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Kommissar Rosic – Band 2.2

Rodolphe Bringer
Kommissar Rosic
Band 2
Das blutige Erbe
Kapitel 2: Ein Verbrechen wurde begangen

Chazal hatte sich erhoben und wandte sich an den Neuankömmling. »Gendarm … haben Sie nach mir verlangt?«

Der Gendarm trat näher und meldete: »Ich möchte den Monsieur Staatsanwalt sprechen!«

»Der bin ich!«

Da nahm der Gendarm vorschriftsmäßige Haltung an – den kleinen Finger an der Hosennaht, die Hand an der Kappe – und wartete voller Respekt vor den Dienstvorschriften darauf, dass sein Vorgesetzter geruhte, ihn zu befragen.

»Was wünschen Sie? Sprechen Sie!«, forderte ihn Chazal auf.

»Monsieur Staatsanwalt … ein Verbrechen wurde begangen!«

»Wo?«

»In Biennouvienne!«

»Was ist das für ein Ort, dieses Biennouvienne?«, erkundigte sich Chazal, der neu in der Gegend war.

»Das ist ein Forstrevier im Wald!«

»Gut … und weiter?«

»Wir kamen die Straße von La Gaudronnerie herunter, Gendarm Champournac und ich, in Begleitung des Oberförsters Favenot, den wir unterwegs getroffen hatten. Wir waren auf dem Weg nach Saint-L…, um von dort wieder nach M… zurückzukehren, wo wir kaserniert sind. Da blickte der Oberförster plötzlich auf, deutete auf einen Schwarm Krähen, der über einem Dickicht kreiste, und rief uns zu: ›Seht mal hin … Ich bin sicher, da drinnen liegt ein totes Hirschkalb. Irgendein Wilderer, der vergangene Nacht zugeschlagen hat und in der kommenden sein Wild holen will. Aber die Krähen haben das Fleisch schon gewittert … Das müssen wir uns ansehen!‹

Mit großen Schritten steuerte er auf das Dickicht zu, und Champournac und ich folgten ihm. Dort stand eine riesige Buche. In ihrem Schatten hatten weder Farne noch Unterholz wachsen können, sodass sich eine gut zehn Meter weite Lichtung auftat. Doch am Fuß der Buche lag kein totes Rotwild, wie der Oberförster vermutet hatte, sondern ein Mensch …«

»Ein Mensch?«

»Ein alter Mann, ermordet! Ein Dolchstoß mitten ins Herz und überall Blut auf dem kurzen Moos … Der Oberförster erkannte ihn sofort, und Champournac und ich ebenfalls, da man ihn öfter im Wald herumstreunen sah. Wir riefen alle drei wie aus einem Mund: ›Sieh mal an, das ist doch der alte Canard!‹

Er gab kein Lebenszeichen mehr von sich.

›Kein großer Verlust‹, meinte Oberförster Favenot. ›Aber wer zum Teufel hat ihn bloß so zugerichtet? Er hatte doch keine Feinde in der Gegend – nicht einmal uns Förster; an den paar Kaninchen, die er ab und zu mit Schlingen fing, hat sich ja niemand gestört …‹

Und lachend fügte er hinzu: ›Um ihn zu bestehlen, ist es ganz gewiss nicht geschehen!‹

Doch im selben Moment richtete sich Gendarm Champournac wieder auf. Er hatte sich über den Alten gebeugt, um zu sehen, ob er wirklich tot war. Als er erkannte, dass nichts mehr zu machen war, durchsuchte er dessen Taschen nach einem Ausweis – denn Sie ahnen sicher, dass Canard nicht sein richtiger Name ist. Champournac hielt ein Päckchen hoch, das er gerade aus der Innentasche der Jacke gezogen hatte – ein dickes, in Zeitungspapier gewickeltes Bündel – und rief erstaunt: ›Was ist denn das?‹

Er faltete das Bündel auf, und da – Monsieur Staatsanwalt, so wahr ich Gendarm bin und zwanzig Dienstjahre hinter mir habe, die Zeit bei der Artillerie gar nicht mitgerechnet –, da kamen Banknoten zum Vorschein! Tausend-Franc-Scheine! Nach dem Zählen stellten wir fest, dass es genau dreihundert Stück waren!«

