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Kommissar Rosic – Band 1.04

Rodolphe Bringer
Kommissar Rosic
Band 1
Der Dolch aus Kristall
Kapitel 4: Monsieur Rosic

Es war vier Uhr morgens, als Rosic in den Schnellzug sprang, der ihn eine Stunde später am Bahnhof von Valence absetzte. Er hatte genug Zeit gehabt, über diesen Fall nachzudenken, der ihm alles in allem klarer erschien als Quellwasser. Sicherlich würde er seine glänzenden Fähigkeiten als Polizist nicht gerade an dem Verbrechen im B-14 unter Beweis stellen können. Der Mörder war ein Engländer, der wie sein Opfer aus Indien kam. Er hatte seine Tat lange im Voraus geplant und ruhig ausgeführt, sobald der B-14 in Fahrt gekommen war. In Avignon war er verschwunden und hatte nun einen Vorsprung. Man würde ihn niemals wiederfinden. Was diese Geschichte mit dem verschwundenen Kopf anging, von der der arme Monsieur Boulard so viel Aufhebens machte, so war das eine Räuberpistole, die er schnell aufklären würde.

Als er auf dem Bahnsteig in Valence ausstieg, steuerte er sofort das Büro des Sonderkommissars an. Das Büro war geschlossen; Monsieur Jeulin hatte nach der Aufnahme des Sachverhalts eilig sein Zuhause und sein Bett aufgesucht.

»Ein sonderbarer Kommissar!«, brummte Rosic.

Er wandte sich an einen Angestellten: »Sagen Sie mir, mein Freund, der Bahnhofsvorsteher, der gestern Abend beim Eintreffen des B-14 Dienst hatte – ist der wohl auch schlafen gegangen?«

Der Mann sah sein Gegenüber verblüfft an, antwortete jedoch: »Das ist Monsieur Guillenot … er ist noch da, da er seinen Nachtdienst erst um sieben Uhr beenden wird.«

»Na, das trifft sich ja gut!«

»Aber wenn es um Auskünfte geht«, fuhr der Mann fort, »lohnt es sich nicht, ihn zu befragen, denn der Staatsanwalt hat uns verboten, den Journalisten auch nur die geringste Information zu geben.«

»Ah! Bah!«

»Weil er sagt, dass Journalisten Schwätzer sind, die die Ermittlungen behindern!«

»Er hat recht!«, stimmte Rosic zu. »Und Sie haben vermutlich noch keine Journalisten empfangen?«

»Fünf, schon!«

»Potzblitz! Die verlieren keine Zeit!«

»Zumindest was mich betrifft!«, fügte der Mann mit einem Anflug von Eitelkeit hinzu.

»Sie wissen also etwas?«

»Aber sicher! Ich war dabei, mit Monsieur Guillenot, als er in den Schlafwagen stieg.«

»Und … Sie haben den Kopf gesehen … zweifellos.«

»So deutlich, wie ich den Ihren sehe …«

Rosic, der an seiner Theorie festhielt, zuckte mit den Schultern. »Sind Sie sich da absolut sicher?«

»Ich bin kein altes Tier, nehme ich an«, entgegnete der Mann gekränkt. »Der Körper lag auf dem Teppich … der Kopf, fast vom Rumpf getrennt, war ganz nach rechts gedreht … und ich habe ihn so genau gesehen, dass ich ihn wiedererkennen könnte, wenn man ihn mir zeigte. Es war der eines Mannes von etwa dreißig Jahren, völlig glatt rasiert … blond … mit einem großen Muttermal auf der rechten Wange, voll kleiner borstiger Härchen …«

Rosic machte eine ungeduldige Bewegung. Diese Fülle an Details schien zu beweisen, dass der Mann keinem Trugbild erlegen war; dies brachte seine ganze Theorie ins Wanken. Innerlich gekränkt, sagte er: »Zum Glück bin ich kein Journalist, denn Sie gehorchen den Befehlen des Staatsanwalts ja ausgesprochen gut!«

Der Mann errötete unter seiner Bräunung. »Sie sind also kein Journalist?«

»Ich bin Chef der Sûreté!«

Der Mann wurde noch unsicherer, machte kehrt und fügte zur Entschuldigung hinzu: »Himmel! Hätte ich das gewusst, hätte ich Ihnen nichts gesagt.«

»Gehen Sie also nur weiter Ihrer Arbeit nach, bei solchen Grobianen!«, grummelte Rosic und begab sich zum Büro des Bahnhofsvorstehers.

