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Zehn Geschichten aus Meister Hämmerlings Leben und Denkwürdigkeiten – Teil 6

Zehn Geschichten aus Meister Hämmerlings Leben und Denkwürdigkeiten

Memoiren eines Scharfrichters aus den Zeiten des Mittelalters
Herausgegeben von Wilhelm von Chézy

Elsbeth, die Getreue

Die drei Jahre verflogen gleich einem leichten Morgentraum.

Kennt ihr Heidelberg, die schöne Stadt? Und ob ihr sie auch noch nicht erblickt habt, wie sie, behütet von dem starken Schloss, wohlgemut sich in des Neckars brausender Flut spiegelt, so habt ihr dennoch ihres Ruhmes viel vernommen in deutscher wie in welscher Zunge. Denn seit Menschengedenken ist sie die berühmte Wiege tiefer Gelehrsamkeit, die Pflanzschule der Wissenschaft, ein reichlich quellender Born, zu dem von nah und fern die Durstigen strömen.

Kennt ihr Paris, jene Welt von Burgen, Palästen, Klöstern und Kirchen inmitten niederer Hütten und pfadloser Straßen? Wo im stolzen Haus der König von Frankreich seinen glänzenden Hof hält, nachts auf den Gassen Räuber, Diebe und Lotterbuben ihr Wesen treiben, wie sie es in des Gebirges rauen Schluchten bei uns nie wagen dürften, und wo die hohe Schule blüht, mit welcher keine andere an Wissen, Glanz und Reichtum wetteifern mag?

Zu Paris im Land der Franzosen und zu Heidelberg am Neckar erlernte ich von der Kunst des Arztes so viel, als ein junges Blut davon begreifen und seine Meister ihm offenbaren mochten. Dann nahm ich wiederum mein Ränzel auf den Rücken, den schlanken Eschenspieß zur Hand und wanderte wohlgemut der Heimat zu, über der just ein heller Sommertag leuchtend aufgegangen war, als ich sie wiederum mit meinen leiblichen Augen vor mir erblickte. Im Schatten der alten Eiche, unter welcher vor undenklichen Zeiten unsere Vorfahren zur Mahlstatt sich versammelten, ließ ich mich nieder, um des Anblicks der Stadt froh zu werden, die von jenseits des breiten Stromes herüberschaute, während der felsige Abhang der hohen Hardt mir die Aussicht zum Schloss verwehrte. Da flehte ich in meinem Sinn den Himmel um ein günstiges Vorzeichen beglückter Heimkehr, doch sein Ratschluss gewährte mir nur ein übles und verhängnisvolles.

Ein glänzender Reiter bog um die Felsenecke. Sein stattlicher Falbe, in kurzem, raschem Schritt stolz einherschreitend, warf ungeduldig den Kopf, sodass vom Gebiss der Schaum in weißen Flocken sprühte. Auf der behandschuhten Rechten hielt der Reiter an starken Riemen den Sperber, und am Sattelbogen gaukelte das Federspiel.

Ich erkannte ihn wohl, doch senkte ich die Augen zu Boden und tat, als nähme ich seiner gar nicht wahr. Er aber hielt sein Ross an und rief: »Heda, Geselle, begegnete dir nicht ein Zug von edlen Jägern auf der Straße?«

Ohne aufzublicken, versetzte ich ein kurzes »Nein.«

»Das ist nicht möglich«, fuhr er fort. »Du lügst in deinen Bart, wenn du sagst, dass du sie nicht gesehen hast.«

»Gesehen habe ich sie, doch nicht auf der Straße. Sie sprengten über die Wiesen hin und warfen die Vögel.«

Ob dieser Antwort geriet der Junker in argen Zorn und schrie mit kirschrotem Gesicht: »Gib fein Acht, Bube, dass ich nicht zu deinem Schalkliedlein die Melodie aufspiele!«

»Ihr werdet gar so böse nicht sein«, entgegnete ich ganz gelassen und sah ihm dabei fest in die Augen, während sein Ross, plötzlich scheuend, einen Satz zur Seite machte, stieg, sich bäumte und dann am ganzen Leib wie Espenlaub zitterte.

