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Der Aschenkreis

Marian Gross
Der Aschenkreis
Die schlafenden Götter des Zorns

Die Zeit im Reich der Sterblichen ist kein Fluss, sondern ein mahlendes Mühlrad, das Fleisch, Kronen und Hoffnungen zu Staub zermalmt. Die Chronisten nennen das Jahr Anno Domini 1055 im Norden oder das Jahr der Asche im Süden. Für den Wandler in den Zwischenreichen sind es lediglich Atemzüge in der Ewigkeit der Verdammnis.

Zwei Reiche, getrennt durch Meere aus Tränen und Jahrhunderten, verbunden durch dasselbe eherne Gesetz: Verrat gebiert Könige, und Blut fordert Blut.

*

Der Himmel über Nordavall besaß die Farbe von geronnenem Gehirn. Es war ein sterbender Tag im Jahr 1055. Das Brüllen der Sterbenden erstarb nicht im Echo der Berge, sondern im mahlenden Geräusch von berstenden Knochen und reißendem Fleisch. Zwei Wellen aus schwarzem Eisen prallten aufeinander, und das Feld verwandelte sich in eine gurgelnde Fleischbank.

Es gab hier keine Lieder, keine heroischen Banner. Nur die unbarmherzigen, schartigen Klingen der Angreifer, die sich tief in den weichen, ungerüsteten Leib der vordersten Reihe fraßen. Dieses vorgeschickte Schlachtvieh war nur dazu verdammt, die erste Wut des Stahls mit ihrem Leben aufzusaugen, bis der Schlamm fett von Eingeweiden war. Knöcheltief im blutigen Morast stand sich die Masse gegenüber, bewaffnet mit schweren Äxten und Speeren, die beim Aufprall splitterten wie morsche Knochen.

Nur eine Handvoll Reiter lenkte ihre schaumschlagenden, panischen Streitrosse durch das mörderische Getümmel. Unter ihnen: König Alistair.

Siebzehn Jahre lang hatte er Nordavall mit weiser Hand in einem brüchigen Frieden regiert. Nun blickte er mit aschfahlem, verbittertem Gesicht über das von Nebel und Krähen belagerte Feld. Er sah, wie die Seelen seiner treuesten Soldaten wie Kerzen im Sturm erloschen. Einzig seine Gardisten aus der Küstenprovinz—Männer, deren Herzen so unnachgiebig waren wie die sturmgepeitschten Klippen ihrer Heimat—hielten stand. Mit wahnsinniger Willenskraft drängten sie die Bestien in Menschengestalt zurück.

Doch Alistair spürte die Kälte des nahenden Endes. Dieser heroische Widerstand war nur das letzte, vergebliche Aufbäumen einer sterbenden Flamme gegen die erdrückende Finsternis der feindlichen Übermacht.

»Für die Küste! Für den König!«

Der Schrei ertrank im Schlamm. In einem letzten Akt des Wahnsinns warf Alistair seine eisernen Reserven in die Waagschale. Er selbst ritt an der Spitze, das Schwert erhoben wie ein Fanal der Hoffnung. Für einen kurzen, Atem anhaltenden Moment schien die bröckelnde Front zu erstarren.

Doch die Götter waren hungrig an diesem Tag, und sie verlangten nach Nordavalls Untergang.

Zwei weitere, erbarmungslose Wellen des Gegners brandeten heran, schwarz und unaufhaltsam. Sie brachen den menschlichen Wall des Königs endgültig. Seine Männer wichen Schritt für Schritt zurück, während der Boden hinter ihnen von verstümmelten Leibern übersät war, aus denen das Leben in den gierigen Schlamm sickerte.

Da erblickte Alistair ihn: Prinz Joshua.

Der junge, machthungrige Thronprätendent, dessen Augen im Rausch des Tötens glänzten, stürmte an der Spitze frischer, unberührter Verbände mitten in das Chaos. Er war gekommen, um der geschundenen Armee den Todesstoß zu versetzen. Gegen diese Masse aus Hass und Stahl konnte der grauhaarige König nichts mehr ausrichten. Der geordnete Rückzug fraß sich selbst auf und geriet zur nackten, panischen Flucht.

Weit kam Alistair nicht. Auf der kahlen Kuppe eines von Toten gesäumten Hügels wurde der fliehende Herrscher von Prinz Joshua und dessen blutbesudelten Henkern umzingelt. Alistair kämpfte wie ein verwundeter, sterbender Löwe. Doch der Kampf war ein Hohn. Schließlich sackte er in die Knie, als sich mehrere Speere gleichzeitig mit einem hässlichen, nassen Geräusch in seinen Oberkörper bohrten. Mit einem dumpfen Aufprall schlug er im Dreck auf.

