich oft als gar nicht so einfältig, da er ein kühnes Herz besaß und bereit war, viel für das Recht zu riskieren.
Captain Kidd: Der berüchtigtste Pirat der frühen Tage, dessen Name seit jeher mit dunklen Taten entlang der Ostküste in Verbindung gebracht wird – von Maine bis zu den sonnigen Küsten der tropischen Westindischen Inseln; und besonders im Zusammenhang mit verschiedenen vergrabenen Schätzen, die er an zahllosen einsamen Orten während seines Kriegszuges gegen den Handel auf den blauen Meeren hinterlassen haben soll.
Dragon: Die rechte Hand von Kidd, ein verzweifelter Kämpfer, so grausam und mitleidlos wie furchtlos, und zwischen dem und »Simple Simon« vom ersten Augenblick an ein bitteres Gefühl der Feindschaft zu entstehen schien.
Gouverneur Bellomont: Vom König von England entsandt, um seine amerikanischen Kolonien zu regieren – ein Mann von gewissem Mut und nicht ganz ohne Humor, der jedoch guten Grund hatte, die wilde Wut der gesetzlosen Marodeure der Meere zu fürchten.
Hugo der Bucklige: Ein deformierter Ausgestoßener, der sich für den Spott, den er von der achtlosen Welt erfahren hat, rächt, indem er die Laufbahn eines Freibeuters einschlug.
Selim: Captain Kidds Diener, ein unglücklicher maurischer Junge, der einst aus seiner Heimat gerissen wurde.
Mistress Coral: Tochter des reichen holländischen Kaufmanns Herr Yost Von Puyster, die in einem Anflug von törichtem Übermut die Nähe des Piratenkapitäns gesucht hat, um ihn um ein Geschenk zu bitten, das sie bei ihrer bevorstehenden Hochzeit vorzeigen kann.
Black Diamond: Ein ergrautes Seeungeheuer, das die Kirchengewänder ablegte, um die Rolle eines Piraten zu übernehmen.


Kapitel 1
Die juwelenbesetzte Hand

»Was ist denn jetzt schon wieder los, Mr. Dragon?«

»Die jungen Burschen murren wieder, Sir. Ich denke, sie könnten eine ordentliche Tracht Prügel vertragen.«

Leutnant Dragon, Besatzungsmitglied auf Captain Kidds Schiff, schlug die Beine übereinander und musterte den Mann, der am schweren Tisch der luxuriösen Hauptkajüte saß.

»Und was ist der Grund für diesen Aufruhr?«

»Nun ja: Ich habe ihnen klargemacht, dass sie zur Strafe zehn Tage an Bord bleiben müssen – wegen ihrer Eskapaden auf der Insel, als sie sich im Schwarzen Sumpf verirrt hatten. Thad entgegnete daraufhin, er würde Captain Kidd eher am Galgen hängen sehen.«

Eine tiefe Falte grub sich in Kidds Stirn.

»Sie drohen mir also mit Ärger?«, sagte er leise.

Dragon sah jedoch, wie der Zorn im Piratenkapitän aufstieg.

»Mr. Dragon«, fuhr Kidd fort, »wir werden uns darum kümmern. Diese jungen Burschen kämpfen wie die Tiger, und wäre dem nicht so – bei meiner Seele! – ich ließe sie an der Rah aufknüpfen, nur um ihnen Manieren beizubringen.«

Dragon grinste. »Wir können auf die Jungs nicht verzichten, das ist der einzige Grund, warum ich Ihnen nicht befehle, ihnen an der Rah ein wenig Leine zu geben. Nein, schicken Sie sie nicht zu mir. Ich werde in wenigen Minuten selbst an Deck kommen.«

Dragon verbeugte sich und verließ die Kajüte.

Captain Kidd widmete sich für einen Moment den Dokumenten auf seinem Tisch, darunter eine Karte von New York. Er fingerte geistesabwesend an den Papieren herum, dann läutete er eine silberne Glocke. Selim, sein dunkelhäutiger Diener, erschien sofort.

»Selim, bring mir die Pistolen aus der Koje; die ziselierten, versteht sich.«

Der Junge verschwand und kehrte kurz darauf mit zwei prächtig beschlagenen Pistolen zurück, die er vor seinen Herrn legte. Es waren Meisterwerke handwerklicher Kunst. Der Pirat hatte sie von einem spanischen Schiff erbeutet, das sie als Geschenk des Sultans von Marokko für den König von Spanien geladen hatte. Kidd hatte sie bereits in manchem blutigen Nahkampf geführt.

»Hübsch, nicht wahr, Selim?«, sagte Kidd und hielt die Waffen so ins Licht, dass sie glänzten.