»Ich finde dich schon wieder«, drohte der Reiter, nachdem er mit Mühe sein Tier endlich beschwichtigt hatte. Worauf ich mit dem alten Gleichmut sagte: »Wenn der Junker nicht unterdessen Hals und Bein bricht.«

»Wieso?«, fragte er, halb zurückgewendet.

»Ich vermag es Ihm zu sagen: Der Falbe hat den Koller im Leib«, hieß meine Antwort.

Da lachte er laut auf, gab seinem Ross beide Sporen und setzte über den Wassergraben zur Seite des Weges, um seinen Waidgenossen nachzureiten.

Während ich ihm noch nachsah, kamen von der anderen Seite mehrere junge Gesellen herbei, welche ich an ihren schwarzen Mänteln für Schüler erkannte und die mich als einen Bruder in Apoll ansprachen. Worauf ich ihnen getreulich Rede und Antwort gab und meine Kundschaft vorwies. Sie schüttelten mir die Hände, hießen mich herzlich willkommen und fragten, ob der Dominus Licentiatus etwa den Sinn hege, ihre Kehlen in der Distel mit einem Trunk des frischen Bieres aus dem Felsenkeller zu erfreuen. Ich nickte. Nicht lange darauf saßen wir beieinander unter dem Nussbaum. Ich strich meinen Halskragen glatt, ringelte mit dem Finger mein Haar und schaute unverwandten Blickes nach der Tür des kleinen Hauses. Einer der Schüler rief nach der Schenkdirne, und ein anderer fragte mich unterdessen, was ich mit dem Raufhähnlein zu schaffen gehabt hätte, von dem nicht leicht einer in Frieden loskomme.

»Auch mir hat er die schönsten Händel verheißen«, sagte ich.

»Hat er? Nun, du magst dich darauf verlassen, dass er Wort halten wird.«

Ich schlug auf die Wehr an meiner linken Seite. Die Schüler lachten, und die Kellnerin trat unter die Tür – eine große Schleifkanne in der Hand, die Schürze voll zinnerner Becher, die sie einem nach dem anderen den Gästen vorsetzte und füllte. Dabei wusste jeder zum Dank der zierlichen Dirne ein freundliches Wort über ihre schwarzen Augen oder ihre weißen Hände zu sagen, was sie mit stiller Ergebung und gesenktem Blick hinnahm, wie es ein Schenkmädchen soll, das weder die Gäste des Hauses verscheuchen darf noch ihnen zu große Freiheit gestatten mag. So kam sie endlich auch zu mir, dessen sie bisher nicht geachtet hatte. Ich legte den linken Arm um ihren Gürtel, fasste mit der rechten Hand ihr Kinn und sah ihr tief in die Augen.

Der überraschten Elsbeth erste Bewegung war, mich von sich zu stoßen und mir ein Wort zürnenden Unwillens zuzurufen. Doch ebenso schnell erkannte sie mich und schrie: »O Mutter aller Gnaden, das ist ja der Benz!«

»Jawohl bin ich es, Närrchen. Was gibt es da zu erschrecken?«

Elsbeth stemmte mir die Hände auf die Schultern, sah mich eine Weile starr an, während ihr die Tränen über die bleichen Wangen perlten, und sprach dann langsam: »Sie sagten, du seist tot, lieber Benz, und ich habe dich lange beweint.«

»So trockne deine Tränen«, versetzte ich, »denn ich lebe und bin gekommen, dir Wort zu halten. Verhülle nicht dein Antlitz; wir brauchen uns unserer Liebe nicht zu schämen und bedürfen nimmer des Geheimnisses. Bevor der Winter kommt, führe ich dich, so Gott will, heim als meine Hausfrau. Und jetzt wollen wir auf Lieb und Treu eins trinken.«

Ich füllte meinen Becher, doch als ich ihn erhob, war Elsbeth plötzlich entwichen, und die Schüler taten gar nicht dergleichen, als wollten sie mit mir anstoßen. Ich fragte, ob sie Bescheid tun wollten, worauf derjenige unter ihnen, welcher mir der Älteste schien, seinen Becher mit der flachen Hand zudeckte und mit barscher Rede versetzte: »So wahr ich Eckhart getauft bin, auf solchen Spruch tue ich nimmermehr Bescheid – weder ich noch meine Gesellen! Denn die Weiber allesamt sind ein Geschlecht ohne Treu und Glauben, voll Falschheit und Hinterlist.«

