Der Mythos Tempelritter – Teil 3.20
Einst waren sie im Hochmittelalter die mächtigste Organisation auf Gottes Erden. Sie waren führend im Bankwesen, sie besaßen die größte Flotte des Abendlandes. Zeugen ihrer schier übermächtigen Größe und ihres Reichtums findet man noch heute: Der Newport Tower in Newport, Rhode Island, der als Leuchtturm der Templer gilt; Santa Mariá de Eunate in Spanien, welche die Templer nach dem Vorbild der Grabeskirche in Jerusalem erbauten; Temple Church in London, die den Templern als englisches Hauptquartier diente; die Klagemauer sowie der Tempelberg in Jerusalem, wobei aufgrund der derzeitigen religiösen und politischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und Palästina es dort unmöglich erscheint, umfangreiche Ausgrabungen durchführen zu können. Die Liste der noch existierenden zeitgenössischen Sachzeugen und Bauwerke ist groß und würde den hiesigen Rahmen sprengen.
Wer waren die Templer? Wie waren sie organisiert? Wer waren ihre Führer? Gingen die geheimnisvollen Templer am Freitag, den 13. Oktober 1307 tatsächlich unter? Oder gibt es heute noch Nachfahren der Templer? Fragen über Fragen.
In einer losen Folge möchte ich versuchen, den Mythos der Tempelritter ein wenig zu beleuchten.
Die Großmeister des Tempelordens
Guillaume de Sonnac (1247–1250)
Da durch jene fruchtlose Gesandtschaft alle Aussicht auf die Rückkehr des Meisters Armand – auch wenn er noch gelebt hätte – und der übrigen Glieder des Konvents aus der ägyptischen Gefangenschaft geschwunden war, wählte der Konvent im Jahre 1247, nachdem man jedenfalls das Ableben Armands erfahren hatte (die Hospitaliter ließen die Meisterstelle bis 1250 offen, weil sie ihren Meister lebend in der Gefangenschaft wussten), den Ritter Guillaume de Sonnac aus dem Languedoc zum Großmeister. Es ist wahrscheinlich, dass dieser früher mit dem Orden zerfallen war, ausgeschieden war, aber seiner Tüchtigkeit wegen wieder aufgenommen wurde.
Nachdem Ayyub die feindseligen muslimischen Fürsten gedemütigt hatte, kehrte er 1247 nach Syrien zurück und lagerte sich vor der Burg Askalon. Die Hospitaliter verteidigten diese zwar standhaft, doch unterlagen sie schließlich; Askalon nebst der Burg fiel in die Hände der Sarazenen. Während diese solche Fortschritte machten, herrschte zu Akkon unter den in Fraktionen zerfallenden Christen großer Hader. König Heinrich von Zypern war der gesetzmäßige Herr des Landes, hatte aber weder Ansehen noch Macht. Da entschloss sich König Ludwig IX. von Frankreich zu einem Kreuzzug. Auch König Heinrich III. von England war den syrischen Angelegenheiten zugetan und wurde es noch mehr, als ihm der Patriarch von Jerusalem, die übrigen Prälaten des Heiligen Landes, die beiden Großmeister und die syrischen Barone etwas vom Blut Christi übersandten; er sähe es darum gern, wenn englische Ritter das Kreuz nahmen.
Im Frühjahre 1248 regte sich in ganz Frankreich ein brennender Eifer für den bevorstehenden Kreuzzug. Am 28. August verließ Ludwig mit einer zahlreichen Flotte den Hafen von Aigues-Mortes, um nach Ägypten zu segeln. Beide Ritterorden waren diesem Zug sehr zuwider, weil ein mächtiger Fürst des Abendlandes an der Spitze stand, dem sie gehorchen mussten und der sich um ihre Pläne und ihre Selbstständigkeit nicht kümmerte. Nachdem Ludwig am 17. September auf der Insel Zypern angekommen war, woselbst er den Winter hindurch blieb, empfing er ein Schreiben vom Templermeister Guillaume de Sonnac und dem Marschall der Hospitaliter, welches – um Ludwig von Ägypten abzuhalten – meldete, Sultan Ayyub sei mit einem gewaltigen Heer nach Syrien gekommen und gehe damit um, Jaffa oder Cäsarea zu belagern. Allein Ayyub war nach Damaskus gezogen, um den Fürsten von Haleb zu züchtigen. Als Guillaume de Sonnac sein Schreiben abfasste, befand sich Ayyub zu Gaza.
