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Aus Armand’s Frontierleben – Band 1- Kapitel 6

Fredéric Armand Strubberg
Aus Armand’s Frontierleben
Band 1
Carl Rümpler, Hannover, 1868

Sechtes Kapitel

Es war so schön und friedlich still hier unter den alten, dicht belaubten Eichen. Das Gras unter ihnen war so frischgrün und das Abenddunkel, das ihn bereits umgab, ließ das feurige Rot des Himmels, das zwischen den dunklen Laubmassen über ihm glühte, nur noch mehr erstrahlen.

Armand dachte an seine alte Heimat, an die prächtigen, vertrauten Wälder in Deutschland und an die feierlichen, lieben Klänge der Abendglocken, die über Berg und Tal wogten. Sein Hengst war wieder in den Schritt übergegangen und näherte sich dem nächsten Hügel, während Joe in einiger Entfernung voranlief. Auf der Höhe blieb der Hund aber stehen und sah sich nach seinem Herrn um. Im ersten Augenblick verstand Armand nicht, dass das treue Tier ihm eine Meldung machen wollte.

Als Armand sich ihm näherte und Joe unbeweglich stehen blieb und abwechselnd zu ihm und wieder vor sich hin sah, wurde Armand aufmerksam. Er ritt vorsichtig zu ihm heran, bis er über den Hügel hinwegschauen konnte.

Wie groß war seine Überraschung, als er im kleinen Wiesental vor sich eine weibliche Gestalt erkannte, die sich über das Gras beugte und Kräuter zu sammeln schien. Neben ihr stand eine Hirschkuh, die ein Glöckchen an einem breiten roten Band um den Hals trug und es ertönen ließ, indem sie es schüttelte, um die Fliegen abzuwehren.

Das Bild eines weiblichen Wesens, so plötzlich und unerwartet, wirkte mächtig auf Armands schon angeregte Fantasie. Er hielt sein Pferd im Zügel zurück und schaute mit verhaltenem Atem auf die jugendliche Erscheinung hinab, die noch keine Ahnung von seiner Nähe hatte und eilig hier und dort kleine Pflanzen aus dem Gras hervorzog.

Ein hellgelbes, luftiges Gewand umgab ihre schlanke Gestalt. Lange schwarze Locken hingen zu beiden Seiten ihres Gesichts herab und berührten, wenn sie sich tief bückte, mit ihren Spitzen die Halme. Neben ihr im Gras lag ein feuerroter Schal.

Allein in dem schon düsternden Eichenwald an der äußersten Grenze der Zivilisation, wo noch Indianer hausten, ein Mädchen aus gebildetem Stand zu sehen, hielt Armand mehrere Minuten lang gefesselt auf dem Platz, dann aber zog es ihn zu ihr hin. Seit so langer Zeit hatte sein Blick auf keinem weiblichen Wesen geruht!

Er ritt den Hügel hinab und kam bis auf fünfzig Schritte an sie heran, ohne dass sie oder die Hirschkuh die Tiere bemerkten.

Erschrocken fuhr die Unbekannte herum, schlug die Arme um den Nacken ihrer vierfüßigen Begleiterin und stieß einen unterdrückten Schrei aus.

»Ihr Hund, Herr!«, rief sie, ihre großen, dunklen Augen ängstlich auf Armand geheftet, und streckte ihre kleine Hand abwehrend gegen ihn aus.

»Fürchten Sie nichts, Fräulein!«, entgegnete dieser, von der Schönheit des Mädchens überrascht. Er sprang vom Pferd, befestigte die Kette, die an dem Sattelknopf hing, schnell an das Halsband des Hundes und sagte: »Mein guter Stern hat mich hierhergeführt und mir das Glück verliehen, Ihnen zu begegnen, Fräulein. Ich komme aus der Wildnis, von der Leone, und suche das Settlement. Mein Name ist Armand.«

Dabei verneigte er sich ehrerbietig, hielt seinen erstaunten Blick aber unbeweglich auf die großen Augen der jungen Dame geheftet.