»Mögen alle falsch sein«, rief ich, »eine ist dennoch treu!«

»Und die eine meint jeder Gelbschnabel für sich zu haben«, johlte Eckhart. »Doch soll meine Rede den Dominus Bertholdus nicht kränken. Glaub er immerhin an seines Liebchens Beständigkeit bis zum Jüngsten Tag; was kümmert es mich, solange er mir nicht zumutet, ihm in solcher Torheit bestärken zu helfen.«

Mir schwoll ob dieser Rede der Kamm, und ich hegte nicht übel Lust, dem Lästerer eins zu versetzen. Doch fasste ich mich und stellte Eckhart vor, wie unrecht er tue, die Freude des Wiedersehens mir also verbittern zu wollen, obwohl es ihm bei Weitem nicht gelinge. Mir sei, außer dem in meiner Seele wurzelnden Glauben, das deutlichste Zeichen von Elsbeths unwandelbarer Liebe der Gram, welchen sie ob der langen Trennung empfunden und dessen Spuren in ihren rotgeweinten Augen, auf ihren bleichen Wangen, in den langgezogenen, erschlaffenden Zügen des lieblichen Antlitzes sich offenbarten und sonst noch in ihrem ganz veränderten Wesen nicht zu verkennen wären.

»Gut, gut«, sagte Eckhart, »so möge denn das Schenkmädchen in der Distel die eine sein und du des Minneglücks erlesenster Günstling.« Wobei er mir die Hand reichte, die ich nahm und schüttelte.

Zu dem allen hatten die anderen Schüler mäuschenstill geschwiegen, ihr Bier getrunken und uns gewähren lassen. Nun sagten sie, es sei, wie gewöhnlich am Himmelfahrtstag, am Nachmittag Tanzmusik in der Stadt, zu welcher die Schüler sich mit den Bürgerstöchtern einfänden und wohin der Magister mit seinem Liebchen auch kommen solle. Ich sagte zu. Die Studenten tranken aus, bedankten sich fein höflich für die freie Zeche und wandten sich der Stadt zu. Im Fortgehen hörte ich sie untereinander noch sprechen: »Nun mag er vollends zuschauen, wie er mit dem Raufhähnlein fertig wird!« Und diese Worte fielen mir schwer aufs Herz, weil ich mich erinnerte, wie vor drei Jahren schon der Engolf sein lüsternes Auge auf Elsbeth gerichtet und die alte Blutrude ihn dabei begünstigt hatte. Doch schlug ich mir die eifersüchtigen Gedanken leicht wieder aus dem Sinn, weil nichts den Glauben an meines Liebchens Treue wankend zu machen imstande war. Und da auf mein Rufen statt der Elsbeth die Wirtin erschien, warf ich der verhassten Hexe die Bezahlung und einen unwilligen Blick zu, nahm mein Bündel und trat den Weg zum Schloss an, um dem Grafen meine Rückkehr zu melden.

Der edle Herr hieß mich freundlich willkommen, lobte mich, da ich ihm offenbarte, wie ich meine Zeit und sein Geld benutzt hatte, um die Arzneikunst zu lernen, und verhieß mir Hilfe und Beistand, wenn ich dereinst den Doktorhut, meines Ehrgeizes höchstes Ziel, zu erwerben gedächte. Seine Freundlichkeit erquickte mich umso mehr, da ich nicht anders gemeint hatte, als er würde mich schelten. Aber ich hatte ihn auch zur guten Stunde begrüßt: Von Utz war die fröhliche Botschaft eingelaufen, dass das Kapitel zu Konstanz ihn trotz seiner großen Jugend zum Domdechanten erkoren, und in der Stadt unten waren aus des Junkers Ludwigs Anhang nebst Engolf noch einige junge Patrizier in den Rat gewählt worden, sodass der Zehntgraf der endlichen Erfüllung seines sehnlichsten Wunsches ganz nahe gerückt schien. So wie er schon seit zwei Jahren völlig den Meister in der Stadt spielte und seine Herrschaft damit begonnen hatte, den Neander samt den anderen Prediganten von dannen zu treiben und rechtgläubige Priester an die entweihten Altäre zu stellen, welche mit solchem Eifer und solchem Erfolg im Weinberg des Herrn arbeiteten, dass, als späterhin Ruprecht wieder die Herrschaft in der Stadt verlor, dennoch die Ketzerei niemals ihr Haupt zu erheben wagte.