»Dreihunderttausend Franc, Gendarm? Sind Sie sich da vollkommen sicher?«

»So sicher, wie meine Frau Élodie heißt, Monsieur Staatsanwalt – mit Verlaub gesagt!«

Bei der Summe von dreihunderttausend Franc erhob sich auch Kommissar Rosic, der bis dahin nur mit halbem Ohr zugehört hatte. Er trat an den Gendarmen heran und hakte nach: »Und dieser ermordete Alte … Sie sagen, er war ein armer Schlucker?«

Der Gendarm musterte den Unbekannten von oben bis unten, der es wagte, ihn einfach so zu befragen, und wollte ihn vermutlich gerade scharf zurechtweisen, als Chazal einschritt: »Sie können Monsieur Rosic antworten – er ist Inspektor der Kriminalpolizei!«

Auf der Stelle nahm der Gendarm wieder Haltung an, legte die Hand erneut an die Kappe und bekräftigte: »Der alte Canard, Inspektor … Es gibt keinen elenderen Bettler im ganzen Bezirk. Das wird Ihnen hier jeder bestätigen.«

»Und man hat bei ihm dreihunderttausend Franc gefunden … in bar?«

»Jawohl, Inspektor!«

»Das ist allerdings höchst bemerkenswert … Nun, Monsieur Staatsanwalt, eigentlich wollte ich heute Abend um neunzehn Uhr fünfunddreißig nach Paris abreisen. Doch mit Ihrer Erlaubnis werde ich bleiben, um diesen Fall zu verfolgen. Wenn Sie nichts dagegen haben, begleite ich Sie zum Tatort.«

»Aber gern, Monsieur Rosic … Sie werden uns eine große Hilfe sein!«

Dann wandte er sich an den Beamten.

»Gendarm, verständigen Sie den Gerichtsschreiber und den Untersuchungsrichter. Lassen Sie zwei Wagen vorfahren … und richten Sie aus, dass man vor dem Justizpalast auf uns wartet. In einer halben Stunde brechen wir auf!«

Der Gendarm salutierte, machte kehrt und ging.

»Ein herrlicher Abend!«, meinte daraufhin Jacques Vix, der bis dahin geschwiegen hatte. »Ich dachte eigentlich, ich besuche dich für zwei oder drei entspannte Tage!«

»Ach was, komm einfach mit … Der Ort liegt kaum drei Wegstunden von hier entfernt; zum Apéro sind wir zurück.«

»Danke … auf derlei Aufregungen verzichte ich gern!«

»Dabei«, bemerkte Rosic mit unverhohlen spöttischem Unterton, »wäre das die Gelegenheit schlechthin, uns zu beweisen, dass ein Mann allein mit der Kraft des Geistes und der Vernunft – gänzlich ohne polizeiliche Erfahrung oder berufliche Scheuklappen – der Wahrheit auf den Grund gehen kann!«

Es war unverkennbar, dass Rosic an Vix’ Nerven rührte. Dennoch zögerte dieser einen Augenblick; seine Bequemlichkeit rang mit seinem Ehrgeiz. Schließlich erwiderte er: »Nun gut. Eine Ausnahme will ich machen … Wenn Sie mich herausfordern wollen, nehme ich an. Ich begleite Sie … Dort liegt ein Mordopfer – sehen wir also, Monsieur Rosic, wer von uns den Täter zuerst überführt!«

Chazal lachte auf: »Das verspricht pikant zu werden!«, rief er. »Gibt es auch einen Einsatz?«

»Lieber nicht«, entgegnete Rosic. »Da ich meines Sieges gewiss bin, möchte ich nicht den Eindruck erwecken, dem Herrn Millionär das Geld aus der Tasche ziehen zu wollen!«

Vix schwieg, doch ein feines Lächeln umspielte seine Lippen.

Unterdessen hatte Chazal die Rechnung für das vorzügliche Mittagessen beglichen, und die drei Männer brachen zum Justizpalast auf.

