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Das Astoria-Abenteuer – Teil 8

Max Felde
Das Astoria-Abenteuer
Nach den zeitgenössischen Aufzeichnungen von Washington Irving erzählt
Illustriert von L. Berwald
Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig. Stuttgart, Berlin, Leipzig. 1912

Dreiste Eigenmächtigkeiten und des Kapitäns Sturrkopf

Die Seekrankheit erfasste Mr. Dougal später als alle anderen. Dafür lag er aber auch umso länger matt und erschöpft in seiner Koje. Mac Kay, der schon lange wieder wohlauf war, fragte ihn eines Morgens allen Ernstes, ob er in diesem Zustand etwa bis zu den Sandwich-Inseln zu reisen gedenke.

Diese andauernde Schwäche hatte jedoch ihr Gutes: Die Hitze, die der Zusammenstoß mit dem Kapitän erzeugt hatte, verflog auf beiden Seiten allmählich. Als Mr. Dougal eines Morgens bei herrlichstem Wetter wieder munter an Deck erschien, kam man nicht mehr auf den Auftritt zu sprechen. Schließlich wünschten sich im Grunde beide Seiten nichts als ein gutes Einvernehmen.

Kapitän Jonathan Thorn war ein durchaus ehrenfester und gewissenhafter Mann, der mitunter recht gutmütig sein konnte. Die harmlosen kanadischen Reisenden hatten seinen Unwillen jedoch von Beginn an erregt. Sie wandten ihr Interesse lieber jedem neuen Eindruck zu, als sich – wie vom Kapitän gewünscht – in die Paragrafen der Schiffsdisziplin zu vertiefen. Was kümmerten sie diese oder jene Vorschrift, sobald ihre Neugier geweckt war?

Ging das Schiff vor Anker, um Wasser einzunehmen oder Post nach New York aufzugeben, und wollten die Passagiere mit den Booten an Land rudern – oder äußerten sie angesichts eines malerischen Küstenbildes den Wunsch, diesen oder jenen Punkt zu besuchen –, so erfuhren sie stets das Gleiche: Der Kapitän pflegte alle Wünsche kurz abzuweisen, da sie »gegen seine Instruktion liefen«. Diese Schroffheit war nicht dazu geeignet, ihm Sympathien einzubringen. Im Gegenteil: Die jungen Leute vergalten es ihm mit manchem Schabernack, was regelmäßig zu Streit führte.

Dann kam die Seekrankheit mit ihren Folgeerscheinungen, die Mr. Thorn ebenfalls Stirnrunzeln verursachte. Als das Übel überstanden war, entwickelten die kräftigen Bootsleute – die tagelang keine Nahrung zu sich genommen hatten – einen derart gesunden Appetit, dass Kapitän und Proviantmeister um die Vorräte bange wurde.

Unter solchen Umständen fehlte es nicht an fortgesetzten Verstimmungen. Sie erreichten einen neuen Höhepunkt, als die TONQUIN nach glücklicher Fahrt am 7. Dezember die Falklandinseln erreichte und Port Egmont anlief. Dort sollten nötige Ausbesserungen vorgenommen und die Wasserbottiche gefüllt werden, wofür ein Aufenthalt von mehreren Tagen vorgesehen war.

Als die Küsten der Insel aus dem Meer aufstiegen, gab es unter den Landratten – bei Jung und Alt – kein Halten mehr. Noch ehe der Kapitän sein Einverständnis gegeben hatte, rüstete man sich ausgiebig für den Landgang. In allen Logis herrschte rührigste Tätigkeit: Kisten und Bündel wurden durchstöbert, um die gewohnte waldgerechte Bekleidung und allerlei Gerät hervorzukramen. Sogar die Teile eines großen Zeltes wurden an Deck geschleppt, das am Strand aufgebaut werden sollte.