Der Graf gebot mir, an seinem Hof zu bleiben, mit den Junkern und Edelknaben am Tisch zu essen, in seinem eigenen Vorgemach nachts zu liegen und fernerer Befehle gewärtig zu sein. Dann bat ich noch um Urlaub für den Nachmittag, welchen er mir erteilte und mich gehen hieß.

Nach der Vesper trat ich auf die Schwelle der Distel und rief nach Elsbeth. Sie kam und mit ihr zugleich die Wirtin. Das Mädchen war ganz feiertäglich angetan und hatte ein Kränzlein auf dem Haupt, als hätte es gewusst, dass ich es zum Tanz holen würde. Und so war es auch, denn Elsbeth hatte hinter der Tür wohl vernommen, was ich mit den Schülern gesprochen hatte. Meinen Widerwillen gegen Blutrude überwindend, zog ich mein Hütlein ab und bat sie mit freundlicher Rede, die Dirne mit mir gehen zu lassen. Es sei heute doch in der Distel nichts zu versäumen, da Alt und Jung der Musik nachziehe.

Die Alte sah mich lange an, blinzelte mit den Augen und fragte: »Bist du nicht Benz, der Reiterbub, der mit dem Junker Utz von Straßburg gekommen ist?«

»Die Leute nennen mich jetzt Herr Berthold, wenn sie nicht Dominus Bertholdus sagen.«

»So, so! Schon gut!«, grinste Blutrude. »So geh denn der Dominus mit seiner Domina. Ihr seid ein Pärchen, das zusammenpasst, als hätten es die Tauben eigens aus aller Welt Ende zusammengetragen. Gott befohlen!«

Das misstönende, heisere Lachen der runzligen Hexe erstickte unter plötzlichem Husten, während Elsbeth sich in meinen Arm hing, mich fortzog und eilte, als ob sie fürchtete, Blutrude könne noch mehr sagen.

Elsbeth schritt wie mit Purpur übergossen neben mir einher. Ich aber, keines armen Wortes mächtig, blickte sie immer und immer wieder an und vermochte mein Glück, die Heißgeliebte wiederzusehen, gar nicht zu fassen. Doch lieber als zu Spiel und Tanz, wäre ich mit ihr in den Hofraum gegangen, wo wir als Kinder unter dem Ahorn neben dem Brunnen auf dem Gras gescherzt und gekost hatten. Aber wie wurde mir? Führte meine Begleiterin mich nicht über den Marktplatz und hinter Sankt-Kümmernis hinab ins Rosental? Traten wir nicht in das wohlbekannte Haus Zum Elefanten?

So war es. Doch hatte sich vieles verändert. Die Leute überschritten jetzo frank und frei bei hellem Sonnenlicht die Schwelle, auf der ehedem im Dunkel der Nacht ihr scheuer Fuß gestrauchelt war. Und der Elefant war zum Schild einer ehrlichen Herberge geworden, in welcher männiglich sich sehen lassen durfte, in deren oberem Gaden die jungen Geschlechter, welche zu Ludwigs Anhang gehörten, ihre Zunft- und Trinkstube hatten und wo an Festtagen in der geräumigen Unterstube Pfeifen und Trommeln zum Tanz aufspielten.

Ich begehrte, mit Elsbeth die Stelle aufzusuchen, wo ich sie zum ersten Mal erblickt hatte. Sie aber zerrte mich schier gewaltsam zur Seite, und plötzlich befand ich mich im Saal vor den hüpfenden und kosenden Paaren, die, von Wein und Tanz erglühend, mit roten Wangen und blitzenden Augen sich so recht von ganzer Seele der Lust des Augenblickes hingaben. Hier schlürfte ein schönes Kind mit hochaufatmender Brust begierig der Traube rotes Blut; dort riss ein Mägdlein in bacchantischem Übermut das Kränzchen vom Haupt, um ihren Tänzer damit zu schmücken, während ihre Nachbarin, inmitten des Gewühls sich einsam wähnend, den ihren umhalste und küsste. Elsbeth aber tat es allen dreien nach, und ein nie gekannter Rausch bemeisterte sich meiner Seele wie meiner Sinne. Bald stierten aus meines Liebchens immer mehr erbleichendem Antlitz, wie von Nebel umflort und noch von unheimlicher Glut beseelt, die schwarzen Augen; der feine Mund, wie von Krämpfen verzogen und verzerrt, stieß von Zeit zu Zeit fröhliche oder zärtliche Laute aus, die ich mit gierigem Ohr auffing, weil mein Herz nach einem traulichen Gespräch Verlangen trug, zu welchem es an diesem Tage noch zu kommen ich verzweifelte. Auch wurde mir immer unbehaglicher und unheimlicher zumute, denn Elsbeths gewaltsam fieberhaftes Wesen erregte mir schwere Sorge, und eine böse Ahnung kündigte mir an, sie sei krank an Leib und Seele.