Der Junge nickte stumm.

»Der König von Spanien trauert ihnen sicher nach. Sie sollten die Freundschaft zweier Monarchen besiegeln. Doch das Glück der Meere brachte sie in meine Schatzkiste. Wenn der spanische König sie jemals wiedersieht, dann nur in den Händen von Captain Kidd.«

Selim lächelte gezwungen, während Kidd seine Stimme senkte.

»Mein Junge«, fuhr er plötzlich fort. »Du bist nun schon lange bei mir.«

»Drei Jahre, Kapitän.«

»Und du hast in all der Zeit dein Heimatland nicht mehr gesehen.«

»Niemals, Herr.«

»Aber du träumst davon?«

Der Junge senkte den Kopf; seine Stimme zitterte.

»Ich träume davon, ja. Das ist wohl nur natürlich.«

»Verdammt noch mal, ja!« Kidd beobachtete das Spiel von Licht und Schatten auf Selims Gesicht. »An deiner Stelle würde ich auch träumen – von den Hügeln und Tälern meiner Heimat, von den schönen Frauen dort, aber vor allem vom alten Zuhause.«

Selim stieß einen kurzen Schrei aus und trat an Kidds Seite, als wolle er den Redefluss stoppen.

»Tun Sie das nicht, Kapitän!«, rief er. »Sie bereiten mir Kummer. Ich sehne mich so sehr nach Hause …«

»Dann passt dieses Leben nicht zu dir.«

»Was bleibt mir übrig, solange ich unter Ihrer Flagge stehe?«

»Du hast den Eid geleistet, wie alle anderen.«

»Ja, ich habe beim Silbernen Säbel geschworen, Ihnen treu zu bleiben.«

»Aber du würdest am liebsten ausbrechen?«

Kidds Gesicht wurde schlagartig streng.

»Ich möchte meinen Eid nicht brechen«, erwiderte Selim nach einem tiefen Atemzug. »Aber Sie wissen selbst: Die Decks eines Schiffes sind nicht die Hügel meiner Heimat.« »Wahr gesprochen. Aber würdest du mich wirklich verlassen?«

»Kapitän, ich bin Ihnen treu.«

»Hör zu, Selim: Du sollst nach Hause gehen, aber noch nicht jetzt. Bevor es Winter wird, setzen wir die Segel im alten Sund – sobald einige Rechnungen beglichen sind. Dann wird der Jolly Roger wieder in den Winden ferner Meere wehen. Wir werden die Tropen durchpflügen und Captain Kidd wird erneut der König der Meere sein.«

Ein Schimmer von Vorfreude huschte über Selims Gesicht.

»Wir haben hier noch ein Hühnchen mit Gouverneur Bellomont zu rupfen, und dabei sollst du mir helfen.«

»Ich weiß nicht, ob ich dazu fähig bin.«

»Oh doch. Ich habe dich kämpfen gesehen. Du führst den Säbel fast so sicher wie Dragon. Wir werden diesem Gouverneur zeigen, dass er machtlos gegen Captain Kidd und seine Vagabunden ist. Aber komm näher, mein Junge.«

Kidd legte den Arm um die Taille des Jungen und blickte zu ihm auf. »Zweimal hast du mir das Leben gerettet. Du bist wertvoll für mich, und ich würde mich ungern von dir trennen. Ohne dich wäre es einsam hier. Würdest du nun bitte die Truhe dort in der Ecke öffnen?«

Selim befreite sich sanft aus der Umarmung und ging zu der schweren, mit Messing beschlagenen Truhe. Es kostete ihn all seine Kraft, den massiven Deckel anzuheben. Er drehte sich fragend zum Kapitän um.

»Greif ganz unten in die Südwestecke«, befahl Kidd, der ihn genau beobachtete. »Dort liegt ein Päckchen – sofern es mir noch kein Gauner stibitzt hat.«

Natürlich hatte niemand den Räuberkapitän beraubt; seine Schlösser waren unbezwingbar.

Selim förderte ein kleines, in Ölhaut gewickeltes Paket zu Tage.

»Öffne es«, forderte Kidd.

Zum Vorschein kam ein grünes Samtkästchen. Selim zögerte kurz, bevor er den Deckel aufklappte. Als er den Inhalt sah, prallte er zurück. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. In dem Kästchen lag eine menschliche Hand – die einer Frau. Sie war überreich mit Juwelen besetzt und wirkte so lebensecht einbalsamiert, als wäre sie erst gestern abgetrennt worden. Sie ruhte weich auf dem grünen Samt. Selim rang nach Atem.

»Hast du so etwas schon einmal gesehen?«, grinste Kidd.

