Des Teufels Reise durch einen Teil des Protestantismus 08
Des Teufels Reise durch einen Teil des Protestantismus
Aufzeichnungen einer hochgestellten Person
Verlag von Wilhelm Jurany. Leipzig. 1847
»Schwerlich«, antwortete Herr H. und zuckte mit den Achseln.
»Warum nicht«, fragte Satanas mehr als erstaunt, diesen Zweifel an seinem getreuen Sohn zu bemerken.
»Unter den großen Herren haben wir noch zu viele, die gern reden und darum auch zu viel reden«, bemerkte Herr H. »Man kann heute kaum noch zu Menschen reden, ohne ihnen etwas versprechen zu müssen. Versprechungen sind das einzige Palliativ für manche Wunder. Aber kann man wohl etwas versprechen, ohne sich selbst dabei zu versprechen? Ach, ich will schweigen, denn hierin sitzt eben das böse Geschwür, welches nicht so leicht und nicht so schnell zu heilen ist und für welches wir noch nicht den rechten Arzt haben. Denn unsere Ärzte scheinen es noch gar nicht zu wissen und auch kein Kapitel in ihrer Arzneiwissenschaft zu haben, dass unter allen Krankheiten die Maulkrankheiten die gefährlichsten sind.«
»Ich will es dir sehr gern glauben, denn du musst die Verhältnisse und die Lage der Dinge besser kennen als ich, der er nur einen flüchtigen Besuch hierher führt, der ich lediglich aus der Ferne beobachten kann und der nur durch schriftlichen Verkehr mit euch in einer zwar regelmäßigen, aber doch im Ganzen noch nicht genügenden Verbindung steht. Aber es fragt sich doch, wie dem vielen Reden bei uns im Lande gewehrt werden könnte?«
»Das ist lange der Gegenstand meines eifrigsten Nachdenkens bei Tag und Nacht gewesen«, erwiderte Herr H., »wenn Euer Eminenz es erlauben, so werde ich mir die Freiheit nehmen, meine Ansichten hierüber kurz vorzulegen.«
»Ich bitte dich, getreuer Sohn«, sagte Satanas. »Ich bin stets dankbar gegenüber denen, von denen ich etwas lernen kann.«
»Es lassen sich verschiedene Mittel in Anwendung bringen«, sprach Herr H., »um dem unglückseligen und verderblichen Reden Einhalt zu tun und es nicht bloß aus dem Gebrauch des Volkes zu bringen, sondern auch nach und nach aus der Welt zu schaffen. Man sollte diese Mittel aber nicht auf einmal, sondern langsam, d. h. nach und nach, anwenden, damit es die Welt in ihrer großen Neigung zum Verdacht und in ihrem bekannten Argwohn nicht merkt, als ob man ihr etwas von Wert nehmen wolle. Zuerst sollte man auf unseren Universitäten die philosophischen Fakultäten ganz aufheben. Denn von da geht laut der Erfahrung mehrerer Jahrhunderte das Verderben aus, und dort wird das Reden regelrecht gelehrt und schülermäßig geübt. Man würde Tausende von Talern pro Jahr einsparen, die für bessere und edlere Zwecke verwendet werden könnten. Man sieht es klar an der katholischen Kirche. In dieser hat man von den philosophischen Fakultäten an den Universitäten nie etwas gehalten, aber es ist auch von den katholischen Hochschulen viel weniger Samen des Verderbens ausgesät worden. In der evangelischen Kirche treten die Nachteile und Gefahren der philosophischen Fakultäten seit den Zeiten des Freiherrn von Wolf immer klarer hervor. Welch ein ganz anderer Geist ist in Wien zu merken, wenn man es mit dem Sitz des Kantianismus, mit Königsberg, vergleicht? Wie vorteilhaft zeichnet sich Prag im Vergleich zu Berlin oder Leipzig aus? Selbst mit den edelsten Männern, die bisher in den philosophischen Fakultäten wirkten, konnte man nur dann in Frieden leben, wenn man ihnen einige