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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 13 – 2. Kapitel

Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 13
Das Spitzenkleid der Königin
2. Kapitel
Ein Ruf aus dem Jenseits

Es war ein hoher, stattlicher Mann, kraftvoll gebaut, mit einem schönen, kräftigen Schnurrbart, dunklem, etwas lichten Haar und offenen und ehrlichen Zügen, die in diesem Moment nur durch eine tiefe seelische Erregung ein wenig entstellt zu sein schienen.

Von einer tiefen Bewegung fortgerissen, eilte er auf Lord Warwick zu, streckte ihm wie flehend beide Hände entgegen und sagte: »Mein Oheim, mein teuerster Freund – vergib mir!«

»Was hätte ich dir zu vergeben, Harald?«, fragte Lord Warwick mit milder Stimme.

»Dass ich gegen deinen Willen gehandelt habe.«

»Unglücklicher, du hättest deinen Vorsatz ausgeführt? Du hast jene französische Sängerin aufgesucht, die du gestern Abend erst in Piccadillys Music-Hall kennen lerntest?«

»Ich habe sie aufgesucht, Oheim«, versetzte Harald, indem er die Augen niederschlug, »mehr als das, ich habe sie angefleht, meine Frau zu werden.«

»Wahnsinniger, dann bist du verloren.«

»Ich musste es tun, mein Oheim.«

»Du musstest? Und wer zwang dich dazu?«

»Ein Ruf aus dem Jenseits«, antwortete Dumbarton, indem er die Augen zum Himmel emporrichtete, »und ein Beweis, den ich an Cora Dessalines vorfand, Oheim – sie trug das Spitzenkleid der Königin!«

Lord Warwick musste schnell auf seinen Neffen zueilen und ihn in seinen Armen auffangen, denn als Harald diese letzten Worte mühsam hervorgestoßen hatte, sank er sichtlich in sich zusammen.

Der Lord ließ ihn auf einen Diwan nieder, der in der Nähe des grünen Vorhangs stand, hinter welchem Sherlock Holmes verborgen war.

»Wünschest du irgendeine Erfrischung?« fragte der Lord, »oder vielleicht Kölnisches Wasser? Dir ist momentan unwohl geworden.«

»Ich danke – mein Freund – es ist schon vorüber«, antwortete Harald mit schwacher Stimme, »doch ich fühle, dass ich dir eine Erklärung für die seltsamen Worte schuldig bin, die ich da soeben gesprochen habe.

Ich weiß ja, du wirst mich für geisteskrank halten, aber ich bin es nicht, mein Oheim, ich bin es bei Gott nicht.

Mit mir sind nun in der letzten Zeit so seltsame Dinge vorgegangen, dass mein armer Kopf darunter gelitten hat und ich erst meine Gedanken sammeln muss, um mir klar darüber zu werden, was ich sagen will.«

»So sammle dich und sprich. Denn eine Erklärung erwarte ich in der Tat von dir, dein Tun ist ebenso seltsam, wie dein Reden.«

»So höre denn«, rief Harald und legte seine fieberheißen Hände auf die des Lords, der sich neben ihn niedergelassen hatte, »höre denn, denn dir, – dir will ich alles anvertrauen.

Du bist nicht nur mein Oheim, sondern der beste, der einzige Freund, den ich habe, und was weit mehr ist, du bist Marias, meiner heißgeliebten, unvergesslichen Frau zweiter Vater gewesen.«

»Wie, Harald, du nennst Maria deine heißgeliebte, unvergessliche Frau und stehst im Begriff, dich zum zweiten Mal zu vermählen, mit einer Person, die man nicht mit Maria in einem Atem nennen darf?

Ich will die Dame nicht beleidigen«, fügte Lord Warwick hinzu, der in seiner feinen, ritterlichen Auffassung der gesellschaftlichen Rücksichten schon zu weit gegangen zu sein fürchtete, »nein, gewiss, es liegt mir fern, ihr irgendetwas Übles nachzusagen.