»Herr Doktor Armand – sind Sie es wirklich?«, rief diese in freudiger Überraschung aus. »So hat Sie mein guter Stern hierhergeführt. O, kommen Sie mit mir! Mein Vater ist so krank, und Sie können ihm gewiss helfen.«

Dabei nahm sie die Kräuter, die ihr im Augenblick des Schrecks aus den Händen gefallen waren, wieder auf, warf den roten Schal über ihren Arm und wollte das Halsband der Hirschkuh ergreifen, um sie zu leiten.

»Seien Sie unbesorgt um Ihren Liebling, Fräulein. Mein Hund wird ihm nichts zuleide tun. Er ist ja auch festgekettet«, sagte Armand, während er an die Seite der Unbekannten trat und mit ihr davonschritt. Seine Tiere folgten ihm in kurzer Entfernung.

»Wir haben kürzlich wieder etwas über Sie in einer Zeitung gelesen, Herr Armand«, begann das Mädchen mit bewegter Stimme. »Sie wohnen an der Leone.«

»In einem Paradies, Fräulein, wo alles schön und herrlich ist, aber die Engel fehlen«, erwiderte Armand und warf einen aufleuchtenden Blick auf seine Begleiterin.

Diese sah ihn jedoch für einen Moment fragend an, als habe sie ihn nicht gleich verstanden. Dann schaute sie schnell vor sich nieder.

»Es ist das schönste Land auf Erden, das an der Leone«, fuhr Armand fort.

»O, das schöne, das teure Land – das Land meiner Kindheit«, sagte das Mädchen mit wehmütiger Stimme und presste beide Hände gegen ihr Herz.

»Das Land Ihrer Kindheit, Fräulein?«, fragte Armand verwundert.

»Ja, Herr, an den Quellen der schönen Leone bin ich geboren und habe meinen Namen von ihr erhalten – ich heiße Leonide.«

»Wie ist das möglich, Fräulein? Jene Länder wurden bisher nur von einzelnen weißen Jägern betreten«, versetzte Armand.

»Mein Vater, der jetzt so krank ist, war Biberjäger, und meine gute, teure Mutter war Indianerin, die Tochter Toscalors, des Häuptlings der Caddo.« Sie hatte aus Liebe zu meinem Vater ihren Stamm und ihr unglückliches Volk verlassen und war dem weißen Mann ihres Herzens gefolgt. Sie liegt an den Quellen der Leone begraben«, sagte Leonide und senkte ihr Haupt, um die Tränen zu verbergen, die ihren langen schwarzen Wimpern entfielen.

»An den Quellen der Leone?«, nahm Armand immer erstaunter das Wort. »O, wie oft habe ich dort gejagt und manchmal Wochen zugebracht. Es ist so schön da oben in den Bergen, und der Ort wird mir nun noch viel lieber und teurer werden. Wie lange ist es schon her, dass Sie zuletzt dort waren, Fräulein Leonide?«

»Über zehn Jahre hat sich mein Herz nun schon nach jenen Bergen zurückgesehnt«, antwortete sie, ihren tränenschweren Blick senkend. »Ach, werde ich sie jemals wiedersehen?«

»Nun, die Erfüllung dieses Wunsches liegt ja nicht außer Reichweite«, antwortete Armand rasch. »Der Ritt von hier bis zu meinem Fort wäre der anstrengendste. Dort würden Sie und Ihre Begleiter eine herzliche Aufnahme finden. Nach ein wenig Ruhe würden Sie in zwei kleinen Tagemärschen die Quellen erreichen. Wie glücklich würde ich mich schätzen, Fräulein, Sie zu begleiten und, wenn nötig, zu beschützen.«

»Gegen meinesgleichen, gegen mein eigenes Fleisch und Blut!«, konstatierte Leonide mit wehmütigem Lächeln. »Nein, Herr Armand, ich könnte es nicht mit ansehen, dass Sie einem Indianer etwas zuleide täten. Ich bin ja selbst Indianerin und werde es ewig bleiben.«