Konzessionen machte. Mit der Zeit wurden sie in ihrem Verlangen nach Konzessionen immer unverschämter. Diese Fakultäten aufzulösen, muss unser erstes Augenmerk sein. Gelingt dies, so würde es in einiger Zeit Wirkung zeigen. Anschließend sollte man in den verschiedenen Zweigen der Staatsverwaltung nur solche Männer als Beamte anstellen, die sehr schlecht oder sehr undeutlich reden, besonders aber solche, die mit ihrer Zunge stammeln und furchtbar stottern. Denn bei diesen Menschen soll man eine angeborene und unüberwindliche Angst vor dem Reden bemerkt haben. Sie werden darum nicht reden, wenn sie nicht durch eine natürliche und unüberwindbare Notwendigkeit dazu gezwungen werden. Die feierliche Stille, die sie umgeben würde, hätte einen sehr wohltuenden Einfluss auf ihre Umgebung. Es war doch wahrlich nicht zufällig, dass Moses, der Urvater aller Gesetzmänner und des ganzen Beamtenpersonals, an seiner Zunge gebunden war. Wie viele überflüssige und schädliche Worte würden durch solche wundersam begabte und schweigsame Naturen unterbleiben! Ihr Schweigen erinnert uns an die Andacht in einem hohen Dom. Dies wäre eines der besten Mittel, um das gesamte Beamtenpersonal zu regenerieren und in einen erwünschten Zustand zu versetzen. Wäre man so weit, könnte man sich langsam rüsten, um die dritte Stufe zu ersteigen. Man müsste nämlich nur solche Männer zu Lehrern an Hochschulen und Gymnasien sowie zu Geistlichen und Predigern anstellen, die entweder engbrüstig sind, am Kehlkopf laborieren oder an den Lungen leiden, kurz, die schwindsüchtig sind und bereits so weit fortgeschritten, dass sie mehr Geist als Leib sind. Da würden sich nicht so viele lernbegierige Schüler und neugierige Zuhörer auf einzelnen Punkten finden. Jetzt wird jedes gefährliche Wort, indem es laut und mit starker Brust ausgesprochen und betont wird, aufgefangen, eingetragen und weiterverbreitet. Wenn wir anfangen würden, nur solche Männer zu lieben, wie ich vorgeschlagen habe, so würde das gefährliche Wort im Katheder stecken bleiben oder vor den ersten Bänken schon zu Boden fallen und sich dort gleich erschlagen. Dadurch würde das Schweigen in Schwung kommen. Besonders von den Lehrern an den Hochschulen weiß man ja aus zu vielen Beispielen, dass sie von ihren Schülern sowohl in ihren Tugenden als auch in ihren Mängeln gerne nachgeahmt werden. Die meisten Lehrer und Geistlichen in einem Land sind ja sehr oft nichts anderes als verschmierte Abdrücke und versiechte Kopien von Universitätsoriginalen. Und weil besonders unter dem Stand der Advokaten, deren Zahl sich in neuerer Zeit auf beunruhigende Weise zu vermehren beginnt, das Reden so sehr missbraucht worden ist, wäre es von unschätzbarem Vorteil, wenn zu solchen wichtigen Ämtern, die so stark in das Volksleben eingreifen, nur völlig Stumme zugelassen würden. Dadurch würden vielen schändlichen Intrigen ein unübersteiglicher Damm entgegengesetzt und viele schreckliche Reden gar nicht erst geboren werden.«
»Köstlich, köstlich, ich bin überrascht«, fiel Satanas ein. »Du hast deine Sachen erwogen. Niemand soll sagen, dass du zu den Flachköpfen unseres Jahrhunderts gehörst. Ich habe viel über dich gehört, was zu deinem Ruhm gehört, aber deine Mitteilungen erfüllen mich mit Bewunderung. Ich kenne wenige, die mit dir um den Preis streiten könnten. Fahre weiter fort.«
