Dämonische Reisen in alle Welt – Kapitel X, Teil 3
Johann Konrad Friederich
Dämonische Reisen in alle Welt
Nach einem französischen Manuskript bearbeitet, 1847.
Kapitel X, Teil 3
»Meine Herren, wissen Sie etwas Neues?«, rief in diesem Augenblick ein eintretender Kaffeegast den Anwesenden zu. »Soeben ist die Nachricht angekommen, dass sich ein furchtbares Unglück auf der Nordbahn zwischen Paris und Lille zugetragen hat. Ein Zug von dreißig Wagen ist von einem zwanzig Meter hohen Damm in tiefes Wasser hinabgestürzt; mehrere hundert Reisende sind ertrunken.«
Alle Anwesenden gaben Zeichen und Laute des Entsetzens von sich.
»So arg ist es gerade nicht«, murmelte Asmodi, »aber doch noch immer arg genug.«
»Haben Sie nähere Nachrichten?«, fragte der eben Eingetretene.
»Die allerneuesten«, erwiderte der Hinkende.
»Und die wären?«
»Dass siebzehn Personen bei dem Sturz den Tod gefunden haben und etwa zwanzig mehr oder minder schwer verwundet sind – von denen auch noch einige sterben werden. Die Übrigen wurden zum Teil auf wunderbare Art gerettet.«
»Diese Nordbahn ist eine wahre Unglücksbahn«, meinte einer der Gäste. Viele verließen bestürzt den Saal; von den Wahlen war keine Rede mehr.
»Hättest du das denn nicht verhindern können, du ohnmächtiger Teufel?«, knirschte Michel.
»Darum magst du einen Mächtigeren befragen«, höhnte Asmodi.
»So lass uns hin! Ich will mich mit eigenen Augen von dem Unglück überzeugen und sehen, was zu tun oder wo zu helfen ist.«
»Da ist nicht viel mehr zu helfen, denn geschehene Dinge kann kein Gott ungeschehen machen. Indessen: Dein Wille werde erfüllt, komm!«
Die beiden Kumpane verließen nun ebenfalls das Kaffeehaus und Lyon. Wenige Minuten darauf befanden sie sich auf dem Damm in der Gegend von Fampoux, wo das Unglück geschehen war. Dort fanden sie eine Menge Arbeiter und Soldaten unter der Leitung von Ingenieuren beschäftigt, die im Wasser versunkenen Wagen und die teils scheußlich entstellten Leichname herauszuschaffen. Viele Menschen irrten mit Verzweiflung in den Blicken auf dem Damm und am Wasser umher und stießen wilde Verwünschungen aus. Es waren teils Anverwandte, teils Freunde der Verunglückten. Mehrere hatte man nur mit größter Mühe davon abhalten können, sich selbst ins Wasser zu stürzen. Eine Frau rannte mit aufgelösten Haaren händeringend hin und her und schrie: »Mein Kind! Mein Kind!«
Das Ganze bot einen herzzerreißenden Anblick.
In diesem Augenblick kamen mehrere von Paris abgesandte Beamte an, die den Auftrag hatten, an Ort und Stelle zu untersuchen, wodurch das Unglück entstanden sei. Nach vielem Hin- und Herreden sowie Untersuchungen des Terrains waren sich die Herren einig, dass der Bau der Bahn und des Dammes nicht schuld an dem gräulichen Vorfall sein könne. Überhaupt sei es schwer, wenn nicht unmöglich, die eigentliche Ursache ausfindig zu machen, die den Zug aus den Schienen geworfen habe. Dies war besonders die Meinung des Divisions-Inspektors Frissard, der der Untersuchungskommission vorstand.
Michel stieß den Teufel an den Arm und flüsterte ihm zu: »Du solltest die Herren belehren.«
»Wenn die Herren belehrt sein wollen – mit Vergnügen.«
»Der Herr würde uns sehr verbinden«, sagte Frissard, »wenn er uns die wahre Ursache angeben könnte, aber ich fürchte …«
»Die wahre Ursache ist: dass der Dienst auf dieser Bahn, so wie er bis zu diesem Augenblick stattfand, unter aller Kritik schlecht bestellt ist.«
»Wieso? Das ist leicht gesagt, aber schwer zu beweisen«, versetzte Frissard.
