Der Detektiv – Band 32 – Zwei Zigarettenstummel – Kapitel 4
Walter Kabel
Der Detektiv
Band 32
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Zwei Zigarettenstummel
Kapitel 4
In der Shwedagon-Pagode
Über die Lage und die Bauart der birmanischen Hafenstadt Rangun habe ich bereits in der vorigen Erzählung alles Nötige gesagt. Der Leser wird sich außerdem noch an den Namen Chatarsan besinnen, den ich zu Anfang dieses Abenteuers nur flüchtig erwähnen konnte. Detektivinspektor Chatarsan war der Abschied von uns sehr schwergefallen. Dies lag wohl weniger daran, dass er uns besonders ins Herz geschlossen hatte, als vielmehr an seiner Überzeugung von der eigenen Unzulänglichkeit einer Gegnerin wie Eugenie Malcapier gegenüber.
Es war abends gegen zehn Uhr am selben Tag. In Chatarsans Arbeitszimmer in der Polizeidirektion brannte noch Licht. Der kleine Inspektor saß vor seinem Schreibtisch, rauchte eine lange, grünbraune Sumatra und zergrübelte sich den Kopf, wie und wo er Eugenie Malcapier fangen könnte. Vor ihm lag die neueste Nummer der Ranguner Express Post. Darin stand eine Notiz, dass Harald Harst die Verfolgung der hochintelligenten, vielseitigen und äußerlich so sehr anziehenden Verbrecherin endgültig aufgegeben habe und dass es nunmehr Sache der Behörden sei, die Frau auf irgendeine Weise unschädlich zu machen.
Der kleine Chatarsan seufzte. Diese verdammten buddhistischen Feiertage mit ihrem Pilgerzulauf! Das gab stets eine Masse Arbeit! Nun – wenn es sich um so kostbare Weihgeschenke handelte, musste er die Kerle wohl anhören.
Gleich darauf traten die beiden Pilger ein. Es waren keine reinblütigen Birmanen, sondern Leute aus den Bergen – zwei ältere Männer mit grauen Bärten, bestaubten, zerrissenen Kleidern und turbanähnlichen Kopftüchern.
Der Polizist, der sie hergeführt hatte, wartete an der Tür.
»Wir möchten dir unsere Sache unter vier Augen vortragen«, quälte der größere der beiden in fürchterlichem Englisch hervor.
Chatarsan schickte den Beamten hinaus. Er hatte die elektrische Deckenlampe eingeschaltet, lehnte mit übereinandergeschlagenen Beinen am Schreibtisch und musterte die Pilger mit Detektivaugen, konnte aber nichts Auffälliges an ihnen wahrnehmen.
»Wir sind in einem offenen Motorboot heimlich nach Rangun zurückgekehrt«, flüsterte nun derselbe Pilger in plötzlich tadellosem Englisch. »Die STANDARD ankert oberhalb der Stadt in einem Nebenarm des Flusses. Bitte keine Begrüßung, lieber Chatarsan! Wir müssen unser Geheimnis unbedingt bewahren!«
»Harst!«, murmelte der Inspektor hocherfreut. »Wirklich – Harst und Schraut! Nie hätte ich Sie beide erkannt. Ihre Masken sind tadellos.«
»Müssen sie auch sein, Inspektor! Diesmal hängt alles davon ab, dass wir nicht erkannt werden. Nur Sie allein dürfen von unserer Anwesenheit Kenntnis haben – nur Sie!«
Harst näherte sich Chatarsan und flüsterte weiter:
»Es handelt sich darum, dass die Malcapier die acht Haupthaare Buddhas aus der Shwedagon-Pagode stehlen will. Unterbrechen Sie mich nicht – es ist so. Sie will es und sie wird es versuchen, obwohl ich einige ihrer Verbündeten kaltgestellt habe. Sie verlässt sich fraglos darauf, dass mir ihr jetziger Plan unbekannt ist. Sie wird ihn ausführen, auch wenn sie merkt, dass die Simlo Tau-Tau verschwunden und der alte Pi-Mano tot ist. Hören Sie in aller Kürze unsere Erlebnisse seit gestern …«
Chatarsan schüttelte wiederholt den Kopf und warf ein »Unglaublich!« ein. Als Harald vom Eidechsen-Bund zu sprechen begann, rief der Inspektor leise:
»Himmel – dann haben wir die ganze Bande fest! Welch ein Glück!«
Harst entwickelte ihm daraufhin ausführlich seine Gegenmaßregeln gegen den beabsichtigten Raub des goldenen Schreins mit den Haupthaaren Buddhas. Chatarsan war mit allem einverstanden.
