Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer Band 1 – Teil 17
Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer
Nach seinen Tagebüchern bearbeitet von Robert Kraft
Band 1
Kapitel 3, Teil 2
Flederwisch und Wetterhexe
Bisher war Nobody immer nur in der Maske irgendeiner Gestalt erschienen, die dem alten Herrn unbekannt war. Dies war das erste Mal, dass sich Nobody in einen Mann verwandelt hatte, den Mr. World von Grund auf kannte – er kannte doch seinen Paddy, seinen Kassenboten, dem er nun schon seit über zehn Jahren die größten Geldsummen und die wichtigsten Einschreibebriefe anvertraute. Er hätte dies auch noch vor einer Minute getan, denn das war doch sein stotternder Kassenbote gewesen.
Kurz und gut, der alte Herr war nicht nur starr vor Staunen, als sich sein Kassenbote plötzlich so verwandelte, sondern er entsetzte sich förmlich wie vor einem nicht wegzuleugnenden Gespenst.
»Das ist doch nicht menschenmöglich!«, stöhnte er. »Nobody, sind Sie das wirklich, oder habe ich eine Vision?«
»Ich bin es, und ich komme, um endlich einmal zwischen uns …«
»Ja, wie ist das möglich? Wo ist denn Paddy? Sie haben doch seine Sachen an!«
Es half alles nichts, World hatte alles Geschäftliche vergessen. Erst musste Nobody dieses Rätsel aufklären.
Es war sehr einfach – wenigstens für Nobody. Er war in seinem Hotel gewesen, hatte den Brief gleich gelesen und – das musste man ihm lassen – dieser Mann hatte nichts weiter als Verrücktheiten im Kopf. Oder er musste eben schauspielern und Komödie treiben. Anders ging es nicht bei ihm. Kurz und gut, er hatte den biederen Paddy bewogen, ihm seine Kleidung zu geben. Eine rothaarige Perücke besaß er unter seiner Garderobe. Er war als der stotternde Kassenbote gekommen und die Täuschung war vollkommen gewesen. Wahrscheinlich hätte ihn sogar Paddys eigene Frau für ihren Mann gehalten.
Derartiges steht nicht ohne Gegenbeispiel da. So trat beispielsweise der berühmte Schauspieler Emil Devrient oftmals als Doppelgänger bekannter Personen auf. Er setzte sich an den Stammtisch und wurde für eine andere Person gehalten. Mit dieser brauchte Devrient für gewöhnlich nicht die geringste Ähnlichkeit zu haben. Der Irrtum wurde erst bemerkt, wenn diese andere Person den Raum betrat.
»Wollen wir jetzt vom Geschäft sprechen?«, begann Nobody wieder.
Mr. World raffte sich auf. »Jetzt oder nie!«
Wir müssen den Grund angeben, warum sich der alte Verlagsbuchhändler seit den letzten beiden Wochen förmlich davor fürchtete, mit Nobody mündlich zu verhandeln.
Wie oft hatte World sich nicht schon vorgenommen, beim nächsten Zusammentreffen mit Nobody die Leviten zu lesen und ihm die Alternative zu stellen: Entweder er widmet sich endlich dem geplanten Unternehmen oder er tritt von der ganzen Sache zurück – vielleicht gegen eine Entschädigungssumme –, denn er selbst, Henry World, habe keine Lust mehr, sich von einem Abenteurer und Projektemacher an der Nase herumführen zu lassen.
Aber es war ganz merkwürdig. Der sonst so energische Geschäftsmann konnte seine wohl einstudierte Rede nie anbringen. Entweder er vergaß sie in Nobodys Gegenwart oder er wagte es nicht. Jedenfalls ging Nobody stets als Sieger von dannen und hatte den, der mit ihm ein für alle Mal brechen wollte, jedes Mal auch noch tüchtig angepumpt.
Lag das daran, dass Nobody immer in einer fremden Gestalt erschien und so erst eine große Überraschung bereitete, welche alles andere vergessen ließ?
Nein, sicher nicht. Es lag in seinem Benehmen, seinem Auftreten, seinem Blick, seinem ganzen Wesen. Es war etwas an ihm, es ging etwas von ihm aus, das … sich nicht mit Worten beschreiben lässt.
Es war dasselbe, was den beiden Yankees damals an Bord nicht erlaubt hatte, ihn nach seinem Alter zu fragen.