Beiden Orden war daran gelegen, das Pilgerheer von Ägypten abzuziehen, weil dort der gefährlichste Schlag gegen die Muselmänner geführt werden konnte, indem bei der Lage Syriens und der angrenzenden sarazenischen Staaten diese von Ägypten abhingen.
Als Ayyub wieder nach Ägypten zurückgekehrt war, meldete der Großmeister Guillaume dem König Ludwig, der Sultan habe an ihn eine Botschaft mit der Bitte gesendet, der König möge ihm Frieden gewähren. Ludwig jedoch hatte bereits Kundschaft, dass dieser trugvolle Templermeister aus freien Stücken zum Sultan gesendet, einen Emir herbeigerufen und gegen diesen vom Frieden gesprochen habe, nur um den Sultan mit Zuversicht und Verachtung gegen die Kreuzfahrer zu erfüllen, als ob diese an Frieden und an die Rückkehr in die Heimat dächten. Diese verräterischen Voraussetzungen legte der König in einer über die Botschaft des Templermeisters beratenden Versammlung offen dar und verbot den Tempelherren ernstlich, sich mit den Ungläubigen ferner einzulassen.
Er schrieb dem Großmeister: »In den alten guten Zeiten pflegten die Christen des Heiligen Landes, und war die Bedrängnis auch noch so groß, nie mit Friedensanträgen entgegenzukommen, sondern die Anträge der Ungläubigen abzuwarten. Du aber befleckst durch dein unwürdiges Verfahren den christlichen Namen und erweckst bei den Heiden die Meinung, als ob ich aus Feigheit mittels eines leidlichen Vertrags den Kampf zu vermeiden wünschte.«
Anders in Spanien, wo der Orden unablässig gegen die Mauren kämpfte und im Jahr 1248 wegen seiner bei der Eroberung von Sevilla bewiesenen Tapferkeit die Stadt Frexenel erhielt, welche 1308 die Bürger von Sevilla an sich rissen.
Noch hatte Ludwig Ostern 1249 Zypern nicht verlassen, als einige verdächtige Männer ergriffen wurden, welche aussagten, sie seien vom Sultan Ayyub ausgesendet, um den König und seine vornehmsten Barone zu vergiften. Am 22. Mai segelte König Ludwig mit einer zahlreichen Flotte von Zypern ab, landete am 5. Juni an der ägyptischen Küste und lagerte sich auf der westlich von Damiette gelegenen, durch das Meer, den Nil und einen Kanal gebildeten Insel namens Dschiseh. Der Schrecken über diese Landung war unter den Sarazenen so groß, dass sich des Sultans Heer auflöste; Damiette wurde, aller Besatzung und Bevölkerung entblößt, am 6. Juni von Ludwig besetzt und somit fester Fuß in Ägypten gefasst. Ayyub bot – um die Christen aus Ägypten zu entfernen – das Reich Jerusalem und große Summen Goldes und Silbers an, wenn das Pilgerheer Damiette nebst allen Gefangenen ausliefern wollte. Allein die Christen waren so verblendet wie früher; sie wähnten, ferneres Waffenglück würde noch bessere Ergebnisse erzwingen. Sie sahen schon ganz Ägypten in ihren Händen, die Macht der Sarazenen gebrochen, das Reich Jerusalem dauernd befestigt in schönster Blüte. Jene Bedingungen wurden verworfen, die Waffen sollten bessere erzwingen. So begann dieser Kreuzzug höchst glücklich. Alsbald wurde in Damiette das kirchliche Wesen geordnet; Geistlichkeit und geistliche Ritterorden, welche nach Einnahme der Stadt aus Syrien herbeikamen, wurden reichlich bedacht; Letzteren wurden einträgliche Gefälle in der Stadt angewiesen sowie der syrischen Ritterschaft beträchtliche Grundstücke. Allein auch dieser Kreuzzug hatte keinen glücklichen Ausgang, weil man das Glück nicht zu fesseln verstand.
Anstatt den Schrecken der Sarazenen zu benutzen und rasch den Nil aufwärts zu dringen, blieb das Heer bis zum 20. November untätig und schwelgend in und bei Damiette lagern. Ayyub sammelte seine Krieger und umschwärmte nun das christliche Lager, das immer noch Verstärkungen aus dem Abendlande erhielt. Am 20. November zog man auf den Rat des Grafen von Artois weiter nach Kairo hinauf. Das Heer zählte 60.000 Mann, unter ihnen 20.000 Ritter. Leider verweilte man wiederum mehrere Wochen bei Fariskur, obgleich Sultan Ayyub am 21. November zu Mansura starb und sein leichtsinniger Sohn, Turanschah, ihm folgte.