Dann gingen wir und taten ganz fremd miteinander. Chatarsan ließ uns durch den Polizisten auf die Straße geleiten.
Es war jetzt halb zwölf nachts. Der Mond stand als fast volle Scheibe am wolkenlosen Himmel. Wir trugen Stöcke über der Schulter, an denen unsere Bündel hingen. Unsere nackten, braungeschminkten, schmutzigen Füße steckten in Sandalen. Wir ließen uns Zeit und schritten gemächlich dem Bahnhof zu; Chatarsan sollte uns schließlich erst in aller Stille beim Oberpriester der Shwedagon-Pagode anmelden.
Als wir die Hauptstraße erreichten, die nach der berühmten Wallfahrtsstätte führt, gerieten wir in den Strom der Pilger, der dem Heiligtum auch nachts zuflutete. In Staubwolken gehüllt wanderten wir dahin. Die Nacht war drückend heiß. Stumpfsinnig, in den Augen den Glanz fanatischer Frömmigkeit, trotteten die gläubigen Buddhisten neben uns einher. Ein wahrer Völkermischmasch war das! Selbst Singhalesen von der Insel Ceylon, schlanke, edle Gestalten, sah man in Menge vertreten, daneben Malaien, die gefürchteten Atchinesen aus Sumatra, dann wieder Tongkinesen und was sonst alles an Asiaten Buddha als oberste Gottheit verehrt.
Die Shwedagon-Pagode mit ihren Nebenbauten liegt unweit der Militärkasernen, in denen England ständig eine Truppenmacht von 15 000 Mann unterhält, und nahe dem großen Königssee mit seinen prachtvollen Anlagen und Promenaden.
Die eigentliche Pagode, ein Bauwerk von 98 Metern Höhe, erhebt sich auf einem Hügel, der festungsartig ausgebaut ist. Als Material wurden gebrannte, stark vergoldete Ziegel verwendet. Die Pagode ist mit einem kegelförmigen Schirm aus eisernem, ebenfalls vergoldetem Netzwerk umgeben. 1871 wurde diese Vergoldung zuletzt erneuert und kostete eineinhalb Millionen Mark. Die Dächer sind überall mit großen und kleinen Bronzeglocken behängt. Die größte Glocke, ein Ungetüm von 25 000 kg Gewicht, befindet sich an der Ostseite. Schon bei mäßigem Wind schwingen die Glocken von selbst hin und her und sollen dann einen gehörigen Lärm machen. Uns entging dieser Ohrenschmaus, da die Nacht ganz windstill war.
Die vom bläulichen Mondlicht übergossene Pagode wirkte mit ihren vielen kleineren Pagoden und Nebengebäuden auch nachts überaus imposant. Vor dem Haupteingang brannte in riesigen Bronzebecken wohlriechendes Harz unter starker Qualmentwicklung. Buddhisten-Mönche hielten hier Ordnung und ließen immer nur etwa zweihundert Pilger auf einmal in die Haupthalle der Pagode ein.
Wir hatten mit Chatarsan vereinbart, dass ein Priester mit einer Bronzeschale im Arm als Erkennungszeichen am Eingang auf uns warten sollte. Der Priester war jedoch nirgends zu sehen. Wir lagerten uns also ebenfalls auf der mächtigen Freitreppe und begannen wie alle um uns her zu essen. Unsere Bündel enthielten gedünsteten Reis und Früchte, außerdem aber auch unser übliches Handwerkszeug.
Man konnte hier Studien machen: Neben dem armseligen chinesischen Kuli hockte auf den Steinstufen der reiche malaiische Kaufmann; neben dem edlen Gesicht des Singhalesen grinste der brutale Kopf des Atchinesen aus den Sümpfen Sumatras. Alles unterhielt sich nur flüsternd.
Harst stieß mich plötzlich an.
»Der Priester ist da. Gehen wir …«
Unauffällig schlängelten wir uns die Stufen höher. Harst raunte dem Priester seinen Namen zu. Der fromme Birmane, dem die Gnade Buddhas einen runden Fettbauch verliehen hatte, nickte nur, watschelte uns voran und führte uns durch einen langen Gang über zwei Höfe in die Wohnung des Oberpriesters.