»Der Herr scheint mir auch kein Hexenmeister zu sein«, meinte ein anderes Mitglied der Kommission, das an der Nordbahn beteiligt war.
»Er könnte Ihnen vielleicht ein Pröbchen von seiner Kunst geben«, sagte Michel, »wenn er es der Mühe wert fände.«
»Wohlan, er wird der Direktion und dem Komitee, das in diesem Augenblick in Paris versammelt ist, um über die Sache zu beraten, einen großen Dienst erweisen, wenn er die Ursache des Unfalls enthüllt.«
»Das glaube ich schwerlich«, höhnte der Hinkende, »aber wenn es mein Kamerad hier für gut befindet, so kann es geschehen.«
»Sie sagen, das Komitee der Nordbahn-Gesellschaft sei in diesem Augenblick zur Beratung versammelt?«, fragte Michel.
»Gut, so lass uns hin, den Herren die Augen zu öffnen.«
In diesem Augenblick erhoben sich beide zum starren Erstaunen aller Anwesenden in die Lüfte, schwebten davon und verloren sich als kleine Pünktchen am Horizont.
Im Beratungssalon der Verwaltung der Nordbahn- oder Rothschild-Compagnie steckten die Herren Direktoren und Mitglieder des Komitees gewaltig die Köpfe zusammen. Sie wussten, dass die Stimmung des Publikums – besonders der Pariser – übel gegen die Compagnie war. Unparteiische und nicht bestochene Journale schürten das Feuer durch die grelle Beleuchtung gewisser Umtriebe, und jeden Augenblick liefen schlimmere Nachrichten ein. Einige der Herren waren sogar der Meinung, man täte wohl daran, vorerst eine Reise ins Ausland anzutreten, bis das erste Feuer der fatalen Begebenheit von Fampoux verraucht wäre. Bei dem überhandnehmenden Unwillen könnte es am Ende gar einem oder dem anderen an den Kragen und die Geldsäcke gehen.
Kopf- und ratlos debattierten sie im Angstschweiß, was zu tun sei. Sie konnten über die Maßnahmen nicht einig werden, meinten jedoch alle, es sei gut, sich auf alles gefasst zu machen, um bei einem ausbrechenden Sturm sogleich Reißaus nehmen zu können. Während die Hohlköpfe mit den vollen Taschen so berieten, öffnete sich plötzlich die Saaltür. Zwei unheimlich aussehende Gestalten mit feuerblitzenden Blicken traten ein. Einer von ihnen nahm das Wort: »Um Vergebung, meine Herren, wenn wir als ungebetene Gäste hier erscheinen, aber die Dringlichkeit der Sache mag uns entschuldigen.«
»Ums Himmels willen«, rief ein Mitglied des Komitees ängstlich, »es wird doch noch zu keinem Aufstand gekommen sein?«
»Noch nicht«, erwiderte Michel – der Sprecher – maliziös lächelnd, »aber es ist nahe daran.«
»Mein Gott, was ist denn da zu machen?«, seufzte ein anderes Mitglied leichenblass.
»Lassen Sie uns schnell heimgehen und unsere Maßnahmen treffen«, meinte ein Dritter, und alle machten Anstalt, sich davonzuschleichen.
»Nicht von der Stelle, keiner rühre sich!«, donnerte Michel. »Ich habe vernommen, dass die Herren gerne die Ursache des Unfalls wissen möchten und deshalb eine Kommission ernannt haben, die nichts untersuchen kann und wird. Hier mein Kamerad soll Ihnen haarklein und beißend klar auseinandersetzen, wie das Unglück entstanden ist. Freund, schenke den Herren reinen Wein ein! Und zwar vom Besten, den du hast. Ist es auch kein Champagner oder Madeira, sondern ein bitterer Trank – es tut nichts. Die Herren hier haben gute Mägen und Verdauungswerkzeuge wie ein Strauß; die härtesten Metalle sind ihnen nicht zu schwer. Darum: derbe Kost!«
»Wohlan, so hören Sie denn!«, kreischte nun Asmodi so gellend, dass der ganze Ausschuss Nervenzucken bekam. »Ihre Nordbahn, durch die Sie die Notpfennige und Ersparnisse der Armen so schlau wie dumm in Ihre Säckel zu leiten wussten – Sie erbeuteten durch Ihre sauberen Kunststückchen über vierzig Millionen …«
»Keine vierzig Millionen, wahrhaftig nicht, so wahr mir Gott helfe!«, stotterte ein Mitglied.