»Dann müssten Belohnungen ausgesetzt werden, sei es in Form besonderer Ehrenzeichen, Denkmäler, Geldremunerations oder Avancements für diejenigen, die aus freien Stücken und mit klarer, wohlüberlegter Überzeugung ein Jahr lang oder eine andere bestimmte Zeitdauer keine Silbe gesprochen haben, ungeachtet ihrer körperlichen Verfassung. Das würde Wunder wirken unter dem jungen Nachwuchs. Einige bisher verkannte Geister würden wir in ihrer Begabung kennenlernen. Dasselbe ehrende und auszeichnende Verfahren müsste gegen alle diejenigen beobachtet und ausgeführt werden, die ein Jahr lang oder eine andere bestimmte Frist in einem Zug geschlafen haben, ohne ein Glied zu rühren oder jemals in ihrem Schlaf von unruhigen Träumen heimgesucht zu werden. Man hat zwar bisweilen mit viel Erfolg versucht, dieses Mittel anzuwenden, aber nirgends hat man es bisher so ausgenutzt, wie es nötig und ratsam ist. Viele Personen, die bisher noch gar nicht eingesetzt wurden, könnten in diesem Fall auf die leichteste und natürlichste Art verwendet werden und würden sich als sehr nützlich und segensreich erweisen. Wenn aber ein Mensch die Kühnheit hätte, sich die Zunge abzubeißen oder mit eigener Hand abzuschneiden, dann müsste sowohl für ihn als auch für seine Nachkommen, wenn sie des Vaters Tugenden erben und sich auszeichnen, die Aussicht verschafft werden, zeitlebens auf Kosten des allgemeinen Besten verpflegt zu werden.«
»Ja, dazu will ich behilflich sein, so viel ich nur kann«, unterbrach Satanas Herrn H. »Hast du all diese Ansichten aus dir selbst?«
»Erlaube mir, Ew. Eminenz, noch einen wesentlichen Punkt hinzuzufügen«, sprach Herr H. »Es müsste ein hoher Preis für denjenigen ausgeschrieben werden, der die beste Schrift über die Nachteile und die Schädlichkeit der menschlichen Sprache abfassen würde.«
»Ja, ich glaube selbst«, bemerkte Satanas, »wenn wir es erst so weit gebracht haben, können wir den Menschen getrost ihre Ohren zum Hören und ihre Augen zum Sehen lassen. Schaden könnte dann durch diese beiden Sinne nicht mehr angerichtet werden.«
»O nein«, bemerkte Herr H. und verbeugte sich.
»Ich schöpfe wieder Mut durch deine gehaltvollen Ratschläge, getreuer Sohn«, nahm Satanas wieder das Wort. »Denn die ersten Eindrücke, die ich hier bei euch empfing, waren nicht der besten Art. Du musst es gestehen, dass es an anderen Orten doch viel besser steht als bei euch. Du weißt aus meinen Briefen, dass ich vor einiger Zeit das gesegnete England besuchte. Die Vorzüge der Episkopalkirche, das Feste, das Geschlossene, das Historische, welches sich in ihren zahlreichen Institutionen ausspricht, darf ich dir nicht schildern, du kennst sie und warst von jeher ein stiller Verehrer dieser Kirche. Sie ruht auf dem Episkopat als ihrem Felsen. Und in der lutherischen Kirche wird es nicht lange dauern, bis sich auch in ihr diese Ansicht und die Forderung nach dem Episkopat mit seiner vollen Jurisdiktion in den Vordergrund drängen werden. Wenn man aber die Episkopalkirche in ihrem Herzen aufsuchen will, muss man sich nicht nur in London umsehen. Man muss einen Schritt weiter gehen. Länger als in London, wo die große Zahl der Dissenters einem Menschen doch zuletzt etwas beschwerlich und unangenehm wird, hielt ich mich in Oxford und Cambridge auf. Die Puseyisten sind ganz ausgezeichnete Menschen. Sie empfingen mich mit seltener Liebe und Zuvorkommenheit. Es gibt keinen, den ich nicht meinen Freund nennen könnte. Ihr erschreckt, wie ich höre, hierzulande noch immer über die