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Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 5 – Die verzauberte Insel – 2. Teil

Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 5
Die verzauberte Insel
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901

Kapitel 2
Die rätselhafte Höhle

Richard hatte sich natürlich solche Freunde als Gesellschafter ausgesucht, von denen er wusste, dass sie Lust an einem Robinsonleben hatten.

Nun hatten sie, was sie sich in ihren Jugendfantasien oft gewünscht hatten, und die Wirklichkeit raubte ihnen nichts von ihrer Abenteuerlust. Im Gegenteil, sie war so groß, dass sie es ganz vergaßen, beim Verlassen des Berggipfels ein sichtbares Signal zu errichten.

Zunächst mussten sie an eine Unterkunft für die Nacht denken, die sich womöglich gleich dort befand, wo sie ihr Arbeitsfeld verlegen wollten. So viel sie von hier oben übersehen konnten, schien die andere Seite der Insel besser zu sein als der schier undurchdringliche Urwald, der sie hier umgab. Baumgegenden wechselten sich mit freien Stellen ab, ein Bach schlängelte sich zum Meer und ein niedriger Höhenzug erstreckte sich bis zur Küste. Dorthin stiegen sie also wieder hinab. Vielleicht würden sie dort auch eine Höhle finden, ohne die ein Robinson ja nicht denkbar war.

Aber es gelang ihnen nicht, eine geeignete Höhle zu entdecken. Die Gebirgsstruktur sah auch gar nicht so aus, als hätte sie in ihrer Entstehungsperiode die Bildung einer solchen zugelassen.

Schließlich beschlossen sie, die überhängenden Zweige eines Brotbaumes in der Nähe des Baches und der Küste vorläufig als Dach ihrer Unterkunft zu nutzen. Der Rest des Tages verging mit der Herstellung von Lagerbetten, wofür trockenes Laub gesammelt werden musste, sowie mit der Besprechung der nächsten Arbeiten. Die Sonne sank. Ohne Dämmerung brach die Nacht herein und gegen sieben Uhr lagen die drei Freunde nebeneinander im festen Schlaf.

Mit dem nächsten Morgen begann das eigentliche Robinsonleben. Die Tage verstrichen und jeder brachte eine Verbesserung ihrer Lage mit sich, denn sie teilten sich die Arbeit und jeder nutzte seine Fähigkeiten.

Der kräftige Paul war der Mann der Praxis. Er musste aus eigenem Antrieb immer schaffen und arbeiten. So machte er die Laubhütte wohnlicher, fertigte den ersten Strick aus Schlingpflanzen, das erste Steinmesser, Pfeil und Bogen und beschäftigte sich jetzt sogar damit, aus dem Fell der ersten erlegten Antilope ein Paar Schuhe herzustellen. Der erfindungsreiche Richard wiederum ersann Verbesserungen an den von Paul gefertigten Gegenständen. So benutzte er den ersten Bogen beispielsweise nicht zur Jagd, sondern zur Handhabung eines Feuerbohrers, bis er jederzeit in der Lage war, Feuer zu machen. An diesem führte er dann Versuche mit Tonbrennen durch. Oskar, der die Natur beobachtete, hatte bereits am zweiten Tag herausgefunden, dass die kleine Frucht des Artocarpus, in Scheiben zerschnitten und zwischen heißen Steinen gebacken, ein vortreffliches Brot lieferte. Er entdeckte auch Kartoffeln und wilden Reis und hatte große Pläne mit Reisfeldern, die von dem Bach aus unter Wasser gesetzt und nach Belieben wieder trockengelegt werden sollten.

Robinson hatte niemals eine Robinsonade gelesen. Da waren unsere drei Freunde besser dran als er. Aufgrund ihrer Erfahrungen ging ihnen alles viel schneller von der Hand und sie wurden auch niemals von Heimweh und anderen traurigen Gedanken gequält.

Aber eines fehlte ihnen. Eine ordentliche Wohnung. Zwar schützte das natürliche Laubzelt sie vor Tau und Regen, aber seine Bewohner wurden doch zu oft daran erinnert, dass es auch noch andere Geschöpfe gab, die ihr Haus betrachteten. Tag und Nacht schnatterten und quiekten die Affen in den Zweigen, und einmal wäre Richard beinahe von einer herabfallenden Frucht erschlagen worden. Ganz zu schweigen davon, dass beim letzten Regenguss der ausgetrocknete Bach die ganze Unterkunft überflutet hatte.

Da kam eines Tages der botanisierende Oskar ganz aufgeregt angestürmt.

»Ich habe eine prächtige Höhle entdeckt«, rief er schon von Weitem. »Robinson hätte es nicht besser haben können. Aber ich kann es nicht sagen. Es ist etwas ganz Seltsames dabei. Kommt nur mit, ihr werdet es selbst sehen.«

Neugierig folgten die beiden anderen sofort Oskar, der sich gut orientierte und seine Höhle bald wiedergefunden hatte.

Sie lag auf einer Art Terrasse, zu der Felsenabsätze wie Stufen hinaufführten, und ging tief in die Felswand hinein. Auf dem steinigen Grund fehlten hier Bäume und Büsche ganz, nur etwas Gras gedieh in den Spalten. Vor der Höhle, etwa einen Meter vor dem Eingang entfernt, stand dagegen ein kleines Bäumchen, das heißt, nur ein Zwerg von einem Bäumchen. Es war vielleicht zwanzig Zentimeter hoch, aber doch mit großen, pflaumenähnlichen Früchten behangen. Es konnte nur der Zweig eines Pflaumenbaumes sein, der zugestutzt und in den Boden gesteckt worden war.