Aber stehst du, mein Junge, sie ist eine Chansonettensängerin. Solchen Personen geht im Allgemeinen kein guter Ruf voraus, und zumindest muss ich eingestehen, dass es einer Lady Dumbarton unwürdig ist, sich vor ihrer Vermählung auf einer Bühne zweifelhafter Natur gezeigt zu haben – gezeigt für Geld.«

»Höre mich – höre mich, und dann verurteile mich, wenn du kannst«, rief der junge Edelmann, indem er sich mit beiden Händen an die Stirn griff. »Ich brauche dir nicht zu sagen, Etelred, dass ich Maria, meine Frau, geliebt habe, wie noch niemals eine Frau geliebt wurde.

Ich betete sie an und sie – ach, sie liebte mich, und wir waren beide so glücklich – so glücklich.

Und erst, als uns die kleine Violet geboren war, wie standen wir da oft Hand in Hand am kleinen Bettchen und wurden nicht müde, diese Schöpfung der Natur anzusehen, das Kind, unser Kind, Fleisch von unserem Fleische, Blut von unserem Blute.

Da begann Maria zu kränkeln. Die rosige Farbe ihrer Wangen wich, ihre Augen verloren den Glanz. Sie küsste mich, aber nicht mehr mit jenem Feuer, mit dem sie einst ihre Lippen auf die meinen gedrückt hatte, und dann rief sie selbst unter Tränen aus:

›Ach, wenn Reisen und Vergnügungen keine Freude mehr machen, dann ist es ein Zeichen, dass bald alles vorüber sein wird.‹

Und sie hatte prophetisch gesprochen. Ihr Leiden nahm zu, obwohl ich die besten Ärzte berief.

Aber die wussten selbst nicht, mit welcher Krankheit sie es eigentlich zu tun hatten.

Maria siechte hin. Sie wurde immer schwächer, und endlich wurde sie bettlägerig.

Als sie fühlte, dass ihr Ende herankäme, hielt sie meine Hand in der ihren, in dieser weißen, durchsichtigen Hand, die nur noch Haut und Knochen war.

Und sie bat mich, mich tiefer über sie zu neigen, damit ich ihre Stimme hören könnte, denn sie hätte mit mir zu reden.

Ich drängte meine Tränen mit Gewalt zurück, wollte ich ihr doch nicht zeigen, dass ich selbst sie schon aufgegeben, und ich rief ihr zu: ›Sprich, meine geliebte Maria, was hast du mir zu sagen?‹

›Es betrifft unser Kind‹, flüsterte sie mit schwacher Stimme. ›Harald, ich muss dich bald verlassen und ins Reich der Geister gehen. Nein, nein, täusche mich nicht, ich weiß ja am besten, wie es um mich steht. Ich habe dich sehr geliebt, Harald, und ich scheide sehr schwer von dir, aber ebenso schwer vom Kind, vom armen, unschuldigen Kind, das noch so klein, so hilflos ist.

Und ich weiß, Harald, du wirst mich beweinen, du wirst mich betrauern, du wirst dich unglücklich fühlen und meinen, die Sonne könnte dir niemals wieder scheinen und die Blumen niemals wieder blühen. Aber wenn ich auch nur kurze Zeit unter den Menschen geweilt habe, so weiß ich doch, dass der Mensch nicht ewig weint und nicht ewig klagt, und dass die Zeit eine große Trösterin ist.

Und so wird auch einst der Tag kommen, an welchem du dich wieder auf deine eigenen Rechte besinnen wirst, mein Harald, denn der Lebende, der hat recht, und nur die Toten sind rechtlos.‹

Die Tränen saßen mir im Hals und erstickten mich fast, als ich sie so sprechen hörte. Sie aber fuhr nach einer kleinen Pause, während welcher die Arme ihre schwachen Kräfte zusammenraffte, fort: ›Es wird auch sicherlich der Tag kommen, an welchem du das Bedürfnis empfinden wirst, dir eine neue Lebensgefährtin zu suchen. Eine andere wird in diesem Haus schalten und walten, und mein Kind wird einer anderen ausgeliefert sein.‹

›Niemals – niemals!‹, rief ich aus und wollte die Hand zum Schwur heben.