Es herrschte unter den Christen wieder die alte Zwietracht, Unentschlossenheit, Missverständnisse, auch verräterische Einflüsterungen. Erst am 6. Dezember setzte sich das Heer wieder in Bewegung. Auf Ludwigs ausdrücklichen Befehl hatten die Tempelritter die Vorhut, denn der Meister Guillaume de Sonnac galt allgemein als ein tüchtiger, umsichtiger und kriegserfahrener Mann; nicht minder war der Marschall des Ordens, Renaud de Vichiers, ein ausgezeichneter Krieger.
Der König hatte es streng untersagt, sich während des Marsches mit den Sarazenen in irgendeinen Kampf einzulassen. Als aber ein Türke vor dem Ross des Marschalls Renaud einen Templer zur Erde warf, rief der in der Nähe befindliche Meister: »Mit Gott auf sie, denn das kann ich nicht ertragen.« Sogleich rannte er in vollem Galopp auf die Ungläubigen ein, und seine Ritterschaft folgte seinem Beispiel. Die Türken mussten weichen, viele wurden erschlagen, andere stürzten sich in den Nil und ertranken. Am 21. Dezember lagerte sich das Heer am nördlichen Ufer des Kanals Aschmum, Mansura gegenüber, an demselben Ort, wo 1219 die Kreuzfahrer ihren Untergang gefunden hatten. Hier verschwendeten die Christen die Zeit mit dem Bau eines Dammes durch jenen Kanal und mit der Erbauung von Verteidigungswerken zur Beschützung der Arbeiter wie des Lagers. Die Sarazenen versuchten diese Bauten auf alle nur mögliche Weise zu verhindern; sie fügten den Wurfmaschinen und hölzernen Türmen sowie den Arbeitern durch griechisches Feuer großen Schaden zu, sodass die Arbeit nur langsam vonstattenging. Bei Scharmesah sandten die Sarazenen eine Schar in den Rücken der Pilger, die tapferen Tempelritter trieben den Feind mit Verlust zurück. Kein Tag verging ohne Kampf, mancher christliche Gefangene wurde nach Kairo geschleppt, worunter auch einige Templer waren. So gewaltig war die Waffentätigkeit der Sarazenen, dass unter dem Heer eine besorgliche Verstimmung je länger, je mehr sich einschlich, umso mehr, da man sich an diesem gefahrvollen Ort der Widerwärtigkeiten früherer Kreuzfahrer lebhaft erinnerte.
Zu Anfang des neuen Jahres 1250 sandte der Emir Husameddin, Statthalter von Kairo, welcher mit dem Großwesir Fachreddin im Unfrieden lebte, einige in der Schlacht bei Gaza gefangene Tempelherren, Hospitaliter (auch deren Großmeister) und andere Pilger an König Ludwig und versuchte ihn zum Marsch auf Kairo zu bewegen. Hierauf entschloss sich Ludwig im Februar zum Übergang über den Kanal Aschmum, nachdem ein Renegat für 500 Goldbyzantiner sich anheischig gemacht hatte, eine seichte Stelle nachzuweisen. Am 8. Februar begann der Übergang. Das Fußvolk, der Herzog von Burgund und die syrische Ritterschaft blieben zur Beschützung des Lagers zurück. Alle übrigen berittenen Mannschaften nebst Tempelherren und Hospitalitern setzten über, die Templer an der Spitze.