Richtung ihrer Theologie oder ihre neuen dogmatischen Grundsätze. Das ist wieder so eine alte deutsche Angst. Wieder so ein Schrecken, wie man ihn nirgends sonst auf der Welt findet, nur in dem lieben Deutschland. Siehe, mein getreuer Sohn, die Puseyisten haben das wahre Ziel im Auge und haben auch schon mit seiner Verwirklichung begonnen. Ihr steht noch immer vor der Tür wie die Kinder und scheut euch noch immer auszusprechen, wohin wir eigentlich durchdringen müssen. Ich glaube, vieles halbe Wesen unter euch kommt daher, dass ihr auf halbem Wege stehen bleibt und noch nicht den rechten Mut und das volle Vertrauen zu den neuen Ideen habt. Ich habe dort den Sydew aus Potsdam herumtreiben sehen. Ich sah ihn bald mit den würdigsten Episkopalen, bald auch mit den wunderlichsten Dissenslern umgehen. Was dieser euch über Englands Kirchenwesen berichtet hat und noch berichten wird, wird in seiner Manier ohne tiefe Einsicht und ohne dogmatischen Grund mit rationalistischem Sauerteig vermischt sein.«
»Das ist sehr richtig«, bemerkte Herr H., »ich habe von Anfang an nichts Besonderes erwartet und mich bereits gegen seine Mitteilungen und falschen Anschauungen sehr bestimmt erklärt.«
»Das ist sehr löblich von dir, mein getreuer Sohn«, nahm Satanas wieder das Wort. »Er wird nur die ganze Geschichte verderben, und wenn wir keine geistliche Aristokratie bekommen und den Adel nicht für unser Bücherwesen empfänglich machen und gewinnen, dann haben wir es ihm zu verdanken. Oxford ist nun der Diamant in meiner Krone. Und wahrlich, ich gebrauche ihn auch. Denn was habe ich so vieles, was mich heute mit Entzücken erfüllen könnte. Die Grundsätze der Puseyisten sollten auf dem Festland gründlich erörtert werden. Was meinst du dazu, mein Sohn?«
Herr H. antwortete: »Ich bin mir über den Puseyismus noch nicht völlig im Klaren. Bei aller Ehrfurcht, die ich den Führern dieser Partei seit ihrem ersten Auftreten entgegenbringe, und bei aller Freude darüber, dass sie auf historischem Grund fußen wollen, sich jeder Zutat zu diesem Fundament widersetzen und alles Rationale vom Christentum rechtmäßig abschneiden – dennoch kommen sie mir wie eine Erscheinung vor, die zwar in der Episkopalkirche Englands entstehen konnte, niemals aber in der lutherischen Kirche Deutschlands.«
»Wie kannst du, getreuer Sohn, solchen längst überwundenen Ideen noch huldigen?«, fragte Satanas. »Die Mission des Puseyismus ist großartig, und in seiner Erscheinung tritt das Provinzielle unserer kirchlichen Entwicklung am deutlichsten hervor. Du wirst doch nicht leugnen, dass Luther in manchen Dingen zu weit ging, als er sich von Rom losriss? Dass er manche geheiligte und heilsame Institution hätte bewahren sollen? Du wirst kaum leugnen können, dass er bisweilen eben nicht vom Heiligen Geist getrieben war.«
»Das kann ich keineswegs in Abrede stellen«, erwiderte Herr H. »Luther verfuhr bisweilen zu eigenmächtig. Doch was war die größte Willkür, die er sich in dogmatischer Hinsicht erlaubte – und der sich sämtliche Reformatoren Deutschlands so voreilig anschlossen? Wir reden hier unter vier Augen, darum können wir offen darüber sprechen: Luther erkannte die Notwendigkeit der Katholizität für seine Kirche. Er wusste genau, dass eine Kirche ohne Katholizität aufhört, Kirche zu sein. Diese Katholizität musste er daher im Angesicht seiner Gegner, die auf geschichtlichem Boden standen, auch für seine Partei beanspruchen.
