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Secret Service Band 4 – Kapitel 3

Francis Worcester Doughty
Secret Service No. 4
Old and Young King Brady Detectives
Der geniale Bluff der Bradys
Oder: Ihre Verfolgungsjagd zur Rettung einer Erbin
Eine interessante Detektivgeschichte aus dem Jahr 1899, niedergeschrieben von einem New Yorker Detective

Kapitel 3
Im Haus in der 44th Street

Die Vorsichtsmaßnahmen bestanden schlichtweg in einer Änderung des persönlichen Erscheinungsbildes. Dies geschah auf höchst geschickte Weise. Die beiden Bradys waren Meister in der Kunst der Verkleidung.

Old King Brady holte eine weiche Wollmütze hervor, die seinen breitkrempigen Hut ersetzte. Eine Perücke, ein Schnurrbart und eine Schutzbrille machten seine Tarnung perfekt. Young King Brady legte sich einen Vandyke-Bart und eine blonde Perücke zu. So ausstaffiert machten sich die beiden Detektive wieder auf den Weg. Nach wenigen Augenblicken hatten sie die Stelle erreicht, an der die beiden Bunco-Männer zuletzt gesehen worden waren.

Sie blieben nicht stehen, sondern gingen langsam und betont achtlos vorbei, wobei Old King Brady mit seinem scharfen Blick alles in der Umgebung in sich aufnahm. An der nächsten Straßenecke hielt er inne. Einen Moment lang blickte er die Straße zurück. Dann sagte er: »Harry, sie sind in jenem Haus mit dem hohen Treppenaufgang.«

Der junge Detektiv blickte ihn überrascht an.

»Wie stellen Sie das fest?«, fragte er.

»Ganz einfach. Sie sind plötzlich verschwunden. Es ist das einzige Haus dort, abgesehen von dem unbewohnten Gebäude, das einen tief liegenden Kellereingang hat. Das Gittertor war offen, und sie sind in diesen Eingang gehuscht. Die Jalousien jenes Hauses sind fest geschlossen – nicht nur, um den Eindruck zu erwecken, die Besitzer seien verreist, sondern auch, um Besuchern den Zutritt zu verwehren.«

»Offensichtlich sind sie durch den Kellereingang hineingegangen. Ich vermute, dies ist das dauerhafte Heim der Mrs. Ann Prentiss. Sie sind alle dort.«

Young King Brady erkannte die Logik in Old King Bradys Schlussfolgerungen. Er blickte den alten Detektiv bewundernd an.

»Ich bin froh, dass ich kein Krimineller bin, der von Ihnen verfolgt wird«, sagte er. »Ich müsste meine Tage als gezählt betrachten.«

»Wir müssen zurück zu dem unbewohnten Haus«, meinte Old King Brady.

»Warum dorthin?«

»Das werde ich dir sagen, wenn wir da sind. Geh du jetzt vor, ich komme später nach.«

Young King Brady gehorchte. Er schlenderte gemächlich zurück zum unbewohnten Haus und verbarg sich im Kellereingang. Es dauerte nicht lange, bis der alte Detektiv zu ihm stieß. Ein zufriedenes Lächeln lag auf den Lippen von Old King Brady.

»Wir sind nicht verdächtig«, sagte er zuversichtlich. »Die Luft ist rein!«

»Das freut mich zu hören«, stimmte der junge Detektiv zu, »aber was ist nun unser Plan?«

Old King Brady prüfte die Kellertür. Sie war verschlossen. Er zog einen seltsam geformten Draht aus seiner Tasche und untersuchte das Schloss. Innerhalb weniger Sekunden hatte er das Schloss sehr geschickt geknackt. Die Tür schwang auf. Die Detektive betraten das Untergeschoss des leerstehenden Hauses.

Sie stiegen die Treppe zum ersten Stock hinauf. Glücklicherweise waren alle Innentüren nicht verschlossen.

Ohne Schwierigkeiten bahnten sie sich ihren Weg in die oberen Stockwerke des Hauses. Old King Brady stieg immer weiter hinauf, bis er den Dachboden erreichte. Hier gab es ein Dachfenster, das zum Dach hinausführte. Der alte Detektiv hob es an und stieg hinaus auf das Hausdach. Young King Brady folgte ihm.

Über das Dach des nächsten Hauses gelangten sie mühelos weiter, bis sie das Dach jenes Hauses erreichten, in dem der alte Detektiv die Bunco-Männer vermutete. Es war nun ein Leichtes, das Dachfenster auf diesem Dach anzuheben. Schmale Stufen führten hinunter in die Mansarde.