Noch während der rechtmäßige König im Sterben lag und das schwarze Blut aus seinem Mund quoll, riss man ihm die goldene Krone vom gefallenen Haupt. Joshua nahm das glänzende Metall, besudelt mit dem Blut seines Vorgängers, und setzte es sich selbst auf. Ein neuer, finsterer Herrscher von Nordavall war geboren.

Ohne einen weiteren Blick an den Sterbenden zu verschwenden, wandten sich die Sieger ab. Sie überließen den schlammigen Hügel den herabstürzenden Raben und ließen Alistair einsam im Dreck verbluten, während die Kälte von ihm Besitz ergriff.

*

Das Schlachtfeld von Gronenwald glich einer offenen Wunde unter einem aschegrauen Himmel. Im fahlen Zwielicht sah man die schemenhaften Schatten von Plünderern und Leichenschändern vorbeihuschen, die den wehrlosen Opfern die Kehlen durchschnitten, um sie danach in aller Ruhe ihrer Habseligkeiten zu berauben.

Den alten Mann, der in einen einfachen, aschegrauen Umhang gehüllt war und dessen Gesicht tief unter einer weiten Kapuze im Schatten lag, beachteten diese Hyänen nicht. Sie schätzten ihr eigenes Leben genug, um den unheimlichen Wanderer zu meiden.

Der Greis verfolgte ein ganz bestimmtes, finsteres Ziel. Und die Zeit drängte unerbitterlich; die Luft roch bereits nach dem ewigen Verfall. Als er den durchbohrten Körper Alistairs erreichte, schien die Totenstarre den König bereits eingeholt zu haben. Doch dann spürte der Alte, dass tief im Inneren des geschundenen Fleisches noch ein winziger, sterbender Funke Leben glomm. Eine Seele, die sich weigerte, den Fluss der Toten zu überqueren.

»Du wirst nicht sterben, Alistair, König von Nordavall und Herr der Küstenprovinz«, murmelte der Grauhaarige. Seine Stimme klang wie mahlende Grabplatten—brüchig, aber erfüllt von uralter, schrecklicher Macht.

»Deine Zeit ist noch nicht gekommen. Du wirst viele Jahrhunderte in den Schatten schlafen, tief unter der Erde, bis deine Wunden von der kalten Magie vollkommen genesen sind. Doch dann wirst du mit neuen, finsteren Kräften erwachen und einen neuen Krieg entfesseln—einen Krieg, der vielleicht über das Schicksal dieser ganzen, verdammten Welt entscheiden wird!«

Der alte Mann hob seinen knorrigen hölzernen Stab. Ein Flüstern in einer vergessenen, verbotenen Sprache drang über seine Lippen und ließ die kalte Luft erzittern. Ein sanftes, aber unheimliches, nekrotisch pulsierendes Leuchten umgab plötzlich Alistairs sterbenden Körper. Nur Sekunden später saugte die Dunkelheit das Licht auf.

Der König und der geheimnisvolle Fremde waren spurlos verschwunden. Einzig eine schwarze, dicke Blutlache im Schlamm zeugte noch davon, dass hier vor wenigen Augenblicken der einstige Herrscher von Nordavall gelegen hatte.

*

Jahrhunderte oder vielleicht nur einen Wimpernschlag der Finsternis entfernt, neigte sich auch die Schlacht in Eldoria ihrem blutigen, aschegetränkten Ende zu. Es war das Jahr der Asche.

König Kaelen, der Herrscher von Eldoria, spornte sein am Maul schäumendes Pferd an und hielt direkt auf Sir Roderick zu – einen wahren Riesen, gehüllt in eine schwarze, von Kerben übersäte Plattenrüstung, der dem König an Statur und roher, bestialischer Kraft haushoch überlegen war.

Die beiden Kontrahenten prallten mit der Wucht von zwei herabstürzenden Felsen aufeinander. Es entbrannte ein kurzer, von Funkenflug und dem Kreischen von Metall geprägter Zweikampf. Keiner dachte an Rückzug, doch schließlich triumphierte die tödliche Agilität des schmächtig gebauten Königs. Mit unmenschlicher Präzision schwang er seine schwere Streitaxt, die er wie eine Verlängerung seines eigenen Arms führte, und spaltete die schwere Rüstung des hünenhaften Ritters mit einem einzigen, wuchtigen Hieb. Roderick brach wie ein gefällter Baum zusammen.