Was tat er aber, um diese zu erlangen? Er versuchte sie zu retten, indem er die Katholizität kurzerhand in die ersten vier Jahrhunderte der Kirche verlegte. In dieser Willkür griff er nach den drei bekannten Symbolen jener Epoche: dem Symbolum Apostolicum, dem weitläufigeren Symbolum Athanasianum und dem ausführlichen Symbolum Athanasii contra Arianos scriptum mit seinen vierzig Glaubenssätzen und dem bekannten Schluss: ›Dies ist der kirchliche Glaube; wer ihn nicht fest und treu glaubt, kann nicht selig werden.‹
Hierzu könnte man Luther einiges fragen: ›Freund, warum verwirfst du alle Symbole und Konzilsbeschlüsse der katholischen Kirche bis auf diese drei? Warum behieltest du nicht die Beschlüsse von fünf oder zehn Jahrhunderten?‹ Welches Kriterium war ausschlaggebend für diese Auswahl? War es die Bibel? Nahm er sie an, weil sie mit der Schrift übereinstimmen? Wohl kaum! Denn dann hätte er auch viele andere Synodalbeschlüsse späterer Jahrhunderte anerkennen müssen, denen er keine Schriftwidrigkeit nachweisen konnte.
Oder war die Vernunft sein Kriterium? Dann wäre Luther der erste Rationalist der lutherischen Kirche gewesen. Doch die Vernunft handelt nicht so willkürlich; sie hört auf, vernünftig zu sein, sobald sie den Gesetzen der inneren Notwendigkeit untreu wird. War es ein dunkles Gefühl? Dann hätte er nach Art der Schwärmer gehandelt und diese als seine Brüder ehren müssen. Oder war es die Tradition? Dann hätte er den römischen Standpunkt gar nicht verlassen dürfen.
Unsere gelehrten Dogmatiker reden klug daher, wenn sie diese drei Symbole die ›Hauptsymbole der allgemeinen Kirche‹ nennen. Aber keiner von ihnen vermag schlüssig zu erklären, warum alle übrigen Symbole, die zwischen dem 4. und dem 16. Jahrhundert liegen, einfach beiseitegeschoben wurden. Die griechische Kirche zählt bekanntlich sieben ökumenische Kirchenversammlungen und ebenso viele Symbole. Die römische Kirche zählt siebzehn Synoden. Es ist nicht einmal wahr, dass Luther nur die drei ersten Symbole annahm: Was spätere Synoden als Dogma über die menschliche Natur oder über Sünde und Gnade festsetzten, übernahm er stillschweigend. Die Synode zu Ephesus etwa verdammte erst im Jahr 431 den Pelagianismus – ein Urteil, das Luther übernahm, obwohl es jenseits seiner selbst gezogenen Grenze lag.
Hierin hat Luther offenbar gefehlt. Nach Belieben greift er in die Geschichte, zieht im 4. Jahrhundert eine Demarkationslinie und spricht: Was jenseits der Linie steht, ist mein; was diesseits liegt, brauche ich nicht, denn es ist vom Irrtum infiziert. Hic aqua haeret, mi amice! Genau an diesem Punkt nehmen alle Schwankungen und Unsicherheiten ihren Ausgang – nicht bloß der lutherischen Dogmatik, sondern der lutherischen Kirche als Ganzes.
