Zehn Geschichten aus Meister Hämmerlings Leben und Denkwürdigkeiten – Teil 5.1
Zehn Geschichten aus Meister Hämmerlings Leben und Denkwürdigkeiten
Memoiren eines Scharfrichters aus den Zeiten des Mittelalters
Herausgegeben von Wilhelm von Chézy
Benzs Ausfahrt
Von Stunde an blieb der Gunz ein wahnwitziger Tor. Sie schoren ihm die Haare ab, legten ihn in Eisen und Ketten, peitschten und strichen ihn grausam. Er aber forderte stets mit Ungestüm den Schatz aus dem Keller, und so sahen meine Herren vom Rate endlich keinen Ausweg mehr, als ihm zum Wahrzeichen ein Ohr abzuschneiden und ihn wohlverwahrt gen Ulm zu senden, damit daheim die Seinen ihn hüteten. Da er kein verständiges Wort mehr hervorzubringen vermochte, so musste der Freimann für ihn und in seine Seele die Urphede schwören, nimmermehr der Stadt Weichbild betreten zu wollen.
Ich hatte den Vater auf das Rathaus begleiten dürfen, da er zuweilen gern mich um sich sah, sobald die Grethe nichts davon wusste. Als wir wieder vor die Tür traten und dem Wäglein nachblickten, auf welchem der Wahnsinnige von dannen fuhr, kam schreiend ein Bube gelaufen und brachte die Kunde, der alte Distelfink habe sich vor Angst und Verzweiflung ein Leides angetan.
Der Freimann befahl seinem Knecht, ihm eilends das große Schwert zu holen und den Karren zu bestellen. Er trat den Weg zur Distel an, gefolgt von der neugierigen Menge, die sich so dicht an seine Fersen heftete, als irgend nur die Scheu vor seiner Nähe es zuließ. Das alte Häuslein fanden wir ebenfalls von müßigen Gaffern umringt, die nichts zum Weichen hätte bringen können als meines Vaters drohende Berührung; doch er brauchte nur seine Stimme zu erheben, um uns eine hinlänglich breite Gasse zu öffnen.
Wir gelangten ungehindert zum Speicher, auf dem der greise Sünder von einem starken Kloben niederhing, mit den starren Füßen schier eine eiserne Truhe berührend, von welcher die in einem Winkel kauernde Blutrude keinen Blick verwandte. Bald nach uns kamen auch Ratsherren, Schreiber und Schergen, dann der Knecht mit dem Schwert, das der Freimann ergriff, um den Toten loszuschneiden und hernach damit einen Kreis zu zeichnen, so weit er zu reichen vermochte, worauf er mit lauter Stimme sprach: »Ich sitze als Scharfrichter auf meinem Eigen und Erblehen, oder weiß irgendwer hier ein anderes?«
Der Ratsverwandte sagte: »Niemand weiß ein anderes. Du bist der Freimann im Weichbild der Stadt und in des Zehntgrafen Zins, Meister Benz; so verfahre denn nach deinen verbrieften und versiegelten Rechten und Freiheiten, und Gott helfe dir dabei, wie wir dir zu helfen bereit sind.«
Nun fuhr mein Vater fort: »Also lautet des Kaisers Satzung: Wo irgendwer mit freventlicher Hand sich selbst ums Leben gebracht, da ist in Kammer, Gemach, Keller, Speicher, Scheune oder Stall alles des Scharfrichters Eigentum, so weit er, bei dem Leichnam stehend, mit dem Schwert nach oben, unten und allen Seiten reichen mag. Habe ich recht gesprochen?«
»Du hast recht gesprochen, auf Seele und Gewissen«, versetzte der Ratsherr. »Nimm denn hin, was dein ist.«
Blutrude schien diese Wechselreden kaum zu vernehmen und durchaus nicht zu beachten; teilnahmslos sah sie, wie eines Henkersknechtes Faust das Ende des Strickes ergriff, an welchem der Gefährte ihres langen Lebens sich erwürgt hatte, und den Toten zur Treppe schleifte. Als aber der Meister sich nach dem Eisenkistlein bückte und es emporheben wollte, da schnellte sie urplötzlich auf, warf sich darüber hin und erhob ein erbärmliches Gekreisch, das den Anwesenden durch Mark und Bein drang. Ihr Mann, schrie sie, habe sich ums Leben gebracht, weil er daran verzweifelt sei, den einmal von Diebesaugen erblickten, von einer Diebeszunge verratenen Schatz fortan vor Räubern zu bewahren; und nun seien es gar die Hände der Gerechtigkeit selbst, welche mit diebischem Zugriff der Witwe Gut sich aneignen wollten.
Die Herren und Schreiber redeten dem lärmenden und heulenden Weibe ernstlich und gütlich zu. Die Schergen versuchten sie wegzuzerren und stellten ihr dabei vor, sie möge sich nicht der Gefahr aussetzen, dass der Henker sie antaste und unehrlich mache; sie schrie nur umso toller und klammerte sich umso fester, sodass ich den Anblick und den Lärm nicht länger zu ertragen vermochte und von dannen schlich.
Während nun oben der Streit um das Erbteil des Unseligen tobte und draußen die neugierig horchende Menge sich so nahe hinzudrängte, als die Hellebarden der Stadtknechte ihr gestatteten, fand ich in der Schenkstube, was ich dort nimmermehr gesucht hatte: die kleine Freundin. Zuerst fielen wir uns in die Arme, und erst lange nachher wunderten wir uns, wie wir einander so unverhofft wiedergefunden hatten.