Ohne innezuhalten, stürmte der König weiter. Gefolgt von einer schwindenden Schar seiner treuesten Vasallen wütete er mit seiner Axt wie ein besessener Berserker, das Gesicht von fremdem Blut verkrustet. Dabei kam Kaelen seinem Erzfeind gefährlich nahe: Lord Malakor, dem Thronräuber, dessen Herz so schwarz war wie die Nacht.

Doch Malakor besaß nicht den Mut, sich dem anstürmenden König persönlich entgegenzustellen. Feige und mit angstgeweiteten Augen überließ er seinen verblendeten Rittern den Vortritt, denn er wusste ganz genau, dass er Kaelen im direkten Duell Mann gegen Mann niemals gewachsen wäre und sein Kopf im Schlamm rollen würde. Ein weiterer Gegner, Garrick, der persönliche Bannerträger des Thronräubers, versuchte verzweifelt, den Vormarsch des Königs aufzuhalten – doch auch sein Schädel wurde kurz darauf von den unbarmherzigen Hieben von Kaelens Streitaxt zertrümmert.

Kaelen warf einen schnellen, fiebrigen Blick über das verheerte Schlachtfeld und sah die schwere Reiterei der feindlichen Nord-Lords wie eine Lawine aus Eisen auf sich zu stürmen. Seine letzten verbliebenen Getreuen warfen sich mit einem letzten Todesreißen den Reitern entgegen, um sie abzufangen. Sie starben schreiend unter den Hufen.

Kurz darauf war der König isoliert. Er fand sich allein und von Feinden umzingelt wieder, die wie hungrige, geifernde Wölfe über ihn herfielen. Als sein treuer Knappe direkt neben ihm, von einer Lanze durchbohrt, gurgelnd im Schlamm versank, sahen die Angreifer ihre Chance gekommen. Von allen Seiten drängten sie nun auf den Herrscher von Eldoria ein, stachen nach den Gliedmaßen seines Pferdes und zerrten an seinem Mantel.

Grenzenlose, ohnmächtige Wut packte Kaelen.

»Verrat!«, grollte sein Schrei, ein hohles Echo über das sterbende Schlachtfeld.

Er hieb mit seiner Streitaxt verzweifelt gegen einen schier unüberwindbaren Wall aus Lanzen und Schwertern. Schwere Treffer erschütterten seinen schmächtigen Körper, das Eisen drang durch die Fugen, doch das Adrenalin und der reine Überlebenswillen brannten den Schmerz einfach weg. Noch immer hielt sich der König aufrecht im Sattel, ein Gespenst des Krieges.

Doch am Ende war das Schicksal des letzten Sprosses aus dem stolzen, aber verfluchten Hause Valerius besiegelt. Dutzende von Waffen fanden schließlich die Schwachstellen seiner beschädigten Rüstung, bohrten sich tief in sein Fleisch und setzten seinem Leben ein gewaltsames, blutiges Ende. Er fiel, und mit ihm das Reich.

*

Einige Tage nach der schrecklichen Schlacht bot sich den verängstigten Überlebenden ein zutiefst grausamer, makaberer Anblick.

Man hatte den splitternackten, von tiefen Wunden zerfetzten und blutüberströmten Leichnam des toten Königs mit dem Strick eines Hochverräters um den Hals über den Rücken eines krätzigen Pferdes gebunden. Ausgerechnet einer der einstigen Herolde des toten Königs war unter Androhung von Folter gezwungen worden, dieses Ross des Todes zu reiten.

Als der elende Zug die kalte, steinerne Brücke über den träge fließenden Sirona-Fluss überquerte, baumelte der leblose Körper so unglücklich, dass der Kopf des toten Königs bei jedem Schritt des Pferdes dumpf und rhythmisch gegen die steinerne Brüstung schlug.

Tock. Tock. Tock.

Ein hohles, schreckliches Klopfen, das in den Ohren der Zeugen nachhallte. Keiner der hungernden Schaulustigen am Wegesrand wagte es, aufzublicken oder sich um die tiefe Demütigung des einstigen Herrschers von Eldoria zu scheren. Die Sieger um den neuen, grausamen Thronräuber Malakor wollten in aller Öffentlichkeit demonstrieren, wie unbarmherzig die neue Ordnung mit ihren Feinden verfuhr. Furcht sollte das Fundament des neuen Throns sein.