»Ich glaube, er ist ein Raubtierbändiger«, hatte der eine gesagt.
Bisher war Mr. World immer allein gekommen, wenn Nobody ihn besucht hatte. Diesmal aber war sein Schwiegersohn anwesend, und das gab ihm Mut.
»Nun, mein Herr?«
»Mr. World, ich komme mit einem großen Anliegen. Nach reiflicher Überlegung brauche ich für das Vorhaben, das in unserem beiderseitigen Interesse liegt, eine eigene, schnelldampfende Jacht. Sie muss schneller sein als der schnellste Passagierdampfer. Das lässt sich auch bei einer kleinen Jacht mit genügend Pferdestärken erreichen, obwohl ich an eine Jacht von wenigstens 500 Tonnen denke, die von mindestens 12 Matrosen und Heizern bedient wird. Ich muss eben imstande sein, den schnellsten Passagierdampfer zu überholen. Ich muss immer eher da sein als die Person, auf die ich es abgesehen habe. Was solch eine Jacht kostet? Na, sagen wir: rund eine Viertelmillion Dollar. Für Sie eine Kleinigkeit …«
Mr. Law musste sich schnell auf die Lippen beißen. Er wäre bald in schallendes Gelächter ausgebrochen, nämlich über das Gesicht, das ihm sein Schwiegervater zuwandte. Dieses Staunen, dieser Schreck, dieser hilfeflehende Blick, der auf den Schwiegersohn gerichtet war, diese Dummheit, die plötzlich in den sonst so klugen Zügen des alten Herrn lag – es war ein unbeschreibliches Gesicht!
»Sie machen doch nur Spaß!«, brachte World endlich hervor.
»Ich? Nein, ich spreche im Ernst. Aber ich denke, Sie wollten nur einen Witz machen, als Sie mir zumuteten, ich solle mich wegen jener verrückten Erbschaftsgeschichte, in der das verschollene Grab eines Hundeköters die Hauptrolle spielt, gleich nach Brasilien begeben.«
Mr. World sah nochmals zu seinem Schwiegersohn, dieser nickte ihm zu, doch der alte Herr missverstand das Nicken und glaubte, Law spreche ihm Mut zu: »Jetzt gehe einmal energisch vor!« – Und er ging endlich energisch vor.
»Sie haben ganz recht, mein Herr. Diese Hundeaffäre war nur das Erste, was ich aus der Fülle von interessanten Neuigkeiten, die zurzeit alle Welt beschäftigen, den Zeitungen entnahm, um Sie zu einem definitiven Bescheid zu zwingen. Und nun, mein Herr, frage ich Sie zum letzten Mal, ob Sie sich endlich unserer Sache widmen und einen Anfang machen wollen oder ob Sie vielleicht denken, ich hätte mir die 500 000 Pfund nur zum Privatvergnügen ausgedacht …«
»Zum letzten Mal wollen Sie mich fragen?«, unterbrach Nobody den Sprecher. »Sie haben mich überhaupt noch gar nicht deswegen gefragt. Aber gut, dass Sie damit anfangen. Aus der Alternative, die Sie mir stellen, und der Tatsache, dass Sie diese Hundegeschichte als Mittel zum Zweck wählen, ersehe ich, dass mich die Herren – oder doch Sie, Mr. World – überhaupt noch gar nicht richtig verstanden haben, obwohl ich mich damals doch deutlich genug erklärt habe. Sie wollen, dass unsere Zeitung als erste Nummer und auch später immer wieder etwas Sensationelles, Mysteriöses oder Ähnliches, das zurzeit alle Welt beschäftigt, herausgreift, mit der Bemerkung, dass ich mich als Berichterstatter und Detektiv sofort an den Ort des Geschehens begeben würde, um den Fall aufzuklären und den Verbrecher zu fassen. Nichts falscher als das! Und wenn mir das nicht gelingt? Ich bin auch nur ein Mensch.