Elsbeth berichtete, wie sie dem Ehepaar in der Distel übergeben worden sei und nun die Dienste eines Schenkmädchens versehe. Sie ermahnte mich, recht oft zu ihr zu kommen. Ich dagegen erzählte ihr von meinen Drangsalen und meiner Sehnsucht, sodass alsbald die hellen Tränen uns beiden in die Augen traten, während der plaudernde Mund lächelte und scherzte. Wir vergaßen, wie gewöhnlich, alles um uns her, vernahmen den Lärm im Hause nimmer und merkten nicht einmal, dass er nachließ und endlich ganz aufhörte – bis des Selbstmörders Witwe uns zur Besinnung brachte. Sie fiel über mich her, zauste und schlug mich mit ihren knöchernen Fäusten und stieß dabei gräuliche Schmähreden gegen meinen Vater aus.
Ich ertrug alles mit Geduld um Elsbeths willen und ließ mich gutwillig zur Tür hinausdrängen, obschon ich stark genug gewesen wäre, die gebrechliche Alte mit einem Streich zu Boden zu strecken. Ich wäre wohl ganz still von dannen gegangen, hätte der Grimm des bösen Weibes sich nicht auch gegen die arme Waise gekehrt. Ihre giftgeschwollene Zunge nannte das Kind mit einem Namen, der seiner Herkunft zwar gebührte, mich aber so erbitterte, dass ich umkehrte und schrie: »Du alte Unholdin, ich hoffe den Tag noch zu erleben, an welchem ich mit dieser meiner Hand deinen Scheiterhaufen in Flammen setze!«
Dabei sah ich ihr voll kecken Zornes in die Augen. Sie erschrak und verstummte – sei es, weil meine Worte ihr böses Gewissen aufgeregt hatten, oder sei es, weil sich in meinem kindlichen Blick bereits jener Zauber offenbarte, der späterhin oft starke Männer erbeben ließ. Wie dem auch sei: Blutrude wandte sich zur Seite und ließ mich ungestört Abschied von Elsbeth nehmen.
Was ihr die Hölle an argen Künsten und Ränken verliehen hatte, das bot sie auf, um ihre Rache an dem Freimann zu vollführen, der ihren Mammon geraubt hatte. Wie ihr das finstere Werk gelang, wie sie den alten Benz an den Rand des Grabes und auf die Schwelle der Marterkammer brachte, seinen Sohn aber hilflos in die weite Welt sprengte – das sollt ihr nun ausführlich vernehmen. Damals hatte ich keine Ahnung von dem Zusammenhang, der mir erst viele Jahre später unter Grausen von den blauen, bebenden Lippen gepeinigter Opfer kund ward. Unter deren Bekenntnissen litt meine arme Seele schärfere Qualen, als ihre Leiber durch all meine Zangen, Hacken und Schrauben erdulden mochten.
Nachdem Arnulph um des bösen Weibes willen in die weite Welt hatte wandern müssen, fügte es der Zufall, dass kein freier Knecht des Weges kam. Meister Benz war deshalb genötigt, vielerlei selbst zu verrichten, was sonst sein getreuer Geselle getan hatte. So sollte er, nachdem er lange Jahre nur das breite Schwert geführt hatte, plötzlich wieder das krumme Holz schwingen, um einen Mörder zu radbrechen.
Ein berüchtigter Staudenhecht, der Geißmelker genannt, war ergriffen worden, als er im Wald ein junges Mägdlein erwürgen wollte. Der Graf erkannte ihm die Strafe des Rades von unten zu. Noch auf der Richtstätte bat Meister Benz, die Strafe mit dem Schwert vollziehen zu dürfen, doch er sprach vergebens. So wurde der Sünder auf den Rost gebunden.
Meister Benz führte den ersten Stoß auf das Schienbein, das krachend brach. Im unbändigen Schmerz riss der Verurteilte, riesenstark wie er war, die rechte Faust samt der Klammer los. Da trat aus Unverstand ein vorwitziger junger Geselle aus dem Haufen, haschte die losgerissene Hand und bog sie zurück, worauf ein Scharfrichterbube die Klammer wieder festnagelte. Der Meister aber trat auf den Jüngling zu, legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte: »Nun bist du mein, dein Leben lang.«
Der Jüngling erblasste, doch das Volk schrie, er sei nun des Henkers Genosse, da er ihm freiwillig beigestanden hatte. Der gute Veit musste sich darein fügen, ein Freiknecht zu werden. Er half noch in derselben Stunde, den Sünder auf das Rad zu flechten, der dort langsam verschmachtete, während die Geier nach ihm hackten.
Dem unschuldigen Veit war wohl kaum besser zumute als dem Sterbenden. Er war der einzige Sohn ehrsamer Leute aus Nürnberg, ein Drechsler und Meistersinger, der daheim eine Braut hatte. Diese war nun für ihn verloren, genau wie sein ehrlicher Name. Er hegte fortan nur noch einen Wunsch: Dass die seinen nimmermehr erfahren sollten, was aus ihm geworden war, und ihn für tot halten und vergessen möchten.
Fortsetzung folgt …
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