Aber sie stieß heftig mit leiser Stimme hervor: ›Schwöre nicht, du bist ein Mann, du bist ein Mensch. Ich werde dir auch nicht zürnen, wenn ich aus dem Reich der Geister niederblicke und dich an der Seite einer anderen sehe. Aber wähle eine Würdige! Und weil die verklärten Geister mehr sehen als die Irdischen, deren Augen geblendet sind, weil die Binde noch nicht von ihnen gefallen ist, so werde ich diejenige suchen, welche an Violet die Mutterstelle vertreten soll. Ich werde sie dir bezeichnen, dass du sie findest, so deutlich, dass kein Zweifel darüber bestehen kann. Ich weiß es, Gott wird mir gnädig sein und wird es mir gestatten, zu diesem Zweck noch einmal auf die Welt zurückzukehren. Und ich schwöre dir, ich werde kommen und werde dir ein Zeichen geben, damit du die rechte finden kannst.‹

Während sie die letzten Worte sprach, wurde sie auffallend schwach, die Worte rangen sich nur noch wie ein Hauch von ihren Lippen. Wenige Minuten später verschied Maria in meinen Armen.

Ich schrie entsetzt auf, als ich merkte, dass ich nur noch eine Leiche in meinen Händen hielt. Entsetzen erfasste mich. Ich stürmte zur Tür und wollte um Hilfe rufen. Als ich die Tür aufriss, da stand Madame Fadinard, die französische Gefährtin meiner armen Frau, vor mir. Niemals werde ich den Blick vergessen, den sie auf mich heftete. Es war ein Blick so tiefen Mitleides. Sie war die Erste, der ich zurufen konnte: ›Meine Frau ist tot! Die Lady ist gestorben!‹«

Lord Harald musste seine Erzählung unterbrechen. Er musste erst seine Gedanken wieder sammeln und erst wieder ruhiger werden, denn die Erinnerung hatte ihn übermannt.

»Weiter – weiter, mein lieber, armer Freund«, forderte Lord Warwick, indem er den Arm um die Schulter Haralds schlang.

»Drei Tage später wurde Maria in der Gruft meiner Ahnen zur letzten Ruhe beigesetzt. Drei Tage und drei Nächte, solange die Leiche sich noch über der Erde befand, hatte ich am Sarg gesessen, gewacht und geweint. Dann aber, als man mir sagte, dass es Zeit sei, mich von den sterblichen Überresten Marias zu trennen, da fühlte ich plötzlich die Verpflichtung, ihr ein Versprechen zu erfüllen, das ich ihr einst gegeben.

Sie hatte mich nämlich gebeten, sie so schön wie möglich begraben zu lassen. Geschmückt wie eine Königin – hatte sie zu mir gesagt. Ich rief Madame Fadinard, welche die Vertraute meiner Frau gewesen war, und fragte sie, welches Kleid meine Gattin am liebsten getragen hätte. Und sie antwortete mir: ›Das Spitzenkleid der Königin!‹

Ich muss dir nun erzählen, welche Bewandtnis es mit diesem Spitzenkleid der Königin hat, obwohl du es schon zum Teil wissen wirst. Du weißt, dass die Dumbartons zur Zeit Maria Stuarts von Schottland, jener unglücklichen Königin, welche schließlich das Schafott bestieg, sehr eifrige Katholiken waren. Ein Dumbarton gehörte damals zu den vertrautesten Freunden der Königin, und seine Gemahlin weilte bei Maria Stuart, als die Vielgeprüfte ihre letzte Nacht durchwachte. Als der Morgen kam und man ihr ankündigte, dass der Henker warte, da wandte sie sich an meine Ahnfrau und sagte zu ihr: ›Ihre Liebe, meine gute Lady Dumbarton, kann ich nicht belohnen, alle Worte wären zu gering, Ihnen für Ihre Treue zu danken. Aber ein Andenken will ich Ihnen hinterlassen. Nehmen Sie das kostbare Spitzenkleid, das mir einst der Heilige Vater schickte und von dem er mir schrieb, dass er das Gewebe gesegnet habe. Möge Sie dieses Spitzenkleid immer an Ihre arme Königin erinnern, welche der Welt zu früh Lebewohl sagen muss.‹

Meine Ahnfrau betrachtete dieses Kleid als ihr kostbarstes Kleinod. Sie trug es nicht, sondern verwahrte es in einem gläsernen Schrein, den sie eigens dazu hatte anfertigen lassen. Im Laufe der Jahrhunderte blieb das Spitzenkleid der Königin, wie es in der Familie getreulich genannt wurde, immer den Dumbartons erhalten, und mit größter Sorgfalt wurde es bewacht, dass es auch nicht im geringsten Schaden leide.