Der Kapitän sah diesem Treiben mit unverhohlenem Ärger zu und brummte gewaltig. Doch er wagte es schließlich nicht, diesen dreisten Eigenmächtigkeiten, wie er das Beginnen nannte, Widerstand entgegenzusetzen.

Ehe die TONQUIN den Anker warf, stand bereits die gesamte Gesellschaft – von Mr. Dougal bis zum letzten Kanadier – auf dem Achterdeck zusammen. Erwartungsvoll betrachteten sie den grauen Landstreifen, der ihnen im Einerlei der langen Seereise eine Abwechslung versprach.

Die Teilhaber hatten ihre bequeme Alltagskleidung mit ledernen, fransenbesetzten Wämsern und Beinkleidern vertauscht. Diese wiesen reichlich Spuren davon auf, dass sie keine Paradestücke waren, sondern schon mancher beschwerlichen Fahrt in den nordischen Wäldern gedient hatten. Jeder trug eine Kugelbüchse sowie Pulverhorn und Kugelbeutel an der Seite. Ein Jagdmesser im Gürtel vervollständigte ihr unternehmungslustiges Aussehen, das unter den Matrosen berechtigtes Aufsehen erregte. Nur der Kapitän machte beim Anblick der Herren ein Gesicht voller Geringschätzung.

Die Kommis hatten sich ähnlich gekleidet, trugen jedoch keine Waffen. Die kanadischen Bootsleute trugen wie gewohnt ihre aus Wolldecken geschneiderten Oberröcke, gestreifte Baumwollhemden, Tuch- oder Lederhosen, Hirschleder-Mokassins und bunte Wollgürtel, an denen Messer und Tabaksbeutel hingen. Zudem hatten sie sich reichlich mit eisernen Kesseln versehen – ein Zeichen dafür, dass sie das geliebte, lange entbehrte Lagerleben wieder auskosten wollten.

Ehe der Kapitän die Boote zu Wasser ließ, teilte er der versammelten Mannschaft mit, dass er nach Abschluss der Arbeiten sofort die Weiterfahrt anzutreten gedenke.

»Ich kann mir vorstellen«, so fuhr er fort, »dass der Aufenthalt an Land eine willkommene Abwechslung ist, und ich gönne sie Ihnen. Aber ich erinnere Sie daran« – und dieser Blick war unverkennbar an Mr. Dougal gerichtet –, »dass das Schiff bei früheren Landungen wiederholt warten musste, bis es den Herren gefällig war, zurückzukehren. Ich mache es Ihnen daher zur Pflicht, sich beim gegebenen Signal sofort am Boot einzufinden. Ich versichere Ihnen: Ich werde fortan unter keinen Umständen auf Säumige warten!«

Mac Dougals Gesichtsausdruck wurde böse und drohend. Er hatte sichtlich eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, unterdrückte sie jedoch. Seit der Kapitän sich überraschenderweise geneigt gezeigt hatte, die frühere Schießaffäre auf sich beruhen zu lassen, hielt er sich etwas mehr im Zaum.

Er schwieg also, während die anderen versprachen, sich rechtzeitig am Strand einzufinden.

Als die Gesellschaft an Land war, konnte es sich Jonathan Thorn nicht versagen, die Ausbesserungsarbeiten öfter zu verlassen und die Brücke zu ersteigen, um nach seinen Pflegebefohlenen zu sehen. Die Kanadier hatten bereits ein Zelt aufgeschlagen. Der Klang fröhlicher Lieder und ausgelassener Jauchzer wurde vom Wind deutlich zum Schiff herübergeweht. Die Kommis streiften in kleinen Gruppen tiefer im Landesinneren umher. Nur von den Teilhabern war trotz des Fernglases nichts zu sehen. Der Knall zahlreicher Schüsse verriet jedoch, dass sie das Jagdfieber gepackt hatte.