Dann sind wir die Blamierten, und das fällt auf die ganze Zeitung zurück. Nein, das werde ich anders machen. Wir werden ganz sicher gehen. Nie werden wir das Publikum täuschen und enttäuschen. Ich fange gewissermaßen immer von hinten an. Passen Sie auf, meine Herren, wie ich das meine. Ich promeniere auf der Straße, hier in New York, in Paris oder in Peking. Ich beobachte die Straßenpassanten. Da fällt mein Blick auf einen Mann. Halt, sage ich mir sofort, der hat etwas getan, der hat kein reines Gewissen. Der hat einen großen Diebstahl begangen, wenn nicht gar einen Raubmord. Dabei muss dieser Mann kein auffälliges Benehmen an den Tag legen. Es kann der kaltblütigste Bösewicht sein, der jeden seiner Gesichtsmuskeln unter Kontrolle hat. Das ist eben eine ganz eigentümliche Gabe von mir, ich möchte es fast Instinkt nennen, dass ich die innersten Gedanken eines jeden Menschen sofort erkenne. Sein Gewissen liegt gewissermaßen offen vor meinen Augen.
»Können Sie das wirklich«, unterbrach ihn der Journalist, »jedem Menschen ansehen, ob er ein reines Gewissen hat oder nicht?«
»Ganz gewiss. Auch Sie, Mr. Law, haben kein reines Gewissen.«
»Ich?«, fragte der junge Mann. »Nanu! Was soll ich denn verbrochen haben?«
»Lassen Sie sehen …«, sagte Nobody, zog an einer Schnur an seinem Hals einen Klemmer und betrachtete den jungen Mann mit forschenden Augen. »Jawohl, ganz rein ist Ihr Gewissen nicht. Im Gegenteil … Es ist furchtbar belastet. Mensch, was haben Sie denn eigentlich begangen? Meiner zuverlässigen Ansicht nach einen Kirchenfrevel. Sie haben eine Kirche geschändet. Es kann gar nicht so lange her sein. Das liegt Ihnen nun furchtbar schwer auf dem Herzen.«
Und Nobody nahm seinen goldenen Kneifer mit einer Bewegung ab, die seine tiefe Überzeugung von seiner Unfehlbarkeit ausdrückte.
Mr. Law saß wie vom Donner gerührt da, obwohl es doch offen zutage lag, dass Nobody nur scherzen konnte. Aber das war dann doch etwas zu viel des Scherzes, so etwas konnte man gar nicht für möglich halten.
»Was?! Ich … ein … Kirchen … schänder?!«
»Gewiss ist es so. Und ich irre mich nie. Oder ist es vielleicht kein Frevel gegen das Allerheiligste, wenn man in der Kirche während der Predigt einschläft, seiner andachtsvollen Frau und der ganzen Gemeinde etwas vorschnarcht und dabei die ganze Zeit träumt?«
Da lehnte sich Mr. Law in seinem Stuhl zurück, brach in ein Lachen aus und ihm liefen die Tränen an den Backen herunter. Mr. World stimmte gleichfalls mit ein. Es war in der Tat so, und der Sünder hatte seinem Schwiegervater bereits von seinem Malheur am vergangenen Sonntag erzählt. Gestern war nämlich Sonntag gewesen. Seine Gattin hatte ihn, der ausnahmsweise zu Hause war, am Morgen mit in die Kirche geschleift. Der etwas übernächtigte Journalist war eingeschlafen und im besten Schnarchen von seiner empörten Frau aufgerüttelt worden.
»Woher wissen Sie denn das? Waren Sie gestern in der Markuskirche? Gehen Sie überhaupt in die Kirche?«
»Ich werde mich hüten. Nein, ich weiß eben manches, was andere nicht wissen. Ich habe ganz sonderbare Augen. Ihnen, Mr. World, sehe ich auch gleich an, dass Sie kein gutes Gewissen haben. Sie haben – warten Sie, lassen Sie mich in Ihre Augen sehen … Ah, bei Ihnen ist es ja ganz klar, Sie haben etwas gestohlen.«
»Was … habe … ich?«
»Stibitzt, gemaust, gestohlen. Und zwar Geld … Machen Sie keine Geschichten – das kann ich alles in Ihren Augen lesen. Ja, ich wage sogar, die Höhe der Summe anzugeben, die Sie sich heute unrechtmäßig angeeignet haben. Sie schwankt zwischen 995 Dollar und 86 Cent sowie zwischen 1007 Dollar und 18 Cent. So genau kann ich meine Augendiagnose stellen.«
»Na«, sagte der alte Herr empört, »mit solchen Witzen hören Sie gefälligst mal auf, das sind nicht mehr unschu…«
Mitten im Wort stockte er. Während er dies mit einiger Entrüstung sagte, hatte er beide Hände in die Rocktaschen gesteckt. In der rechten musste er etwas gefühlt haben, das nicht hineingehörte. Er zog es heraus: ein grünes, knisterndes Blatt Papier – eine Tausend-Dollar-Note. Da erstarb ihm plötzlich das Wort auf den Lippen und der alte Herr machte wieder eines seiner unbeschreiblichen Gesichter.