Aber es blieb nicht immer im gläsernen Schrein. Es kam irgendeine schöne Lady Dumbarton, welche sich gern schmückte, und auf einem großen Fest, auf dem sie vor allen andern Frauen mit ihrer Toilette prunken wollte, legte sie das Spitzenkleid der Königin an. Sie war die Königin des Abends. Das Spitzenkleid wurde allgemein bewundert, und in der Tat ist es auch eine unschätzbare Kostbarkeit. Denn die Spitzen sind natürlich echt, sie sind von spanischen Spitzenwebern, welche bekanntlich an Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit die Brüsseler noch bei Weitem übertreffen, angefertigt, und ein Sachverständiger, den ich einmal befragte, erklärte, dass der Wert dieses Kleides überhaupt nicht zu taxieren sei.

Seitdem jene Lady Dumbarton das Kleid zum ersten Mal auf einer großen Festlichkeit getragen hatte, wurde das Gewebe auch von anderen Frauen meiner Familie in späteren Jahren hin und wieder praktisch benutzt. Schließlich bildete sich der Brauch heraus, dass jede Lady Dumbarton im Spitzenkleid der Königin an den Altar treten musste, wenn sie sich vermählte. Auch Maria hatte das Spitzenkleid der Königin getragen, als wir miteinander getraut wurden. Dann war es wieder in den gläsernen Schrein gewandert. Aber stets hatte Maria die größte Vorliebe für dieses Gewand verraten, und Madame Fadinard versicherte mir jetzt, dieses Kleid sei das besonders bevorzugte meiner Gemahlin gewesen.

›Wohlan denn‹, rief ich aus, ›so will ich gegen die Tradition meines Hauses handeln! Das Spitzenkleid der Königin begleite Maria ins Grab!‹ Und ich gab den Befehl, die Leiche in das kostbare Gewebe zu hüllen. So lag Maria nun im Sarg. Ich küsste sie zum letzten Mal und dann …

Lass mich des Augenblicks nicht gedenken, in welchem der Sargdeckel geschlossen wurde, in dem die Hammerschläge, mit denen die Nägel in den Sargdeckel hineingetrieben wurden, das Schloss durchhallten, einen furchtbaren Widerhall in meiner Seele hervorrufend. Jahre vergingen. Ich war ein einsamer Mann geworden. Ich besaß nichts, als mein Kind, das ich abgöttisch liebte und als deine Freundschaft, Etelred.

Wie oft sagtest du zu mir: ›Kehre in die Welt zurück, nimm dir ein Frau. Magst du auch Maria noch so heiß und innig geliebt haben, du darfst dein Leben nicht so freudlos dahinleben. Denke an dein Kind. Violet muss eine Mutter haben.‹ Wohl dachte ich daran, ihr eine Mutter zu geben, denn ein Mädchen bedarf der führenden, leitenden Hand einer Frau. Die Hand eines Mannes ist zu hart, eine Tochter zu führen. Aber ich dachte an die Worte, die meine arme, sterbende Maria mir zugeflüstert hatte: ›Ich werde dir ein Zeichen geben, damit du die rechte findest.‹

Das Zeichen aber war mir noch nicht gekommen. Oft, wenn ich die Nacht über in meinem Arbeitszimmer allein saß, dachte ich darüber nach. Ach, ich fing an, daran zu zweifeln, dass die Geister der Verstorbenen sich mit uns in Verbindung setzen könnten. Ich habe viele Werke darüber gelesen, Etelred. Aber ich fand den Spiritismus und seine Lehren unglaubwürdig. Ich prüfte, forschte und blieb noch immer ein Zweifler. Da sollte ich eines Tages eines Besseren belehrt werden.«

Und Harald schwieg und blickte mit großen Augen, die von seltsamem, unheimlichem Feuer erfüllt waren, den Freund an. Dann rückte er näher an den Lord heran. Er blickte sich noch einmal scheu um, als fürchte er, belauscht zu werden, und, die Hand des Lords ergreifend und mit zitterndem Druck pressend, stieß er mit leiser Stimme hervor: »Etelred, mein Freund – ich habe sie gesehen.«

»Wen?«, fragte Lord Warwick, der einen Schauer nicht von sich abwehren konnte.