Armand fuhr im Geist zusammen vor dem feierlichen Ton, mit dem Leonide diese Worte sagte, und vor dem ernsten, geisterhaften Blick, mit dem sie sie begleitete. Dann entgegnete er: »Aber Notwehr ist doch gegen jedermann erlaubt, Fräulein.«

»Und gibt es eine dringlichere und gerechtere Notwehr als die der armen Indianer gegen die Weißen, die ihnen Stück für Stück ihr Land nehmen, bis sie schließlich alle in den Bergen elendig zugrunde gehen müssen?«, erwiderte Leonide mit klagender Stimme. Sie erhob ihre Blicke zum dunkelnden Himmel und fügte hinzu: »O mein unglückliches Volk!«

Armand fand darauf keine Antwort. Er sah sich von diesem engelschönen, reizenden Mädchen angeklagt und alle triftigen Gründe, die er sonst stets zur Rechtfertigung gegenüber den Indianern parat hatte, schienen ihm in diesem Moment nichtig.

Schweigend gingen sie nebeneinanderher, bis Leonide mit sichtbarer Verlegenheit und bittendem Ton wieder ansetzte: »Ach, Herr Armand, seien Sie mir nicht böse. Ich fühle mein Unrecht im Augenblick, in dem ich Ihre Hilfe für meinen Vater anrufe und Ihnen Vorwürfe gemacht habe. Er ist so krank, und seit er die Medizin genommen hat, die Doktor Horly ihm gegeben hat, ist er noch viel elender geworden. Wenn Sie ihm nur noch helfen können!«

»Hoffentlich, Fräulein«, antwortete Armand tröstend. »Was fehlt ihm denn?«

»Er hatte Fieber und nach den Pillen des Doktors hat sich eine so grässliche Hals- und Mundentzündung eingestellt, dass ich um sein Leben fürchte. Mit diesen Kräutern, die mir meine gute Mutter gezeigt hat, hoffe ich, die Entzündung zu lindern. Ach, lassen Sie uns eilen, Herr Armand.«

Bei diesen Worten verdoppelte Leonide, wie von Verzweiflung ergriffen, ihre Schritte den Hügel hinauf. Nach einigen Minuten erreichten sie die Hügelspitze, von wo aus sich im Düster des Abends ein kühles, reizendes Wiesental dem Blick darbot.

Der Bach, an dem Armand den abgehauenen Baumstumpf gefunden hatte, umgab das Tal halbkreisförmig, und an seiner fernen Biegung stand auf einer steilen Anhöhe an seinem Ufer unter dicht belaubten Bäumen ein zweistöckiges, aus Holz erbautes Haus. Um dessen beide Etagen führten zierlich vergitterte und mit blühenden Rankenrosen umschlungene Verandas. Vor dem Gebäude weideten Kühe, Pferde und Maultiere in dem hohen Gras. Hinter dem Gebäude, im dunklen, dichten Wald, waren mehrere Blockhäuser zu erkennen.

»Dort ist unser Haus«, erklärte Leonide mit ängstlicher Stimme. Sie beschleunigte ihre Schritte auf dem Pfad, der sich von der Höhe um die linke Seite des Tals an dem Eichenwald entlang zog.

Armand blieb schweigend an ihrer Seite und hielt teilnehmend, aber auch bewundernd seinen Blick auf die Halbindianerin gerichtet, in deren schnellen, elastischen Bewegungen sich das Blut ihrer Mutter so deutlich bekundete. Leicht und schwebend, als berühre sie kaum den Boden, eilte sie dahin, ohne dass es den Anschein von Anstrengung erweckte. Und doch musste Armand sehr rasch gehen, um bei ihr zu bleiben. Dabei umwehten ihre langen schwarzen Locken den durchsichtig weißen Hals und schlugen um den Nacken zusammen, über dem die auffallende Fülle ihres Haares in schweren Flechten aufgerollt und mit einem silbernen Pfeil befestigt war.