Die Detektive holten nun Gummisohlen aus ihren Taschen, die sie über ihre Schuhe zogen. Dies ermöglichte ihnen einen geräuschlosen Abstieg, den sie sogleich antraten. Von der Mansarde aus stiegen sie in den vierten Stock des Hauses hinunter.

Dieser vierte Stock war nicht möbliert. Die Stufen zum dritten Stock hingegen waren mit Teppich ausgelegt, und die Etage war gut eingerichtet, doch in keinem der Räume, die offensichtlich als Schlafkammern dienten, hielt sich jemand auf.

Vorsichtig schlichen sie in den zweiten Stock hinunter. Dort vernahmen sie Stimmen, die aus einem rückwärtigen Zimmer im ersten Stock zu dringen schienen. Old King Brady war ein wichtiges Detail aufgefallen: Die Zimmer wurden durch Öffnungen im Boden beheizt, die es der Wärme erlaubten, aus der ersten Etage nach oben zu steigen. In jedem Raum befand sich einer dieser Metallzylinder mit Gittern. Diesem Umstand verdankten es die Detektive, dass sie einige sehr bedeutsame Fakten belauschen konnten.

Nachdem Old King Brady dies bemerkt hatte, lokalisierte er zuerst den Raum im ersten Stock, aus dem die Stimmen kamen. Es war ein Zimmer im hinteren Teil des Hauses, höchstwahrscheinlich das Esszimmer. Er suchte daraufhin den Raum direkt darüber auf. Wie er erwartet hatte, befand sich auch hier ein Zylinder im Boden. Durch diesen konnte der Detektiv mühelos einen Teil des darunter liegenden Zimmers überblicken und jedes gesprochene Wort verstehen.

Old King Brady drückte den Arm des jungen Detektivs, und sie krochen gemeinsam zum Zylinder. Einen Augenblick später lagen sie flach auf dem Bauch und beobachteten die Szene unter ihnen.

Con Corcoran saß da, seinen Stuhl gegen die Wand gelehnt, und rauchte. Hardy saß an einem Tisch, Feder und Papier in der Hand. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches saß eine Frau. Sie hatte große, ausdrucksstarke Augen und ein sanftmütiges Antlitz; sie war von korpulenter Statur und kostbar gekleidet.

Dies war Ann Prentiss, die berüchtigtste Hehlerin und Hochstaplerin Amerikas. An ihrem Finger funkelte ein riesiger Diamantring. Sie trommelte leicht mit der Hand auf den Tisch und lauschte den Gaunern gegenüber. Bei der Polizei war sie als Lively Ann bekannt; schon oft war sie ihnen durch die Finger geglitten.

»In Chicago gibt es keine Chance mehr, das Spiel durchzuziehen«, sagte Hardy gerade. »Ich habe das Feld sorgfältig sondiert, aber sie sind uns auf den Fersen.«

»Die Zeitungen in Chicago haben wegen des Moore-Falls einen gewaltigen Wirbel gemacht«, erklärte Lively Ann.

»Verflucht seien diese Zeitungen!«, rief Corcoran mit einem Fluch aus. »Sie müssen immer herumschnüffeln und sich einmischen. Das Sloane-Geschäft hätte uns hunderttausend eingebracht, wenn wir es vorsichtig angegangen wären.«

»Aber jetzt ist es vorbei«, stellte Hardy fest.

»Was mich an eine bemerkenswerte Tatsache erinnert«, sagte Lively Ann. »Wo wir gerade vom Moore-Fall sprechen …«

»Ah!«, rief Hardy interessiert aus. »Was ist damit?«

»Old Moore hat sich den Missbrauch seines Vertrauens sehr zu Herzen genommen.«

»Schrecklich traurig«, bemerkte Corcoran sarkastisch.

»Vielleicht wird es für uns noch viel trauriger«, fuhr Lively Ann fort.

