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Varney, der Vampir – Kapitel 63

Thomas Preskett Prest
Varney, der Vampir
oder: Das Blutfest

Ursprünglich als penny dreadful von 1845 bis 1847 veröffentlicht, als es zum ersten Mal in Buchform erschien, ist Varney, der Vampir ein Vorläufer von Vampirgeschichten wie Dracula, die es stark beeinflusst hat.

Kapitel 63

Die Gäste im Gasthof und die Geschichte vom toten Onkel

Wie Herr Marchdale – der dem Leser nun in seinem wahren Licht als Vertrauter und Helfershelfer von Sir Francis Varney erscheint – bereits zutreffend dargelegt hatte, war an jenem Abend eine neugierige und schwatzhafte Gesellschaft in jener Schenke zusammengekommen, in der sich jene schrecklichen Ereignisse abgespielt hatten, die wir bereits in aller Ausführlichkeit geschildert haben.

Es war kaum zu erwarten, dass das Gespräch in der Gaststube in nächster Zeit um ein anderes Thema als das des Vampirs kreisen würde. Tatsächlich versprachen die mysteriösen und grauenhaften Umstände, auf Jahre hinaus der Stoff für den lokalen Klatsch zu bleiben. Niemals zuvor war ein Thema aufgekommen, das so viele merkwürdige Merkmale aufwies. Soweit die Erinnerung jener Persönlichkeiten zurückreichte, die vermeintlich alles wissen, hatte sich in der Grafschaft nie eine Kette von Ereignissen zugetragen, die so reichlich Raum für Mutmaßungen und Spekulationen bot.

Jeder pflegte seine eigene Meinung und hatte die gleiche Chance, im Recht zu sein wie sein Nachbar. Das Besondere an der Sache war, dass das Interesse am Thema selbst so gewaltig war, dass jede noch so abwegige Vermutung einen Teil dieses Glanzes genoss.

In dieser speziellen Nacht, als Marchdale umherstrich, um Neuigkeiten für den Vampir aufzuschnappen, fand eine ungewöhnlich große Versammlung der örtlichen Schwätzer statt. Nahezu jeder, der im Redeschwingen Rang und Namen hatte, war anwesend – mit Ausnahme eines Einzigen. Dieser saß im Gefängnis der Grafschaft, da er beim Angriff des Militärs auf die Rumpelkammer des Gasthofs nach der Schändung der Toten festgenommen worden war.

Der Wirt war drauf und dran, ein glänzendes Geschäft zu machen, denn Reden macht durstig. Er begann bereits zu kalkulieren, dass ein Vampir etwa einmal im Jahr eine feine Sache für den Blauen Löwen wäre.

»Es ist erschütternd«, sagte einer der Gäste, »es ist entsetzlich, nur daran zu denken. Gestern Abend erlitt ich einen solchen Schrecken, dass ich gefühlt um zehn Jahre gealtert bin.«

»Einen Schrecken?«, riefen mehrere aus. »Ich glaube, ich drücke mich deutlich aus – ich sagte: einen Schrecken.«

»Nun, hatte es denn etwas mit dem Vampir zu tun?«

»Alles.«

»Erzählen Sie uns davon! Wie war es? Kam er zu Ihnen? Fahren Sie fort!«

Der Sprecher wurde augenblicklich zum Mittelpunkt des Raumes – und damit auch in seinen eigenen Augen zu einer bedeutenden Persönlichkeit. Bevor er ein weiteres Wort verlor, stopfte er sich bedächtig eine neue Pfeife und bestellte einen weiteren Krug Bier.

»Es hat keinen Sinn, ihn zu drängen«, bemerkte einer.

»Nein«, stimmte der Erzähler zu, »das hat es nicht. Ich werde euch zu gegebener Zeit berichten, welcher furchtbare Umstand mich heute dreiundsechzig Jahre alt gemacht hat, während ich gestern erst dreiundfünfzig war.«

»War es so grauenhaft?«

»Ziemlich. Ihr hättet es wohl gar nicht überlebt. Nun hört zu: Ich ging wie gewohnt um Viertel nach elf zu Bett. Im Zimmer bemerkte ich nichts Ungewöhnliches.«

»Haben Sie unter das Bett geschaut?«

»Nein. Wie ich schon sagte, ich ging zu Bett und schloss die Tür nicht ab. Da ich einen festen Schlaf habe, würde ich im Falle eines Feuers nichts hören, wenn ich die Tür verriegelte.«

»Stimmt«, warf ein anderer ein. »Ich erinnere mich, einmal …«

»Seien Sie so gut und lassen Sie mich ausreden, bevor Sie anfangen, sich an irgendetwas zu erinnern. Also: Ich schloss nicht ab. Aber irgendwie fühlte ich mich unwohl und wälzte mich unruhig hin und her. Es war vergebens; ich wurde mit jedem Moment nervöser.«

»Und dachten Sie dabei an den Vampir?«, fragte einer der Zuhörer.