Leonide war verstummt. Ihre Angst um den kranken Vater schien sich mit jedem Schritt zu steigern, wie die einzelne Träne verriet, die von Zeit zu Zeit ihren Augen entquoll.

So näherten sie sich der Niederlassung und hatten diese bis auf kurze Entfernung erreicht, als zwischen den von Rosen umrankten Pfeilern der Veranda eine weibliche Gestalt die Treppe hinab in den Blumengarten vor dem Haus trat und durch diesen nach dessen Eingang eilte.

»Da kommt meine Stiefmutter, Herr Armand«, sagte Leonide, sprang fliegenden Fußes voran zu ihr hin und rief ihr entgegen: »Der Himmel hat uns Hilfe gesandt, liebe Mutter. Dies ist Herr Armand, der Arzt, von dem wir neulich in der Zeitung lasen.«

Dabei wandte sie sich nach ihm um und stellte ihn ihrer Stiefmutter, Madame Davis, vor.

»Gott sei gelobt, der Sie uns in unserer Verzweiflung sendet. Mein Mann ist sehr krank. Ach, treten Sie schnell ein«, bat die Frau in sorgenvoller Aufregung Armand und wollte ihn voran in den Garten eintreten lassen.

Er jedoch wandte sich nach seinem Ross um und sagte: »Einen Augenblick müssen Sie mich entschuldigen, ich muss erst mein Pferd und meinen Hund in Sicherheit bringen.«

»Kommen Sie, Herr Armand, ich werde mit Ihnen gehen«, fiel Leonide ihm rasch ins Wort und glitt ihm eilig voran um die Einzäunung zur Rückseite des Hauses. Dort befand sich unter hohen, uralten Lebenseichen, von hohen Palisaden umgeben, ein geräumiger Hof, auf dem sich mehrere Wohnungen, Vorratshäuser und ein sehr langes, auf Pfeilern ruhendes Sonnendach befanden. Unter diesem waren Krippe und Raufe für Pferde angebracht.

»Simeon, sorge gut für das Pferd des Herrn«, rief Leonide einem alten Landarbeiter zu. Dieser blickte von einem der Häuser aus verwundert zu dem Fremden und trat schnell heran, um den Befehl seiner jungen Herrin auszuführen.

Armand nahm dem Hengst jedoch selbst Sattel und Zeug ab, befestigte ihn unter dem Schuppen an die Krippe und warf ihm einen Bund getrocknete Maisblätter in die Raufe. Dann kettete er Joe an einen der Pfeiler, warnte den Knecht, dass niemand in die Nähe des Hundes treten solle, und sagte ihm, dass er sein Pferd später selbst mit Mais füttern wolle. Schließlich überließ er ihm die beiden Maultiere.

»Er wird alles aufs Beste erledigen«, meinte Leonide mit ungeduldiger, angstvoller Bewegung und eilte mit den Worten »Ach, kommen Sie, Herr Armand« diesem voran ins Haus.

An der Treppe der Veranda wartete Madame Davis auf den Herannahenden, ergriff Armands Hand und sprach mit beklommener Stimme, während sie ihn ins Haus führte: »Gott wird uns gnädig sein!«

Armand trat schweigend in das Zimmer, dessen Tür Leonide für ihn öffnete. Es war schon sehr düster darin, sodass er sich im ersten Augenblick vergebens nach dem Lager des Kranken umschaute. Ein leises Stöhnen gab ihm jedoch die Richtung vor, und er sah seitwärts auf dem Fußboden vor dem Kamin, in dem keine Kohle glomm, eine Gestalt auf einer wollenen Decke liegen. Zugleich ließ sich Madame Davis neben dem Kranken nieder und sprach, dessen Hand ergreifend, mit liebevollem Ton: »Lieber Davis, hier ist Herr Doktor Armand.«

Davis wollte sich rasch aufsetzen, fiel aber wieder auf die zusammengerollte Büffelhaut zurück, die ihm als Kopfkissen diente.