Doch des Königs Bruder, Graf Robert von Artois, drängte sich voran. Kaum hatte er das jenseitige Ufer nach einigen Verlusten erreicht, als er unbedachtsamerweise, bevor noch hinlängliche Streitkräfte beisammen waren, mit seiner Schar wider die Türken anrannte. Der Meister der Tempelherren, welcher unmittelbar nach ihm übergesetzt war, sandte sogleich einen Ritter an den Grafen mit der Meldung, die Spitze des Heeres sei den Tempelrittern zugeteilt; er möge vom Angriff absehen und diese vorlassen, widrigenfalls sich der Orden sehr beschimpft fühlen müsste. Aber der Graf konnte keine Antwort geben, weil der Ritter Foucaud du Marle, welcher das Ross des Grafen am Zügel führte, taub war und mit lauter Stimme unaufhörlich schrie: »Auf sie, auf sie!«
So standen denn auch die Templer nicht länger vom Kampfe ab; sie und Graf Artois verfolgten die flüchtigen Sarazenen mit Ungestüm bis Mansura. Hier riet der Meister Guillaume de Sonnac, der in diesem Kampf bereits ein Auge verloren hatte, dem Grafen vom weiteren Verfolgen ab. Der Seneschall der Templer, Aegidius, gab den Rat, zu den Kriegsmaschinen der Sarazenen am Nil zurückzugehen, bis die christlichen Streitkräfte sich verstärkt haben würden. Allein Graf Robert achtete auf keinen dieser guten Ratschläge, beschuldigte vielmehr die Tempelherren des Einverständnisses mit den Ungläubigen, und ein Ritter aus seiner Umgebung ließ das harte Wort hören: »Ihr Templer seid Füchse; hättet Ihr, die Hospitaliter und die syrische Ritterschaft es ernstlich gemeint, das Heilige Land wäre längst erobert.«
Da erwiderte der Meister Guillaume: »Erlauchter Graf, wozu trügen wir unser Ordenskleid, wenn wir die Kirche Christi verdürben und unsere Seelen durch Verräterei in Verdammnis brächten? Das sei fern von uns und jedem Christen.« Voller Zorn wandte er sich sodann zu seinem Bannerträger: »Entfalte unser Panier, hebe es hoch empor, uns ruft die Schlacht. Heute werden wir des Todes wie des Krieges zweifelhaftes Geschick ertragen müssen. Wir wären unüberwindlich, müssten wir nicht stets in Gemeinschaft anderer kämpfen; so aber sind wir Christen stets geteilter Meinung, gleichen Sand ohne Mörtel; ledig der Eintracht und Liebe werden wir unseren Untergang finden.«
Graf Artois und die Tempelritter stürzten alsbald auf den Feind, warfen ihn nach Mansura, drangen zum Schrecken aller Muselmänner in die Stadt ein, ja noch bis jenseits derselben vor. Als sie zum Heer zurückkehren wollten, fanden sie in Mansura die Straßen von den Sarazenen verrammelt, worauf sich ein furchtbarer Kampf entspann, in welchem Graf von Artois, viele französische und englische Ritter, 80 Tempelherren, viele Hospitaliter und Deutsche getötet wurden. Nur drei Templer, unter ihnen der Großmeister, vier Hospitaliter und drei Deutschherren retteten sich.
Durch solche und andere vereinzelte Kämpfe während des Übergangs sah sich das Heer verhindert, Bedeutendes zu unternehmen. Der König musste sich notgedrungen mit seinen Scharen des Kampfes unterwinden, um die übrigen bereits geschlagenen Heeresteile zu retten. Beinahe wären seine Völker in den Kanal Aschmum gedrängt; viele Ritter ergriffen die Flucht, nur durch große Anstrengungen des Königs konnte der gänzliche Untergang des Heeres abgewehrt werden. Vom Morgen bis zum Sonnenuntergang dauerte die Schlacht; endlich erlösten die Armbrustschützen, welche über eine während des Kampfes vom Lager aus auf den Kanal geschlagene Brücke zu Hilfe eilten, das Pilgerheer aus der gefährlichen Lage; mit Einbruch der Nacht zogen sich die Türken zurück, ihr Oberanführer Fachreddin war auf der Wahlstatt geblieben. Ludwigs Heer bezog ein Lager, wo bisher die türkischen Kriegsmaschinen gestanden hatten; auch der Templermeister mit seinen übriggebliebenen Männern lagerte sich hier.
