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Felsenherz der Trapper – Teil 02.4

Felsenherz, der Trapper
Selbst Erlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Überarbeiteter Text
Band 2
Das Geheimnis der Llano Estacado
4. Kapitel
Der Skalpierte

Die Nacht war dunkel, aber sternenklar. Gegen zwei Uhr morgens schlenderte der lange Billy, die Doppelbüchse im Arm, auf die Felsengruppe zu. Unvermittelt hielt er inne. Er glaubte, vor dem Lager einen dunklen Schatten gesehen zu haben. Misstrauisch starrte er eine Weile in die Dunkelheit, doch nichts regte sich. Er beruhigte sich mit dem Gedanken, dass es wohl nur ein Präriefuchs gewesen war. Dennoch machte er sicherheitshalber noch eine Runde um das Lager – tief gebückt, stellenweise kriechend. Er fand nichts Verdächtiges.

Dann weckte er Felsenherz, der sofort hellwach war, seine Büchse nahm und in die Nacht hinausschritt. Billys leises Schnarchen verriet schon nach wenigen Minuten, dass er fest eingeschlafen war.

In der Ecke, in der der alte Mescalero hinter den drei Schläfern gefesselt lag, regte sich etwas. Koromitu hatte seine Fesseln bereits abgestreift; er war der Schatten gewesen, den Billy bemerkt hatte. Lautlos kroch der Apache auf die Schlafenden zu. Seine Hand glitt an Lord Barnleys Kopf vorbei und griff nach seiner Flinte, dem Tomahawk und dem Jagdmesser, die Felsenherz ihm abgenommen und neben das Feuer gelegt hatte. Wie eine Schlange wand sich Koromitu mit seinen Waffen ins Freie.

Felsenherz stand indessen auf einem Hügel nördlich des Lagers und lauschte. Ihm war, als hätte er im Westen, wo die Pfahlreihe verlief, das Schnauben von Pferden gehört. Der Wind wehte von dort herüber, und es war nicht auszuschließen, dass Reiter den Weg entlangkamen. Waren es die Mescalero? Hatten sie ihre Spur bereits wiedergefunden?

Vorsichtig drang Felsenherz nach Westen vor. Seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, und bald unterschied er eine der hölzernen Stangen. Wieder horchte er mit angehaltenem Atem. Jäh wurde ihm die Büchse aus dem Arm gerissen! Er fuhr herum. Vor ihm stand ein breitschultriger Indianer, der die Waffe auf ihn angelegt hatte.

»Felsenherz soll sich nicht rühren!«, warnte die tiefe Stimme des alten Koromitu. »Ich führe nichts Böses im Schilde. Aber ich bin ein Krieger, und die jungen Männer meines Stammes sollen nicht sagen, dass Koromitu ein schwacher Greis ist, der vier Bleichgesichtern nicht entfliehen konnte. Die Pferde habe ich bereits weggebracht. Das war das Schnauben, das du hörtest.«

»Gut, ich bin in deiner Gewalt«, erwiderte Felsenherz gleichmütig. »Auf diese Distanz triffst du mich sicher. Was willst du noch?«

»Früher nannten uns die anderen roten Männer Manitus stinkende Kröten«, fuhr der Apache fort. »Wir waren einst tausend Krieger, doch die Texaner vertrieben uns in die Höhlen am Rio Pecos. Nur noch sechshundert von uns leben. Vier Jahre lang musste ich in Fort Griffin wie ein Sklave arbeiten. So wurde ich zum Feind aller Bleichgesichter. Doch seit gestern denke ich anders. Felsenherz hat …«

Zu spät bemerkte der junge Trapper die kleine Gestalt, die sich unhörbar an den alten Apachen herangeschlichen hatte. Sein Warnruf kam einen Bruchteil einer Sekunde zu spät: »Jimmy – nicht zustechen!«

Jimmy hatte sein breites Bowiemesser bereits zwischen Koromitus Rippen gestoßen. Der Apache taumelte. Felsenherz fing ihn auf und fuhr den kleinen Jimmy empört an: »Ihr seid abermals zum Mörder geworden! Hättet Ihr nur einen Moment zugehört …«

»Verdammt!«, brummte Jimmy bestürzt. »Ich wollte Euch nur retten, Old Boy! Der vorschnelle Stich tut mir aufrichtig leid.« Er kniete neben dem Sterbenden nieder und ergriff seine Hand. »Koromitu, verzeih mir! Hörst du mich?«

Der Alte röchelte schwer. Mühsam lallte er: »Jimmy … keine Schuld. Felsenherz … Hobler hat … vom Geisterbüffel gesprochen … in unserem Dorf … und von Gold … viel Gold …«

Ein letztes Zucken ging durch seinen Körper, dann war er tot.

Jimmy richtete sich schwerfällig auf. »Ich habe in meinem Leben noch keinen Messerstich bereut«, sagte er dumpf. »Diesen hier bereue ich. Ich gäbe fünfundzwanzig Bärenfelle, wenn ich ihn wieder lebendig machen könnte.«

Schweigend trugen sie den Toten zum Lager zurück und weckten Billy und den Lord. Bei Tagesanbruch begruben sie Koromitu in einer Grotte, wie es bei den Indianern Sitte war: sitzend, mit all seinen Waffen, bedeckt von einem Hügel aus flachen Steinen.

