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Frank Allan Band 1.6

Frank Allan
Rächer der Enterbten
Band 1
Die Zuchthausrevolte
6. Kapitel

Wuchtig und breit lag das Staatszuchthaus Sing Sing, wie es im Volksmund genannt wurde, zwischen hohen Mauern, tiefen Gräben und scharf bewachten Wällen. Unaufhörlich hallten die Schritte der Wachtposten wider – wahrlich, ein Entkommen schien unmöglich!

Und doch gelang schon manchem das Wagnis! Die meisten mussten diese Verzweiflungstat jedoch mit noch schärferer Haft oder gar mit ihrem Leben bezahlen; eine der zahllosen Kugeln hatte ihr Ziel erreicht.

Der Dienst der Wärter war anstrengend und aufreibend, ihr Charakter musste hart und unbestechlich sein.

Aber was, wenn glitzerndes Gold lockt und winkt?

So mancher konnte der Versuchung nicht widerstehen!

 

*

 

Vor der hohen Außenmauer schritt der Wachtposten langsam auf und ab, das geladene Gewehr geschultert.

Keinen Blick hatte er für die Passanten übrig, die der Beruf vorbeiführte oder die Neugierde anlockte.

Was scherten sie ihn?

Es war doch ein verdammt langweiliges Leben.

»Nick!«

Erstaunt schaute der Posten um sich. Sollte der Ruf ihm gegolten haben?

In der Nähe war niemand, höchstens der zerlumpte Bursche, der sich schon seit einiger Zeit hier herumtrieb. Es wurde höchste Zeit, dass er den Strolch verjagte.

»Heda!«

Ein grinsendes Gesicht blickte ihn an.

»Ein grüner Kakadu kam zu mir, achtmal schlug die Turmuhr.«

Ein widerliches Lachen, dann trabte der Bursche davon.

War das ein Irrsinniger? Oder enthielten seine seltsamen Worte eine Botschaft?«

Grübelnd setzte der Posten seinen Rundgang fort.

Als er abgelöst worden war und einige Stunden der Freiheit vor ihm lagen, zog er seine zivile Kleidung an und schlich heimlich davon.

Es war kurz vor acht, als er den Grünen Kakadu betrat, eine der verrufensten, aber auch verborgensten Kaschemmen der Stadt. Nur Eingeweihte kannten den Ort und fanden den Zugang.

Er war lange nicht mehr hier gewesen, aber früher, ehe er in die bunte Jacke schlüpfte, gehörte er zu den täglichen Gästen. Es war ein verdammt schlauer Gedanke seiner Freunde gewesen, der ihn, den erwischten Taschendieb, dazu veranlasste, es einmal mit dem Militär zu versuchen und sich ehrlich durchzuschlagen. Aus Dankbarkeit war er dem Rat gefolgt, denn nur den kräftigen Fäusten des rätselhaften Fremdlings hatte er es zu verdanken, dass die Blaukittel ihn nicht gefasst hatten.

Doch auf die Dauer wurde dieses eintönige Leben recht langweilig.

Ob der Bursche heute Morgen wirklich …

Der Gedanke blieb unausgesprochen, denn eine Hand hatte sich schwer auf Nics Schulter gelegt.

Erschrocken fuhr er auf und blickte in das Gesicht des Fremden, der ihn einst vor den Häschern gerettet hatte.

»Jetzt erkennst du mich wohl wieder? Vorhin, in den Lumpen, hast du mich allerdings nicht erkannt. Freut mich, dass du die Botschaft verstanden hast.«

»Das waren Sie? Wer sind Sie überhaupt – und was wollen Sie von mir?«

»Die letzte Frage will ich beantworten. Einst half ich dir, jetzt bist du an der Reihe! Du musst Mittel und Wege finden, sodass ich so bald wie möglich ein neuer Pflegebefohlener werde – ein Zuchthäusler!«

Sprachlos starrte Nick den Sprecher an.

»Doch es muss schnell gehen!«

Da trat plötzlich ein seltsames Leuchten in dessen Augen.

»Ist das Ihr Ernst?«

Stumm nickte der Fremde.

»Vor einigen Tagen ist einer entflohen. Die Beschreibung könnte stimmen, im Dunkeln würde man es nicht so genau nehmen, denn man wäre ja froh, den Entwischten wiederzufinden. Für Hinweise, die zur Ergreifung führen, sind 1000 Dollar ausgesetzt. Aber Sie würden nicht noch einmal entkommen können.«

»Das Letzte lass meine Sorge sein. Werden die Entflohenen wieder in ihre alte Zelle zurückgebracht?«

»Zumeist! Die anderen sind ja auch immer besetzt!«

»Aus welchem Flügel brach er aus?«

»Aus dem rechten.«

»Gut, dann treffen wir uns heute Nacht um zwölf Uhr am Viadukt. Ich komme in voller Uniform. Ich lasse mich leicht überrumpeln! Die 1000 Dollar hast du schnell verdient. Dann aber suche dir eine andere Stelle, denn ich werde Sing Sing bald wieder verlassen.«

Nick blickte den seltsamen Menschen in ungläubigem Staunen an.

»Ich werde zur Stelle sein!«

»Schön! Doch wie heißt der Entsprungene?«

»Nr. 27! Weiter weiß ich nichts!«

»Das genügt! Also Punkt zwölf Uhr am Viadukt!«

Ein kurzer Händedruck. Flüchtig verschwand der rätselhafte Gast.

Nick glaubte, er habe geträumt, doch dann ging auch er.

 

*

 

Was für ein Aufsehen unter den Zuchthausbeamten, als Nr. 27 gegen Morgen wieder eingeliefert wurde!

Der Bursche sah zerlumpt und verkommen aus. Er schien höllisch froh zu sein, wieder unter einem festen Dach schlafen zu können.

Er gab freudig zu, der entflohene Sträfling zu sein.

Während dem stolz strahlenden Nick die 1000-Dollar-Belohnung ausgezahlt wurde, ließ sich Frank Allan widerstandslos in seine Zelle einschließen.

Er war jetzt bloß noch eine Nummer, namenlos!

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