»Wie kommt denn die Tausend-Dollar-Note in meine Rocktasche?«, brachte er mit höchster Bestürzung hervor.
»Na, nun verstellen Sie sich mal nicht«, rief Nobody, »markieren Sie mal nicht den Unschuldigen! Sehen Sie, das ist das Geld, welches wie das böse Gewissen den Mörder immer wieder an den Ort seiner Bluttat zurückführt, so hat Ihr schlechtes Gewissen Ihre Hand in die Rocktasche gelenkt, damit alle Welt erfährt, dass Sie sich unrechtmäßig bereichert haben. Und wie genau ich die Größe Ihrer Sünde zu taxieren verstanden habe!«
Während Mr. Law sein erstes Staunen schnell überwunden hatte und dann über das dumme Gesicht seines Schwiegervaters in ein schallendes Gelächter ausbrach, stand dieser noch länger mit solchem Gesichtsausdruck da und hielt die Banknote in der Hand.
Dann war ihm plötzlich alles klar: Dieser Eskamoteur hatte ihm das Geld in die Tasche gespielt. Auf welche Weise, war allerdings ganz rätselhaft. Nobody hatte dem alten Herrn vorhin nur einmal auf die Schulter geklopft. Aber man hatte von ihm schon ganz andere Sachen gesehen. Jetzt hatte sich Mr. World gefasst. Jetzt wollte er den Spieß herumdrehen.
»Nein, mein lieber Herr«, begann er plötzlich zu schmunzeln, »diese Tausend-Dollar-Note habe ich nicht gestohlen. Ich erhielt sie vorhin und steckte sie einstweilen in die Rocktasche. Ich dachte nur nicht mehr daran. Jetzt aber werde ich sie besser verwahren.«
Damit zog er seine Brieftasche hervor, legte den Schein hinein und steckte die Tasche wieder ein.
Es war doch etwas merkwürdig, dass Nobody dies so ruhig hinnahm, kein Wort mehr darüber verlor und ganz so tat, als wäre dies völlig in Ordnung.
»Wo war ich vorhin stehen geblieben?«, begann er sofort wieder. »Ja, wie die erste Nummer unserer Zeitschrift erscheinen und was sie bringen muss, um mit einem Schlag in ganz Amerika eingeführt zu sein, und das für immer in einer Auflage von mindestens einer Million.« Ein toter Hund darf da nun nicht die Hauptrolle spielen, der zieht nicht genug. Ich will gleich einmal den Inhalt der ersten Nummer aufsetzen. Daraus ersehen Sie zugleich, wie ich mir das Ganze denke, wie ich also immer von hinten anfange. Ich werde diktieren. Mr. Law, würden Sie die Güte haben, nachzustehen?«
»Gewiss, ich bin bereit.«
Er nahm Bleistift und ein großes Blatt Papier. Nobody ging mit auf dem Rücken verschränkten Armen im Zimmer hin und her.
»Zunächst einige sensationelle Überschriften – bitte fett stenographieren. Also: Fälschungen auf dem Schatzamt in Washington! – Haben Sie?«
»Oho!«, ließ sich Mr. World mit lächelndem Gesicht vernehmen.
