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Mörder und Gespenster – Band 1 – 22. Teil

August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Muttermörder

Kapitel 3

Am Abend desselben Tages blicken wir in das elende Kämmerchen, in dem die alte Frau Walter wohnt. In ihrem eigenen Bett, das die Grausamkeit des Sohnes ihr nicht hatte vorenthalten können und das noch von besseren Tagen zeugt, liegt die alte Frau. Sie atmet schwer und scheint bereit, jeden Augenblick vor ihren höheren Richter zu treten. Neben ihr auf einem Schemel sitzt das junge Mädchen, das sich ungefragt ihrer Pflege angenommen hat. Als elternlose Waise hatte sie schon seit einigen Jahren im Ort gedient. Da sie gerade ohne Stelle war, weihte sich das gute Geschöpf dieser freiwilligen Aufgabe. Sie verwandte ihr weniges Erspartes gern dazu, das Leid der Greisin zu lindern, der sie wie ein hilfreicher Engel erschienen war. Von ihrer eigenen Herkunft wusste sie nichts; sie war ein ausgesetztes Kind, das eine Bäuerin gefunden und dem Waisenhaus übergeben hatte.

Die Lampe war kurz vor dem Verlöschen. Frau Walter schien zu schlummern, und auch das Mädchen fühlte das Bedürfnis nach Ruhe. Ein Strohsack im Winkel der Kammer diente ihr als Lager. Nachdem sie noch einmal zum Bett der Alten geschlichen war und sich an dem Frieden erfreut hatte, der über deren Antlitz schwebte, löschte sie die Lampe und legte sich schlafen.

Doch sie verharrte noch lange im Zustand zwischen Wachen und Träumen. Die Gerichtsszene lebte vor ihrem inneren Auge wieder auf. Besonders die Gestalt des Mannes, der eines so schweren Verbrechens angeklagt war und im Moment seiner Verteidigung eine so deutliche Anteilnahme für sie gezeigt hatte, schwebte ihr lebhaft vor. Sie versuchte sich zu erinnern, ob sie ihm schon einmal begegnet war, doch vergebens: Er war ihr gänzlich fremd und heute zum ersten Mal erschienen.

Ein sehr leises Geräusch wurde vernehmlich, ohne sie jedoch ganz aus ihrem Schlummer zu reißen. Obwohl sie nicht wusste, was es sein könnte, blieb sie ruhig; einen nächtlichen Einbruch von Dieben hatte sie hier nicht zu befürchten.

Plötzlich öffnete sich leise die Kammertür. Ein greller Schein erleuchtete den Raum, verschwand aber sofort wieder und machte vollkommener Dunkelheit Platz. Leise, tappende Schritte wurden hörbar. Das Mädchen horchte nun hellwach auf ihrem Strohsack sitzend in die Dunkelheit. Die Schritte hielten inne. Einen Moment lang war es still, dann folgte ein dumpfer, erstickter Seufzer. Wieder Stille, bis ein kaum vernehmbares Röcheln zu hören war. Nun hielt es das Mädchen nicht länger aus. Von Todesangst getrieben und mit übernatürlicher Kraft begabt, sprang sie auf und eilte in die Richtung des Bettes.

»Im Namen Gottes! Wer ist hier?«, schrie sie.

Im selben Augenblick brach der grelle Schein wieder aus einer dunklen Hülle hervor. Das Mädchen sah sich einem großen Mann gegenüber, der vor Schreck wie angewurzelt dastand. Sie sprang auf ihn zu, um ihn festzuhalten, falls er fliehen wollte. Da fiel der volle Strahl der Blendlaterne auf ihre Gestalt. Mit dem entsetzlichen Ausruf »Friederike!«, wankte er einige Schritte zurück.

»Woher wissen Sie meinen Namen?«, stammelte sie.

»Also auch du, wie sie – Friederike?«, ächzte der Fremde, als hätte er eine Erscheinung.

»Was wollen Sie hier? Was haben Sie getan?«, fragte Friederike schaudernd.