»Niemals, Kapitän.«

»Natürlich nicht. Ich nahm sie einer Gräfin ab, im Jahr bevor wir uns trafen. Sie wollte ihre Juwelen nicht hergeben. Es gab keinen anderen Weg, an die Ringe zu kommen, als die Hand mitzunehmen, die sie trug. Das ist die Hand von Donna La Dozsie, der Gräfin von Sevilla.«

Selim brachte kein Wort heraus.

»Hebe sie an, Selim.«

Mit einem Schaudern gehorchte der Junge. Unter der Hand, in einer kleinen Vertiefung, funkelte eine Fülle loser Edelsteine.

»Ihre Hochzeitsjuwelen«, erklärte Kidd kühl. »Gewalt und Beharrlichkeit führen eben zum Ziel.«

»Und die Gräfin?«, flüsterte Selim.

»Die dürfte inzwischen bei den Meerjungfrauen sein.«

Die Kaltblütigkeit dieser Antwort ließ Selim zusammenfahren.

»Sie war eine Tigerin, aber eine verdammt schöne«, fuhr der Pirat fort und lachte grausam. »Sie wollte sich an Bord nicht fügen, also verlor sie erst ihre Finger und dann ihr Leben. Nun ist sie eine einhändige Königin auf dem Meeresgrund.«

Selim ließ die Hand in das Kästchen fallen und wich zurück.

»Du hast doch eine Liebste, Junge. Eines Tages soll sie diesen Schmuck tragen.«

»Sylvia würde das niemals tun!«, stieß Selim hervor.

Kidds Miene verfinsterte sich. »Was? Sie würde diesen Schatz ablehnen?«

»Ja. Denn er klebt am Fleisch einer Toten.«

»Unsinn!«, hohnlachte Kidd dröhnend. »Die stolzesten Damen Englands würden keine Fragen stellen, und jede französische Prinzessin wäre entzückt. Aber dein armes Mädchen …«

»Vorsicht, Kapitän!«, unterbrach ihn Selim mit blitzenden Augen. »Sie streift durch die Hügel und jagt Ziegen – sie würde vor Freude den Verstand verlieren!«

»Sylvia würde sie nicht anrühren. Sie würde sich nicht einmal die Geschichte dazu anhören wollen.«

»Und du wärst dumm genug, sie ihr zu erzählen?«

»Ich werde Sylvia niemals belügen.«

»Du bist zu weichherzig!«, rief Kidd. »Fast zu dünnhäutig, um unter meiner Flagge zu segeln.«

»Dann schicken Sie mich nach Hause, Herr.«

Selims Tonfall war so hochmütig, dass Kidd auffuhr.

»Du gehst erst, wenn ich mit dir fertig bin!«

Selim klappte das Kästchen zu und trat einen weiteren Schritt zurück.

»Schön«, knurrte Kidd. »Dann bekommt eben Mr. Dragon die Steine für seine Liebste.«

»Wie es Ihnen beliebt.«

»Was? Du lehnst mein Geschenk tatsächlich ab?«

»Selim schmückt den Busen seiner Liebsten nicht mit dem Raub an einer Toten.« »Donner und Furien!«, brüllte der Pirat, sprang auf und griff nach seinen Pistolen. »Um ein Haar würde ich dein Gehirn an die Wand schmettern, du undankbarer Hund!« Selim verschränkte ruhig die Arme. »Ich bin in Ihrer Gewalt. Sie haben mich aus meiner Heimat gestohlen und mich mit Lügen in dieses Leben gelockt.«

»Das ist unerträglich!«, tobte Kidd. »Ich habe dich erst zu dem gemacht, was du bist! Ich habe dir die Welt gezeigt, dich bereichert und dich zum Diener des berüchtigtsten Kapitäns der Welt gemacht – und nun verweigerst du mir den Gehorsam wegen einer Totenhand?«

Der Junge wich nicht zurück, sein Blick blieb fest.

»Verschwinde in dein Quartier!«, herrschte Kidd ihn an. »Du bleibst unter dem Jolly Roger, bis du verreckst! Ich schwöre dir: Du wirst deine Berge nie wiedersehen und auch deine kleine Ziegenjägerin nicht mehr küssen. Abtreten!«

Einen Moment lang sah es aus, als wollte Selim aufbegehren, doch dann drehte er sich wortlos um. Unter den argwöhnischen Augen des Kapitäns öffnete er eine verborgene Tür in der Wand und verschwand.

Kidd schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Gläser klirrten.

»Ich bin der Herr hier!«, schrie er in die leere Kajüte. »Ich werde sie alle zähmen – Dragon, die Jungen und diesen verdammten Diener!«

Mit einem heftigen Ruck schleuderte er das Kästchen zurück in die Truhe und verriegelte das Schloss.

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