»Hast du den Zweig so in den Boden gesteckt, Oskar?«, fragte Paul.

Dieser schüttelte den Kopf und sah sich ängstlich um.

»Nein, ich nicht. Ich habe auf der Insel noch gar keinen Pflaumenbaum bemerkt«, flüsterte er. »Und seht euch nur das Gewächs an. Das ist kein Zweig, sondern ein richtiger Baum mit Wurzel, Stamm und Krone. Nur ist er eine Spanne groß und trägt dennoch richtige Pflaumen in natürlicher Größe. Und dann schaut einmal hierher. Ist um das Stämmchen herum nicht die Erde etwas angehäuft? Wer hat das getan? Ich nicht, aber ein Mensch muss es doch getan haben. Und nun seht euch auch die Höhle an. Merkt ihr nichts?«

Die Freunde blickten aufmerksam in die geräumige Höhle, aber anfangs fiel ihnen nichts auf. Sie war einfach ein nacktes Loch, dessen Boden mit feinem weißen Sand bedeckt war. Dann kam es ihnen plötzlich so vor, als sei trotzdem etwas Außergewöhnliches darin, denn für eine natürliche Höhle war hier alles zu sauber!

»Das sieht ja fast so aus, als würde die Höhle gereinigt und mit weißem Sand bestreut werden«, meinte Richard. »Ja, ist der Sand nicht sogar geharkt?«

»Allerdings«, bestätigte dies Oskar, »so kam es mir auch gleich von Anfang an vor, obwohl man hier keine Harke erkennen kann. Normal sieht es in der Höhle jedenfalls nicht aus. Und das Bäumchen dort! Das hat sicher ein Mensch gepflanzt. Ja, hier haust ein Mensch!«

Paul fasste das Gewächs kurzerhand an und hob es mit einem Ruck aus dem Boden. Wirklich, das Stämmchen hatte Wurzeln, es war ein vollkommener Pflaumenbaum en miniature mit richtigen Früchten!

»Ich habe es«, rief Richard plötzlich. »Es ist eine künstliche Verkrüppelung, wie sie die chinesischen Kunstgärtner herzustellen verstehen. Sie sind imstande, solche winzigen Obstbäumchen mit richtigen Früchten zu ziehen. Sie pflanzen zu diesem Zweck irgendeinen Obstkern in einen Topf, ziehen ein Bäumchen daraus, lassen dann die Früchte reifen, nehmen von diesen den gesündesten Kern, pflanzen ihn in einen noch kleineren Topf und so weiter, bis sie aus einem Fingerhut ein zwerghaftes Bäumchen wachsen lassen können, das dennoch ziemlich große und gesunde Früchte trägt. Mit diesen Bäumchen bepflanzen sie kleine Gärten mit Bächen, Seen und Bergen, und so ein ganzer Garten, der meist aus Pappe besteht und mit Erde bedeckt ist, kann auf einem Tisch stehen! Aber das geht nicht so schnell. An einer solchen Anlage von Bäumchen arbeiten viele Generationen, und es dauert hundert Jahre und länger, bis sie fertig wird. Außerdem kostet ein solcher Garten natürlich auch viele Tausend Euro und nur sehr reiche Chinesen können sich diese Spielerei leisten.«

Damit hatte der belesene Richard das Geheimnis aber noch nicht gelöst, wie solch ein Pflaumenbäumchen gerade hierherkam. Oder hauste hier etwa ein Chinese, der auf dieser einsamen Insel seine Kunst ausübte? Davon war nichts zu merken, überhaupt keine Spur einer Menschenhand. Dass der weiße Sand in der Höhle geharkt sein sollte, war nur eine Annahme, denn es sah lediglich so aus. Auch eindringendes Regenwasser konnte die Furchen und Erhöhungen hervorgebracht haben. Was schließlich das Bäumchen selbst anbetraf, so konnte es ein dieser Insel eigentümliches Gewächs sein und die Anhäufung um die Wurzel konnte ebenfalls zufällig entstanden sein.

Schließlich schoben die Freunde alle Grübeleien über dieses Rätsel beiseite, pflanzten das Bäumchen an der alten Stelle wieder ein, da sie es als eine Seltenheit weiter pflegen wollten, und begannen, die Höhle näher zu untersuchen.

Ja, das war eine echte Robinsonhöhle! Sie war über zwei Meter hoch, drei Meter breit und etwa fünf Meter tief in die Felswand hineingebildet. Dann senkte sich das Gewölbe und ließ über der Erde nur noch eine niedrige Spalte frei, die sich natürlich nicht weiter verfolgen ließ. Der gesamte Boden bis tief in die Spalte hinein war mit feinem, weißem Sand bedeckt. Die Spalte konnte jedoch schwerlich der Ausfluss einer periodischen Quelle sein, die den Sand herausgespült hatte, denn der Boden der Höhle senkte sich stark nach hinten zu.

Um die Lage noch angenehmer zu machen, stürzte seitwärts von der Höhle ein kleiner Wasserfall herab. Wenn man an einen Besuch von unfreundlichen Eingeborenen dachte, konnte man die Höhle leicht in eine uneinnehmbare Festung verwandeln.

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