Wie war sie so ganz anders geworden, seitdem ich sie verlassen hatte!

Und da wir beide zur Zeit der einbrechenden Dämmerung nach manchem raschen Wirbeltanz uns setzten und ich die Atemlose fest umschlungen in meinen Armen hielt, lehnte sie das Haupt an meine Brust und flüsterte mit bebender Stimme: »Nicht wahr, mein Benz, deine Abwesenheit war nur ein böser Traum? Du warst nie entfernt von deiner Elsbeth, und wir waren die ganze Zeit über eins dem anderen in unwandelbarer Liebe zugetan?«

Sie blickte zärtlich empor, und da sie in meinen Augen das Erstaunen las, welches sich meiner ob dieser seltsamen Rede bemächtigte, schrie sie: »Ich bitte, ich beschwöre dich, sage nicht nein! Um der schmerzhaften Mutter willen, tu mir nur das nicht an!«

In diesen wenigen Worten ging meines ganzen Lebens Glück und Wonne unter. Mein Herz sträubte sich gewaltsam, sie zu verstehen. Aber ich verstand sie dennoch, und es hätte dessen nicht bedurft, was gleich darauf Engolfs mir nur allzu wohl bekannte, verhasste Stimme sprach.

»Da ist ja der Bursch«, sagte er, »der heute Morgen meinen Gaul verhext und mit dem Blick des bösen Auges ihm den Koller angezaubert hat. Nun, wohl gedeihe dem Fant, was ich ihm übrig ließ!«

»Fort, fort von ihm!«, kreischte Elsbeth, in die Höhe schnellend.

Ich schleuderte die Treulose von mir und sagte zu Engolf mit von Grimm erstickter, tonloser Stimme: »Ich fürchtete wahrlich, dich nie mehr zu erblicken, Raufhähnlein, und so um die Lust zu kommen, mit eigener Hand das Genick dir abzustoßen.«

Ein derber Faustschlag war seine Antwort, den ich mit einem Fußstoß auf des Gegners Herzgrube erwiderte, der so gewaltig traf, dass jener rückwärts über und über stürzte. Sein Begleiter zückte die Wehr, ich auch, und da Stahl an Stahl klang, klirrte und Funken schlug, ward bald die Verwirrung allgemein. Studenten, Junker und Bürger zogen Partei nehmend vom Leder. In dichtem Knäuel wälzten sich die Streitenden auf die Gasse hinaus. Viele wurden verwundet und ihrer etliche verletzt oder erdrückt, bevor es endlich in später Nacht den gewappneten Dienern meiner Herren vom Rat und den zur Bürgerhilfe aufgerufenen Zünften gelang, die von Wein und Zorn glühenden Raufer auseinander zu drängen.

Inmitten des Getümmels war ich auf Eckhart gestoßen, der mir zuredete, mich bei ihm verborgen zu halten, damit ich, der erste Anstifter des Streites, nicht den Schergen in die Hände fiele. Mir galt alles gleich. Ich kannte nicht Furcht, nicht Sorge und gedachte nur der meineidigen Elsbeth und ihres Buhlen. Doch ließ ich mich ohne Widerstand von meinem neuen Freund leiten, und wir hatten seine entlegene Wohnung noch nicht erreicht, als uns die Kunde eines weiteren Unheils traf, das diese verhängnisvolle Nacht geboren hatte: Unter dem Lärm des Streites war im Hof des Elefanten eine Dirne eines Kindes genesen und ergriffen worden, da sie die Frucht der Sünde just in den Brunnen gestürzt hatte.

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