»Sie – Maria – meine Frau! Vor sieben Nächten war es – ja – ja – da – da habe ich sie gesehen, so, wie sie im Sarg vor mir lag, so bleich, so schön. Und sie trug – das Spitzenkleid der Königin.«

Die Stimme Haralds erstarb im Flüstern. Er rang nach Atem, dann erst war er fähig, fortzufahren: »Vor sieben Nächten saß ich in der großen Halle, in welcher der Sarg Marias vor ihrer Beerdigung gestanden hatte. Wenn die Nächte so hell waren, so mondhell, dann zog es mich seltsamerweise immer gerade in diese Halle. Und dann saß ich am Kamin in einem Sessel und trauerte – träumte von Maria, meiner Frau. Ich vergegenwärtigte mir alle seligen Stunden, die ich mit ihr genossen hatte. Die Turmglocke verkündete die zwölfte Stunde der Nacht. In demselben Augenblick, in welchem der letzte Schlag verhallte, war es mir, als vernehme ich hinter mir ein Rauschen. Ich wandte mich um – da … Ich glaubte, wahnsinnig werden zu müssen, das Blut in meinen Adern erstarrte zu Eis, ein eisiger Schauer lief über meinen Körper hinab. Da sah ich – Etelred, ich schwöre dir, dass ich weder wahnsinnig war noch träumte – da sah ich Maria vor mir stehen – Maria im Spitzenkleid der Königin – Sie war nur zehn Schritte von mir entfernt, aber als ich mich von meinem Sessel erhob, die Arme ausbreitete und ausrufen wollte: ›Maria – Maria, du kehrst mir zurück – ich habe dich wieder‹ da – da hob sie die Hand empor, und diese eine Bewegung verschloss mir die Lippen, und ich sank auf meine Knie nieder.

›Ich komme, mein Wort einzulösen‹, erklang es da aus ihrem Mund, und es war ihre himmlische Stimme, welche zu mir sprach, diese Stimme, die ich niemals vergessen konnte, seitdem ich sie zum ersten Mal vernommen habe.

›Die Stunde ist da – gib meiner kleinen Violet die Mutter wieder! Fahre nach London. Besuche nach sieben Nächten – von heute ab gerechnet – Piccadillys Music-Hall! Wer dir dort in dem Kleid entgegentritt, das ich jetzt trage, die Frau, das du im Spitzenkleid der Königin erblickst, das wähle, das wird meinem Kind meine Sorgfalt ersetzen und dir meine Liebe.‹

Ein Donnerschlag erdröhnte plötzlich, das Licht, in welchem sich mir Marias Gestalt gezeigt hatte, verschwand, der Mondschein strömte wieder hell durch das Fenster in das Gemach hinein. Ich aber sank zurück und streckte mich auf dem Boden, denn ich hatte die Besinnung verloren. Als ich wieder zu mir kam, meinte ich, alles sei nur ein Traum gewesen. Aber in der nächsten Nacht saß ich wieder in der Halle, denn ich wollte sehen, ob der Geist wiederkehren würde.«

»Und er kam?«, fragte der Lord.

»Ja, er kam. Aber diesmal zeigte er sich nur eine Sekunde. Er hob die Hand empor, und der Geist Marias rief mir zu: ›In sechs Nächten von heute ab – vergiss es nicht!‹

Dann blieb die Erscheinung aus. Aber vor drei Nächten kam sie noch einmal wieder, und wieder rief sie mir zu: ›Diejenige, die du im Spitzenkleid der Königin erblickst – sie ist die rechte!‹