»Ich danke Ihnen!«, war alles, was er mühsam hervorbringen konnte. Gleichzeitig erhob er seine Hand, um sie Armand zu reichen.

In diesem Augenblick trat Leonide lautlos mit einer Lampe in der Hand ins Zimmer, stellte sie auf das Gesims über dem Kamin und beleuchtete damit ihren Vater.

Armand hatte sich auf ein Knie niedergelassen, hielt die Hand des Kranken in seiner und fühlte den Puls. Große Beängstigung lag auf dessen Antlitz, seine tiefgeröteten Augen hatten einen fieberhaften Glanz, sein Atem war mühsam und sein zitternder, kaum noch fühlbarer Puls setzte häufig aus.

»Sie sind auf unverantwortliche Weise mit Quecksilber behandelt worden, Herr Davis«, sagte Armand zu ihm, nahm die Lampe vom Gesims und beleuchtete nun den Mund des Kranken, den dieser nur wenig öffnen konnte.

Dann schritt er zu dem Tisch, nahm aus seinen Pistolenholstern eine Blechbüchse hervor, in der er stets Arzneien bei sich führte, und bereitete ein Pulver für Davis zu, welches er ihm mit Milch einflößte.

»Wie weit ist es bis zum Settlement?«, fragte er dann Madame Davis.

»Man rechnet drei Meilen«, antwortete diese.

»Sind denn dort Arzneien zu haben?«, fuhr Armand fort.

»Doktor Horly verkauft keine solchen, doch der Kaufmann Labadee hält immer eine große Auswahl davon vorrätig.«

»So muss ich sofort hinreiten, um die nötigen Mittel für Herrn Davis anzuschaffen. Wie aber werde ich den Weg finden?«, fragte Armand.

»John, einer unserer Knechte, kann mit Ihnen reiten, Herr Doktor«, schlug die Frau vor, »aber Sie kommen heute schon von so weit her und sind sicher recht ermüdet.«

»Körperliche Anstrengungen machen mir nichts aus, aber mein Pferd ist müde. Wenn Sie mir einen Ihrer Knechte zur Seite stellen wollen, werde ich mich darüber freuen«, antwortete Armand.

»Ich will gleich Vaters Schecken satteln lassen, er ist sehr schnell«, fiel Leonide ein und war im nächsten Augenblick aus dem Zimmer verschwunden.

»Wie sollen, wie können wir es Ihnen jemals danken, Herr Armand, was Sie jetzt für uns tun?«, fragte Madame Davis tief bewegt und trat mit ihm an das Fenster, durch welches man das letzte Rot am Abendhimmel erblickte.

»Es war zu meinem eigenen Vorteil, dass mich der Zufall hierherführte, denn ich hätte noch lange nach dem Settlement suchen können. Dass ich Ihnen nun einen kleinen Dienst erweisen kann, macht mich wahrhaft glücklich. Fern von den Menschen ist man zwar sicher, nicht belästigt zu werden, aber man entbehrt auch das Glück, ihnen beizustehen«, setzte Armand fort und fügte schnell noch hinzu: »Übrigens dürfen Sie unbesorgt sein, Madame Davis, Ihr Herr Gemahl wird sich recht bald erholen.«

»Ach, Herr Armand, welchen beseligenden Trost geben Sie mir – ich hatte schon alle Hoffnung verloren. Mögen Sie aber unseres ewigen Dankes auch versichert sein«, erwiderte die Frau, die nun freier atmete.

Armand fiel ihr ins Wort und gab ihr Anweisungen, was sie während seiner Abwesenheit noch für den Kranken tun solle.

Da kam Leonide zurück und teilte mit noch mehr Unruhe und Angst in ihrer Stimme mit, dass das Pferd ihres Vaters bereits gesattelt sei.