Wir sahen uns nun in einem halb europäisch eingerichteten Gemach einem weißhaarigen Greis von so heller Hautfarbe gegenüber, wie man sie in Indien nur bei reinblütigen Geschlechtern antrifft. Der Oberpriester Scham Chulakawi war ein feingebildeter Weltmann. Zu unserem Erstaunen begrüßte er uns mit den deutschen Worten:
»Ich heiße Sie herzlich willkommen, meine Herren.«
Dann sprach er jedoch auf Englisch weiter; sein deutscher Wortschatz reichte für eine Unterredung doch nicht aus.
Chatarsan, ebenfalls als Pilger recht gut herausgeputzt, saß in einem Korbsessel, begrüßte uns nun gleichfalls und erklärte, dass er Seine Exzellenz bereits eingeweiht habe.
Wir nahmen Platz. Ein Priester trug Erfrischungen auf und verschwand wieder. Exzellenz Scham Chulakawi nötigte uns zum Zulangen. Er schien für Harsts Person das lebhafteste Interesse zu haben, beobachtete ihn still und sagte plötzlich: »Sie sind mir kein Fremder, Mr. Harst. Ich lese sehr viel Zeitung.« Er holte einen flachen Holzkasten, in dem eine Menge Zeitungsausschnitte lagen.
»Es sind dies sämtliche Berichte über Ihre Abenteuer, Mr. Harst. Ich gehöre zu Ihren glühendsten Bewunderern. Ich schätze die Intelligenz in jeder Form. Ein Detektiv muss alles kennen – wenigstens von allem das Wichtigste.«
Dann lächelte der Greis ein wenig: »Nur in diesem einen Fall täuschen Sie sich, Mr. Harst. Den goldenen Schrein zu stehlen ist einfach unmöglich. Er ist mit vier Schrauben, die an den Ecken des goldenen Kastens angenietet sind, an dem Marmorblock befestigt, auf dem er ruht. Die Schrauben gehen durch den Block hindurch und …«
»Eine Zwischenfrage«, warf Harst ein. »Steht der Marmorblock hohl?«
»Ja. Er liegt nur mit den Rändern auf den Fliesen des Fußbodens der Haupthalle auf, und zwar so, dass die Schraubenmuttern vom Kellergewölbe aus sichtbar sind.«
»Also ist die Haupthalle unterkellert«, meinte Harst. »Wozu wird dieser Keller benutzt, und weshalb steht der Marmorblock hohl?«
»Es sind dort mehrere Keller vorhanden, in denen die Weihgeschenke der Pilger aufgestapelt liegen. Die Türen der einzelnen Gelasse sind aus Eisen, und die Kunstschlösser daran vermag nur ich mit einem besonderen Schlüssel zu öffnen. Die Öffnung im Fliesenboden der Haupthalle, über der der Block und der Schrein ruhen, ist eine Vorsichtsmaßregel gegen Feuersgefahr.«
»Ah – ich begreife. Block und Schrein sind versenkbar.«
Exzellenz Scham Chulakawi wurde leicht verlegen.
»Es ist ein Geheimnis, Mr. Harst. Ich möchte darüber nicht sprechen.«
»Oh, das macht nichts. Ich weiß bereits Bescheid. Wenn Sie, Exzellenz, von der Unmöglichkeit eines Raubes des Schreins so fest überzeugt sind, hat meine Anwesenheit hier wenig Zweck. Sie werden dann …«
»Bitte sehr, Mr. Harst«, meinte der alte Herr eifrig. »Wenn ich auch davon überzeugt bin, so will ich doch nichts versäumen, was den Schrein schützen kann. Ich bin daher ganz einverstanden, dass Sie beide als Priester der Pagode verkleidet in der Haupthalle Dienst tun. Die Gewänder für Sie liegen schon bereit. Auch Mr. Chatarsan will sich Ihnen anschließen. Falls Sie sich sofort umkleiden wollen – bitte!«
Wir taten es. Dann bat Harst, Scham Chulakawi möchte uns erst einmal die Kellerräume zeigen. Wir gingen in eine der Nebenpagoden, dann eine Treppe hinab und kamen so in einen endlosen gemauerten Gang. Der Oberpriester schritt mit einer großen Petroleumlaterne voran. Vor einer offenbar uralten Tür aus poliertem Eisen – die Shwedagon-Pagode soll bereits 500 Jahre v. Chr. erbaut worden sein – machte er halt, zog einen riesigen Schlüssel mit verstellbarem Doppelbart hervor, schloss auf, ließ uns durch und versperrte die Tür wieder.