Einige Stunden später kamen mit dem ersten Wasserboot zwei Kanadier vom Strand herüber. Sie baten den Schiffskoch um Fett, Salz und Gewürze und erklärten, für die Zeit des Aufenthalts auf die Schiffskost zu verzichten. Mr. Dougal und seine Jagdgenossen hätten bereits so viele Seelöwen, Seehunde, Gänse, Pinguine und Enten geschossen, dass es reichlich zu schmoren und zu braten gäbe. Der Wildreichtum verspreche sogar einen Überschuss für die Schiffsverpflegung. Angesichts der zusammengeschmolzenen Vorräte stimmte dies Koch und Kapitän milder, obwohl Letzterer noch immer über den Unsinn brummte.

So vergingen drei Tage – auf dem Schiff in rühriger Arbeit, am Strand in aller Ungebundenheit.

Am vierten Tage kam der jüngere Stuart an Bord und brachte tatsächlich eine Menge Wildbret mit. Mit ihm kamen zwei Kommis herüber. Sie zeigten sich hocherfreut, zwei englische Inschriften an der Grabstätte verunglückter Matrosen entdeckt zu haben. Da die Schrift verblasst war, erbaten sie vom Schiffszimmermann Ölfarbe, um sie aufzufrischen.

Da kamen sie jedoch schön an: Der Kapitän erfuhr davon und wetterte sogleich heftig über diesen neuesten Unsinn los. Die Wasserbottiche seien gefüllt und die Reparaturen nahezu abgeschlossen. Sie sollten lieber ohne Farbe an Land gehen und ihren Kameraden ausrichten, dass das Signal zur Abfahrt bald gegeben werde.

Die beiden Kommis kehrten an den Strand zurück – nicht ohne sich vorher heimlich mit Hammer und Meißel zu versehen. Sie waren von der Wichtigkeit ihrer Entdeckung so eingenommen, dass sie den Auftrag des Kapitäns sofort vergaßen. Stattdessen machten sie sich sogleich daran, die Inschrift im Schweiße ihres Angesichts Buchstaben für Buchstaben in einen Felsen zu meißeln.

Zu ihrem Ärger ging auf der TONQUIN bald das Signal Klar Schiff zur Abfahrt hoch. Da die Kanadier jedoch erst das Zelt abbrechen mussten, meißelten die beiden im Eifer einfach weiter. Erst ein Geschrei vom Strand schreckte sie auf. Es waren jedoch nicht die Bootsleute, sondern die Herren Mac Dougal, Stuart der Ältere und Mac Key. Diese versuchten in größter Hast, ein Boot klarzumachen, während sie aus Leibeskräften fluchten – denn die TONQUIN hatte bereits Segel gesetzt und lag vor dem Wind!

Die beiden Kommis liefen, so schnell sie konnten, zum Ufer und kamen gerade noch rechtzeitig, als die aufgebrachten Teilhaber abstoßen wollten.

»Wehe ihm«, schimpfte Mr. Mac Dougal in Richtung des Kapitäns, »wenn er wirklich Ernst macht und uns auf diesem unbewohnten Eiland zurücklässt!«

»Was wollt Ihr machen?«, versetzte Mr. Stuart mit trockenem Humor. »Der Kapitän ist gut weg vom Schuss – als Zurückgelassener werdet Ihr ihm kaum etwas anhaben können. Und Jonathan Thorn scheint tatsächlich entschlossen zu sein, sich Eurem Zorn zu entziehen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu versuchen, ihn mit dem Boot einzuholen.«

Unter gesalzenen Bemerkungen ergriffen sie die Riemen und legten sich mächtig ins Zeug. Sie arbeiteten sich im Schweiße ihres Angesichts wohl über acht Meilen voran, ohne dass der Abstand zur TONQUIN geringer wurde.

»Verdammt!«, fluchte der dicke Mac Dougal schließlich. »Mag daraus werden, was will – ich kann nicht mehr!« Er ließ das Ruder schleppen und sackte erschöpft auf die Bootsplanken.