»Beruhigen Sie sich, Fräulein Leonide, über den Zustand Ihres Herrn Vaters«, sprach Armand, ihre zunehmende Besorgnis bemerkend, und schritt mit ihr und ihrer Stiefmutter aus dem Zimmer. »Ich hoffe, dass er in ganz kurzer Zeit wiederhergestellt sein wird.«

»O, großer, gütiger Gott, wie will ich es dir danken!«, stieß Leonide, von der unverhofften Glücksbotschaft überrascht, aus und faltete die Hände. »Ist es denn auch wirklich Ihr Ernst, Herr Armand? Sagen Sie es nicht nur, um uns der Verzweiflung zu entreißen?«

»Nein, Fräulein, es ist meine vollste Überzeugung, und was ich zu seiner raschen Genesung beitragen kann, werde ich gewiss gern tun«, erwiderte Armand freudig.

»Und ich werde Sie dafür in meine heißesten Gebete einschließen«, sagte Leonide mit bebenden Lippen und überwogendem Gefühl. »Ach, Herr Armand, ewig will ich Ihnen Ihre Güte und Hilfe danken!«

»Es ist ja kaum der Rede wert, Fräulein. Das Glück, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, überwiegt tausendfach die kleine Mühe, der ich mich mit so viel Freude unterziehe«, erwiderte Armand. »Erlauben Sie mir aber, dass ich, ehe ich reite, mein Pferd und meinen Hund füttere.«

»Darf ich es nicht für Sie tun? Ich will es recht gut besorgen«, bat Leonide. »O, lassen Sie mich es übernehmen. Es macht mir Freude, und Sie wissen ja, dass dieses Geschäft mir als Indianerin obliegt.«

»Mein Pferd will ich Ihnen gern anvertrauen, mit meinem Hund darf ich es nicht wagen, er ist zu böse.«

»Lassen Sie es mich wenigstens versuchen, Freundschaft mit ihm zu schließen – es ist ein so prächtiges Tier«, fuhr Leonide fort.

»Es gibt nur ein Mittel, um dies zu ermöglichen«, antwortete Armand. »Er muss sehen, dass Sie meine Freundin sind.«

»Und wie soll ich ihm das zeigen?«, fragte Leonide lächelnd.

»Sie müssen mir Ihre Hand geben und mit mir zu ihm gehen. Dann wird er sich alle Freundlichkeit von Ihnen gefallen lassen«, antwortete Armand.

»Gerne, sehr gerne, hier ist meine Hand. Nun lassen Sie uns aber eilen, sonst kann er uns nicht mehr sehen«, sagte Leonide in ihrer überglücklichen Stimmung und legte ihre kleine, weiche Hand in Armands Rechte.

Sehr eilig schritten sie nun an dem Garten und der Einzäunung entlang zum Hof, wobei Armand seine Schritte wohl gern weniger beschleunigt hätte. Ein ihm seit langer Zeit fremd gewordenes Gefühl überkam ihn, als er Leonides Hand in seiner hielt und deren flaumige Weichheit und jugendliche Wärme spürte.

Der Weg war kurz, und nach wenigen Augenblicken langten sie bei dem Hund an, der sich an der Kette hoch aufbäumte, um seinen Herrn zu begrüßen.

Armand hielt die Hand des schönen Mädchens immer noch in seiner und blieb vor dem Tier stehen, bis ein Bediensteter, den Leonide dazu beauftragt hatte, einen Blechnapf mit Fleisch herbeibrachte. Dann sprach Armand: »Joe, dies ist Fräulein Leonide, meine sehr liebe und verehrte Freundin. Gegen sie musst du dich artig benehmen.« Dabei legte er seine Hand traulich auf die Schulter des Mädchens und bat sie, dem Hund nun Fleisch zu reichen und ihm dabei den Rücken zu klopfen.

Leonide tat, wie Armand es wünschte, und Joe bezeugte durch seinen Appetit und das Wedeln mit dem Schwanz seine Freude und Dankbarkeit.