»Wir befinden uns hier bereits unter der Haupthalle«, erklärte er. »Diese Kellerräume haben nur diesen einen Zugang. Im Übrigen sind die Mauern mehrere Meter dick und undurchdringlich.«
Harst hatte seine Taschenlampe eingeschaltet. »Ich will mir nur mal das Türschloss ansehen«, meinte er, bückte sich und beleuchtete die an der Innenseite der Tür offen, ohne Schutzblech angenieteten Riegel, Federn und anderen Schlossteile. Er bat sich dann den Schlüssel vom Oberpriester aus, steckte ihn in das Schlüsselloch und ließ das komplizierte Riegelsystem spielen.
»Hm!«, machte er dann leise. »Dieses Schloss ist unlängst mit einem Nachschlüssel geöffnet worden. Chatarsan – da, sehen Sie die Reibestellen an diesen Stellen, die der richtige Schlüssel gar nicht berührt …«
Der Inspektor nickte: »Sie haben recht. Und Sie haben Augen wie eine Nachteule!«
»Weiter!«, meinte Harst. »Ich kann mir schon denken, wie der Schrein gestohlen werden wird. Exzellenz, für gewandte Einbrecher ist ein solches Kunstschloss kein Hindernis. Passt derselbe Schlüssel auch zu den Gelassen, in denen die Kostbarkeiten lagern?«
»Ja …«, stammelte der alte Herr ganz entgeistert.
Harst lächelte. »Dann nützen auch die dicksten Mauern nichts, Exzellenz.«
Jetzt schritt er mit seiner Taschenlampe voran. Wir kamen in einen viereckigen, niedrigen Raum, aus dem wieder rechtwinklig ein schmaler Gang abbog. Dieser Raum hatte sehr tiefe Nischen, in denen Götzenbilder, Glocken, Räucherpfannen und andere Tempelgeräte standen.
Der Lichtkegel der Lampe glitt über die Decke hin. Ich sah, dass sie sich aus einer Lage sehr starker, tief nachgedunkelter Balken zusammensetzte. Zwischen den Balken waren gebrannte Steine eingefügt. Und ich sah nun auch das quadratische Loch in der Decke.
Harst eilte dorthin, ich folgte ihm. Er hielt die Taschenlampe ganz hoch. Wir konnten so durch das Loch in der Decke die Unterseite des Marmorblockes und die vier Schrauben bequem erkennen.
Harst schob mich plötzlich ein Stück zurück und rief auch dem Oberpriester und Chatarsan zu: »Bitte nicht zu nahe heran!« Dann kniete er auf den aus Steinfliesen bestehenden Boden nieder und suchte nach irgendetwas.
Als er sich erhob, lächelte er Seine Exzellenz abermals harmlos an und erklärte: »Das Geheimnis der Vorrichtung, wie der Marmorblock samt dem Schrein versenkt werden kann, ist für mich gelöst. Es muss unter diesem Keller noch einen zweiten geben, denn hier im Fliesenboden ist ein viereckiges Stück offenbar wie ein Träger für Block und Schrein hochzuwinden und wird also auf eisernen Pfeilern ruhen …«
Ich will Harsts technische Erläuterungen hier nicht wiederholen. Jedenfalls musste der Oberpriester zugeben, dass Harst in allem das Richtige getroffen hatte. Block und Schrein ließen sich bis in den zweiten Keller versenken, den man nur durch eine verborgene Falltür in einer der Nischen betreten konnte.
Der Oberpriester war jetzt sehr nervös geworden. Er sah ein, dass Harsts Vermutung hinsichtlich eines geplanten Diebstahls keineswegs unbegründet war. Es stand fest, dass ein Unbefugter sich hier Zutritt verschafft hatte. Und deshalb musste man weiter annehmen, dieser Fremde dürfte auch das Geheimnis ergründet haben, wie man Block und Schrein aus der Halle verschwinden lassen konnte. War der Schrein aber erst einmal hier unten angelangt, so ließ er sich leicht und schnell losschrauben und wegschaffen, bevor noch die in der Haupthalle befindlichen Priester einzugreifen vermochten.
Als Harst diese Art der Diebstahlsausführung dem Oberpriester entwickelte, konnte der alte Herr vor Aufregung kaum sprechen. Harst beruhigte ihn und bat ihn, uns hier einzuschließen, uns dann einige Lebensmittel zu bringen und uns wieder allein zu lassen.
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