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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 10 – 4. Kapitel

Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 10
Der Mann mit den sieben Frauen
4. Kapitel
Ein Einbruch und ein Mord

Es war eine ziemlich lange Fahrt, die Sherlock Holmes zurücklegen musste, denn die Great Northern Railway, die die Hauptverbindung Londons mit Schottland darstellte, befand sich weit im Norden der Stadt.

Endlich hielt der Wagen vor einem stattlichen Gebäude, an das sich endlos scheinende Güterschuppen anschlossen. Dort stieg der Detektiv aus und begab sich sogleich in das Büro der Eisenbahn.

»Verzeihen Sie, mein Herr«, wandte er sich an einen Beamten, der an einem Schreibtisch saß. »Ich heiße Sherlock Holmes.«

»Ah, der berühmte Detektiv? Außerordentlich erfreut.«

»Sie haben mir einen großen Koffer zugestellt, welcher aus Ashkirk in Schottland an mich gesandt wurde. Ich bin jedoch nicht gewillt, diesen Koffer anzunehmen. Er befindet sich in meiner Wohnung. Ich fordere Sie auf, diesen Koffer per Express an den Absender zurückzubringen.«

»Ja, ist denn der Koffer nicht für Sie bestimmt gewesen?«, fragte der Beamte.

»Hören Sie, mein Herr«, sagte Sherlock Holmes, »als ich den Koffer öffnen wollte, stellte ich fest, dass man mit einem Nachschlüssel versucht hatte, ihn zu öffnen. Da der Inhalt des Koffers aber von hohem Wert ist, lehne ich von vornherein jede Verantwortung ab. Im Übrigen bin ich überzeugt, dass es sich um einen Raub handelt, der nur auf Ihrem Güterboden ausgeführt worden sein kann.«

»Das halte ich nicht für möglich«, antwortete der Beamte, »aber ich will mir sogleich einmal den Magazinaufseher kommen lassen.«

Er drückte auf die Klingel einer elektrischen Glocke und befahl dann durch ein Sprachrohr, ihm den Magazinaufseher zu schicken.

Nicht lange danach wurde die Tür geöffnet und der Magazinaufseher, ein Mann mit grauem Vollbart und ehrlichen Zügen, trat ein.

Der Beamte teilte ihm mit, welcher Vorwurf gegen die Bahn erhoben worden sei.

»Teufel, habe ich mir doch gleich gedacht, dass noch etwas herauskommen würde«, rief der Magazinaufseher aus. »Ich wollte ja gleich die Anzeige machen, aber weil sich alle Güter vorfanden und nichts gestohlen war, dachte ich mir: Sprichst du nicht über die Sache, dann entsteht erst keine große Untersuchung.«

»Das war in jedem Fall sehr unrecht von Ihnen«, rief der Inspektor, »Sie wissen, dass Sie jede Unregelmäßigkeit anzuzeigen haben.«

»Herr Inspektor, ich diene schon seit 35 Jahren. Wenn man aus jeder Kleinigkeit eine Anzeige machen wollte, käme man gar nicht mehr aus den Anzeigen heraus.«

»Also, was hat es denn gegeben?«

»Ein paar Tage wird’s her sein …«

»Können Sie das nicht genauer sagen?«, rief Sherlock Holmes dazwischen.

»Genau? … Warten Sie einmal. Na ja, es war in der Nacht von Montag auf Dienstag, also vor drei Tagen. Da komme ich also wie immer als Erster ins Magazin und sehe, dass eines der großen Fenster zertrümmert ist und die Eisenstangen vor dem Fenster durchgefeilt wurden.«

»Ein veritabler Einbruch«, rief der Inspektor aus. »Hören Sie, Nelson, das hätten Sie unbedingt melden sollen.«

»Es ist aber nichts gestohlen worden«, versetzte der Magazinaufseher beharrlich. »Nicht das Geringste. Ich habe gleich die Stückanzahl der Güter aufgenommen und die Nummern verglichen. Aber dass wir schwere Jungs zum Besuch hatten, das ist ganz klar, denn dort, wo ein Kolli gestanden hat – ein großer Koffer war es – habe ich eine Diebesfeile gefunden und noch einen Gegenstand, der mich in Erstaunen versetzte – das da …«

Bei diesen Worten griff der Magazinaufseher in seine Tasche und zog einen breiten goldenen Reif hervor.