»Nun dürfen Sie mit ihm tun, was Sie wollen, Fräulein«, bekräftigte Armand. »Er wird treulich Ihr Freund bleiben.« Sie haben mich hierdurch abermals zu Dank verpflichtet, denn ich war sehr besorgt, den Hund mit mir in die Ansiedlung zu nehmen. Nun kann ich ihn mit voller Beruhigung hier zurücklassen. Warnen Sie aber jedermann davor, ihm zu nahe zu kommen, damit er kein Unglück anrichtet. Jetzt will ich eilen, um recht bald zu Ihnen zurückzukehren.«

Dann klopfte Armand dem Hund nochmals auf den Kopf, Leonide folgte seinem Beispiel, und dann bestieg er schnell das Pferd, das für ihn in Bereitschaft stand.

Der Landarbeiter, der als Führer mitreiten sollte, lenkte seinen Schimmel durch die Palisaden hinaus. Armand reichte Leonide noch einmal die Hand, damit der Hund es sähe, und dann setzte er, ihr noch Abschiedsgruße zuwinkend, seinen Schecken in flüchtigen Passgang.

Er folgte dem Führer Hügel auf, Hügel ab, bald unter hohen Eichen hindurch, bald durch dichte Waldstriche, bald über Grasfluren, immer im raschen Pass. Die Nacht legte sich schnell über die Gegend, doch Armand war mit seinen Gedanken nicht gegenwärtig. Sie blieben bei Leonide zurück, deren Eindruck auf ihn sich von Minute zu Minute steigerte. Es war nicht allein ihre ungewöhnliche, seltene Schönheit, die ihn so sehr anzog, sondern etwas in ihr, wofür er keine Worte fand, etwas Geistiges, das ihn mit zauberischer Gewalt ergriffen hatte. Jede ihrer Handlungen, Bewegungen und Worte wurden durch das tiefe Gefühl einer edlen Seele erzeugt, ohne vorher vom Verstand überdacht und abgemessen worden zu sein. Sie gab sich, wie sie war: anmutig, liebreizend, voller Herzensgüte, ohne den fernsten Gedanken, damit etwas erzielen zu wollen. Sie war ein reizendes Geschöpf, wie Armand glaubte, das er noch nie zuvor gesehen hatte.

Dabei waren es ihre wunderbare Schönheit, ihre durchsichtige, alabasterbleiche Haut, die nie gesehene Fülle ihres glänzend schwarzen Haares, ihre brennend roten Lippen und dazwischen die Perlenreihen ihrer wundervollen Zähne – aber vor allem waren es diese Augen, diese tiefdunklen Samtaugen, die bald wie eine stille Nacht aus ihrem schönen Antlitz hervorsahen, bald wie fernes Wetterleuchten erglühten. O, sie war schön, sie war wunderbar lieblich und reizend, und ihr Bild stieg immer lebendiger vor Armands geistigem Blick auf.

Er sah sie, wie er sie zuerst erblickte: Sie beugte sich über das Gras und suchte Kräuter für ihren kranken Vater. Dann sah er, wie sie entsetzt über sein plötzliches Erscheinen war und wie sie ihre Hirschkuh beschützen wollte. Wieder sah er, wie ihr Auge in Hoffnung aufleuchtete, als sie in ihm den Arzt erkannte. Und wieder stand sie vor ihm am Krankenlager, niedergebeugt von Schmerz und Verzweiflung. Immer wieder kam ihm der Augenblick in Erinnerung, als ihre Seele aufjauchzte, als er ihr die baldige Genesung ihres Vaters zusagte. Wie kindlich froh und glücklich war sie dann bereit, alles zu tun, wozu sie imstande war, um ihrer Dankbarkeit Ausdruck zu geben. Wie zutraulich hatte sie ihre Hand in seine gelegt und wie ungezwungen und vornehm war sie an seiner Seite geschritten, wie fest und leicht hatte sie ihre einzig schönen kleinen Füße auf dem Weg zu dem Hund gesetzt!

Sie war in Wirklichkeit ein Engel, wie Armands lebhafteste Fantasie ihm noch nie einen so vollkommenen gezeigt hatte. Die Augenblicke, die er in ihrer Nähe verbracht hatte, zogen fortwährend vor seinem aufgeregten Geist vorüber.