Da litt es mich nicht länger auf Schloss Dumbarton. Ich eilte hierher, und ich führte dich mit mir nach Piccadillys Music-Hall. Bis dahin hatte ich von diesem Theater noch nie etwas gehört. Aber hätte mir der Geist zugerufen, ich sollte mich in den Ozean stürzen, weil ich auf dem Grund des Meeres diejenige finden würde, die mir vom Himmel zugedacht war als meine zweite Frau, als zweite Mutter meines Kindes, ich hätte es auch getan. Da – da sah ich Cora Dessalines. Ich schrie auf vor Entsetzen, als ich sie erblickte, denn sie trug das Spitzengewebe, in welchem Maria, meine Frau, von mir selbst in den Sarg gelegt worden ist, mit dem sie beerdigt worden war. Nun weißt du, Etelred, warum ich die französische Sängerin zu meiner Frau machen muss. Nun weißt du, Etelred, warum ich heute erklärt habe, dass ich ihr meinen Namen geben will, und weshalb ich sie gebeten habe, mit mir nach Schloss Dumbarton abzureisen, um meine kleine Violet kennen zu lernen und bis zu unserer Vermählung, die in kürzester Zeit stattfinden wird, einen Flügel meines Schlosses zu bewohnen.

Und nun verdamme mich – wenn du kannst. Ich weiß alles, alles, was gegen meine Wahl spricht, aber ich weiß auch, dass die verklärten Geister mehr wissen, als wir Sterblichen und weiß, dass Maria, meine verstorbene Frau, mir befohlen hat, sie heimzuführen.«

»Und Cora Dessalines hat sogleich eingewilligt?«, fragte Lord Warwick mit tonloser Stimme.

»Sie hat eingewilligt. Sie ist eine Waise, sie steht ganz allein in der Welt. Natürlich muss es für sie als ein Glück erscheinen, Lady Dumbarton zu werden. Dass sie so schnell meine Werbung angenommen hat, ist deshalb durchaus nicht auffällig und spricht nicht gegen ihren Charakter.«

»Und wann gedenkst du sie nach Schloss Dumbarton zu führen?«

»Ich komme, um von dir Abschied zu nehmen«, sagte der junge Edelmann, indem er sich erhob, »in einer Stunde reisen wir.«

»Harald«, stieß da Lord Warwick mit bewegter Stimme hervor, »Harald, ich beschwöre dich noch einmal, mein Freund, bedenke, was du tust. Harald, ich will dir meine Zweifel an deiner Geistergeschichte nicht aufdrängen, ich will nicht darauf hinweisen, dass alle aufgeklärten Menschen nicht an übernatürliche Erscheinungen glauben. Ich will nicht sagen, dass du dich getäuscht hättest oder dass dein Gemüt von der Trauer um deine Frau erkrankt sei. Ich rufe nur deinen gesunden Menschenverstand zu Hilfe und frage dich: Wie kannst du es über dich gewinnen, eine Frau, das du so wenig kennst, wie diese Cora Dessalines, in dein Schloss zu führen, um sie zur Mutter deines Kindes zu machen?«

»Still, mein Freund, ich wusste, dass ich dich nicht überzeugen würde. Aber ich habe meine Freundespflicht erfüllt, ich habe dir die volle Wahrheit gesagt. Lebwohl, wir sehen uns vielleicht niemals wieder!«

Und ehe Lord Warwick es verhindern konnte, hatte Harald seine Hand ergriffen und an seine Lippen gepresst. Dann eilte Lord Dumbarton schnell zur Tür. Hier wandte er sich noch einmal um, nickte noch einmal seinem Freunde wehmütig zu – dann war er verschwunden.

In demselben Moment, in welchem die Tür sich hinter ihm schloss, schlug Sherlock Holmes den grünen Vorhang auseinander und trat wieder ins Zimmer hinein.

»Sie haben gehört, Mister Holmes?«, fragte der Lord mit tiefbekümmerter Miene. »Alles.«

»Nun, und Ihre Meinung?«

»Dass es Arbeit für mich geben wird«, antwortete Holmes, »wir haben es hier mit geriebenen Verbrechern zu tun, die vor den furchtbarsten Mitteln nicht zurückgeschreckt sind, den armen Lord Harald Dumbarton in ihre Finger zu bekommen. Aber Holmes wird ebenfalls vor keinem Mittel zurückschrecken, ihre Pläne zu durchkreuzen. Lord Warwick, ich übernehme den Fall Dumbarton!«

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