»Ein Trauring«, stießen der Inspektor und Sherlock Holmes wie aus einem Mund hervor.

Der Inspektor nahm den Ring, betrachtete ihn kopfschüttelnd und sagte dann: »Da steht ja auch etwas eingraviert. Ein R und ein M und der 17. September 1891.«

»Das Datum der Trauung«, sagte Sherlock Holmes – und dachte dabei: Robin und Mary, es ist bewiesen – die Leiche, die ich im Koffer gefunden habe, ist Mary Halton, oder richtiger, Lady Dungrave.

»Sie sind also ganz sicher, dass nichts geraubt wurde. Aber zu welchem Zweck sind die Einbrecher eingedrungen, wenn sie alles unberührt gelassen haben?«, fragte der Inspektor.

»Ja, darüber habe ich mir auch schon den Kopf zerbrochen«, erwiderte Nelson, »aber ich kann es nicht herausfinden. Wahrscheinlich war dieser Koffer den Kerlen zu fest oder die Einbrecher wurden durch ein Geräusch verscheucht.«

»So wird es gewesen sein«, konstatierte Sherlock Holmes. »Entlassen Sie den Mann, Herr Inspektor.«

Als sich die Tür hinter dem Magazinaufseher, der froh war, so leicht davongekommen zu sein, geschlossen hatte, beugte sich der Detektiv zu dem Beamten nieder und raunte ihm etwas ins Ohr.

»Ich gelobe es Ihnen«, rief der Inspektor aus, »Sie können ganz ruhig reden, die Wände sind dick, man hört nichts.«

»Nun denn«, sagte Sherlock Holmes, »wissen Sie denn auch, mein Herr, dass in der betreffenden Nacht, in der der Einbruch stattgefunden hat, auf Ihrem Güterboden ein Mord begangen worden ist?«

»Ein Mord?«

»Ein furchtbarer und grausamer Mord. Man hat eine junge Frau, die sich in dem großen gelben Koffer befand – in demselben Koffer, in dem der Ring gefunden wurde – getötet. Man hat sie erdrosselt und ihr dann noch das Herz durchstochen. Aber ich bin dem Täter auf der Spur und wünsche deshalb, dass Sie den Koffer noch heute von meiner Wohnung abholen und an die Adresse, die ich Ihnen angeben werde, zurücksenden. Der Koffer muss aber Express gehen. Wie lange dauert es, bis er nach Ashkirk kommt?«

»Zwei Tage.«

»Und können Sie bewirken, dass er von Ashkirk sogleich, wenn er ankommt, zu einer bei der Stadt gelegenen Besitzung gebracht wird?«

»Das können wir durch unseren Spediteur in Ashkirk bewirken.«

»Auf diese Weise wird der Koffer also nicht länger als zweieinhalb Tage auf der Reise sein?«

»Gewiss nicht länger.«

»Gut, dann notieren Sie sich die Adresse: Robin Dungrave, Schloss Dunsinam bei Ashkirk, Schottland.«

»Es ist notiert.«

»Auf den Frachtbrief setzen Sie den Vermerk: ‚Adressat in London hat die Annahme verweigert.’ Ich rechne fest damit, mein Herr, dass Sie meine Bedingungen auf das Genaueste befolgen. Ich bemerke Ihnen noch, dass davon ein Menschenleben abhängt.«

»Sie können sich ganz fest auf mich verlassen, ebenso auf meine strengste Diskretion.«

»Ich rechne darauf«, antwortete Sherlock Holmes. Dann drückte er dem Beamten die Hand und sagte: »Wollen Sie mir den Trauring überlassen? Er wird eine wichtige Rolle bei der Überführung des Mörders spielen.«

»Ich bitte«, antwortete der Inspektor, »nehmen Sie ihn nur an sich.«

Als Sherlock Holmes das Büro der Great Northern Railway verließ, hatte er Folgendes erreicht: Er wusste nun mit Sicherheit, dass die Leiche im Koffer Mary Halton, die Gattin Lord Dungraves, gewesen war.

Er wusste, auf welche Weise der Mörder in das Magazin der Bahn eingedrungen war, und sagte sich folgerichtig, dass ein solcher Einbruch nicht von einem Menschen allein in Szene gesetzt werden konnte.

Der Lord hatte zumindest, wenn er die Tat selbst ausgeführt hatte, einen Helfershelfer gehabt.