Denn hat es Luther mit dem Kultus besser gemacht? Hat er auch nur die Institutionen aus den Zeiten der drei ersten allgemeinen Symbole in seine Kirche übernommen? Hat er nicht vielmehr Institutionen aus späteren Jahrhunderten faktisch in die lutherische Kirche übertragen, ohne deren Begründung auf seinem eigenen Standpunkt nachzuweisen? Es scheint fast, als hätten ihn bisweilen subjektives Belieben und purer Geschmack geleitet.
Du weißt, dass ich ein großer Verehrer der lutherischen Kirche bin, besonders in unserer Zeit. Doch unter uns gesagt: Ich kann nicht verbergen, was an ihr willkürlich und falsch ist. Ein volleres und reineres Bild des Christentums in seiner Wahrheit gewährt die Episkopalkirche Englands. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Bewegungen in der lutherischen Kirche – getragen von denkenden Theologen und frommen Fürsten – der englischen Kirche entgegenführen müssen, wenn der lutherische Glaube auf dem Kontinent nicht zerfallen und in Weltlichkeit versinken soll.
Doch auch in der Episkopalkirche, so viel reiner sie das Christentum in Kultus, Disziplin und Verfassung auch auffasst, zeigt sich in dogmatischer Hinsicht dieselbe Willkür. Daher ist es ein großartiger und folgenreicher Schritt, dass die Puseyisten jede Willkür verachten und zur göttlichen Ordnung zurückkehren. Sie erkennen die Kluft zwischen den ersten drei Jahrhunderten und deren dogmatischen Festsetzungen nicht bloß an, sondern fordern sie als kirchlich bindend ein.
Von der Episkopalkirche Englands allein kann dem deutschen Protestantismus die rechte Hilfe kommen; von ihr ist seine Regeneration zu erwarten. Sie steht der lutherischen Kirche so nahe: Einerseits lehnt sie den reformierten Spiritualismus entschieden ab und zeigt sich als eine ecclesia lutheranizans (lutherisierende Kirche). Andererseits reicht sie dem wahren Katholizismus die Hand und zeigt sich als catholicizans. Sie steht als Mittlerin zwischen beiden Welten – dieses Mittlergeschäft ist ihre kirchengeschichtliche Mission.
Da die katholisierende Seite stets die überwiegende sein muss (weil das Lutherisierende nur die menschlich vorübergehende Seite darstellt), führt sie früher oder später zur vollen Katholizität. Wenn die Episkopalkirche bereits höher und auf festerem Grund steht als die lutherische, so ist der Puseyismus erst ihre Vollendung und konsequente Ausbildung. Das erkennen in England die erleuchtetsten Theologen ein; darum findet der Puseyismus dort auch so steigenden Beifall. In Deutschland hingegen seid ihr immer nur für halbe Maßregeln zu haben – selbst wenn ihr alles könnt, so fehlt euch doch regelmäßig die Konsequenz eines geschlossenen Systems. Ihr deutschen Theologen kommt mir vor wie ein Kind, das die Mutter um Erlaubnis bittet, einen Spaziergang von drei Meilen zu machen, dann aber erschrocken und schreiend nach Hause läuft, sobald es im nächsten Wald ein paar Vöglein im Gebüsch hüpfen sieht. Weil ihr den Weg des mutigen Puseyismus aus kindischer Angst nicht zurücklegen könnt, beruhigt ihr euch mit Träumen nach Kinderart und mit falschen Vorstellungen, die euch einige gelehrte Ammen beigebracht haben.