»Weiter, die zweite Überschrift: Für hundert Millionen falsches Papiergeld!«
»Na, na«, meinte nun auch der stenografierende Journalist, »lassen Sie Ihrer Fantasie nur nicht allzu sehr die Zügel schießen.«
»Wissen Sie was?«, wandte sich da Nobody an Mr. World. »Sie sind jetzt hier ganz überflüssig, und wir haben keine Minute mehr zu verlieren. Morgen früh muss die erste Nummer mit diesem Artikel wenigstens für New York in 100 000 Exemplaren heraus sein. Da gibt es noch zu drucken. Was sehen mich denn die Herren so erstaunt an?«
Die beiden Männer sahen den Sprecher tatsächlich mit ganz eigentümlichen Augen an. Es war heute ein sehr heißer Tag, und …
»Sie denken wohl, mir ist die Hitze zu Kopf gestiegen? Hier …«, sagte er, knöpfte Paddys Rock auf und zog seine eigene Weste hervor. Er knöpfte auch diese auf und zog aus den Innentaschen zwei große Pakete hervor. »Hier sind zweimal fünfhundert Tausend-Dollar-Noten, also eine Million Dollar Falsifikate, die nicht von echten zu unterscheiden sind, denn sie sind im Schatzamt von Washington gedruckt – Abzüge von den echten Platten, aber doppelte! Es sind noch neunundneunzig Mal so viel da, fix und fertig, um in bares Geld verwandelt zu werden. – Also los!! Mr. World, gehen Sie in die Setzerei und machen Sie alles bereit. Ich diktiere Mr. Law den Text.«
*
Am nächsten Morgen wurde in den Straßen New Yorks die erste Nummer von WORLDS MAGAZINE ausgerufen, und was man da zu lesen bekam, erzeugte erst in New York, dann in ganz Amerika eine wahre Panik.
Ein hoher Staatsbeamter, der sich die neu herausgegebene Zeitschrift ahnungslos kaufte, schoss sich einige Minuten später eine Kugel in den Kopf. Bald darauf begingen in Washington zwei hochrangige Beamte des Schatzamts ebenfalls Selbstmord. Das gesamte Schatzamt wurde daraufhin von der Polizei wie ein Räubernest ausgehoben.
Es war ein Fall, wie er nur in Amerika möglich ist. Im Schatzamt waren von der Stahlplatte, die die Tausend-Dollar-Noten druckt, nach und nach 25 000 doppelte Abzüge gemacht worden. Es ist ganz selbstverständlich, dass sich die höchsten Beamten dieses Staatsinstituts im Bunde mit den Gaunern befanden. Nur noch einige Tage, dann wäre dieses falsche Papiergeld in bar umgesetzt worden. Alles war bereits vorbereitet, daher auch die große Nachfrage nach Gold bei den Bankhäusern. Wenn sich die Banknoten als doppelt erwiesen hätten, wären die ungetreuen Beamten mit ihrer Beute von hundert Millionen längst über alle Berge gewesen. Und was das in ganz Amerika für einen Schaden angerichtet hätte, lässt sich gar nicht in kurzen Worten andeuten. Schon beim Lesen dieses Artikels drohte in New York eine Panik auszubrechen. Die größten Bankhäuser wären kollabiert, und ihr Sturz hätte sich auch für den kleinen Handwerker schmerzlich bemerkbar gemacht.
Die neue Zeitschrift WORLDS MAGAZINE hatte die Katastrophe noch rechtzeitig verhindert. Nein, nicht die Zeitung selbst, sondern ihr Berichterstatter, ein Privatdetektiv, jener famose Nobody! Und WORLDS MAGAZINE hatte für die nächsten Nummern Stoff genug, denn dieses Mal schilderte Nobody ganz ausführlich, wie er einen Verdacht geschöpft hatte, dass auf dem Schatzamt etwas nicht recht geheuer sein könne, und wie er Schritt für Schritt vorgegangen war, bis er sich von der Tatsache der Fälschungen überzeugt und die Namen aller Beteiligten erfahren hatte. Auf diese Weise hatte er die letzten drei Wochen ausgenutzt und sogar eine davon im Schatzamt in Washington an einer Druckmaschine gearbeitet, als gewöhnlicher Tagelöhner.
Doch gerade dieser erste Fall interessiert uns sehr wenig. Es genügt, dass wir den Erfolg kennen. WORLDS MAGAZINE hatte von der ersten Nummer an in Amerika einen Leserkreis von Millionen.
Als der ehemalige Verlagsbuchhändler und jetzige Zeitungsherausgeber den Mann, den er so schmählich verkannt hatte, nach dem ersten großen Erfolg wiedersah, wäre er ihm beinahe weinend um den Hals gefallen.