Der Fremde bebte zusammen. Er stellte die Laterne ab, ging schnell auf sie zu, ergriff ihre Hand und rief mit gedämpfter Stimme: »Nichts! Für dich und für die ganze Welt: nichts! Verstehst du? Wenn du jemals diesen Schleier hebst, wenn du Anzeige erstattest, bist du verloren!«

Er nahm die Laterne und wollte fort. Sie aber sprang zum Bett, wo Frau Walter nun als stumme Leiche lag. Wie im Wahnsinn eilte sie dem Fliehenden nach, packte ihn mit starker Hand und schrie verzweifelt: »Mörder! Nicht von der Stelle! Du hast deine Mutter getötet!«

Da stieg dem Mann das Blut in die Augen. Er versuchte heftig, sich aus ihrem Griff zu befreien. Als ihm dies gelang, drückte er ihr wild die Kehle zu und murmelte: »Nun, so stirb auch du, wenn du es so willst!«

In Todesangst schleppte sich das Mädchen zum Fenster, riss es auf und wollte um Hilfe schreien. Da ließ der Fremde los und rief mit herzzerreißendem Ton: »So töte nun auch deinen Vater, wie du schon deine Mutter getötet hast!«

Sie war befreit, doch sie konnte sich nicht rühren. Vernichtet stürzte sie zu Boden, während der Mörder entfloh.

Ein langer Tag verging, ohne dass ein Sonnenstrahl durch die geschlossenen Läden auf die beiden Frauen fiel. Die eine war dem Tod zum Opfer gefallen, die andere lag im Scheintod daneben. Niemand störte die Ruhe; die Kammer war wie ein Grab. Die Nachbarn, arme Leute, die jeden Tag aufs Neue um ihr Überleben kämpfen mussten, hatten die Wohnung schon früh verlassen, um in den Vierteln der Reichen Arbeit zu suchen. Sie ahnten nichts von dem Geschehenen; die Erschöpfung des Tages schenkte ihnen einen tiefen Schlaf, den kein Geräusch hätte stören können.

Erst am späten Abend, als sie heimkehrten – mit ein paar Münzen in der Tasche und der Freude auf eine Mahlzeit – blickten sie besorgt auf das Haus der alten Frau Walter. Da die Fenster den ganzen Tag geschlossen geblieben waren, vermuteten sie, dass sie krank und ohne Beistand im Bett liege.

Man beriet sich, weitere Nachbarn kamen hinzu, und man beschloss, an die Tür zu klopfen. Doch es blieb still. Die Aufmerksamkeit von vorbeikommenden Polizeisoldaten wurde erregt. Ein Beamter wurde geholt, und unter seiner Aufsicht brach man die Tür auf. Ein entsetzlicher Anblick bot sich dar: Im Bett lag Frau Walter mit blau angelaufenem Gesicht. Ihr Hals zeigte deutliche Würgespuren. Es gab keinen Zweifel: Sie war ermordet worden. In den Gedanken aller Anwesenden tauchte sofort der Name des Mörders auf – doch nur eine Stimme nannte den eigenen Sohn. Das Entsetzen steigerte sich, als man das junge Mädchen bewusstlos am Boden fand. Zuerst hielt man auch sie für tot, doch ein herbeigerufener Arzt fand ein schwaches Lebenszeichen.

Friederike öffnete mehrmals die Augen, schloss sie aber nach einem scheuen Blick sofort wieder und sank wimmernd zurück. Der Arzt verlangte, sie zu schonen, bis sie wieder zu Kräften käme; nur so könne man Aufklärung über dieses schreckliche Ereignis erhalten. Man brachte sie in einer Sänfte ins Krankenhaus, wo sie sorgsam gepflegt wurde.

Die Nacht verlief unruhig; ein schweres Fieber plagte Friederike. Um Mitternacht stieß sie die ersten Worte hervor: »Mein Gott, erbarme dich! Ich kann nicht! Soll ich den Vater ermorden, wie er seine Mutter ermordete?«

Neben der Krankenwärterin saß ein Mann mit feinen Zügen an ihrem Bett. Er trug einen zugeknöpften Oberrock und hielt seinen Stock mit goldenem Knauf fest an das Kinn gepresst. Es war der Kriminalrichter. Pflichtbewusst beobachtete er das Mädchen, um selbst aus ihren Fieberfantasien Licht in die Sache zu bringen.

Jene Worte enthüllten ihm plötzlich die Hälfte des Rätsels. Er wusste nun, wer der Mörder war: der Vater des Mädchens, den sie nicht verraten wollte, um nicht zur Vatermörderin zu werden. Doch war sie wirklich die Tochter Heinrich Walters? Oder hatte er auch seine Mutter ermordet? Dies galt es zu untersuchen. Der Rest der Nacht brachte keine neuen Erkenntnisse. Gegen Morgen ging der Richter nach Hause, um Befehle zu erteilen.

Doch während die Leiche der alten Frau Walter abgeholt wurde, traten Gerichtsdiener in das schöne Haus am Markt, um Heinrich Walter zu verhaften.

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