Überhaupt lebt ihr – wie die Christen des russischen Reiches und des Morgenlandes – mehr von falschen Vorstellungen, die aus eurem Argwohn und der bloßen Betrachtung der Dinge aus der Ferne stammen, als von einer klaren Anschauung der Verhältnisse. Die Episkopalkirche – oder vielmehr ihre Krone, der Puseyismus – wird eines Tages das Band sein, durch welches sich die protestantische und die griechische Kirche in die allgemeine Kirche auflösen und in der Katholizität aufgehen werden. Ist dies nicht auch dein Glaube?«
»Wir sind jedoch durch die neuesten Berichte, die man in Deutschland über die Episkopalkirche verbreitet hat, wieder einige Schritte vom Ziel abgebracht worden«, antwortete Herr H.
»So?«, fragte Satanas. »Gewiss? Das wäre wohl wieder ein Stückchen der alten deutschen Tücke!«
»Ja, das glaube ich fast«, bemerkte Herr H.
»Nun, dann werde ich mein England und seinen Puseyismus nicht so bald in meinem Herzen vergessen. Von Oxford ging ich nach Trier. Ich hielt mich in jener gesegneten Gegend mehrere Monate auf; mein Weg von England über Belgien führte mich dorthin. Nimm keinen Anstoß daran, mein getreuer Sohn, dass dort die katholische Kirche herrscht. Merke dir als feste Regel: Was der katholischen Kirche aufhilft, das fördert auch die lutherische Kirche.«
»O, das weiß ich nur zu gut«, antwortete Herr H. »Gerade in unserer Zeit muss man immer mehr zu der Erkenntnis kommen, dass die katholische Kirche uns viel näher steht als viele Feinde innerhalb unserer eigenen Kirche. Ja, ich glaube sogar, wir müssen uns mit ihr verbünden, wenn wir den Bewegungen der ›Lichtfreunde‹ einerseits und den Bestrebungen der ›Deutsch-Katholiken‹ andererseits gewachsen sein wollen, die uns von verschiedenen Seiten bedrängen.«
»Ganz gewiss«, erwiderte Satanas. »Ich freue mich, dass du bereits zu dieser Einsicht gelangt bist. Das Wachstum des Glaubens in der einen Kirche wirkt allemal wohltätig auf das Emporblühen des Glaubens in der anderen zurück. Wahrlich, hätte der Katholizismus es erst wieder so weit gebracht, wie es nötig ist, so wäre es ein Kinderspiel, das Christentum auch in der lutherischen Kirche auf den gewünschten Standpunkt zu erheben.
Denn so viel wirst du mir gewiss einräumen müssen, mein getreuer Sohn: Bei der Ausstellung des Heiligen Rockes in Trier und dem Anblick dieses wunderbaren Kleides unseres Herrn und Heilands hat sich eine ganz eigene Belebung und die schönste Erhebung des Glaubens gezeigt. Ein neuer Glaubensstrom hat jene Gegenden auf lange Zeit befruchtet. Solche Konzentrationen des Glaubens fehlen dem Protestantismus bisher völlig.
Aus allen Rheinlanden strömten die Menschen auf tausend Wegen zusammen. Eine feierliche Prozession drängte die andere, eine Festscene folgte der nächsten. Was auch immer flache Köpfe und gemütslose Menschen – denen jede sinnliche Anschauung des Lebens fehlt – dagegen einwenden mögen: Es ist der Beachtung nicht wert! Das Religiöse kann nicht allein auf den Geist verwiesen sein; es will und muss auch in äußeren Erscheinungen hervortreten und eine gewisse Leiblichkeit gewinnen. Verkennen wir dies, so leiden wir sogleich an einem falschen Spiritualismus und verfallen in die Leere und Nichtigkeit.
Das ist ja die alte Krankheit, an der die lutherische Kirche leidet – besonders seitdem sie sich der Reformierten Kirche genähert und mit ihr eine unglückselige Gemeinschaft eingegangen ist. Du hättest die Andacht an jener heiligen Stätte sehen sollen! Ach, das ist ein ganz anderes Ding, als ich es in allen protestantischen Tempeln gefunden habe. Nirgends in den protestantischen Kirchen – selbst dort nicht, wo rechtgläubige Geistliche seit Jahren wirken und all ihre Kräfte aufbieten – sieht man eine solche Tiefe und Innigkeit der gläubigen Andacht, wie ich sie dort bewundern musste.