Mit Anbruch des folgenden Tages (9. Februar) erneuerten die Sarazenen den Kampf, doch ohne Nachdruck, sodass die Christen die Ruhe benutzten, um zur Verbindung mit dem jenseitigen Lager eine Schiffbrücke über den Kanal zu errichten. Besser wäre es gewesen, man kehrte ungesäumt unter dem Schutz der bedeutenden und noch unversehrten Besatzung des Lagers nach Damiette zurück. Allein der König wollte seine vermeinten Vorteile nicht aufgeben. So begann am 11. Februar wiederum ein heißer Kampf; die Türken griffen das neue Lager heftig an. Dieses war schleunigst in den beiden vorhergehenden Tagen mit Schranken versehen worden; die Tempelherren hatten an ihrem Lagerplatz ein Bollwerk vom Holz der zerstörten sarazenischen Kriegsmaschinen errichtet. Zu Mittag nahm der Kampf seinen Anfang, der Feind drang am Südende des Lagers beim Grafen von Anjou ein, doch der König trieb ihn wieder hinaus. Die Schar der Templer geriet wegen ihrer Schwäche in die äußerste Bedrängnis, indem die Türken das von den Templern errichtete hölzerne Bollwerk durch griechisches Feuer in Brand setzten, worauf die türkischen Reiter die Templer über den Haufen rannten, da diese von einem solchen Pfeilregen der Feinde heimgesucht worden waren, dass hinter der Lagerstelle der Tempelherren das Land mit Pfeilen bedeckt war und man den Erdboden nicht sah. In diesem heißen Kampf verlor der Meister Guillaume de Sonnac sein anderes Auge und starb alsbald an seinen Wunden, worauf der Marschall Renaud von Vichiers die kriegerische Leitung, Stephen d’Outricourt aber als Großkomtur die des Ordens übernahm.
Obschon die Sarazenen das Lager der Christen unablässig bestürmten und der Kampf höchst schwierig und ermüdend war, so vermochten die Ungläubigen doch nicht, des Lagers Herr zu werden; sie mussten vom Angriff ablassen, nachdem viele Tote rings um das Lager die Wahlstatt bedeckten. Nun herrschte Ruhe bis zum Anfang des Märzmonats, ohne dass die Kreuzfahrer den geringsten Versuch gemacht hätten, sich in Besitz Mansuras zu setzen, wodurch ihre Stellung weit gesicherter geworden wäre. Endlich ließ der Sultan Turanschah, gleichwie vor 30 Jahren sein Großvater Malek al-Kamil, durch den Kanal Menzaleh Schiffe in den Nil bei Baranum bringen, sodass die christliche Flotte vorn und im Rücken angegriffen und ganz vernichtet wurde, hierdurch auch wieder der Untergang des Landheeres herbeigeführt wurde. Denn es stellte sich im Lager der Pilger großer Mangel an Lebensmitteln ein; hierdurch und durch die feuchte Lage der christlichen Stellung entstand wiederum die schon bekannte Seuche, sodass viele Pilger an ihr und vor Hunger starben. Der König sah sich hierauf genötigt, über den Kanal von Aschmum in das alte Lager zurückzugehen und von hier aus, da jene Drangsale nicht aufhörten, den Sultan um Frieden anzugehen, indem er Damiette räumen wollte, dafür aber das Reich Jerusalem begehrte. Allein die Sarazenen wollten von keiner Abtretung wissen, da ihnen die traurige Lage des christlichen Heeres nicht unbekannt war. Diesem blieb nunmehr nichts als heimliche Flucht übrig, welche auf die Nacht vom 5. bis 6. April festgesetzt wurde.
Die Kranken und Verwundeten wurden auf die im Kanal von Aschmum gebliebenen Schiffe gebracht, Zelte und Gepäck zurückgelassen und die Flucht begonnen, ohne dass man die Brücken über die Kanäle abtrug. Daher holten die Sarazenen das sich in jammervollstem Zustand befindende Heer bei Fariskur ein. Nach tapferem Kampf musste es sich mit dem König ergeben. Der König geriet in einem Landgut, Sarmosak, in Gefangenschaft; auch die Schiffe fielen in die Hände der Heiden. Keiner der Christen entrann nach Damiette; 30.000 Christen wurden teils getötet, teils gefangen; alle Gefangenen nebst dem König Ludwig wurden nach Mansura geführt, wo die geringeren Christen sowie viele Ritter getötet wurden. Mit den vornehmeren und reichen Gefangenen wurde über die Auslösung unterhandelt. Von den syrischen Baronen und den geistlichen Rittern forderte man ihre Burgen in Syrien. Als diese Forderung abgeschlagen wurde, begehrte der Sultan die Räumung Damiettes und 300.000 Livres – fast zwei Millionen Taler – sowie zehn Jahre Waffenstillstand.