»Noch eine Meile, Herr«, rief ihm plötzlich der Stallknecht zu, offenbar, um sein Pferd verschnaufen zu lassen, denn er ließ es im Schritt gehen. Armand erwachte aus seinen wonnigen Träumereien.

Seine Flucht vor den Menschen und sein einsames, leidenschaftsloses Leben, abgeschieden von der Welt, standen wieder vor ihm, mit dem Widerwillen, dem Überdruss und allem Leid und Weh, welches jene über ihn gebracht hatten. Zertrümmerte Hoffnungen, von ähnlichen Gefühlen erzeugt wie jene, die Leonide in ihm wachgerufen hatte, traten wie kalte, warnende Gespenster vor seine Gedanken.

Da war er nun wieder mit der Welt zusammen und mit seiner ersten Beziehung zu ihr flackerte schon wieder die Flamme der Leidenschaft in seinem Herzen auf. Wo war die Ruhe, die Kälte und die Teilnahmslosigkeit geblieben, die er sich gegenüber den Menschen zu wahren gelobt hatte? Wo war das stille Glück, das ihm nur seine Wildnis bieten konnte?

War es denn überhaupt Glück? War es nicht vielmehr eine lange Trauer um einen verlorenen Himmel gewesen? Zeigte ihm dieser Engel, diese Leonide, nicht ein Paradies, wie er es sich noch nicht einmal erträumt hatte?

So reizend und feenhaft das Zauberbild des Mädchens seine Seele auch umgaukelte, so konnte es doch die fortwährend warnende Stimme nicht zum Schweigen bringen, die ihm immer das Unheil vorhersagte, das ihm drohte, wenn er sein Glück in der Einsamkeit aufgab.

Warum konnte er diesem Glück nicht treu bleiben und nur das hinzufügen, was seine Bekanntschaft mit Leonide ihm bot?

Mit den übrigen Menschen musste er ja nicht verkehren. Sie blieben ihm nach wie vor fern und fremd und konnten keinen störenden Einfluss auf sein Leben ausüben.

So sollte es sein, und Armand sehnte sich nach dem Augenblick, in dem er alle seine Geschäfte im Settlement abgeschlossen haben würde, um dann wieder für lange Zeit jeden Kontakt damit abzubrechen.

»Jetzt sind wir gleich da, sehen Sie die Lichter da unten, Herr?«, teilte ihm sein Begleiter mit, als er mit Armand dicht hinter sich eine Höhe erreicht hatte und sie einem Fahrgeleise ins Tal folgten.

»Führe mich zum Haus des Herrn Labadee, zum Kaufmann«, befahl Armand.

»Jawohl, Herr, der auch ein Wirtshaus hält«, antwortete der Führer. »Bleiben wir denn über Nacht dort?«

»Nein, wir reiten bald zurück. Gib den Pferden Maisblätter, während ich meine Geschäfte abmache. Und sieh zu, ob du nicht ein paar Decken bekommen kannst, um sie über die Tiere zu hängen. Sie sind sehr erhitzt.«

»Decken?«, versetzte der Knecht lachend, »das bisschen Schweiß tut den Gäulen nichts. Sie sind es gewohnt, im Freien zu trocknen. Herr Labadee würde auch keine seiner Decken hergeben, um sie auf die nassen Pferde zu legen.«

Armand schwieg, denn er kannte die Landessitte nur zu gut, für ein Pferd in keiner Weise Sorge zu tragen. So erreichten sie nach kurzer Zeit das erste Blockhaus, das aus einem Dickicht unter hohen Bäumen hervor sah. Die Bewohner mussten schon zur Ruhe gegangen sein, denn Tür und Laden waren geschlossen und es war kein Licht zu sehen.

Die Wagenspur führte weiter in den Wald hinein und nach einigen Minuten gelangten die Reiter zu drei ähnlichen Wohnungen wie der ersten. Doch auch in ihnen herrschte keine Bewegung mehr, nur einige Hunde tobten bellend um sie herum.

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