»Ich dachte an gar nichts anderes, bis ich meine Uhr auf dem Treppenabsatz Mitternacht schlagen hörte.«

»Ah! Ich höre nachts gern eine Uhr schlagen«, sagte einer; »es lässt einen wissen, dass man nicht ganz allein auf der Welt ist.«

»Schön und gut. Gegen das Schlagen der Uhr hätte ich nichts einzuwenden gehabt; aber es war das, was folgte, was die Sache entschied.«

»Was denn? Sagen Sie schon!«

»Immer mit der Ruhe. Geben Sie mir mal Licht, Herr Sprigs. Ich werde Euch alles erzählen.«

Mit provozierender Langsamkeit entzündete der Sprecher seine Pfeife erneut. Nachdem er ein paar Züge getan hatte, fuhr er fort: »Kaum war der letzte Schlag verhallt, da hörte ich etwas auf der Treppe.«

»Ja?«

»Es klang, als hätte jemand hart gegen eine der Stufen gestoßen – mit einem schweren Stiefel. Ich schreckte hoch und lauschte mit klopfendem Herzen. Dann hörte ich ein seltsames, nagendes Geräusch und wieder einen Schlag auf dem Holz.«

»Wie furchtbar!«

»Das war es. Ich dachte sofort, der Vampir sei durch das Dachfenster eingedrungen. Dann folgte ein Stöhnen und ein weiterer schwerer Schritt. Da das Geräusch unweigerlich auf meine Tür zukam, stieg ich aus dem Bett – völlig kopflos vor Angst –, um doch noch abzuschließen.«

»Verständlich!«

»Ja, aber in einem solchen Zustand ist man nicht besonders geschickt. Ich zitterte am ganzen Leib. Das Zimmer war stockfinster, und ich fand die Tür nicht sofort.«

»Was für eine Situation!«

»Patsch, patsch, patsch kamen diese grauenhaften Schritte näher. Ich tappte in Todesangst umher. Endlich stieß meine Hand gegen das Schloss.«

»Welch eine Rettung!«

»Ganz und gar nicht. Der Schlüssel steckte von außen. Und ihr könnt euch denken, dass ich nicht die Absicht hatte, die Tür zu öffnen, um an ihn heranzukommen.«

»Ich war völlig von Sinnen; es kam mir vor, als käme der Beelzebub persönlich die Treppe heraufgehüpft. Ich versuchte, die Tür von innen zuzuhalten. Jemand begann, am Schloss zu rütteln. Ich wollte um Hilfe schreien, aber meine Zunge klebte am Gaumen. Dann flog die Tür mit Gewalt auf, und ich fiel in Ohnmacht.«

»Und was war es schließlich?«

»Das Erste, was ich sah, als ich zu mir kam, war eine Kerze und ein Haufen Leute, darunter Dr. Webb und meine Haushälterin, Frau Bulk. Dr. Webb sagte gerade: ›Ein plötzlicher Schreck muss die Ursache sein.‹ Als ich Frau Bulk fragte, wie sie mich gefunden hatte, sagte sie: ›Ach, Herr, ich kam leise die Treppe herauf. Die Uhr schlug gerade zwölf, und als ich an ihr vorbeiging, verfingen sich meine Kleider am Gewicht. Es riss ab und polterte die Treppe hinunter. Ich kam sofort zu Ihnen, um den Lärm zu erklären, aber Ihre Tür klemmte, und als ich sie endlich aufdrückte, lagen Sie bewusstlos am Boden.‹«

Ein Raunen der Enttäuschung ging durch die Runde. »Dann war es also gar nicht der Vampir?«

»Sicherlich nicht. Nur ein Uhrgewicht.«

»Warum haben Sie uns das nicht gleich gesagt?«

»Weil das die Geschichte verdorben hätte.«

Trotz des Gelächters blieb die Stimmung gedrückt. Einer rief: »Mag sein, aber Sir Francis Varney ist trotzdem ein Vampir und kein Uhrgewicht!«

»Sehr wahr. Aber wer traut sich, die Stadt von diesem Ungeheuer zu befreien?«

»Alles Aberglaube!«, rief plötzlich Tom Eccles und sprang auf. »Ich verstehe nicht, warum Mitternacht schlimmer sein soll als der Mittag.«

»Würden Sie etwa allein um Mitternacht zu der Ruine gehen, in der Varney verschwunden ist?«

»Ja, das würde ich.«

»Ich wette zwanzig Schilling, dass Sie es nicht tun!«

»Abgemacht!«, rief Eccles. »Ich gehe sofort. Und damit ihr mir glaubt, gibt mir jeder einen Gegenstand, den ich dort verstecke. Morgen könnt ihr sie suchen.«

Nachdem er Taschentücher und andere Pfänder eingesammelt hatte, brach Eccles auf. Es ist eine Sache, in der behaglichen Gaststube zu prahlen, und eine ganz andere, allein durch die dunkle Nacht zu einer verruchten Ruine zu wandern. Eccles holte zu Hause noch eine Pistole, lud sie sorgfältig und verschwand in der Finsternis, während die Gäste im Blauen Löwen gespannt auf seine Rückkehr warteten.

Um die Zeit zu vertreiben, begann der Erzähler von der Uhrgewicht-Geschichte eine neue Erzählung über einen Freund, der ein Erbe angetreten hatte und dabei auf den Geist seines verstorbenen Onkels stieß.

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