In gedrückter Stimmung setzten sie ihren Weg fort. Die Pfahlreihe verlief nun nach Westen. Die Landschaft änderte sich; Schluchten wurden seltener, stattdessen gab es nur noch Sand, spärliches Gras und endlose Kaktusfelder. Um die Mittagszeit hörten die Markierungen plötzlich auf.

»Was hat das zu bedeuten?«, fluchte Jimmy. »Wir und die Tiere brauchen dringend Wasser, und jetzt sind die Pfähle weg!«

Felsenherz untersuchte den Boden. »Hobler hat uns in die Irre geführt. Diese letzte Stange wurde erst vor Kurzem ganz oberflächlich eingegraben. Er wollte seine Verfolger in die Wüste schicken.«

Die Pferde waren vom Waten im tiefen Sand völlig erschöpft. Die Wasserschläuche waren leer. Sie suchten Schatten in einem Canyonwinkel. Billy erklärte, dass ein Umkehren unmöglich sei. »Wir müssen die Nacht abwarten. Wenn der Sand abkühlt und der Tau fällt, finden die Pferde vielleicht etwas feuchtes Gras. Morgen reiten wir nach Südosten; dort muss es eine echte Wasserstelle geben.«

Die Stunden bis zur Dunkelheit zogen sich endlos hin. Gegen zehn Uhr abends führten sie die Pferde zum Grasen. Die Männer kauten widerwillig auf trockenem Büffelfleisch und Teeblättern, um den Speichelfluss anzuregen. Seit Koromitus Tod spürte Felsenherz eine düstere Vorahnung. Er nahm seine Büchse und ging am Rand eines Kaktusfeldes auf die Suche nach Wild.

Mit einem Mal schreckte er aus seinen Gedanken hoch. Auf einem Hügel jenseits der Kakteen erschien ein leuchtendes Etwas. Der Geisterbüffel! Es war tatsächlich ein riesiger Bison, dessen ganzer Körper in einem unheimlichen, weißgelben Licht erstrahlte – sogar die Hörner und Beine leuchteten. Felsenherz merkte, wie sein Herz raste. Das Tier stand völlig regungslos da und starrte ihn an. Dann schien es rückwärts zu gleiten, wurde kleiner und verschwand in der Dunkelheit.

»Unsinn, es gibt nichts Übernatürliches«, murmelte er, doch ein Frösteln lief ihm über den Rücken. Gerade als er umkehren wollte, wuchsen dunkle Schatten aus dem Boden. Bevor er reagieren konnte, wurde er niedergerissen. Fünf bis sechs Mescalero knieten auf ihm und entwanden ihm die Waffen. Eine Klinge blitzte an seiner Kehle.

Doch Felsenherz’ Kraft kehrte zurück. Mit einer gewaltigen Anstrengung schleuderte er die Angreifer von sich, sprang auf und versetzte dem nächsten einen Schlag mit seiner Eisenfaust. Er rannte los, doch in der Dunkelheit verlor er die Orientierung. In der Ferne hörte er Schüsse und Billys Stimme: »Hunde! Lebendig fangt ihr mich nicht!«

Felsenherz war in die Enge getrieben. Ohne Waffen konnte er seinen Gefährten nicht helfen. Er kroch auf allen vieren durch eine Gasse im Kaktusfeld und gelangte zufällig auf denselben Hügel, auf dem kurz zuvor der Geisterbüffel gestanden hatte. Zu seinem Erstaunen sah er dort ein bepacktes Pferd und einen Mann, der seelenruhig eine Holzpfeife rauchte und ein Lied vor sich hin summte, während im Hintergrund das Kriegsgeschrei der Apachen gellte.

Felsenherz schlich näher. Der Fremde trug einen Schlapphut und einen Jagdanzug aus Hirschleder. Ohne sich umzudrehen, sagte der Mann in passablem Englisch: »Nur näher heran, Master! Ich fresse niemanden. Ich habe euch längst gehört, auch wenn ich keine Ohrmuscheln mehr besitze.«

Er drehte sich langsam um und lüftete den Hut. In der Mitte seines Schädels prangte eine kahle, vernarbte Stelle. »Die Wacos haben mir einst den Skalp geraubt. Deshalb nennt man mich den Skalpierten. Meinen echten Namen habe ich vergessen. Wer seid Ihr?«

Felsenherz flüsterte hastig: »Die Mescalero haben meine Gefährten überfallen! Wenn sie uns hier entdecken …«

»… werden sie mir gar nichts tun!«, beendete der Fremde den Satz. Er hatte ein tiefbraunes Gesicht und einen langen schwarzen Vollbart, trug aber keine Waffen. »Die Indianer kennen mich als ehrlichen Händler. Ich bin an jedem Lagerfeuer willkommen. Setzt Euch. Hier finden sie Euch in der Dunkelheit nicht. Warum jagen sie Euch?«

Felsenherz berichtete kurz von den Ereignissen am Rio Mazapil. Der Händler hörte schweigend zu, reichte ihm dann die Hand und sagte: »Master, ich werde sehen, was ich für Eure Gefährten tun kann. Geht dort drüben in die Hügel und sucht Euch ein Versteck. Ich komme nach. Hier – trinkt erst einmal.« Er reichte ihm eine Blechflasche mit Tee.

»Danke – das tut gut«, sagte Felsenherz erleichtert.

»Dann auf Wiedersehen, Master Felsenherz. Ich meine es ehrlich mit Euch.« Der Skalpierte nahm sein Pferd am Zügel und verschwand lautlos in der Nacht.

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