»Vierzig Millionen, sage ich! Und wenn es auch nur zehn wären, so bleibt die Gaunerei dieselbe.«
»Wieso, mein Herr, Sie erkühnen sich …«
Ein niederschmetternder Blick des Hinkenden ließ dem Redner das Wort im Munde ersticken. Ein anderes Mitglied versetzte jedoch: »Aber mein Herr, niemand ist gezwungen worden, unsere Aktien zu kaufen. Jeder darf versuchen, sein Glück zu machen. Es ist gut für den, der glücklich spielt, und schlimm für den Pechvogel. Das Gesetz lässt jedem freie Hand.«
»Ha, das Gesetz! O über eure Gesetze!«, grinste Asmodi. »Was geschieht denn dem, der Blei als echtes Silber verkauft? Keine Antwort? Haben Sie es mit den Nordbahnaktien besser gemacht? Sie erhielten diese zu dreihundert und ließen dann alle Kniffe los, um sie auf über 900 hinaufzuschrauben. Simulierte Käufe wurden mit großem Geräusch an der Börse geschlossen. Ihre Handlanger rannten umher und trieben die Leute ins Feuer: ‚Kauft! Kauft!‘, schreiend, während Sie genau wussten, dass die falsche Ware sogleich um 50 Prozent sinken müsse. Sie sahen zu, wie man die Sparkassen bestürmte, um Ihren Mammon zu mehren. Doch Geduld, das wird dereinst eine saubere Abrechnung geben! Aber nicht genug: Nun müssen durch Ihre Schuld auch noch Menschen ihr Leben einbüßen.«
»Durch unsere Schuld?«, lief es wie ein Rottenfeuer von Mund zu Mund.
»Durch Ihre Schuld! Wer hat ein Heer von unverständigen Taugenichtsen bei dieser Bahn angestellt? Kerle, die sich eher zum Taschenspiel als zum Bahndienst qualifizieren. Petit-maîtres, die mit vernissten Stiefeln auf den Bahnhöfen herumlungern, die Frauen in den Waggons frech beäugen und gegen Reisende den Grobian spielen. Solches Gesindel haben Sie angestellt, weil es von gewissen Seiten protegiert wurde oder weil es Ihnen den Staub von den Stiefeln wischte! Das sind die Beweggründe Ihrer Personalpolitik, während Sie verdiente, pünktliche Männer und erfahrene Militärs schnöde abwiesen. Diese hatten keine einflussreichen Beschützer und waren keine Speichellecker, die vor Mammonsknechten im Staub krochen.«
Asmodi fuhr fort: »Um auf die Ursache des Unfalls zu kommen: Auf den vorhergehenden Stationen wurden von den unfähigen Angestellten lieber die Reisenden gemustert und Witze gerissen, statt den Dienst pünktlich zu versehen. Als der Zug schließlich stark verspätet war, wollte man die Zeit durch unvernünftige Schnelligkeit wieder einbringen. Man verdoppelte die Geschwindigkeit, bis die Räder aus den Schienen sprangen und Menschen in den Abgrund stürzten. Dies ist der einzige Grund! Suchen Sie keinen anderen! Und nun, da Sie ihn kennen, wäre mein Rat: Veranstalten Sie ein Festessen auf das Wohl der Toten, mit Bällen und Feuerwerk. Für die Musik will ich sorgen, und Sie werden den Tanz eröffnen – einen Kehraus, bei dem Ihnen Hören und Sehen vergehen soll!«