Am 2. Mai ermordete der Mamluk Bibars Bondokdar den Sultan Turanschah, und Ejubs Witwe, Sultanin Schadschreddor, bekam die Regierung; der Emir Asseddin wurde Reichsverweser. Am 6. Mai wurden der König und die gefangenen Barone freigegeben, Damiette kam dafür wieder in die Hände der Feinde. Große Not machte die Herbeischaffung des Lösegeldes. Da riet der königliche Ritter, Seneschall Joinville, dem König, er möge die Tempelherren – also den Großkomtur Stephen d’Outricourt und den Marschall Renaud von Vichiers, welche nun den Angelegenheiten des Ordens vorstanden – um ein Darlehen von 30.000 Livres angehen, welche Summe noch an dem nötigen Lösegeld fehlte. Ludwig vernahm diesen Rat mit Freuden, und Joinville begab sich sogleich zum Großkomtur und eröffnete diesem sein Anliegen. Der hörte es aber nicht gern, sondern äußerte: »Herr Joinville, der Rat, welchen Ihr dem König erteilt habt, taugt nichts, sondern ist unverständig. Denn Ihr wisst recht gut, dass wir bei Übernahme der Komtureien einen Eid schwören, keinen Pfennig vom Ordensgut auszuliefern, es sei denn an diejenigen, welche uns den Eid abgenommen haben.«
Beide, Joinville und der Großkomtur, gerieten hierüber in einen heftigen Wortwechsel miteinander, sodass Joinville mit Gewalt das Geld zu nehmen drohte. Das kam vor den König, zu welchem der Marschall Renaud sprach: »Sire, lasst den Streit des Herrn von Joinville und des Großkomturs auf sich beruhen. Dieser hat wahr gesprochen, wir können keinen Pfennig von unserem Schatz ausliefern, widrigenfalls sind wir eidbrüchig. Deshalb hat Euer Seneschall Euch übel beraten, dass, wenn wir nichts geben, Ihr es mit Gewalt nehmen wollt. Doch verfahrt nach Eurem Willen. Wenn Ihr ihm folgt, werden wir uns an dem schadlos halten, was Ihr zu Akkon besitzt.«
Da der König auf keine andere Art zu Geld kommen konnte, ließ er den Seneschall gewähren. Dieser begab sich sofort in Begleitung des Marschalls von Frankreich und eines Priesters auf das Hauptschiff der Tempelherren und forderte den Großkomtur auf, mit ihm in den unteren Schiffsraum zu gehen, wo eine Kiste mit Geld stand, damit er sähe, wie viel daraus genommen würde. Doch Stephen weigerte sich dessen und nur der Marschall Renaud begleitete den Seneschall. Der anwesende Schatzmeister wollte die Schlüssel nicht herausgeben, worauf Joinville drohte, sie mit der Axt zu öffnen. Nun ergriff Renaud den Seneschall mit den Worten bei der Hand: »Mein Herr, wir sehen, Ihr wollt Gewalt anwenden, Ihr sollt den Schlüssel erhalten.«
Er befahl hierauf dem Schatzmeister, den Schlüssel herauszugeben; Joinville öffnete die Kiste und nahm die nötige Summe heraus; mit dieser und mit den von den Hospitalitern, Genuesern und Pisanern entlehnten Summen zahlte König Ludwig sein Lösegeld.
Wir ersehen aus diesem Benehmen der Templer, wie wenig sie geneigt waren, in allgemeinen und sie nicht besonders angehenden Beziehungen ihre Mittel anzuwenden, obgleich ihre Schätze doch lediglich dem Heiligen Land und dessen Kämpfern gehörten. Übrigens besaß der Großkomtur die Macht des Meisters; er, der Marschall und der Schatzmeister bildeten unter den obwaltenden Umständen den Konvent und konnten über die Ordensschätze in diesem Fall unbedenklich verfügen. Sodann war der Orden ein französischer in seinen Hauptelementen und es handelte sich hier um den König von Frankreich.
Allein von Vaterlandsliebe, Selbstverleugnung und Wohlwollen wird man bei diesem Ereignis aufseiten der Tempelherren keine Spur gewahr, daher sie sich nachreden lassen mussten, sie seien schuld am Untergang des Heeres und an der Gefangennahme des Königs; gleichwohl bestätigte Papst Innozenz IV. in diesem Jahr die Privilegien des Tempelordens in Deutschland und Polen. Auch König Ludwig entzog dem Orden so wenig sein Wohlwollen, dass, als er im Jahr 1258 dem Vicomte Bertrand de Carcassonne eines Vergehens wegen die Strafe auferlegte, zwei Jahre im Heiligen Land zu dienen, er ihm aufgab, bei seiner Rückkehr ein Zeugnis des Templermeisters über seinen dortigen Aufenthalt beizubringen.

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