»Verzeihen Sie, mein liebster, bester Nobody, ich habe Ihnen bitteres Unrecht zugefügt. Ich möchte es gern sühnen. Verlangen Sie von mir, was Sie wollen. Wollen Sie vielleicht eine Zigarre rauchen? Aber bei Gott, als ich die 500 000 Pfund Papier …«
»Lassen Sie es gut sein«, unterbrach ihn Nobody, nahm eine Zigarre aus dem präsentierten Etui. »Aber von nun an vertrauen Sie mir. Passen Sie auf, wir werden noch ganz andere Geschäfte zusammen machen. Die Sache muss noch ganz anders kommen. Wenn ich auch immer meinem Vergnügen nachgehe und Allotria treibe, das Geschäft lasse ich dabei niemals außer Acht, denn das bringt Geld ein, und Geld muss ich haben, um es auszugeben. Ja, Mr. World, nun wollte ich mit Ihnen noch einmal über die erwähnte Jacht sprechen.«
Au, das hätte nicht passieren dürfen! Der alte Herr war diesem Mann sehr dankbar. Er hatte ihm schließlich auch schon eine Fünfzig-Cent-Zigarre geschenkt. Aber eine Million Mark für eine Jacht – so viel brachte das Geschäft noch nicht ein.
Doch Nobody, der ein Gedankenleser zu sein schien, wusste ihn schnell wieder zu beruhigen.
»Es ist nicht nötig, dass Sie die Viertelmillion Dollar bar bezahlen«, fuhr Nobody lächelnd fort. »Zu Ihrer Beruhigung will ich Ihnen mitteilen, dass ich mir überhaupt nur einen Scherz erlaubt habe, als ich sagte, Sie sollten mir eine Jacht kaufen. Wenn ich eine Jacht brauche – und das ist der Fall –, so bezahle ich Sie auch aus meiner Tasche …«
»Wenn Sie unbedingt eine Jacht haben müssen, trage ich natürlich gern etwas dazu bei«, musste der Kompagnon jetzt doch einlenken.
»Nein, nein, das ist nicht nötig, das nehme ich auch gar nicht an. Da uns der Coup geglückt ist, wird mein wöchentliches Einkommen von jetzt an mindestens 5000 Dollar betragen. In spätestens einem Jahr habe ich die Jacht abbezahlt. So etwas wird niemals sofort bezahlt …«
»Haben Sie denn schon eine bestimmte Jacht in Aussicht oder lassen Sie sich erst eine neue bauen?”
»Das ist der Grund, weshalb ich hauptsächlich mit Ihnen sprechen wollte. Ja, ich spekuliere auf eine bestimmte Jacht. Sie liegt noch auf der Werft und wurde auf Bestellung von Mr. Mac Orphy gebaut. Kennen Sie diesen reichen Sonderling und Sportsmann?«
»Reich? Der hat vor vierzehn Tagen Bankrott gemacht.«
»Das ist es eben. Jetzt sitzen die Gebrüder Hiemann drin. Die Jacht liegt halbfertig auf der Werft und Hiemanns werden wohl schwerlich einen anderen Käufer für das verrückte Ding finden. Orphy hatte einen Torpedojäger im Auge. Nach solch einem Typ ist die Jacht gebaut. Aber wer wird eine derartige Zigarre kaufen, die im Inneren absolut keine Bequemlichkeiten bietet, weil die Räume viel zu klein und zu niedrig sind? Wenn jemand eine Luxusjacht haben will, wird er sich kaum für dieses Schiff interessieren. Und das Fahrzeug als Kriegsschiff an irgendeine Marine loszuwerden, ist auch wenig wahrscheinlich, denn dafür müsste es gepanzert werden, was sich jetzt schwer umsetzen lässt. Für mich ist das aber gerade etwas. Ich lasse eine kolossale Maschine in die Stahlzigarre hineinbauen und werde dann das schnellste Schiff der Welt besitzen. Nun darf aber kein einziger Mensch wissen, dass Nobody der Besitzer dieser Jacht ist, dass er sich meistenteils darauf aufhält und dass er an Bord dieses Schiffes immer seine äußere Gestalt verändert.
»Ah, jetzt verstehe ich, wozu Sie eine Jacht haben wollen!«
»Dann ist es gut, dann muss ich mich nicht länger dabei aufhalten. Die Welt wird noch viel von dieser Jacht sprechen, ihr Name soll noch berühmt werden …«
»Haben Sie schon einen Namen gewählt? Wie soll sie heißen?«
»WETTERHEXE.«
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