Zwei Tage lang wurde der geschundene, von Fliegen belagerte Leichnam Kaelens den gaffenden, schweigenden Mengen zur Schau gestellt, bis der Gestank des Todes unerträglich wurde. Schließlich verscharrte man ihn ohne jeden Grabstein, ohne Segen und ohne eine schlichte Inschrift irgendwo in der namenlosen, kalten Erde.

Schon bald darauf flüsterten sich die Menschen in den dunklen, verrauchten Ecken der Tavernen düstere Geschichten zu. Es hieß, treue Anhänger des Hauses Valerius hätten den Leichnam Kaelens heimlich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion wieder ausgegraben, um seinen Körper an einem geheimen, von alter Magie geschützten Ort zur letzten Ruhe zu betten.

Doch das war nur eine von vielen verzweifelten Legenden, geboren aus der Hoffnung der Unterdrückten. Welche Version nun tatsächlich der Wahrheit entsprach, konnte im Reich der Lebenden niemand mit Sicherheit sagen.

Denn die wahre Geschichte war weitaus finsterer …

*

Der alte Mann, in seinen aschegrauen Umhang gehüllt und schwer auf einen hölzernen Eichenstab gestützt, stand wie ein Geist einsam vor dem frisch zugeschütteten, feuchten Grab. Kein Kreuz, kein Stein zeugte davon, dass hier in der namenlosen, von Würmern durchsetzten Erde der Leichnam von König Kaelen ruhte.

War er dieses Mal zu spät gekommen? War die Seele bereits im ewigen Nichts aufgelöst?

Der Alte schloss die Augen. Die Luft um ihn herum wurde merklich kälter, sein Atem bildete weiße Wolken. Er schien angestrengt in die Totenstille der Nacht zu lauschen, fing das ferne Wimmern der Geister ein, bevor er leise, mit einem düsteren Lächeln, den Kopf schüttelte.

Nein. Die Seele des tapferen Kämpfers hatte ihre letzte Reise in das Totenreich noch nicht angetreten; sie klammerte sich mit dem Zorn des Verratenen an das kalte Fleisch.

Und so begann der Graugewandete. Mit bloßen, knöchrigen Händen und pulsierender, dunkler Magie grub er den Körper aus seinem Grab aus. Die Erde begann vor seinen Worten zurückzuweichen wie weichende Flut. Nach Vollendung seiner Arbeit schloss er die Grube sorgfältig wieder, sodass kein Unterschied zu vorher zu erkennen war – ein perfektes Grab ohne Inhalt.

Schwarze Tränen der Wut und des Mitleids traten dem geheimnisvollen Greis in die Augen, als er im fahlen, kränklichen Mondlicht die furchtbaren Wunden sah, die die Waffen der Verräter in den schmächtigen Körper des Königs geschlagen hatten. Das Fleisch war zerrissen, doch die Essenz war stark.

»Auch du wirst weiterleben, König Kaelen von Eldoria. Letzter Spross aus dem Hause Valerius«, flüsterte der Graugewandete, während er seine eiskalte Hand sanft auf die Stirn des Toten legte.

Die Wunden begannen im fahlen Licht schwarz zu schimmern, als das verrottende Fleisch durch reine, verbotene Nekromantie stabilisiert wurde.

»Auch du wirst viele Jahrhunderte schlafen, verborgen vor den Augen der Sterblichen in den tiefsten Krypten der Welt, bis der Tag der Abrechnung kommt. Bis zu jenem Tag ruhe sanft und nähre deinen Hass, um dich von deinen tiefen Wunden zu erholen!«

Wieder raunte er die uralten, unverständlichen Worte, die die Realität selbst krümmen ließen. Nur Sekunden später fraß die Finsternis der Nacht den Graugewandeten und den geschundenen Körper des getöteten Königs. Sie waren spurlos verschwunden, als wären sie nie dort gewesen.

*

Die Welt der Lebenden feierte die neuen Herrscher, baute Throne auf den Knochen der Gefallenen und vergaß die Namen derer, die einst Gerechtigkeit brachten. Furcht wurde das Fundament der neuen Reiche.

Doch tief unter der atmenden Erde, in den vergessenen Krypten, wo die Zeit stillsteht, atmeten zwei Lungen aus Eis und Magie. Sie ahnten nicht, dass derselbe Architekt sie geholt hatte. Sie wussten nicht, dass sie Jahrhunderte teilen würden.

Die Welt der Lebenden ahnte nicht, welche zwei schlafenden Tyrannen der Vergangenheit einst zeitgleich zurückkehren würden, um die Erde gemeinsam in Brand zu stecken.

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