Die Priester erscheinen dort überall als die wahren Führer des Volkes. Es war, als ob die alten Zeiten der geistlichen Kurfürsten mit ihrer glücklichen Herrschaft unter dem milden Krummstab zurückgekehrt wären. Dort gilt der Geistliche noch etwas! Dort wird dieser Stand noch immer als der Vermittler zwischen der sündigen Erde und dem gnädigen Himmel angesehen.
Und ach, wie verachtet, wie übersehen, wie zertreten und gedrückt – ja, wie ganz bedeutungslos und überflüssig für das Leben erscheint dagegen der lutherische Geistliche! Das Volk hat ihn verlassen. Er kann es nicht mehr führen und leiten. An eine Herrschaft über das unmündige Volk ist unter den Protestanten gar nicht zu denken. Dort in Trier aber hat der Heilige Rock, das sage ich dir, solche Wunder am Volk getan, den alten Glauben wieder geweckt und den Stand der Geistlichen zu neuen Ehren erhoben, dass es ein Leichtes wäre – wenn die Leute nur ihre Kräfte schon jetzt daran setzen wollten –, ein neues, selbstständiges Reich für jene Gegenden zu schaffen, so wie sie es vor gar nicht langer Zeit durch die Losreißung Belgiens von Holland getan haben. Die Priester sind dort wieder allmächtig; die Kirche ist dort wiederum der Mittelpunkt allen Lebens. Volk und Adel beugen sich vor demselben Zeichen.
Solange bei euch der Stand der Geistlichen nicht mit mehr Amtsgewalt versehen wird, solange die Kirche nicht stärker in den beherrschenden Vordergrund tritt und solange der Adel sich nicht mit der Geistlichkeit verbindet – oder diese jenen für sich gewinnt –, wird die protestantische Kirche stets nur ein kümmerliches Dasein fristen, bis ein Zufall oder ein böses Ungefähr plötzlich ihren Untergang herbeiführt.«
»Eure Eminenz erwähnen damit Gegenstände, mit denen sich mein Nachdenken schon vielfach beschäftigt hat«, gab Herr H. zur Antwort. »Sie sprechen Ansichten aus, die für die lutherische Kirche zwar neu sind, zu denen ein tieferes Forschen jedoch jeden Denker führen muss. Darum sind mir diese Ideen keineswegs fremd. Wer ein Auge für die Wunden des Protestantismus hat und weiß, auf welch unsicherer Grundlage das gesamte Völkerleben seiner Anhänger ruht, dessen Blick wird diese Forderungen für unser Jahrhundert nicht mehr befremdlich finden.«
Indem Herr H. diese Worte sprach, hörte er die Uhr vom nächsten Kirchturme schlagen. Er erhob sich und wollte einige Entschuldigungen wegen der Länge seines Besuchs stammeln.
»Ja, es ist spät geworden bei unserem Reden, mein getreuer Sohn«, bemerkte Satanas. »Aber wir haben auch mancherlei miteinander zu besprechen. Ich will dich nicht aufhalten, in der Hoffnung, dich nächstens bei Gelegenheit noch einmal zu sprechen. Wir haben heute vor allem unsere Klagen geteilt und die Schmerzen unseres Innern ausgeschüttet; zu wenig haben wir noch über die nötigen Heilmittel gesprochen, welche die Zeit mit jedem Tage lauter zum Heil der Kirche erheischt.
Doch erlaube noch eines, ehe du gehst: Ich erblicke eben unter den heute mir zugestellten Briefen noch einige Sachen. Und wenn mich diese Handschrift nicht ganz und gar täuscht, so ist dieser Brief von unserer hochverehrten Freundin, der Frau Exzellenz.«
Fortsetzung folgt …
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