»Warum hörst du nicht auf, in Rätseln zu sprechen?«, explodierte Hardy. »Worauf willst du hinaus?«

»Du bist ungeduldig!«

»Du bist ebenso anstrengend wie charmant.«

Lively Ann kicherte. »Jetzt wirst du persönlich«, gurrte sie. »Nun, um es kurz zu machen: Der alte Moore hat die besten Detektive Amerikas engagiert. Man hört, dass die berühmten Zwei Bradys auf den Fall angesetzt wurden!«

»Was du nicht sagst!«, rief Hardy. »Ist das wahr?«

»Ich denke schon.«

»Dann sollten wir unsere Kreise enger ziehen und uns eine Weile bedeckt halten.«

»Richtig!«, rief Corcoran. »Dieser Old King Brady ist der größte Fuchs auf Erden, und der junge Detektiv steht ihm in nichts nach.«

»Es gibt einen Weg, sie loszuwerden«, warf Hardy unheilvoll ein.

»Jetzt gibst du dich wieder Rätseln hin«, sagte »Lively Ann«.

»Was ist dein Plan?«

»Setzt die Drei Flöhe als Gegenfährte auf ihre Spur.«

»Die Flöhe?«

»Du kennst sie doch – Brick Barton, Ted Hurley und Jason Hart. Sie sind die besten Spürhunde in den Slums. Es gibt kein unterirdisches Versteck und keinen Rückzugsort, den sie nicht kennen. Die New Yorker Polizei jagt sie seit Jahren. Man sagt, ihr wahres Zuhause sei die Kanalisation. Sie essen Abfall und schlafen auf Aschehaufen. Sie sind gnadenlose, skrupellose und vollendete Schläger, wenn es darum geht, lautlose und tödliche Rache zu üben.«

»Wir werden die Flöhe auf die Spur der Bradys setzen, die uns nun auf den Fersen sind.«

»Es wird ein Leichtes für uns sein, die Detektive in die Irre zu führen, während sie, ohne es zu ahnen, selbst vom Tod in Gestalt der drei Flöhe verfolgt werden.«

»Gut! Hurra!«, riefen Corcoran und Lively Ann gleichzeitig und klatschten in die Hände. »Du bist ein Schatz, Hardy! Kennst du diese Kerle?«

»So gut wie dich!«

»Sind sie zuverlässig?«

»So zuverlässig wie die Zeit selbst.«

»Tod den zwei Bradys!«

Die Wirkung all dessen auf die beiden lauschenden Detektive lässt sich erahnen, aber kaum beschreiben. Zu wissen, dass sie nur wenige Meter von den Leuten entfernt waren, die nach ihrem Blut dürsteten und die sie jeden Moment verraten könnten, war keineswegs beruhigend. Doch Old King Brady lächelte nur grimmig und tauschte Blicke mit Young King Brady aus.

Beide Detektive hatten von den Drei Flöhen gehört. In ganz Gotham hätte man kein härteres Trio von Strolchen finden können. Sie waren mehr als nur Schläger; sie waren Meuchelmörder, die mit den Schlupfwinkeln der New Yorker Elendsviertel so vertraut waren, dass es für Detektive fast unmöglich war, sie dort aufzuspüren. Solche Attentäter auf ihre Spur zu setzen, bedeutete für die Bradys eine ernste Gefahr.

Doch es gab einen Trost: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Die Bradys wussten nun um das drohende Unheil und würden natürlich auf der Hut sein.

»So«, meinte Hardy schließlich, »ich denke, wir brauchen uns vor den Bradys nicht mehr zu fürchten.«

»Oder ich!«, rief Corcoran. »Du hast einen brillanten Verstand, Annie! Aber warum machen wir nicht direkt mit unserem neuen Unternehmen weiter, als würden wir gar nicht vom Gesetz gejagt?«

»Natürlich«, stimmte Hardy zu. »Der Chicago-Plan ist gescheitert. Den lassen wir fallen. Und nun zum Bericht über Hayden.«

»Ihr wolltet einen Bericht von mir, Annie?«, fragte Hardy.

»Den sollt ihr haben«, sprach Lively Ann. »Ich habe Mr. Hayden auf seiner Farm in Westchester besucht.«

»Hast du das?«

»Und das Ergebnis?«

»Das werde ich euch sagen. Ich glaube, er wird eine leichte Beute sein. Ich habe ihm eine rührselige Geschichte von meinem kranken Ehemann erzählt, einem Klondike-Minenarbeiter.«

»Großartig!«

»Corcoran muss hier als der kranke Ehemann fungieren.«

»Alles klar«, stimmte Corcoran zu. »Allgemeine Hilfsbereitschaft ist mein Metier.«

»Wenn du deinen Teil gut spielst«, sagte die Frau bedeutungsvoll, »können wir an diesem alten Tölpel glatte zehntausend verdienen.«

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