Der Gendarm hatte sich beeilt: Bereits standen die zwei angeforderten Automobile vor der Freitreppe, wo der Gerichtsschreiber und der Untersuchungsrichter schon warteten.

Chazal stellte Rosic vor: »Monsieur Rosic, der sich glücklicherweise in R… aufhält und uns eine unschätzbare Hilfe sein wird!«

Mit einer Geste zu seinem Freund fügte er hinzu: »Und Monsieur Jacques Vix, der uns begleiten möchte!«

Der Untersuchungsrichter grüßte Vix und reichte daraufhin dem Inspektor die Hand – sichtlich erfreut darüber, bei seinen Ermittlungen von einem Mann unterstützt zu werden, dessen Spürsinn nicht nur in Frankreich, sondern weit über die Landesgrenzen hinaus Renommee genoss.

Der Gerichtsschreiber, der Richter und der Gendarm stiegen in den ersten Wagen; Chazal, Rosic und Vix nahmen im zweiten Platz, ehe sich die schweren Fahrzeuge in Bewegung setzten.

Nachdem sie die holprigen Straßen der Vorstadt von R… hinter sich gelassen hatten, bogen die Automobile auf die Chaussee ein, die sich malerisch durch den alten, weitläufigen Wald schlängelte – steile Hänge hinauf und tiefe Senken hinab.

Schließlich erreichten sie ein weitläufiges Plateau, auf dem der Forst einigen Hektar Ackerland gewichen war. Tief unten im Tal lag das Dorf Saint-L… mit seinem romanischen Kirchturm, den Schieferdächern der neueren Bauten und den grauen Reetdächern der letzten alten Katen, die dem Wandel der Zeit noch getrotzt hatten – einem Wandel, der diesen idyllischen Flecken Erde zu einer immer beliebteren Sommerfrische machte.

Statt jedoch nach Saint-L… hinabzufahren, bogen die Wagen nach links auf einen unbefestigten Waldweg ab, dessen rötliches Band sich bald im dichten Schatten des Hochwaldes verlor.

Nach einer knappen Viertelstunde bremsten die ortskundigen Chauffeure jäh ab – just an jener Stelle, an der der Weg am Rand einer Schlucht endete und in einen steinigen, steilen Pfad überging, der nur noch zu Fuß begehbar war.

Die Szenerie bot einen überwältigenden Anblick: Von hier aus blickte man über ein wogendes Meer aus hellgrünem Buchenlaub, unterbrochen von den dunklen Kronen der Kiefern, die weitläufige, schattige Flächen bildeten.

Doch niemand verweilte, um das Panorama zu betrachten. Die Wagen blieben zurück; der Weg zum Tatort musste zu Fuß fortgesetzt werden.

Angeführt vom Gendarmen schlug die Gruppe einen schmalen Pfad nach links ein, stieg einen steilen Hang hinab, überwand eine sandige Anhöhe und durchquerte eine weitere Senke, bestanden mit mächtigen, dicht belaubten Buchen. Nachdem sie sich durch mannshohe Farne gekämpft hatten, die ihnen ins Gesicht schlugen, erreichten sie schließlich die Lichtung, auf der der alte Canard den Tod gefunden hatte.

Dort lag er: ausgestreckt am Fuße einer uralten Buche. Bewacht wurde der Leichnam von Gendarm Champournac, der von einem Dutzend Schaulustiger umringt war – Holzfäller, Waldarbeiter sowie Sammlerinnen von Pilzen und Maiglöckchen, die die Nachricht angelockt hatte.

Der alte Canard mochte an die achtzig Jahre alt sein. Sein Schädel war kahl, und sein fahl gewordenes Gesicht wurde von einem langen, schmutzig weißen Bart umrahmt. Er war von schmächtiger Statur und ausgemergelt. Ein abgetragenes Wollhemd stand über seiner behaarten, knochigen Brust offen. Er trug eine Jacke, deren ursprünglicher Stoff nicht mehr zu identifizieren war, eine einst wohl blaue Manchesterhose, die von einem verblichenen roten Tuchgürtel gehalten wurde, und grobe Schollenschuhe an den Füßen.