 

Guillenot döste in seinem Sessel; als er hörte, wie ein Mann sein Büro betrat, sprang er nervös auf. Es war offensichtlich, dass er sich von der Aufregung des Vortages noch nicht ganz erholt hatte.

»Was wollen Sie?«, fragte er.

»Ich bin Monsieur Rosic, Chef der mobilen Brigade von Lyon, und ich komme wegen des Verbrechens von gestern. Sie sind sich also sicher, dass die Leiche ihren Kopf noch hatte, als Sie den Schlafwagen betraten?«

»So sicher, wie ich hier stehe«, antwortete Monsieur Guillenot.

»Und dieser Kopf …«

»Jung, rasiert, blond …«

»Ein Muttermal …«

»Das habe ich nicht bemerkt.«

»Kurz gesagt, es gibt keinen Irrtum?«

»Keinen einzigen!«

»Also, Ihrer Meinung nach war der Mörder in Valence noch im Zug?«

»Aber sicher! Wer hätte denn ein Interesse daran gehabt, diesen Kopf verschwinden zu lassen?«

»Sicherlich … Aber dennoch, das muss man sich ansehen … Wie soll er Ihrer Meinung nach vorgegangen sein?«

Der Bahnhofsvorsteher zuckte mit den Schultern. »Woher soll ich das wissen? Ich kann es mir nicht erklären. Aber was sicher ist, ist, dass der Kopf dort war, kaum noch am Hals hängend … ja … und zehn Minuten später, als wir mit dem Kommissar und der Staatsanwaltschaft in den Waggon zurückkehrten, war der Kopf nicht mehr da.«

»Seltsam!«, murmelte Rosic, der sich nur schwer mit dieser mysteriösen Tatsache abfinden konnte.

Er fragte weiter: »Wie lange hat es gedauert, den Waggon abzustellen?«

»Die Schnellzüge sind eng gekoppelt. Um die Kupplungen zu lösen, braucht man ein Spezialwerkzeug. Die Zeit, es zu holen … zu arbeiten … sagen wir sieben oder acht Minuten. Da das Rangierpferd nicht da war, haben die Männer den Waggon mit Muskelkraft verschoben.«

»Was bedeutet, dass es während dieses Vorgangs unmöglich gewesen wäre, dass ein Mann den Zug verlässt, ohne gesehen zu werden?«

»Sicherlich … um einen schweren Waggon wie einen Schlafwagen zu schieben, braucht man etwa zehn Männer, sowohl hinten als auch an den Seiten.«

»Also kann es nicht passiert sein, als der Waggon am Bahnsteig stand?«

»Nein! Denn auf der anderen Seite des Bahnsteigs waren Angestellte!«

»Auch nicht während der Rangierfahrt. Es muss also passiert sein, als der Waggon auf dem Abstellgleis stand. Der Mann konnte fliehen und den Kopf mitnehmen. Das scheint zu beweisen, dass er sich im Waggon befand?«

»Das scheint in der Tat so gewesen sein!«

»Ist der Waggon auf dem Gleis allein geblieben?«

»Ja!«

»Und wie viel Zeit verging zwischen dem Abstellen und dem Eintreffen der Staatsanwaltschaft?«

»Eine gute halbe Stunde.«

»Das ist mehr als genug!«

Rosic dachte eine Sekunde nach, dann: »Wo ist der Waggon?«

»Ich werde Sie hinführen«, sagte der Bahnhofsvorsteher.

Sie verließen das Büro. Der Tag war gerade angebrochen.

»Haben wir alle Feststellungen getroffen?«, fragte Rosic.

»Alle!«

»Und …«

»Die Leiche lag auf dem Parkett des Waggons. Der Kopf war sauber abgeschnitten, das Blut war überall verspritzt. Auf einer Sitzbank stand ein geöffneter Koffer … kein anderes Gepäck.«

Sie kamen beim Waggon an.

»Ist die Leiche noch dort?«, fragte Rosic.

»Nein … Wir haben sie heute Morgen ins Krankenhaus gebracht, dort wird die Obduktion durchgeführt.«

Und da Rosic mit den Schultern zuckte, fügte der Bahnhofsvorsteher hinzu: »Da ich in zehn Minuten Dienstschluss habe, werde ich mich mit Vergnügen am Buffet zu Ihnen gesellen.«

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