Während einer der Kommis dem Erschöpften beistand und die anderen keuchend weiterruderten, stand Kapitän Thorn auf der Kommandobrücke der TONQUIN und beobachtete die krampfhaften Anstrengungen der Verspäteten mit innigem Behagen. Er hätte kein Mensch sein müssen, um neben seiner Pflicht als Kommandant nicht auch Schadenfreude zu empfinden. Die Herren hatten ihm so viel Ärger verursacht, dass er ihnen diese Lektion gönnte. Hatte er nicht sein Wort verpfändet? Er dachte nicht daran, beidrehen, sondern befahl dem Schiffsmeister sogar, noch einige Untersegel zu setzen.

Den Landratten an Bord hatte das Wettrennen zuerst Spaß gemacht; sie glaubten an einen Schrecken zur Strafe. Als sie jedoch merkten, dass Mr. Thorn wieder einmal seinen Sturrkopf aufgesetzt hatte und das Boot unmöglich nachkommen konnte, erhob sich allgemeines Murren.

»Kapitän, was soll das heißen?«, fragte Robert Stuart der Jüngere und trat mit grimmiger Miene an die Brücke. »Warum lassen Sie nicht beidrehen? Die Herren im Boot brechen fast zusammen, und Sie setzen noch mehr Segel? Es ist genug des grausamen Spiels!«

»Sind Sie toll?«, donnerte der Kapitän von oben herab. »Erstens ist das kein Spiel! Es ist mein voller Ernst, die Herren ihrem selbstverdienten Schicksal zu überlassen. Und zweitens bitte ich Sie, mir nicht in meine Maßnahmen hineinzureden!«

Robert Stuart war für einen Augenblick sprachlos. Dann stieg ihm die Zornesröte ins Gesicht. »Toll? Kapitän, nach diesem Verhalten muss ich annehmen, dass bei Ihnen eine Schraube locker ist!«

»Mister …!«

»Ich nehme kein Wort zurück! Was Sie tun, ist Wahnsinn. Sollten Sie dabei verharren, bin ich gezwungen, Sie handlungsunfähig zu machen!«

Nun wurde auch der Kapitän puterrot.

»Schiffsmeister!«, schrie er. »Lassen Sie sofort Säbel und Pistolen an die Mannschaft verteilen! Die Herren sind im Begriff zu meutern. Wir werden auch mit diesen Herrschaften da unten Ernst machen müssen!«

Doch da hatte er sich getäuscht. Mit wenigen kraftvollen Sätzen sprang der junge Stuart nach oben und hielt dem Kapitän im nächsten Augenblick eine Pistole vor die Stirn. »Wagen Sie es nicht, Ihren Eigensinn auf die Spitze zu treiben! Lassen Sie augenblicklich die Segel einziehen, oder ich zerschmettere Ihnen den Schädel!«

Mr. Thorn wurde bleich wie eine Wand. Aber er stand aufrecht da, den Blick furchtlos auf die Mündung gerichtet.

So standen sich die beiden eine halbe Minute lang schweigend gegenüber – zum Entsetzen aller Anwesenden. In diesem kritischen Augenblick griff jedoch ein unerwartetes Ereignis ein: Das Schiff, das bisher auf Backbord gelegen hatte, richtete sich auf einmal auf und begann zu schaukeln. Der Wind, den der Kapitän zur Ausfahrt nutzen wollte, hatte schlagartig nachgelassen. Die Segel schlugen klatschend gegen die Masten.

Was die Männer in höchste Aufregung versetzt hatte, schlichtete die Natur auf entschiedene Weise: Das Schiff verlor an Fahrt und hielt nach einer Viertelstunde an.

Nun war es für das Boot ein Leichtes, heranzukommen. Die Insassen wurden an Bord geholt und mit Jubel empfangen. Zwar fielen noch manche bitterbösen Worte, doch die immense Erschöpfung der Ruderer – die über zehn Seemeilen zurückgelegt hatten – verhinderte, dass der Streit in voller Wucht ausbrach.

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