Auf der linken Brustseite, wo die Klinge durch das Tuch gedrungen war, klaffte ein breiter Einstich, aus dem das Blut in Strömen geronnen war.

Als die Justizbeamten eintrafen, straffte sich Gendarm Champournac: »Es wurde nichts berührt, seit die Leiche aufgefunden wurde! Alles liegt noch genauso da, wie mein Kollege Pigeois, der Oberförster Favenot und ich es angetroffen haben!«

Ein hochgewachsener, sehniger Mann in dunkelblauem Gehrock und einer blassgrünen Mütze mit gesticktem Jagdhorn trat vor. Sein wettergebräuntes Gesicht wurde von einem schütteren, eisgrauen Bart gesäumt; unter den buschigen Brauen funkelten die Augen lebhaft.

»Oberförster Favenot!«, meldete er sich und legte die Hand an die Kopfbedeckung.

»Und die dreihunderttausend Franc?«, vergewisserte sich Chazal.

»Stecken genau in der Tasche, in die wir sie zurückgeschoben haben!«, erwiderte der Gendarm voller Stolz, froh darüber, Dienstbeflissenheit zu demonstrieren und zu zeigen, dass dies nicht sein erster Kapitalfall war.

Rosic beugte sich über die Leiche, schlug die starre Jacke zurück und zog ein ansehnliches, in Zeitungspapier gewickeltes Paket hervor. Es war mit getrocknetem Blut verklebt.

Jacques Vix war ebenfalls herangetreten. Plötzlich fuhr ein kaum merkliches Zucken der Überraschung durch seine Züge – eine Regung, die dem Kriminalinspektor keineswegs entging.

»Möchten Sie einen Blick darauf werfen?«, fragte Rosic spöttisch und hielt Vix das Bündel entgegen. »Sie sehen, ich spiele mit offenen Karten.«

»Nicht nötig«, wehrte Vix ab. »Was ich gesehen habe, reicht mir vollkommen.«

Rosic lächelte herablassend; er vermutete, dass der Amateur – wie er ihn insgeheim nannte – davor zurückschreckte, sich die Finger an dem blutigen Paket zu beschmutzen.

Er reichte das Konvolut dem Gerichtsschreiber: »Wir werden uns diese Noten später auf der Kanzlei in aller Ruhe ansehen!«

Daraufhin wandte er sich wieder dem Toten zu, hob den Körper an, drehte ihn und inspizierte das Areal ringsum. Unter dem schattenspendenden Blätterdach der Krone wuchs auf der rotbraunen Walderde außer einer dünnen Moosschicht kein einziger Halm. Schließlich urteilte er: »Hier hat kein Kampf stattgefunden. Der Mann wurde vollkommen unvorbereitet getroffen!«

Vix hingegen schien das Geschehen kaum zu verfolgen. Ein einziger, aufmerksamer Blick hatte ihm genügt, um die Lage der Leiche, die Beschaffenheit des Tatorts und das Terrain zu erfassen. Nun beugte er sich tief herab und musterte den Waldboden aus nächster Nähe.

»Suchen Sie das Mordwerkzeug?«, spottete Rosic.

»Nein. Doch mitunter birgt der unscheinbarste Grashalm den Schlüssel zu einem Gedankengang.«

»Wollen Sie damit andeuten, Sie hätten das Rätsel bereits gelöst?«

»Das nicht«, erwiderte Vix ruhig. »Und Sie?«

»Ich habe zumindest eine handfeste Theorie!«

»Und genau das ist Ihr Fehler«, gab Vix trocken zurück. »Ich fürchte, Sie befinden sich bereits auf einer gänzlich falschen Fährte …«

»Wir werden sehen … Doch bevor wir Vermutungen über den Täter anstellen, sollten wir klären, mit wem wir es hier überhaupt zu tun haben. Der Mann muss in der Gegend doch bekannt gewesen sein … nicht wahr, Monsieur Oberförster?«

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