Die Herren starrten sich verblüfft an und schnitten so erbärmliche Gesichter, als litten sie unter heftigsten Leibschmerzen. Sogar der Teufel konnte sich eines Lachens nicht enthalten. Schließlich begann Asmodi auf Michels Geheiß erneut: »Wohlan, unter einer Bedingung sei euch alten Sündern der Tanz erlassen: Statt der untauglichen Subjekte werdet Ihr ehrenhafte, fähige Männer anstellen. Sodann werdet Ihr auf der ganzen Bahn neue Schienen legen lassen, da die vorhandenen viel zu schwach für die schweren Lokomotiven sind. Ferner ordne ich an, an allen Dämmen, Brücken und Viadukten solide, anderthalb Meter hohe Brustwehren aufzuführen. Und schließlich werdet Ihr die neueste Erfindung zur Sicherheit der Züge auf der ganzen Bahn anwenden. Ist dies nicht in kürzester Frist geschehen, so könnt Ihr euch auf den versprochenen Tanz verlassen!«
»Denn es ist nicht genug«, fiel Michel ein, »den Leuten die Millionen aus dem Beutel zu locken, während man an Sicherheitsmaßnahmen knausert, um noch mehr einzusäckeln. Vor allem muss das getan werden, was verhindert, Menschen zu töten oder zu Krüppeln zu machen! Das lasst euch gesagt sein!«
Der Teufel schlug mit seiner Krücke auf den Tisch, dass es knallte, und verschwand mit seinem Kameraden unter einem Schwefeldampf, der einen üblen Geruch verbreitete.
Michel und Asmodi gingen hierauf Arm in Arm die Straße Laffitte entlang den Boulevards zu. Als sie an das Café Tortoni kamen, gelüstete es Michel, das köstliche Eis zu probieren. Sie kehrten ein und ließen sich die Spezialitäten des Hauses schmecken. Dabei belustigten sie sich über einige Damen in Herrenkleidern, die gestiefelt und gespornt waren und in den Journalen blätterten.
»Wer sind diese Damen?«, flüsterte Michel.
»Loretten erster Güte«, murmelte Asmodi, »herzensgute Dinger, die sich von Gecken unterhalten lassen und selbst arme Teufel unterstützen.«
Plötzlich ließ eine der Damen mit einem gepressten Ach! ihr Journal fallen und wurde leichenblass. Ihre Freundinnen eilten herbei, benetzten sie mit Duftwasser und hielten ihr Salmiakgeist unter die Nase. Als sie wieder zu sich kam, deutete sie zitternd auf einen Artikel in der Presse. Auch den anderen Damen schwindelte es beim Lesen.
»Was haben sie denn?«, fragte Michel.
»Nicht viel«, erwiderte Asmodi näselnd. »Sie lesen von einem Husaren in England, den sein Oberst so lange peitschen ließ, bis sein Rücken entfleischt war und die Haut in Fetzen herabhing. Trotz der Warnung des Wundarztes wurde nicht aufgehört. Der arme Teufel starb wenige Tage darauf im Lazarett unter unsäglichen Schmerzen. Die Beschreibung dieser grässlichen Menschenschinderei hat die Damen so angegriffen.«
»Und was war sein Verbrechen?«, fragte Michel entsetzt.
»Er hatte sich gegen einen Unteroffizier gewehrt, der ihn monatelang schikaniert hatte. Der Husar hatte sich oft beklagt, was seine Lage nur verschlimmert hatte, da der Vorgesetzte seine Rachegefühle an dem Untergebenen ausließ. So etwas bringt brave Burschen zur Verzweiflung. Ich kenne nur zwei Staaten, in denen der Soldat durch gute Gesetze gegen solche Plackerei geschützt ist: Preußen und Württemberg.«
»Ich hätte zwar Lust auf Rom«, sprach Michel, »doch will ich erst nach Altengland und den Herren dort wegen ihrer Disziplin die Wahrheit sagen.«
»Gut, das Oberhaus ist gerade versammelt.«
Das Haus der Lords war zahlreich vertreten, da man über das Korngesetz verhandelte. Michel und Asmodi traten in Gestalt zweier abwesender Mitglieder ein: Michel in der Würde eines Herzogs und Asmodi in der eines überreich ausgestatteten Erzbischofs.
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