Er zweifelte ferner nicht daran, dass der gefundene Trauring sich früher am Finger Marys befunden hatte und dass der Mörder, der zwar bemüht gewesen war, alles zu verwischen, was auf die Identität der Leiche einen Rückschluss zugelassen hätte, den Trauring zwar vom Finger gezogen, ihn dann aber in der Hast verloren hatte.

Dies waren drei Tatsachen von größter Tragweite, und ihre Kenntnis erfüllte Sherlock Holmes mit den besten Hoffnungen.

Der Detektiv kehrte sogleich in sein Haus zurück.

»Was macht Dandy?«, fragte er Harry, der ihm das Haustor öffnete.

»Er isst!«

»Schon wieder?«

»Oh, nur einige Teller Suppe«, antwortete Harry. »Der arme Bursche entschädigt sich in der Küche von Mrs. Bonnet für die vielen Jahre der Entbehrungen.«

»Er soll nur tüchtig essen«, antwortete Sherlock Holmes, »vielleicht verdirbt er sich dabei den Magen und hat dann zwei bis drei Tage keinen Appetit. Im Übrigen, komm, Harry, und hilf mir, den Koffer wieder in Ordnung zu bringen.«

Sherlock Holmes und Harry füllten den Koffer mit Betten und machten für Dandy ein Lager zurecht, wie er es als Straßenaraber noch niemals besessen hatte.

Dann wurde dafür gesorgt, dass es ihm an Proviant nicht fehlen konnte.

Zwei große Brote, ein riesiges Stück Kalbfleisch, Zwieback, Früchte, zwei Flaschen Wein und eine große zinnene Flasche mit Wasser wurden im Koffer verstaut. Das hätte genügt, um den kleinen Dandy acht Tage lang zu ernähren.

Gerade als Sherlock Holmes und Harry mit diesen Vorbereitungen fertig waren, hörten sie Räder schwer über das Pflaster der Baker Street rollen. Sherlock Holmes eilte ans Fenster und rief: »Da kommen schon die Leute von der Bahn, um den Koffer zu holen. Schnell, Dandy soll kommen.«

Dandy betrat das Zimmer von Sherlock Holmes. In einer Hand hielt er eine riesige Butterschnitte, in der anderen die Keule eines gebratenen Huhns.

»Bist du bereit, Dandy, deine neue Wohnung zu beziehen?«, fragte Sherlock Holmes.

»Vollständig, Sir! Gestatten Sie mir nur, mit diesem Hühnerflügel fertig zu werden.«

»Das kannst du auch im Koffer erledigen. Schnell hinein, du weißt, worum es sich handelt. Ich halte mein Versprechen.«

»Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar, Mr. Sherlock Holmes. Verlassen Sie sich darauf, ich werde mir alles genau merken, was ich höre.«

»Also vorwärts, hinein in den Koffer.«

Im nächsten Moment saß Dandy schon inmitten der Betten und erklärte freudestrahlend, dass es ein wahres Vergnügen sei, in diesem Koffer zu wohnen.

»Lebe wohl, Junge. Wir sehen uns in Schottland wieder«, sprach Sherlock Holmes.

»In Schottland? Ah, da werde ich noch eine schöne Reise machen. Entschuldigen Sie, Mr. Sherlock Holmes, aber gibt es in Schottland auch so gute Suppen wie bei Mrs. Bonnet?«

Das waren die letzten Worte, die der Detektiv von dem Straßenaraber hörte. Schon hatte Sherlock Holmes den Koffer zugeklappt, den Schlüssel zweimal umgedreht und ihn dann eingesteckt.

Die Bahnangestellten, die den Koffer abholen sollten, traten ein. Es waren dieselben, die ihn gebracht hatten.

»Beim heiligen Sankt Patrick«, rief einer der beiden, »diesmal ist der Koffer um einiges leichter. Er geht wieder zurück. Der Herr Inspektor hat mir schon gesagt, dass wir vorsichtig damit sein sollen.«

Und sie trugen den Koffer mit der größten Vorsicht die Treppe hinunter.

Sherlock Holmes und Harry standen am Fenster und sahen zu, wie er aufgeladen wurde.

»So lebe wohl«, murmelte der Detektiv vor sich hin, »glückliche Reise, kleiner Dandy. In Schottland auf Schloss Dunsinam sehen wir uns wieder.«

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